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Burn Inside My Throat

Summary:

Eigentlich will Bob nur den Sturm nutzen, um einige Fotos am Meer zu schießen, doch plötzlich ist er nicht mehr allein - und er merkt schnell, dass Dylan noch eine Rechnung offen hat.

Notes:

Diese Geschichte hat nichts mit Never Ending Questions zu tun und ist völlig unabhängig davon, mir war nur schon wieder nach Bob/Skinny

(See the end of the work for more notes.)

Chapter Text

Der Wind wehte lautes Gelächter und heiseres Fluchen zu ihm hinüber, doch schon die nächste Böe zerriss die Worte in Fetzen. Bob kümmerte sich nicht darum. Unbeirrt drehte er am Steuerring des Objektivs, spielte einen Moment mit dem Fokus, bis er zufrieden war, und zielte aufs Meer. Die nächste Welle spritzte über die Kante des Felsplateaus, höher hinauf, schäumende Gischt verteilte sich wie unzählige Flocken in der Luft – und Bob drückte ab. Das eisige Wasser klatschte auf die Felsen, verfehlte Bobs Schuhe nur knapp, aber der Dritte Detektiv merkte es kaum. Er war gänzlich auf den Anblick hinter der Linse fokussiert, fing Welle um Welle ein, jede von ihnen einzigartig. So fokussiert, dass er die Stimmen erst registrierte, als sie schon viel zu nah waren.

„Hey, den kenn ich doch.“

Der aggressive Ton ließ Bob endlich aufmerken und ließ ihn einen Blick über die Schulter werfen. Hätte er es bloß gelassen, einfach getan, als hätte er nichts gehört in der Hoffnung, dass die Kerle ihn einfach in Ruhe ließen, würde er sich später denken. Doch dazu war es zu spät. Stattdessen stieg lediglich Verwunderung in ihm auf.

„Hey, Blondie!“

Mit einem leisen Seufzen ließ er die Kamera sinken. Es hatte nicht den Anschein, als würde er einfach allein gelassen, wenn er nicht reagierte, und so drehte er sich herum. Der Wind wehte ihm das Haar in die Augen und er musste blinzeln.

Äußerlich hatte Dylan sich in den letzten Monaten kaum verändert, dennoch hatte seine Zeit hinter Gittern Spuren hinterlassen. Er wirkte bulliger, die Augen noch kälter, und er war eindeutig wütender – und Bob hatte da so eine Ahnung, auf wen. Auch die beiden Typen an seiner Seite schienen nicht sonderlich freundlich aufgelegt.

Bob zog den Reißverschluss seines Parkas gegen die Eiseskälte ganz nach oben und sah ihnen wortlos entgegen. Eigentlich sollte Dylan noch genau dort stecken, im Knast, da war der Dritte Detektiv relativ sicher, aber nun blieb er nur einen halben Meter vor Bob stehen, baute sich vor ihm auf und starrte auf ihn herab.

„So sieht man sich also wieder.“

„Wesentlich früher als erwartet“, entgegnete Bob ruhig und schaltete die Kamera aus. „Ich dachte, du sitzt noch.“

In Dylans Kiefer arbeitete es und Bob erkannte, wie sehr er sich zwingen musste, die nächsten Worte hervorzubringen. „Weißt du eigentlich, was für ‘ne Scheiße du und deine Freunde mir eingebrockt habt?“

„Dass du hinter Gittern gelandet bist, hast du dir selbst zu verdanken, das solltest du eigentlich wissen. War ja nicht das erste Mal, dass du wir was hast zuschulden kommen lassen. Dein Pech, dass du dabei ausgerechnet an uns geraten bist. Und Peter hätte beinahe noch für deine Blödheit gezahlt“, gab Bob bemüht gelassen zurück, bevor er überhaupt über die Worte nachgedacht hatte. Sicher war es nicht klug, Dylan zu reizen, aber dazu war es jetzt zu spät, und Bob verfluchte sich selbst. Noch allzu genau erinnerte er sich an das letzte Mal, dass er Dylan so gegenüber gestanden hatte – nur, dass der heute gleich zwei Freunde auf seiner Seite hatte. Und noch abgefuckter aussah als im Sommer.

