Chapter Text
01
Der Tag war ziemlich sonnig und heiß.
Ich war zu Fuß an den Bahnhof gelaufen, damit mein Dad nicht extra frei nehmen musste. Ich würde heute nach New York fahren, um mich an einer der größeren Kliniken dort vorzustellen.
Ich hatte meine Ausbildung zur Krankenschwester im kleinen Krankenhaus hier vor ein paar Monaten beendet.
Und es war schön und nett und wirklich großartig, aber es zog mich einfach in die Welt hinaus.
Ich war Anfang zwanzig, in der Blüte meiner Jugend und es verlangte mich ein wenig nach Abenteuer. Und wo gab es die besser, als in der großen Stadt New York?
Meine Eltern waren nicht begeistert. Kein Stück.
Es war dort nicht sicher und man konnte nachts nicht alleine auf die Straße.
Und was wenn ich einmal dringend etwas brauchte oder ich mich einsam fühlte? Dann wäre niemand da, der mich tröstete oder zu dem ich gehen könnte.
Das es auch noch Telefone gab, interessierte meine Eltern nicht. Sie wollten ihr über alles geliebtes Kind nicht hergeben. Es für immer behalten und behüten.
Und es gab da ja auch noch meinen zukünftigen Verlobten beziehungsweise Wunschehemann, wenn es nach meinen Eltern ging. Und eigentlich war das etwas, wovor ich am meisten flüchten wollte.
Thomas war nett, aber nicht das was ich mir vorstellte.
Meine Mutter fand ihn großartig und auch Daddy war begeistert von dem jungen Mann, der einmal die Werkstatt seines Vaters erben würde.
"Er kann für dich sorgen Sarah. Du brauchst dir damit keine Gedanken um deine oder die Zukunft eurer Kinder machen."
Was wenn ich mir aber Gedanken machen wollte?
Wenn ich mit fast hundertprozentiger Sicherheit sagen könnte, dass ich mit diesem Mann keine Kinder haben wollte? Das er nicht der Richtige für mich war? Das waren Dinge, die sie nicht hören wollten.
Sie konnten auch die Tatsache ignorieren, dass Thomas jedem Rock in unserer Stadt hinterher jagte und er mir wahrscheinlich nie treu sein würde.
Aber ich konnte das nicht ignorieren! Und würde das auch nie akzeptieren.
Und ich wollte vor allem keine Ehe, in der ich unglücklich war.
Es gab für mich bestimmt jemanden, der besser zu mir passte. Meinen Mr. Perfect. Der mich respektierte, der mit mir das machte, was ich mir vorstellte, der mich in meinen Wünschen und Träumen unterstütze. Und der mich wollte.
Mich, Sarah Gibs, mit den Sommersprossen auf der Nase und dem kleinen Muttermal unter der Lippe und den strohblonden Haaren.
Als ich am Bahnhof ankam, war der Bahnsteig schon ziemlich voll, was wohl ein Zeichen dafür war, dass der nächste Zug bald kam.
Schnell kaufte ich mir mein Ticket und suchte unter dem Dach nach einem schattigen Plätzchen. Ich bekam doch ziemlich schnell einen Sonnenbrand und das wollte ich nicht riskieren.
Ein Glück hatte ich mich heute für das weiße Sommerkleid mit dem Blumenmuster am Saum entschieden. Es war doch eine kühlere Option, als das Kostüm mit der langen Jacke.
Ich versuchte auf dem Plan meinen Zug auszumachen. Er fuhr um kurz nach elf.
Mit einem Blick auf mein Handgelenk stellte ich fest, dass ich meine Uhr zu Hause vergessen hatte und schollt mich innerlich. Denn wenn ich immer etwas bei mir trug, dann war es die silberne feine Uhr, die ich einmal von meiner Großmutter geschenkt bekommen hatte.
Nur heute hatte ich sie vergessen und am gesamten Bahnsteig war nichts zu sehen, dass mir die Zeit hätte verraten können.
Erneut ließ ich meinen Blick schweifen. Es war niemand da, dem ich genug vertrauen würde, um nach der Zeit zu fragen.
"Sei vorsichtig Schätzchen." Meine Mutter hatte leicht reden. Sie hatte immer meinen Vater dabei.
