Chapter Text
Ruhe ist in der großen Halle eingekehrt.
Nur noch wenige Wikinger sitzen in dieser, verteilt über mehrere Tische, meist alleine. Mit der Ausnahme von zweien, welche in der Begleitung ihrer Drachen sind: Hicks und Astrid.
»Es sind jetzt schon mehrere Tage seitdem vergangen. Warum machst du dir noch immer Gedanken darüber?«, besorgt mustert die junge Wikingerin den schmächtigen Jungen. Doch sollte man sich von seinem Aussehen nicht täuschen lassen, das hatte er ihnen vor gut einem Jahr bewiesen.
»Weil ich ihn zurückgelassen habe. Ich hätte ihm helfen können, Astrid! Ich mein… Argh, du hast ja recht. Ich sage das über Mehltau. Den wohl drachenhassensten Wikinger, den es je gab!«
»Genau. Mehltau war ein Stinkstiefel. Der wohl größte, den Berk je hatte! Und seitdem er weg ist, haben wir mit unseren Drachen auf Berk deutlich viel mehr Ruhe. Auch die normalen Dorfbewohner.«
»Ja…«, muss der Häuptlingssohn dann doch zerknirscht zugeben, »Aber es gibt da noch ein anderes Problem. So ein klitzekleines vielleicht… Und zwar habe ich ihm bei unserem Fluchtversuch gezeigt, wie man Drachen zähmen kann.« Schuldbewusst sieht er auf.
»Glaubst du wirklich, dass er seinen Hass überwinden würde, um Drachen zu zähmen? Geschweige denn, dies den Verbannten verraten würde? Ja, er kann Drachen auf den Tod nicht ausstehen Aber ob er Berk das antun würde?«
In dem Punkt hatte Astrid recht, das musste Hicks sich eingestehen. Sie können nur hoffen, dass es sich eben nicht bewahrheitet.
* * * * *
Anscheinend hielten auch die Götter nicht viel von den Sorgen des jungen Wikingers. Und ließen es die kommende Nacht über stark stürmen. Zugleich schienen diese der Insel Berk aber auch nicht ganz abgeneigt zu sein. Denn auch wenn es sehr stark schüttete und ein heftiger Wind an den Häusern riss, so gab es kein Gewitter an sich. Und das war nun etwas, was keinen standhaften Wikinger groß erschüttern oder in der Nacht aus dem Bett jagen sollte.
»Ich sehe es, Fighter. Diese Insel ist anscheinend doch bewohnt. Im Grunde genommen sollte diese Tatsache uns ja nicht überraschen.« Skeptisch lässt der fünfzehnjährige Junge seinen Blick über das Dorf schweifen, was sich vor den beiden erstreckt. Grummelnd senkt der hellblaue Drache neben ihm seine Schnauze und bewegt seinen keulenartigen Schwanz leicht. Dabei reflektieren seine silberfarbenen Schuppen, welche sich von seinem Horn auf seiner Schnauze bis zu seiner Keule und seinen Flügeln über seinen gesamten Rücken ziehen und schon oft von Gegnern für Metall gehalten wurden, die aufkommende Morgensonne.
»Komm mein Freund. Wir sollten diese Wikinger erst einmal beobachten, bevor wir vorstellig werden. Wer weiß, ob die etwas Gutes im Schilde führen oder schlussendlich nicht doch zu diesem widerlichen Pack gehören.« Kopfschüttelnd wendet er sich von der Szenerie ab und gibt seinem Drachen mit einer leichten Kopfbewegung zu verstehen mitzukommen.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass in diesen Breitengraden zu dieser Zeit so ein Sturm aufkommen kann. Und das war schlussendlich ihr banaler Fehler gewesen, worauf sie hier notlandeten und Schutz suchten. Stillschweigend richtet er den Kragen seines schwarzen Mantels, welcher zu seinem Glück wasserabweisend ist. Und doch war ihm bewusst, dass er es seinem Begleiter nicht noch länger antun konnte durch diesen Sturm zu fliegen. Da kam ihnen diese Insel gerade recht.
Für den ersten Augenblick hatten sie auch genug gesehen.
Das Dorf unterschied sich nicht großartig von all den anderen Dörfern, welchen sie bis dato begegnet sind. Weder das große Gebäude, was auf eine Art Versammlungshalle schließen ließ, noch die Arena, wo die Wikinger von hier vermutlich noch immer Drachen töten würden. Was für eine unzivilisierte Art und Weise in seinen Augen. Gerade weil es sich doch um Drachen handelt, die schlussendlich so beeindruckende und majestätische Geschöpfe sind. Wesen mit enormem Potenzial. Das wusste er.
Doch sollten sie auf den weitläufigen Feldern, die weiter hinten in die Wälder münden, nicht so viel Ruhe haben wie erhofft. Flügelschläge unterbrechen im selben Moment die Ruhe, welche sich über die Natur am frühen Morgen legte. Und aus Reflex tat er es als einen wilden Drachen ab.
So dachte er jedenfalls, bis besagter Drache vor ihm landet und von dessen Rücken aus ein Wikinger ihn bestimmt ansieht. Besser gesagt, ein Junge in seinem Alter auf einem Riesenhaften Alptraum. »Schön stehenbleiben, Freundchen! Deinetwegen hat Hicks mich aus meinem wohlverdienten Schlaf gerissen!«
Unbeeindruckt zieht er eine Augenbraue hoch und fährt sich einmal durch sein kurzes schwarzes Haar, als ihm die weiteren Drachen samt Jugendlichen in seinem Alter um ihn und seinen Freund herum auffallen.