Kurz sah es so aus, als wolle Dylan etwas entgegnen, doch dann schüttelte er nur grinsend den Kopf – und schlug zu. Keine Vorwarnung, keine Zeit, sich darauf gefasst zu machen, nichts. Bob stolperte zurück, rutschte auf dem glitschigen Felsen aus und schlug der Länge nach hin. Die Kamera rutschte ihm aus der Hand, doch der Aufprall nahm ihm den Atem und ließ ihn für eine Sekunde alles Andere vergessen. Dann erst explodierte der Schmerz in seinem Gesicht. Keuchend rang er nach Luft, versuchte, sich aufzurappeln, während Dylans Freunde lachten. Etwas Warmes rann über seine Haut, verklebte ihm die Wimpern, und er versuchte, es sich aus dem Auge zu wischen. Aber Dylan ließ ihm keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken. Er packte Bob am Kragen und zog ihn einige Zentimeter in die Höhe. Von selbst klammerten sich Bobs Finger um Dylans Unterarme und nun sah er, dass sein linker Handrücken voller Blut war.

„Offensichtlich hat die Warnung letztes Mal nicht gereicht“, knurrte Dylan, und der Ton sandte unwillkürlich die kalte Gewissheit durch Bob, dass er einen Fehler begangen hatte, „also noch mal deutlich: Wenn ihr mir jemals wieder in die Quere kommt, bleibt’s nicht bei ‘ner aufgeplatzten Braue oder blutigen Nase. Dann können die anderen denjenigen, den ich als erstes erwische, auf der Intensivstation besuchen.“

Damit hievte Dylan ihn am Kragen vom Boden. Kaum hatte Bob seine Füße unter sich gebracht, versetzte Dylan ihm jedoch einen so heftigen Stoß, dass er gleich wieder gefallen wäre, wenn Dylans Kumpel ihn nicht aufgefangen hätte – der ihn sofort in Richtung des dritten Typen schubste, und beinahe wäre Bob mit dem Gesicht gegen dessen Brust geprallt. Wie ein Schraubstock schlossen sich dessen Finger gerade rechtzeitig um Bobs Oberarm und hielten ihn aufrecht, nur ein oder zwei Sekunden lang, nicht genug, dass die Welt aufhören konnte, sich um den Dritten Detektiv zu drehen. Im nächsten Moment wurde er herumgewirbelt, eine Hand grub sich von hinten in seine Haare und zog seinen Kopf nach hinten, als Dylan sich erneut vor ihm aufbaute.

„Ach ne, guck mal, der Kleine entwickelt plötzlich Kampfgeist.“

Bob hatte gar nicht gemerkt, wie er die Hände zu Fäusten geballt hatte, doch schon im nächsten Moment wurde ihm sämtliche Bewegungsfreiheit genommen. Dylans Kumpel schlang seinen freien Arm von hinten um Bob und umklammerte ihn. Auch der andere Kerl, beinahe so breit gebaut wie Dylan, wenn auch einen halben Kopf kleiner, schien Spaß an der Sache entwickelt zu haben. Mit Sicherheit konnte Bob es nicht sagen, aber er glaubte, dass es derselbe Typ war, der Peter gefilmt hatte, als der für Dylan während des Sturms ins Wasser gegangen war.

„Lass ihn doch, er kann ja mal versuchen, einen Schlag zu landen. Dann sieht er auch gleich, was wir sonst noch so mit armseligen Schnüfflern wie ihm machen.“

Aber ein kurzes Kopfschütteln von Dylan reichte. Er hatte offenbar andere Pläne. Bob blinzelte, als warmes Blut weiter über seine Haut rann, konnte nur hoffen, dass kein Blut unter der Kontaktlinse geriet, und versuchte, genug zu sehen, damit ihm keine von Dylans Bewegungen entging. Trotzdem zuckte er zusammen, als sich Dylans Hand plötzlich um seine Kehle schloss, seine Nägel sich tief in die Haut gruben und er ihm die Luft abdrückte. Bob wand sich, wollte die Hände freibekommen und Dylans Finger wegziehen, nur um Luft zu bekommen, ignorierte den Schmerz, der durch seine Kopfhaut schoss, als Dylans Freund an seinen Haaren zerrte und seinen Kopf stillhielt, aber er hatte keine Chance.