Mutig schulterte ich meine Tasche und trat aus dem Schatten heraus. Wie lange konnte es schon noch dauern, bis der Zug kam? Wohl eher nicht mehr all zu lange.
Ich hatte die Hände gefaltet und ließ mir die Sonne auf die Nase scheinen, sich jemand neben mir räusperte. Ich öffnete die Augen und blinzelte ein paar Mal, bis ich unsere Nachbarin erkannte. Ein kleines altes Frauchen.
Ich begrüßte sie mit einem Lächeln.
"Wohin geht die Reise, Sarah?" fragte sie mich.
"In die Stadt," antwortete ich ehrlich.
"Ich möchte mir dort eines der Krankenhäuser ansehen."
Die alte Dame nickte. "Eine gute Idee. Hier ist alles zu alt. Du musst doch die Welt sehen, Kindchen."
"Danke Miss McCollins. Fahren Sie auch in die Stadt?" Ich hatte den großen Koffer neben ihr bemerkt.
Erneut ein Nicken. "Lydia, dieses nichtsnutzige kleine Ding steckt schon wieder in Schwierigkeiten. Lass dir eines gesagt sein Sarah, Drogen und Männer sind keine gute Kombination!"
Da blieb mir nichts anderes übrig, als ihr zuzustimmen. Das war in keiner Stadt der Welt eine gute Kombination. Und Miss McCollins Tochter Lydia hatte schon hier gerne in Schwierigkeiten gesteckt.
Doch unsere kleine Unterhaltung wurde nun vom einfahrenden Zug unterbrochen. Ich bat Miss McCollins meine Hilfe an, welche sie auch gerne annahm. Mit vereinten Kräften hievten wir den schweren Koffer ins Innere des Zuges und ich half ihr noch bei der Suche nach einem Sitzplatz.
Der Zug war ziemlich voll und ich war jung. Die Stunde stehen konnte ich verkraften.
Um mir die Zeit während der Fahrt ein wenig zu vertreiben hatte ich ein Buch mitgenommen. Und während ich im Gang stand, begann ich nun zu lesen.
Die Gespräche und Geräusche im Abteil wurden zu einem Hintergrundsummen, als ich in die Welt meines Buches abtauchte. Es gab für mich nichts schöneres als zu lesen und mich in den Geschichten zu verlieren, meine Gedanken wandern zu lassen zu all diesen fremden Orten und Personen. Und manchmal auch mit ihnen zu fühlen.
Und ehe ich mich versah, half ich Miss McCollins an der Central Station aus dem Zug und wir verabschiedeten uns von einander. Ich wartete noch, bis die ältere Dame aus meinem Blickfeld gewatschelt war, ehe ich mich umdrehte und mir die Anzeigetafeln ansah. Ich war zwar nicht zum ersten Mal in New York, aber zum ersten Mal war ich alleine hier.
Ich zog den Zettel mit der Adresse des Krankenhauses aus meiner Tasche.
Darauf hatte ich mir auch die zugehörige U-Bahn-Station notiert, aber ich war mir nicht sicher, in welche Richtung das Gleis lag.
Fragend blickte ich mich um, ob ich eventuell jemanden fragen konnte, aber alle hier schienen so hektisch und geschäftig zu sein.
Ich drehte mich gerade wieder zu der Tafel um, als ein Soldat neben mich trat. Vermutlich auch, um sich sein Gleis zu suchen. Er war der Erste hier, der keinen gehetzten Eindruck machte.
Ich räusperte mich leise.
"Bitte entschuldigen Sie, Sir? Könnten Sie mir vielleicht helfen. Ich bin auf der Suche nach dem richtigen Gleis und ..." Mir blieb die Sprache weg.
Ich sah mich mit dem schönsten Mann auf Erden konfrontiert, den ich je gesehen hatte. Das er groß war, war mir bereits aufgefallen, und auch das er trainiert war. Aber seine Augen ... ein solches blau gab es nur einmal auf dieser Welt.
"Sie suchen Ihr Gleis, Miss?"
Ich nickte und zeigte ihm meinen Zettel.
"Das trifft sich gut," antwortete er mir mit einem strahlenden Lächeln.
"Ich muss genau in die selbe Richtung."
