Chapter Text
Erfurt, Herbst 1788
Es wird langsam kalt in Erfurt. Besonders jetzt am Morgen, wenn noch alles feucht vom Tau ist und ein erbarmungsloser Wind durch die Gassen streift.
Dennoch ist die Stadt bereits erwacht.
Einzelne Pferde- und Handkarren rumpeln über das Kopfsteinpflaster, Teppiche werden vor den Türen ausgeklopft und Vögel, die ein paar Körner vor der Backstube gefunden haben, flattern aufgeregt davon, als ein Nachbarshund laut zu bellen beginnt.
Die ersten Glockenschläge des Doms sind zu vernehmen. Einige Leute bleiben kurz stehen und schauen hinauf, doch die meisten hasten eilig weiter. Zeit für Müßiggang haben hier nur wenige Menschen, und die schlafen um diese Uhrzeit meist ohnehin noch.
Die Mägde sind wach, die Bäckermeister, die kleinen Kaufleute und die Gesellen. Einer von ihnen, Peter, ein junger Bursche mit braunen Locken, die er Sommer wie Winter unter einer einfachen Wollmütze versteckt, kommt gerade an seinem Arbeitsplatz an.
Er balanciert einen Stapel Papierballen durch eine schwere Holztür am Eingang und verschwindet fluchend im Inneren.
Der Geruch schlägt ihm sofort entgegen.
Leinöl.
Holz.
Druckerschwärze.
Feuchtes Papier.
Wer diese Werkstatt einmal betreten hat, erkennt ihren Duft überall wieder. Zwischen hohen Regalen voller Lettern steht bereits Vincent Gahlert.
Die Ärmel seines weißen Hemdes sind bis über die Unterarme hochgekrempelt. Eine dunkle Weste schützt den Stoff nur unzureichend vor den feinen schwarzen Flecken, die Druckerschwärze unweigerlich hinterlässt.
Er weiß, dass ein grobes Leinenhemd für die Arbeit vermutlich besser geeignet wäre, doch er ist zu modebewusst, um sich zu kleiden wie ein gewöhnlicher Geselle. Lieber verbringt er Stunden damit, seine weißen Hemden sauber zu halten, als sich mit ungebleichtem Leinen zufrieden zu geben.
Vor Vincent liegt ein halb gesetzter Text.
Mit geübten Bewegungen nimmt er winzige Bleilettern aus den Setzkästen, prüft sie kaum länger als einen Wimpernschlag und setzt sie an ihren Platz.
Klack.
Klack.
Klack.
Jede Letter findet ihren Platz mit einer Sicherheit, die nur aus jahrelanger Übung entstehen kann. Erst als eine Zeile fertig ist, richtet Vincent sich langsam auf.
Er blinzelt.
Dann greift er nach seiner Brille, die direkt neben einem Stapel Korrekturbögen liegt.
„Da ist sie ja.“
Leise schüttelt er den Kopf über sich selbst. Er hätte schwören können, sie eben noch gesucht zu haben.
Mit einer fließenden Bewegung setzt er sie auf und beginnt den Satz erneut zu lesen. Wörter sind seine größte Schwäche. Das hat er von seinem Vater geerbt.
Sein Vater ist bereits seit einer Stunde im Verkaufsraum. Offiziell führt er die Druckerei noch immer. Tatsächlich aber verbringt er die meiste Zeit inzwischen damit, Stammkunden Geschichten aus vergangenen Jahrzehnten zu erzählen.
Die eigentliche Arbeit liegt längst bei Vincent. Aber das stört ihn nicht. Ganz im Gegenteil, er liebt diese Räume.
Das Knarren der Presse.
Den Geruch frischer Druckerschwärze.
Die kleinen schwarzen Flecken unter den Fingernägeln, die sich nie ganz entfernen lassen.
Und vor allem liebt er den Augenblick, in dem aus losen Bleilettern plötzlich ein Text wird. Ein Text, der die Druckerei verlässt und irgendwo in den Händen eines Fremden landet.
Vielleicht verändert er nichts.
Vielleicht verändert er alles.
Die Druckerei Gahlert ist stadtbekannt für ihr wöchentlich erscheinendes Journal >>den Erfurter Boten<< das in der Druckerei selbst, bei Buchhändlern und auf den Märkten der Stadt verkauft wird und sich in beinahe allen lesenden Schichten großer Beliebtheit erfreut.