Dylan beugte sich zu ihm hinab und kam ihm so nah, dass sein heißer Atem Bobs Ohr traf. „Sag dem Fettsack und vor allem dem Hosenscheißer Hallo von mir“, raunte er, bevor er sich mit einem unheilvollen Grinsen im Gesicht zurücklehnte. Einmal noch drückte er zu, bohrte die Finger tiefer in Bobs Haut, dann endlich ließ er Bobs Hals los.

Bob rang nach Luft, wollte die Augen schließen, doch etwas in ihm gönnte Dylan diese Genugtuung nicht, und er starrte trotzig zurück. So sah er den Schlag kommen, spürte, wie etwas unter Dylans Knöcheln knackte, der Schmerz in seiner Wange explodierte. Ein weiterer Schlag, mitten ins Gesicht, und trotz der Hand in seinen Haaren flog sein Kopf nach hinten. Schwarze Sterne funkelten vor seinen Augen, die Welt drehte sich immer weiter – nein, er drehte sich, stellte er fest, in genau dem Augenblick, in dem Dylans Freund ihn losließ und er mit einem dumpfen Laut auf dem nassen, harten Boden aufprallte.

Bevor er auch nur daran denken konnte aufzustehen, traf ihn ein Tritt in den Magen, noch einer, direkt daneben. Instinktiv rollte er sich zusammen, unterdrückte die Übelkeit, die in ihm hochstieg, und kam direkt an der Felskante zum Liegen. Er war sich am Rande bewusst, dass Dylan nicht so fest nach ihm getreten hatte, wie er sicherlich konnte – da schlug eine Welle über ihm zusammen und augenblicklich verflogen alle Gedanken. Die Eiseskälte raubte ihm den Atem, war fast so schmerzhaft wie die Schläge, und erst als das Wasser langsam zurück über den Felsen rann, konnte er nach Luft schnappen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, begleitet von einem leisen, durchdringenden Pfeifen. Jeder Atemzug brannte in seiner Lunge, jeder Windstoß auf seiner Haut.

Halb rechnete Bob mit dem nächsten Tritt, doch der blieb aus. Er blinzelte gegen das Salzwasser, brauchte einige Sekunden, bis die Welt wieder scharf war, und endlich realisierte er, dass Dylan und seine Kumpane verschwunden waren. Gepresst atmete er auf. Dann klatschte die nächste Welle auf ihn hinab.

Bob schluckte Wasser, hustete und rollte würgend weg von der Kante. Bloß weg, weg von den Wellen, so weit er nur konnte, damit ihn das eisige Wasser des Pazifiks nicht noch einmal durchtränkte – oder ihn womöglich noch mit sich riss.

Schon jetzt begann er zu zittern und noch immer war ihm speiübel, aber er zwang sich auf die Knie. Panik keimte in ihm auf, als er feststellte, wie viel Kraft es ihn kostete, auch nur auf die Füße zu kommen. Er war völlig allein an einem Stück Strand, das um diese Jahreszeit so gut wie leergefegt war, und niemand wusste genau, wohin er zum Fotografieren gefahren war. Der Grund, der ihn hierher geführt hatte, könnte ihm nun zum Verhängnis werden, denn bis nach Hause hatte er noch gute 20 Minuten mit dem Fahrrad vor sich – bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und vollkommen durchnässt.

Stöhnend richtete er sich auf. Immerhin schien nichts gebrochen, aber das war auch das einzig Positive an dieser gesamten, absolut beschissenen Situation. Irgendwann hatte es ja so kommen müssen, stichelte eine leise Stimme, aber er schob den Gedanken energisch beiseite. Gerade gab es Wichtigeres, mit dem er sich beschäftigen musste – in erster Linie, wie zur Hölle er in seinem Zustand nach Hause kommen sollte. Bis zum Parkplatz war es nicht weit, aber dort wartete nur sein Rad auf ihn. Der Käfer stand gemütlich und windgeschützt in der Garage der Andrews, ganz im Gegensatz zu Bob. Kurz verfluchte er sich dafür, heute das Fahrrad genommen zu haben, doch das brachte ihn auch nicht weiter.