"Wirklich?" fragte ich erfreut.
"Das ist wirklich wunderbar!"
Erneut schenkte mir der Fremde ein wunderbares Lächeln und ich erwiderte es. Er schulterte seine schwere Tasche, einen Seesack, wie mir gerade auffiel und ging in eine bestimmte Richtung davon. Es war vielleicht wirklich naiv, aber ich folgte ihm.
"Mein Name ist Sarah," stellte ich mich noch schnell vor und reichte ihm meine Hand.
Er erwiderte die Geste, mit einem soliden und festen Händedruck. "Ich bin Joseph. Was bringt dich nach New York?"
"Ich habe ein Vorstellungsgespräch in einer Klinik hier. Vielleicht ziehe ich dann hier her."
"Wow, du bist Ärztin?"
Ich lachte leise. "Nein," klärte ich Joseph auf. "Ich bin Krankenschwester. Und zu Hause wurde es mir ein bisschen zu langweilig. Darum hab ich mich hier in der Stadt beworben."
"Jetzt kann ich die Jungs aus meiner Einheit verstehen, warum sie immer ins Lazarett wollen." Ich zog eine Augenbraue nach oben und Josephs Wangen färbten sich ein wenig rot.
"Entschuldige, aber du bist wirklich sehr hübsch. Triffst du dich denn mit jemanden hier?"
Nun war es an mir, ein wenig rot zu werden. Hübsch hatten mich schon viele genannt, aber noch nie jemand, der aussah wie ein Gott! Denn das tat Joseph. Mit den dunkelblonden Haaren, den strahlend blauen Augen, dem schönen Lächeln und den breiten Schultern.
"Nein, ich fahre dann am Abend zurück nach Hause."
"Oh ... okay." Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, aber ich glaubte, dass er ein wenig enttäuscht klang.
Wir waren schon vor einer Weile auf unserem Gleis angekommen und unsere U-Bahn fuhr gerade ein. Joseph ließ mir den Vortritt, da es ziemlich voll war. Aber das hatte auch den Vorteil, dass ich dicht bei ihm stehen konnte, ohne das es zu sehr auffiel. Er war fast einen Kopf größer als ich und er strahlte eine unglaubliche Wärme aus.
Wir unterhielten uns eine ganze Weile und Joseph erzählte mir, dass er gerade von einem Einsatz im Irak zurück nach New York gekommen war und nun für zwei Monate Urlaub hatte, ehe er wieder dorthin musste. Aber jetzt freute er sich auf seinen Vater und sein zu Hause und SEIN Bett. Denn nichts konnte einem das eigene Bett ersetzen.
Die Zeit verflog ziemlich schnell und ich blickte erstaunt auf, als wir aussteigen mussten.
Joseph brachte mich nach oben und von da aus war es nur noch ein kurzer Weg bis zum Krankenhaus. Ich drehte mich mit einem Lächeln zu ihm um.
"Vielen Dank Joseph für die Hilfe. Aber das schaff ich jetzt alleine." Ich reichte ihm wieder meine Hand.
"Vielleicht sehen wir uns mal wieder."
Joseph nahm meine Hand und hauchte einen leichten Kuss auf den Handrücken. Mir stieg erneut die Röte auf die Wangen und ich senkte meinen Blick ein wenig. Jetzt war es wohl zu spät um schüchtern zu sein.
"Es war mir eine Ehre. Und ich hoffe, dass wir uns wieder sehen. Das würde mich wirklich sehr freuen!"
Mit einem leichten Nicken löste ich meine Hand aus Josephs und drehte mich um, um in Richtung Krankenhaus zu gehen. Als ich beim Haupteingang angekommen war, drehte ich mich noch einmal um.
Joseph stand noch immer da, wo ich ihn hatte stehen lassen und winkte mir zu. Ich erwiderte die Geste, ehe ich ins Innere des Gebäude trat.
=*=
Das Gespräch war toll gelaufen.
Die Stationsschwester in der Notaufnahme war wirklich nett und die Arbeit hier war vielversprechend. Es würde eine Herausforderung werden, aber das schreckte mich nicht ab.
Den Beruf der Krankenschwester hatte ich nicht zum Spaß ergriffen und ich scheute nicht vor komplizierten Aufgaben zurück.