Nicht nur wegen seiner Nachrichten aus anderen deutschen Staaten, den Meldungen aus Frankreich, England oder Österreich. Sondern auch wegen seiner Anzeigen, Buchbesprechungen, Gedichte und kleinen Essays; vor allem aber wegen seiner Kolumne „Ein Wort zum Schluss“ auf der letzten Seite.
Unter dem Pseudonym „Ein Bürger dieser Stadt“ begeistert sie mehrere hundert Leser, und ein Großteil der Briefe, die als Rückmeldung auf das Journal in der Druckerei eintreffen, bezieht sich auf diese Kolumne. Positive wie negative, wobei die positiven deutlich überwiegen.
Manche halten den Verfasser für einen pensionierten Professor. Andere vermuten einen Geistlichen. Einige sind überzeugt, es müsse ein Ratsherr sein.
Niemand ahnt, dass der Mann, der diese Zeilen schreibt, tagsüber dieselbe Zeitung druckt.Nicht einmal Vincents Eltern. So bleibt er frei.
Frei, über die neue Mode wohlhabender Kaufleute zu spotten.
Über Wohnstuben zu schreiben, in denen teure Möbel stehen, die nur ihres Preises wegen gekauft wurden und doch weder Gemütlichkeit noch Geschmack ausstrahlen.
Über Schränke, die mehr Eindruck machen als Nutzen bringen.
Oder über seine Vorliebe für chinesische Lackmöbel und feines Porzellan, die er sich niemals leisten könnte und die ihn doch jedes Mal aufs Neue faszinieren, wenn er sie in den Häusern besonders wohlhabender Familien entdeckt.
Zwischen all diesen Beobachtungen versteckt er manchmal noch etwas anderes.
Etwas, das viele Leser erst beim zweiten Lesen bemerken.
Einen Satz über steigende Brotpreise.
Eine Frage, weshalb ein Mann, der zwölf Stunden arbeitet, am Abend dennoch nicht satt wird.
Oder eine leise Bemerkung darüber, dass Reichtum sich erstaunlich häufig dort sammelt, wo andere ihn erwirtschaften.
Nie laut, aber gleichzeitig deutlich genug, dass manche Leser das Journal mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln zusammenfalten.
„Vincent?“
Erschrocken fährt Vincent zusammen. So sehr war er in Gedanken versunken.
Er erkennt die Stimme sofort, sie ist sanft, vielleicht ein wenig frech.
Viviana, seine Verlobte.
Sie trägt einen schlichten dunkelgrünen Mantel, unter dem einige lose Papierbögen hervorschauen. Eine kleine runde Brille sitzt auf ihrer Nase, und obwohl sie den Weg durch die kühle Morgenluft hinter sich hat, wirkt sie ausgeruht und warm.
„Oh“, sagt Vincent und lächelt unwillkürlich. „Ihr seid früh.“
„Und Ihr seid schon wieder voller Druckerschwärze.“
Sie lachen beide leise und nachdem sich Vincent die Finger an einem Lappen abgewischt hat, führt er Viviana mit einer galanten Hand an ihrem Rücken in seine Arbeitsstube. Behutsam schließt er die Tür hinter ihr und rückt ihr den Stuhl zurecht.
Erst dann öffnet sie ihren Mantel und reicht ihm einige Bögen Papier.
„Ich habe den Abschnitt über Wien noch einmal überarbeitet.“
Vincent nimmt die Blätter entgegen.
„Ohne die Passage über den Kaiser?“
„Nein.“
„Ich dachte, Ihr würdet sie streichen.“
Viviana schüttelt leicht den Kopf.
„Wenn ich sie streiche, nur weil sich vielleicht jemand daran stört, hätte ich sie gar nicht erst schreiben dürfen.“
Vincent sieht sie einen Moment lang schweigend an.
Dann nickt er.
„Gut.“
Es schmerzt ihn, dass er ihr nicht ihre eigene Kolumne geben kann.
Viviana ist klug, gewandt mit Worten und über Diplomatie und ausländische Verhandlungen besser informiert, als er es vermutlich jemals sein wird.
Dass ihre Texte jedoch niemals dieselbe Aufmerksamkeit erhielten wie seine, nur weil unter ihnen ein Frauenname stünde, war der Auslöser für den größten Wandel seines Denkens.