Er konnte bloß hoffen, dass Peter bereits mit dem Basketballtraining fertig war, denn seine Eltern würde er sicherlich nicht anrufen und bitten, ihn abzuholen. Und Justus war mit Titus bei einer Versteigerung, das hatte der Erste Detektiv am Vortag erwähnt.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht stolperte er zu der Kamera, die mehrere Meter über den Felsen geschlittert war. Schon aus einiger Entfernung erkannte er, dass sie in einer Pfütze lag und die Ecke neben dem Rad zur Belichtungskorrektur abgeplatzt war, und Bob befürchtete das schlimmste. Trotzdem hob er sie auf, ohne sie genauer zu betrachten. Dafür war später noch genug Zeit.

Anschließend zog er mit zitternden Fingern sein Handy aus der Hosentasche. Beinahe wäre es ihm aus der Hand gerutscht, aber das hätte wohl auch keinen Unterschied mehr gemacht. Es war klatschnass und völlig nutzlos. Tot. Während er das Handy wieder einsteckte, wischte er sich mit der freien Hand die Nase. Auch dort tropfte Blut hervor, ein dünnes Rinnsal zwar, aber es lief ihm stetig über die Lippen und rann sein Kinn hinab. Bob spuckte aus, doch der metallische Geschmack klebte weiterhin an seiner Zunge.

„Mann, siehst du beschissen aus.“

Verdammte scheiße. Am liebsten hätte Bob laut aufgestöhnt, doch er verkniff es sich und biss stattdessen die Zähne zusammen, um sie am Klappern zu hindern. Schlimmer konnte es wirklich kaum kommen, und er musste nicht einmal aufsehen. Diese Stimme erkannte er überall und sie hatte ihm gerade noch gefehlt. „Verzieh dich.“

„Warum so abweisend?“, kam es von Skinny. Er hatte die Hände in den Taschen seiner Lederjacke vergraben und schaute vom oberen Rand der Felsen zu ihm hinunter. Der Wind zerrte an seinen Haaren und ungewollt registrierte Bob, dass Skinny viel zu dünn für das Wetter gekleidet war.

„Ich hab echt keine Lust auf deine dummen Sprüche.“ Behutsam berührte Bob seine Braue mit den Fingerspitzen. Klebriges Blut quoll noch immer hervor, aber es war weniger geworden. „Da kann ich gerade wirklich drauf verzichten, vor allem nachdem dein guter Kumpel Dylan mich gerade beehrt hat.“

„Dylan ist nicht mein Kumpel. Und wer sagt, dass ich zum Sprüche klopfen hier bin?“

Bob schnaubte. „Ich kenn dich doch.“

„Ach? Wirklich?“, fragte Skinny, und auf einmal klang er bitter.

Die aufkeimende Irritation konnte Bobs Wut nicht verdrängen. „Warum sonst solltest du genau dann hier anhalten, wenn sich dir gerade die perfekte Gelegenheit dazu bietet, hm? Dein Wagen stand vorhin nämlich eindeutig nicht da hinten.“

„Vielleicht will ich ja nur helfen.“

„Ist klar. Skinny Norris, der Retter in der Not, oder was?“, schnauzte Bob ihn an.

Gleichgültig hob Skinny die Hände. „Dann halt nicht. Viel Spaß bei der Heimfahrt. Bin sicher, dass dein Fahrrad jetzt genau das richtige ist, um klatschnass bei der Kälte durch halb Rocky Beach zu fahren.“

„Verpiss dich einfach.“ Er machte ein paar unsichere Schritte über den rutschigen Untergrund und verfluchte Dylan und sich selbst, dass Skinny ihn so sah. Langsam erklomm er den schmalen Pfad, der zum Parkplatz führte – und zu Skinny, an dem er unweigerlich vorbei musste. Ihm war immer noch schwindelig und mit jedem Schritt schwankte alles um ihn herum, doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Bloß weg, Hilfe holen, ins Warme kommen, irgendwie.