Mary, die Leiterin der Station, erklärte mir, was meine zukünftigen Aufgaben wären, sollten sie sich für mich entscheiden. Und die Arbeitszeiten wären auch in einem erträglichen Bereich. Eine Vierzig-Stunden-Woche, bei guter Bezahlung und ein paar Wochenend- und Vierundzwanzig-Stunden-Diensten.
Sie gab mir eine Mappe mit, in denen alle Konditionen aufgelistet waren. Zu denen gehörte auch eine Krankenversicherung und die hatte ich bei meiner jetzigen Stelle noch nicht. Und das war etwas, dass ich doch sehr begrüßte.
Ich hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war und es war schon nach fünf Uhr, als ich mich von Mary verabschiedete und sie versprach mir, sich auf alle Fälle bei mir zu melden.
Meine Hoffnung, dass es mit diesem Job klappen würde, war ziemlich groß. Denn ich mochte die Stadt sehr. Und das war schon irgendwie mein Traumberuf.
Als ich aus dem Krankenhaus trat, zog ich die dünne Jacke aus meiner Tasche, welche ich mitgenommen hatte. Es war doch schon ein wenig kühl. Aber es war schließlich auch erst Anfang Mai. Da konnte es noch gar nicht so warm sein.
Ich zog mir die Jacke gerade an und befreite meine Haare daraus, als jemand neben mich trat.
Erstaunt blickte ich in das freundliche Gesicht von Joseph. Er sah mich entschuldigend an, als ob er etwas schlimmes angestellt hätte.
Er trug mittlerweile eine Jeans und ein rotes Shirt. Darüber trug er eine warme graue Sweatjacke und eine runde Brille saß auf seiner Nase.
Joseph sah damit gleich ein wenig anders aus. Nicht mehr ganz so streng und militärisch. Auch wenn der kurze Haarschnitt noch immer darauf hindeutete. Und der leichte Bart machte ihn ziemlich attraktiv.
Und männlich …
„Darf ich dir die Tasche abnehmen?“ fragte er mit einem leichten Lächeln.
Ich war noch immer ein wenig verwirrt. Was war das hier gerade? Verfolgte er mich? Und vor allem: Wie lange wartete er hier schon auf mich?
Doch ich ließ ihn meine Tasche nehmen und ging neben ihm her, zurück zur U-Bahn-Station.
„Hast du hier die ganze Zeit auf mich gewartet?“ fragte ich schließlich.
Joseph schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin kurz nach Hause gefahren und kam dann wieder her. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, dich den Weg allein zurück gehen zu lassen. Wobei ich ja nicht einmal sicher sein konnte, dass du noch hier bist. Du hättest auch schon weg sein können …“ Er lachte ein wenig.
„Ich muss auf dich gerade wie ein Stalker wirken oder? Da kennst du mich gerade mal eine halbe Stunde und ich fahr zweimal durch die halbe Stadt, um zu sehen, ob es dir gut geht.“
„Durch die halbe Stadt? Du wohnst gar nicht hier in der Nähe?“ fragte ich erstaunt.
Erneut sah Joseph kurz weg und holte tief Luft. „Nein … um ehrlich zu sein, ich wohne in Brooklyn. Und ich komme mir jetzt grad ziemlich blöd vor. Wo ich dich doch nicht einmal wirklich kenne und ich weiß auch nicht, ob du das magst oder ob ich zu aufdringlich bin … Es tut mir Leid!“
Ich lächelte leicht. „Es braucht dir nicht Leid tun. Ich bin froh darüber, dass du mich wieder begleitest. Auch wenn es zugegebenermaßen ein wenig seltsam ist. Aber es ist auch ziemlich nett. Sowas hat noch nie jemand für mich gemacht,“ gestand ich.
„Du wohnst also in Brooklyn?“
Joseph ließ mir den Vortritt auf der Treppe zur Station, schloss unten aber gleich wieder zu mir auf.