Noch vor wenigen Jahren war er überzeugt gewesen, dass die bestehende Ordnung ihren guten Grund habe. Jeder lebe in dem Stand, den Gott oder das Schicksal ihm zugedacht hätten. Wer fleißig sei, könne das Beste aus seinem Leben machen, und Armut hielt er allzu oft für selbst verschuldet.
Viviana zeigte ihm eine andere Welt.
Sie nahm ihn mit zu Gesprächskreisen und Salons, in denen über Politik, Philosophie und die Ereignisse jenseits der deutschen Staaten gesprochen wurde. Dort hörte er Gedanken, die ihn zunächst ärgerten, später beschäftigten und schließlich nicht mehr losließen.
Langsam begriff er, dass nicht jene Menschen die Ordnung verdorben hatten, die unter ihr litten, sondern oft diejenigen, die sie zu ihrem eigenen Vorteil bewahrten.
Dass Grenzen nicht von Gott gezogen, sondern von Menschen auf Karten eingezeichnet wurden.
Und dass Frauen ebenso klug schreiben konnten wie Männer – wenn man sie nur ließ.
Darum ist Viviana die Einzige, die weiß, wer sich hinter „Ein Bürger dieser Stadt“ verbirgt.
Und darum veröffentlicht Vincent alle vier Wochen einen außenpolitischen Beitrag aus ihrer Feder unter demselben Pseudonym – meist nahezu ohne Änderungen, weil sie ihm auf diesem Gebiet weit überlegen ist.
Er ist stolz auf sie.
Auch dieses Mal nimmt er die Bögen an sich, begleitet sie hinaus und verabschiedet sie mit einem angedeuteten Handkuss.
Die Verbindung wurde arrangiert, doch er ist zufrieden. Viviana ist ein wundervoller Mensch. Er liebt sie aufrichtig und doch fehlt etwas, das er weder benennen noch wirklich verstehen kann. Darüber denkt er, so gut es geht, nicht nach.
Er nimmt die Papierbögen mit zu seinem Setzkasten und sucht erneut seine Brille. Er muss über sich selbst lachen und ärgert sich gleichzeitig. Ein weiterer Geselle läuft an ihm vorbei und grüßt freundlich. Er trägt eine Kiste mit fertigen Journalen hinaus auf den wartenden Pferdewagen. Die Pferde scharren bereits ungeduldig mit den Hufen. Als die letzte Kiste verladen ist, schnalzt der Kutscher leise mit der Zunge, und der Wagen setzt sich langsam in Bewegung.
Nach und nach werden Marktstände und Buchhändler beliefert. Kiste um Kiste wird abgeladen. Junge Burschen nehmen die Exemplare entgegen und legen sie ordentlich auf ihre Tische.
Die ersten Kunden bewegen sich über den Platz, heben das Journal an und überfliegen die Themen der neuen Ausgabe.
Ein junger Mann in einem schlichten, aber gepflegten und inzwischen etwas abgetragenen Mantel hält an einem Stand an und kauft den Erfurter Boten, ohne auch nur einen Blick hinein zu werfen. Die Verkaufsmagd mustert ihn einen Augenblick länger als die übrigen Kunden.
Nicht nur, weil sein Verhalten ungewöhnlich ist, sondern vor allem wegen seiner Größe. Er muss den Kopf ein wenig einziehen, um überhaupt unter das Stoffdach des Standes zu gelangen, und seine blonden Haare schimmern rötlich im ersten Licht der Morgensonne, als er sich mit einem leichten Kopfnicken verabschiedet und in Richtung des Schreiberviertels verschwindet.
Schon auf dem Weg zieht er das Journal aus der Manteltasche. Ohne auf die Titelseite zu achten, blättert er geübt bis ganz nach hinten.
>>Ein Wort zum Schluss<<
Ein leises Lächeln huscht über sein Gesicht.
Die ersten Zeilen handeln von neuen Stoffen für Stuhlbezüge und deren erstaunliche Haltbarkeit. Marc schmunzelt.
Natürlich Möbel. Schon wieder.
Der Verfasser besitzt die bemerkenswerte Gabe selbst aus einem Sessel drei Seiten zu machen. Und trotzdem schafft Marc es nie, die Kolumne auszulassen. Denn irgendwann, meist gut versteckt zwischen Stoffmustern, Schränken und Gardinen, findet sich immer ein Gedanke, der weit über Einrichtung hinausgeht.
Während er liest, achtet er kaum noch auf seine Umgebung.
Genau das wird ihm zum Verhängnis.