„Is‘ ja gut.“ Mit einem spöttischen Salut machte Skinny ein paar Schritte rückwärts in Richtung Parkplatz. „Man sieht sich. Und schöne Heimreise, Stan.“

Etwas an der Art, wie Skinny das letzte Wort sagte, ließ Bob innehalten. Sofort kamen die Erinnerungen zurück, die er sonst wegschob, sobald sie auftauchten – der Geruch nach Zigaretten und dem Rauch des Lagerfeuers, das warme Glimmen abgebrannter Kohlen in der Feuerstelle, leise Atemzüge, die einen Bauwagen erfüllten, während er und Skinny im selben Raum zu schlafen versuchten, Gelächter, Skinnys Hand auf seiner Schulter. Wenn etwas darauf hindeutete, dass Skinnys Angebot tatsächlich aufrichtig war, dann war es die Art, wie er diesen Namen ausgesprochen hatte. Den Namen, den er Bob gegeben hatte.

Außerdem musste der Dritte Detektiv sich – wenn auch widerwillig – eingestehen, dass Skinny aktuell seine beste Option war, denn der war garantiert nicht mit dem Fahrrad gekommen. „Warte“, brachte er hervor, kaum laut genug, um das Rauschen des Meeres zu übertönen.

Dennoch musste Skinny ihn gehört haben. Mit dem Rücken zu Bob blieb er stehen und drehte sich auch nicht um, als Bob mühsam zu ihm aufschloss.

„Kannst du…“, begann Bob, aber es widerstrebte ihm einfach, Skinny um Hilfe zu bitten. Skinnys Hilfe kam grundsätzlich mit Bedingungen, und er hatte wenig Lust, sich auch darüber noch Gedanken machen zu müssen. Selbst auf dem Freeman-Gelände hatte er Bob nur geholfen, um sich einen Spaß draus zu machen, um ihn manipulieren und verarschen zu können – obwohl Bob nicht leugnen konnte, dass die Zeit mit Skinny nicht so schrecklich gewesen war, wie er Justus und Peter glauben gemacht hatte. Trotzdem brachte er die Worte nur mit Mühe hervor. „Hast du ein Handy dabei, damit ich jemanden anrufen kann?“

Endlich drehte Skinny sich zu ihm um. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war halb spöttisch, halb ungläubig. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, ließ es dann doch bleiben und nickte lediglich in Richtung seines Autos. Ohne ein Wort stapfte er zu dem Sportwagen und Bob folgte ihm. Hoffentlich hörte Peter sein Handy, denn viel länger hielt Bob es ihn der Kälte nicht aus. Doch als Skinny den Kofferraum öffnete, kamen Bob Zweifel. Irritiert beobachtete er, wie Skinny ein Plastikgebilde – einen leeren Müllsack, realisierte er im nächsten Moment – herauszerrte, dann drückte Skinny ihm den Sack auch schon in die Hand.

„Was –?“

„Dein Glück, dass ich den Kofferraum noch nicht aufgeräumt hab, sonst könntest du laufen. Meinen Sitz lass ich dich nämlich nicht einsauen. Und jetzt mach hin.“

Bob brachte nicht einmal ein Danke hervor, so überrascht war er, aber sogleich zog er die Beifahrertür auf und versuchte, das Plastik über den Sitz zu breiten. Einfacher gesagt als getan, und mit jeder Sekunde wurde er sich Skinnys bohrenden Blicken bewusster. Scheinbar ging es Skinny nicht schnell genug, denn schließlich schubste er Bob zur Seite, zog den Müllsack zurecht und wies ihn an, endlich einzusteigen. Vor Kälte bebend leistete Bob folge.

Heftiger als nötig schlug Skinny die Beifahrertür zu, umrundete die Motorhaube und glitt hinters Lenkrad. Er warf Bob einen Seitenblick zu, dann beugte er sich zu ihm herüber und öffnete das Handschuhfach. Bob wagte nicht, sich zu rühren, während Skinny darin herumkramte und ihm schließlich eine halbleere Packung Taschentücher in die Hand drückte.