„Ja. Ich lebe dort mit meinem Vater. Und ich bin froh, die nächsten zwei Monate wieder dort verbringen zu dürfen, ehe ich zurück in den Irak muss.“
„Ich stelle es mir schlimm vor, mein Heimatland verlassen zu müssen, ohne zu wissen, ob ich jemals wieder zurück komme.“
„Es ist halb so schlimm. Irgendwann hört man auf, darüber nachzudenken. Und ich verteidige meine Heimat. Ich verteidige die Menschen, die hier leben, die ich liebe und das ist wichtig für mich.“ Joseph lächelte matt.
„Und was ist mir dir? Hast du den Job hier bekommen?“
Joseph nahm mich ein wenig bei Seite, als uns eine Horde Menschen entgegen kam. Seine Hand an meinem Oberarm war so unglaublich warm und ein wohliger Schauer lief über meinen Rücken.
„Das weiß ich noch nicht. Die Stelle wäre ein Traum, alles ziemlich das, was ich gerne machen würde. Und ich wäre krankenversichert. Vielleicht klappt es ja. Ich hoffe es sehr!“
„Ich würde es dir wünschen. Es scheint dir doch ziemlich wichtig zu sein. Und ich finde es wichtig, dass man seine Träume lebt und ihnen nicht ein Leben lang hinterher läuft.“
Das war genau die Philosophie, die ich mochte.
Etwas, dass mir auch meine Großmutter immer gesagt hatte. Man musste für das, was man wollte kämpfen. Teilweise richtig hart dafür kämpfen. Aber dann wusste man am Ende wenigstens, dass es sich gelohnt hatte.
Ich vermisste sie wirklich sehr. Es war jetzt drei Jahre her, dass sie gestorben war und es verging kein Tag, an dem ich nicht an sie dachte. Sie hätte mich auch hierbei unterstützt, hätte mich ermutigt, diesen Schritt zu gehen.
"Danke," sagte ich höflich.
"Und hat sich dein Vater gefreut, dass du wieder hier bist?"
"Er freut sich ziemlich darüber. Ich war jetzt fast neun Monate lang weg gewesen. Und seit Moms Tod mach ich mir immer Sorgen um ihn. Er kommt ziemlich schlecht alleine klar, gut zumindest glaub ich das. Er lebt immerhin noch, was wohl eher gegen meine Theorie spricht. Aber ich mach mir trotzdem Sorgen um ihn ..."
"Das ist normal. Er ist dein Dad. Um seine Eltern macht man sich immer Gedanken."
"Aber du ziehst von zu Hause weg."
"Ja. Und wir sind nur eine Stunde voneinander entfernt. Bei euch liegen Länder, Kontinente und verschiedene Zeitzonen zwischen euch. Da kannst du nicht einfach in einen Zug steigen und hinfahren. Und wie du vorhin schon gesagt hast: man muss seine Träume leben."
Erneut stiegen wir in eine der Bahnen in Richtung Central Station.
"Du bist wirklich faszinierend, Sarah."
"Nein ... eigentlich nicht. Ich denke nur viel nach und bilde mir gern eine eigene Meinung. Daran ist nichts faszinierend."
Joseph schwieg einen Moment, sah aus dem Fenster in die Finsternis des Tunnels.
"Nicht alle würden das tun. Viele Frauen haben noch immer nicht den Mut, sich in ein neues Bild einzudenken und nicht mehr einfach nur hinter dem Herd zu stehen und für ihre Familie da zu sein. Und das bewundere ich ziemlich an dir."
Die Bahn ruckelte ein wenig und ich musste mich an Joseph festhalten, um nicht umzufallen. Er legte seinen Arm um mich, hielt mich näher bei sich, ohne mich dabei aber wirklich in eine Umarmung zu ziehen.
Seine Worte berührten mich sehr. Ich kannte dieses alte Bild, in dem der Mann in die Arbeit ging und das Geld verdiente und die Frau zu Hause blieb, bei den Kindern und dafür sorgte, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch stand.
Meine Eltern lebten dieses Leben und waren glücklich damit.
Und sie wollten mich in ein solches Leben mit Thomas drängen. Ich wusste, dass ich damit nicht glücklich werden würde.
"Du würdest dir also eine eigenständig denkende Frau wünschen?"
"Sagen wir, ich würde es begrüßen. Ich bin vermutlich immer viel unterwegs, auch wenn ich zu Hause bin, wenn mein Einsatz beendet ist. Also es wäre gut, wenn ihr dabei nicht langweilig werden würde."