Sein Fuß bleibt an einer Obstkiste hängen.
Mit einem dumpfen Poltern kippt sie um.
Äpfel rollen in alle Richtungen über das Pflaster.
„Beim Himmel!“, entfährt es ihm.
Die Verkaufsmagd fährt herum.
„Nun seht Euch das an!“
Marc geht sofort in die Hocke und beginnt hastig, die ersten Äpfel wieder einzusammeln.
„Verzeiht, das war meine Schuld.“
Er reicht ihr zwei, drei Stück zurück.
Dann fällt sein Blick auf den Kirchturm.
Die Glocke schlägt.
Zu spät.
Schon wieder.
„Verzeiht... wirklich.“
Mit einem entschuldigenden Nicken springt er auf, drückt ihr noch den letzten Apfel in die Hand und eilt davon, während hinter ihm noch immer empörtes Gemurmel zu hören ist.
Erst als er um die nächste Ecke biegt, wagt er wieder einen Blick auf die Kolumne.
Und da ist er.
Der letzte Absatz.
Wie fast jede Woche.
„Bei all dem Prunk und dem erstaunlichen Erfindergeist, der Stoffe hervorbringt, welche Generationen überdauern mögen, fragt sich der gemeine Bürger bisweilen, weshalb derselbe Scharfsinn so selten darauf verwandt wird, den Alltag jener zu erleichtern, die all dies erst möglich machen. Ein Lehrmeister freut sich gewiss ebenso über widerstandsfähiges Leinen wie ein Graf über samtene Vorhänge.“
Marc bleibt mitten auf der Straße stehen.
Ein Kutscher schimpft, weil er ihm den Weg versperrt, doch er hört kaum hin.
Welch tollkühne Bemerkung.
Noch vor wenigen Jahren hätte wohl kaum jemand gewagt, solche Zeilen in einem öffentlich verkauften Journal drucken zu lassen.
Sonst versteckt der unbekannte Verfasser seine Gesellschaftskritik geschickter.
Heute scheint er ungewöhnlich mutig zu sein.
Marc gefällt das.
Vielleicht brauchen die Menschen manchmal einen Gedanken, über den sie stolpern; genau wie über eine Obstkiste.
Zu gern würde er den Mann kennenlernen, der sich hinter dem schlichten Namen „Ein Bürger dieser Stadt“ verbirgt.
Immer noch außer Atem und natürlich nur gerade noch pünktlich drückt er wenige Minuten später die Tür einer schmalen Kanzlei auf. Er muss unwillkürlich den Kopf ein wenig einziehen, zu oft hat er sich bereits gestoßen. Es ist eine Angewohnheit geworden. Wer überall der Größte im Raum ist, lernt früh, lieber einmal zu viel den Kopf zu senken als einmal zu wenig.
Marc hängt seinen Mantel sorgfältig an den hölzernen Garderobenhaken und begrüßt den Gehilfen mit einem freundlichen Nicken.
„Guten Morgen, Tom.“
„Guten Morgen, Herr Kant.“
Mehr Worte braucht es selten.
Die Kanzlei des Advokaten gehört zu den angesehensten der Stadt. Kaufleute, Handwerksmeister, Erben und gelegentlich sogar kleinere Adlige geben sich hier die Klinke in die Hand. Streit um Grundstücke, Handelsverträge, Erbschaften oder Schulden; kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Akten den Schreibtisch erreichen.
Marc schlägt die oberste Akte auf. Ein Erbstreit. Schon nach den ersten Zeilen hebt sich ein Mundwinkel. Zwei Brüder, ein Weinberg. Dreißig Jahre Streit wegen einer Mauer, die vermutlich nie dort stand, wo beide behaupten.
Menschen sind merkwürdig, denkt Marc.
Er liest Akten und Verträge wie andere Menschen Abenteuerromane. Zwischen sauber gezogenen Zeilen entdeckt er Missverständnisse, verletzten Stolz, Habgier, Angst oder ehrliche Verzweiflung. Manchmal genügt ein unbedacht gewähltes Wort, um einen jahrelangen Streit auszulösen. Ein anderes Mal entscheidet ein einziger Satz darüber, ob eine Witwe ihr Zuhause behalten darf.
Schon als Jugendlicher in Frankfurt verbringt Marc mehr Zeit über Gesetzestexten und alten Urkunden als viele Studenten. Während andere nach Feierabend in den Schankstuben Karten spielen, sitzt er in Archiven, liest Prozessakten vergangener Jahrzehnte oder hört Gerichtsverhandlungen zu, wenn Besucher zugelassen sind.