„Wenn du mein Auto einsaust, fliegst du sofort raus, ist das klar?“

Bob nickte, zog ein Taschentuch aus der Packung und tupfte das Blut unter der Nase weg. Er spürte bereits das bekannte Ziehen auf der Haut, wo es bereits trocknete, und versuchte gar nicht erst, es wegzuwischen. Irgendwie würde er seinen Eltern sowieso erklären müssen, warum er völlig durchnässt und blutend nach Hause kam. Vorsichtig drückte er das zusammengeknüllte Taschentuch schließlich auf die Haut direkt unter seiner Braue. Sofort strahlte der Schmerz von seiner Schläfe über den ganzen Kopf aus, aber er würde sicher nicht riskieren, doch noch laufen zu müssen, weil seine Schläfe wieder zu bluten angefangen hatte. Allerdings gab es da noch etwas…

„Was ist mit meinem Fahrrad?“

Mit einem leisen Surren sprang der Motor an. „Nicht mein Problem. Lass es hier oder überleg dir, wie du heim kommst.“

Obwohl er protestieren wollte, biss Bob sich auf die Zunge und behielt die Worte für sich. Wenn er Glück hatte, konnte er später vielleicht Justus dazu bringen, mit Titus‘ Pick-Up hierher zu fahren und das Rad zu holen. Denn so schnell würde er wohl nicht wieder in den Sattel steigen.

Während Skinny den Wagen zurück auf die Küstenstraße lenkte, begann warme Luft aus den Lüftungsschlitzen zu blasen, und Bob drückte sich ein wenig tiefer in den Sitz. Die Musik, die aus den Lautsprechern drang, war absolut nicht sein Fall, daher war er froh, als Skinny die Hand ausstreckte und sie leiser drehte. Dann begann Skinny, an den Knöpfen und Reglern herumzuspielen, richtete das Gebläse auf die Scheibe, damit sie nicht anlief, und drehte wie beiläufig die Heizung höher. Insgeheim war Bob froh über die Wärme, auch wenn sie es kaum schaffte, durch seine Kleidung zu dringen und von den pochenden Schmerzen in seinem Gesicht abzulenken, doch er wollte Skinny nicht bitten, die Heizung noch wärmer zu stellen. Mit eiskalten Fingern versuchte er, seine Jacke zu öffnen, und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er den Reißverschluss endlich aufgezogen hatte.

Bob schloss die Augen und versuchte, den Schwindel und das Zittern in seinen Händen, das nicht mehr nur von der Kälte stammte, zu unterdrücken, aber es gelang ihm kaum. Immerhin war Skinny ein sicherer Fahrer, das musste Bob ihm lassen – auch wenn gerade wenig Verkehr auf der Küstenstraße herrschte, machte der Sturm es ihm nicht ganz leicht. So registriert er kaum, wie sie schon bald den Stadtrand erreichten und Skinny den Wagen zielstrebig durch die Straßen fuhr.

Erst an einer roten Ampel öffnete Bob wieder die Augen und blickte sich verwirrt um. Das war nicht der Weg zum Haus der Andrews, im Gegenteil. Wahrscheinlich hätte er nicht einfach annehmen sollen, dass Skinny ihn direkt nach Hause fahren würde – falls er überhaupt wusste, wo Bob wohnte, aber davon war er bisher immer ausgegangen –, doch Bob wäre nicht mal im Traum darauf gekommen, dass Skinny ihn mit zu sich nach Hause nehmen würde. Allerdings ließen die heruntergekommenen Bauten vor ihnen keinen anderen Schluss zu: Sie waren in Little Rampart.

Keine zwei Minuten später parkte Skinny vor einem altbekannten Mehrparteienhaus und stieg aus. Bis Bob sich endlich abgeschnallt hatte, stand Skinny schon in der Tür und starrte ungeduldig zu ihm herüber. Hastig stieg Bob aus, drückte die Beifahrertür sacht zu und folgte ihm über zersprungene Gehwegplatten ins Haus. Die Luft, die ihm im Flur entgegen drang, war genauso muffig wie beim letzten Mal, auch wenn Bob beim besten Willen nicht sagen konnte, wie lange es her war, dass er hier mit Justus und Peter aufgetaucht war.