Ich schenkte ihm ein Lächeln. "Und da sagst du, dass ich faszinierend bin!"
Joseph lachte. "Ich tue was ich kann. Und was erwartet dich nun zu Hause?"
Ich seufzte bei dem Gedanken daran.
Was würde mich zu Hause nun erwarten. Vermutlich meine Eltern, die ziemlich wütend waren und eine harte Diskussion darüber, was sie für mich als richtig erachteten und was ich wollte.
"Ärger," antwortete ich Joseph ehrlich.
"Die Situation mit meinen Eltern ist kompliziert."
"Das tut mir Leid," antwortete Joseph und er klang ziemlich betroffen.
Wir waren an der Central Station angekommen und er brachte mich nun zu meinem Gleis. Mein Zug würde in gut fünfzehn Minuten fahren und ich fand es schade, jetzt schon zu fahren. Ich hätte mich gern noch länger mit Joseph unterhalten. Er war total lieb und so nett.
Wenn ich mich in einen Mann verlieben konnte, dann in einen wie ihn.
"Falls du wieder mal in die Stadt kommst, rufst du mich dann an?" fragte Joseph.
"Das würde ich wirklich gern tun!" Ich nahm das Skript von Mary aus meiner Tasche und einen Stift. Dann reichte ich sie Joseph.
"Schreib sie mir auf!"
Joseph nahm meinen Stift und schlug die erste Seite auf. Schnell schrieb er mir seine Nummer auf und dazu noch seine Adresse. Dann konnte ich ihm auch Briefe schreiben. Was wohl etwas unauffälliger war, als ihn anzurufen. Vielleicht, wenn ich mal bei meiner Freundin Zoe zu Besuch war. Aber das würde auch nicht zu oft funktionieren. Ihre Eltern würden sich sonst über die vielen Verbindungen nach New York wundern. Und gerade billig war es auch nicht.
"Schreibst du mir auch deine Nummer auf?" fragte er mich.
Ich trennte ein kleines Eck aus dem Skript und kritzelte unsere Telefonnummer darauf, dazu noch meine Adresse.
"Ich werde dir schreiben, sobald ich kann," versprach mir Joseph, als er mir meine Tasche wieder gab.
"Danke." Meine Wangen färbten sich wieder ein wenig rot. Es würde viel zu erklären geben, wenn ich plötzlich Post von einem Mann aus New York bekam, aber das war mir eigentlich egal.
"Und auch danke dafür, dass du mich zum Krankenhaus gebracht hast und wieder hierher zurück. Ich weiß nicht, was ich ohne dich getan hätte."
Josephs Augen blitzten vergnügt auf. "Vermutlich den falschen Kerl gefragt," antwortete er mit einem Grinsen.
Ich konnte ein Lachen nicht zurückhalten. "Es war schön, deine Bekanntschaft zu machen Joseph ... Rogers," las ich vom Zettel ab.
"Es war mir eine Ehre, Sarah Gibs."
Der Schaffner pfiff in seine Pfeife. Es war wohl an der Zeit 'Auf Wiedersehen' zu sagen. Joseph schüttelte noch einmal meine Hand, ehe ich in das Innere des Zugs stieg. Ich suchte mir einen Platz am Fenster und als ich mich setzte, stand Joseph noch immer am Bahnsteig. Er wartete, bis sich das Gefährt in Fahrt setzte. Ich winkte ihm zu, bis er aus meiner Sicht verschwunden war.
Die Fahrt nach Hause würde lange dauern ... Viel zu lange.
Ich nahm das Skript aus meiner und starrte auf die Telefonnummer und die Adresse von Joseph. Ich hatte ja wirklich an vieles gedacht, was mir heute hätte passieren können. Ich hätte überfallen werden können, man hätte mich umbringen können ... Danke Mama für diese Gedanken!
Aber ich hatte einen der letzten Gentleman in diesem Universum getroffen.
Joseph Rogers.
Einen perfekten Mann ... einen Mann, mit dem ich mir möglicherweise eine Zukunft vorstellen konnte.
Doch zu aller Erst musste ich mich meiner Familie stellen.
Die mich vermutlich bereits am Bahnhof erwartete.