Sein damaliger Lehrherr erkennt früh, dass Marc weniger die Feder als vielmehr das Recht interessiert. Als ein befreundeter Advokat aus Erfurt einen fähigen Schreiber sucht, zögert Marc nicht lange. Erfurt gilt als Stadt der Gelehrten, der Verwaltung und der Gerichte. Wenn er irgendwo lernen kann, wie Recht und Unrecht tatsächlich entschieden werden, dann hier.
Seit vier Jahren lebt er nun in der Stadt. Bereut hat er den Schritt nie und die Arbeit fordert ihn. Sie liefert ihm außerdem beinahe täglich neue Gedanken für die Seiten seiner inzwischen gut gefüllten Ledermappe.
Dennoch benötigt er einen Ausgleich für seine Zeit am Schreibtisch. So gerne er seine Arbeit mag, so gerne er seine Gedanken zu Recht, Politik und Philosophie auf Papier bringt, so sehr fordert sein Körper Bewegung, Verausgabung und Wettkampf.
Nichts wäre dazu besser geeignet als Fechten. Es verlangt Taktik, Präzision, Ausdauer, Kampfgeist. Marc liebt es und seine Größe ist ihm dabei nicht im Weg. Im Gegenteil, seine enorme Reichweite hat ihm schon manches mal zum Sieg verholfen, obwohl er taktisch eher unterlegen war.
An zwei Abenden in der Woche besucht er deshalb die Fechtschule eines ehemaligen Offiziers. Bereits in Frankfurt hat er als junger Mann mit dem Unterricht angefangen und später den Anfängern bei den ersten Übungen geholfen. Nicht, weil er der beste Fechter wäre, ganz im Gegenteil, es gibt deutlich schnellere und erfahrenere Männer als ihn.
Aber Marc besitzt Geduld. Er macht Bewegungen immer wieder vor. Und wenn ein Anfänger zum zehnten Mal denselben Fehler begeht, lächelt Marc nur und zeigt ihm die Übung ein elftes Mal. Wer ihn dort erlebt, erkennt kaum den stillen Schreiber aus der Kanzlei.
Sobald ein Degen in seiner Hand liegt, richten sich seine Schultern auf. Seine Bewegungen werden sicherer, sein Blick wacher. Der Wettkampf macht ihm Freude, weil jede Übungsstunde ihn ein wenig besser werden lässt.
Mindestens ebenso gern verbringt er seine freie Zeit jedoch ohne Degen. Dann streift er stundenlang durch Erfurt. Er bleibt vor alten Fachwerkhäusern stehen, betrachtet Gewölbe, Steinmetzarbeiten und reich verzierte Stuckdecken. Er fragt sich, wer diese Häuser gebaut hat, welche Familien einst hinter ihren Fenstern lebten und welche Geschichten ihre Mauern wohl erzählen könnten.
Manchmal kommt er deshalb zu spät.
Manchmal vergisst er sogar den eigentlichen Grund seines Spaziergangs.
Nicht selten schüttelt der Advokat darüber den Kopf.
„Herr Kant“, sagt er dann mit gespielter Strenge, „ich schicke Euch zum Gericht und Ihr kehrt mit einer Abhandlung über einen Torbogen zurück.“
Marc entschuldigt sich jedes Mal aufrichtig.
Und nimmt sich jedes Mal vor, künftig weniger stehen zu bleiben.
Es gelingt ihm nur ausgesprochen selten.
Manchmal vermisst er seine Heimat, seine Familie, seine Freunde. Auch wenn er hier aufgrund seiner vielen Aufgaben und Hobbys kaum Zeit dafür hätte. Er schreibt ihnen Briefe. Viel zu selten. Seine Mutter beklagt sich oft darüber.
Aber Freunde fehlen ihm schon. Trotz der wenigen Zeit hätte er gerne wenigstens einen Menschen, den er nicht nur aus beruflichem Umfeld kennt. Jemand mit dem er über all das sprechen kann, worüber er die letzten vier Jahre nur geschrieben hat.
Er gibt die Hoffnung nicht auf, jemanden zu finden, der ihn so annimmt, wie er ist. Der ähnliche Interessen und ähnliche politische Ansichten hat. Wenn es so jemanden gibt, dann in Erfurt, da ist sich Marc sicher...
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