Skinny hatte bereits den Schlüssel ins Schloss gesteckt, als Bob ihn erreichte. Begleitet vom Quietschen der Tür ließ er sie in die Wohnung und Bob folgte ihm in den winzigen Flur, an den drei Türen angrenzten. Es war nicht dasselbe schäbige Apartment, in das er mit Peter und Justus vor einer ganzen Weile eingestiegen war – bevor Skinny zu den Campern gezogen war –, doch es war mindestens genauso heruntergekommen. Wenn Bob sich nicht irrte, lag Skinnys alte Wohnung auf der anderen Seite des Hauses. Wenigstens lebte er jetzt im zweiten Stock und Bob musste keine gefühlten zweihundert Stufen erklimmen, bis sie die Wohnung erreichten. Trotzdem keuchte er erschöpft.

Drinnen stieß Skinny die erste Tür zu seiner Linken auf und drückte auf den Schalter. Eine nackte Glühbirne tauchte den kleinen, fensterlosen Raum in kaltes Licht. Er beugte sich über ein schmales Regal, das in den Spalt zwischen das Waschbecken und die Wand geklemmt und bis oben hin vollgestopft war. Es wackelte bedenklich, als Skinny ein Handtuch aus dem untersten Regalfach herauszog.

„Kannst von mir aus kurz duschen – Wasser bleibt allerdings nicht lange warm, also beeil dich lieber.“

„Warum machst du das?“ Das Salzwasser, das er geschluckt hatte, brannte noch in seinem Hals, und die Worte klangen rau.

Fragend zog Skinny eine Braue in die Höhe, und zum ersten Mal an diesem Tag sah er weder spöttische noch missgelaunt aus, eher… verdutzt.

„Das hier. Mir helfen. Nett sein.“ Bob konnte selbst kaum glauben, was er da sagte. Nett und Skinny, das passte einfach nicht; egal, was Bob mit ihm in seiner Zeit als Stan erlebt hatte. Denn das war nicht nett gewesen, nicht wirklich – immerhin hatte Skinny ihn von vorne bis hinten verarscht.

„Verzieh dich lieber unter die Dusche, bevor ich’s mir noch anders überleg“, knurrte Skinny und drückte sich an Bob vorbei in den Flur. Dann schob er Bob ins Bad, drückte ihm das Handtuch in die Hand und zog demonstrativ die Tür ins Schloss.

Das ließ Bob sich nicht zweimal sagen. Die Aussicht auf eine heiße Dusche, egal wie kurz, ließ alles Andere erst einmal unwichtig erscheinen. Er wollte nach dem Schlüssel greifen, doch es steckte keiner im Schloss. Großartig. Ihm blieb nichts übrig als zu hoffen, dass Skinny auch wirklich draußen blieb. Denn nur, weil er ihn mitgenommen hatte, hieß das noch lange nicht, dass Bob ihm traute.

Behutsam legte er seine Kamera auf dem Rand des Waschbeckens ab und suchte nach einer freien Ecke in dem engen Raum, um das Handtuch aufzuhängen. Es war überraschend weich, aber Bob konnte nicht sagen, warum ihn das erstaunte. Schließlich hängte er es über den Haken neben der Dusche, über ein anderes, leicht feuchtes Handtuch.

Seine Finger waren taub und so dauerte es frustrierend lang, bis er sich aus der klatschnassen, blutverschmierten Jacke schälen konnte. Er ließ sie auf den Boden fallen, zerrte sich mit einigem Fluchen den Pullover und sein Shirt über den Kopf und breitete beides notdürftig über dem staubigen Heizkörper aus. Socken und Unterhose landeten darunter. Für seine Jeans war eindeutig kein Platz mehr, aber das war ihm im Moment egal, solange er nur unter das heiße Wasser kam. Um den Rest würde er sich danach Sorgen machen.