Fünf von denen auf… Drachen? Wie?!
»Rotzbacke, ernsthaft?«, genervt stöhnt der besagte schmächtige Junge auf dem schwarzen Drachen auf. Aber warte Mal. Sollten die Gerüchte um diese Drachenart tatsächlich wahr sein? Ist das, auf dessen Rücken anscheinend dieser Hicks sitzt, ein echter Nachtschatten?
»Wer seid ihr?«, erwidert er fest, einen nach den anderen von diesen Jugendlichen musternd.
»Nun, dasselbe könnten wir dich auch fragen. Wir hatten bis jetzt noch keinen anderen Wikinger getroffen, der auch auf einem Drachen reiten kann.« Das war das blondhaarige Mädchen, nicht zu verwechseln mit dem Mädchen, die anscheinend der Zwilling von dem blonden Jungen zu sein scheint, welche sich offenbar zugleich auch den Wahnsinnigen Zipper miteinander teilen.
Nun, in dem Punkt musste er dem Mädchen auf dem Tödlichen Nadder recht geben. Und das nicht nur, weil ihr Aussehen dem einer Kriegerin gleicht. Ein Ideal, welches seine Eltern ihm damals schon früh beigebracht haben und er nicht gerade unsympathisch findet. Doch wird er das Gefühl nicht los, das man sich mit keinem von diesen fünf leichtfertig anlegen sollte. Mit minimaler Ausnahme von dem dicken Jungen auf dem Gronkel. Was für eine gemischte Mannschaft ist das nur…?
»Mein Name ist Neo. Und der Kammsäbler neben mir ist mein treuer Begleiter Fighter. Was ist mit euch?«
Bestimmt sieht er in die Runde, mustert dabei sowohl Drachen und Reiter. Seine Skepsis noch immer nicht ganz ablegen wollend. Denn nur weil diese auf Drachen sitzen können, heißt es noch lange nicht, dass sie Gutes im Schilde führen. Das haben seine Erfahrungen nur zu oft bewiesen.
»Nun«, ergreift Hicks das Wort, »ich bin Hicks und das ist mein Freund Ohnezahn. Die anderen sind Astrid und Sturmpfeil – Rotzbacke und Hakenzahn – Fischbein und Fleischklops und zu guter Letzt die Zwillinge Raffnuss und Taffnuss mit ihrem Drachen Kotz & Würg. Du bist hier auf Berk, unserer Heimat.«
Dabei zeigt er abwechselnd auf die entsprechenden Wikinger und Drachen.
Mit größter Sorgfalt versucht Neo sich die entsprechenden Namen und Gesichter einzuprägen.
Doch weckt der Name Berk in ihm keinerlei Erinnerungen.
»Ich habe eure Arena gesehen. Tötet ihr auf Berk Drachen?«, seine scharfe Stimme durchschneidet die eben noch so entspannte Atmosphäre. Nur mit den Reaktionen auf seine Frage hätte er nicht gerechnet. Gerade da seine Frage aus Sicht seiner Erfahrungen doch mehr als verständlich ist, oder nicht? Zu oft traf er Wikinger, die behaupteten Drachen zu schätzen, und schlussendlich das genaue Gegenteil von denen waren.
Die entsetzten Gesichter und Schockstarren, in welchen sich die fünf befinden, sprechen für sich. Also, na ja, abgesehen von diesen Zwillingen, die so merkwürdig miteinander zu tuscheln anfangen.
Mit mehr Entschlossenheit ergreift wieder Hicks das Wort: »Nein! Definitiv nicht. Also… besser gesagt, wir haben das Glück seit einiger Zeit mit den Drachen im gegenseitigen Frieden zu leben. Früher… na ja. Egal. Wir nutzen die Arena definitiv nicht mehr, um Drachen zu töten, sondern mit ihnen zu trainieren, von ihnen zu lernen und sie besser zu verstehen!«
Diese Worte lassen Neo überrascht innehalten. Kennt man vieles, rechnet man mit vielem. Und doch nicht mit so etwas.
Ein leichtes Lächeln huscht über seine Lippen. Vielleicht ist dieser Stamm doch nicht so schlecht, wie befürchtet. Und vielleicht, nur vielleicht, sind auch diese Drachenreiter anders als gedacht.
»Fighter und ich wollten euch keinen Schrecken einjagen, das war nicht unsere Absicht. Vergangene Nacht wurden wir von einem Sturm überrascht. Eure Insel war die nächstbeste, so suchten wir hier Schutz. Bis wir natürlich das Dorf entdeckten.«
Langsam schien die Situation sich erneut zu entspannen. Etwas, worum Neo gar nicht so böse drum war. Denn auch wenn seine Skepsis gegenüber diesen Wikingern und dieser Insel bleibt, so können mögliche Bündnisse nie verkehrt sein.
Und tatsächlich scheinen die anderen sich auch langsam zu entspannen. Gerade da die Zwillinge noch immer so verschwörerisch miteinander tuscheln und der Junge namens Fischbein seine Hibbeligkeit nur noch schwer verstecken kann. »Das ist eine neue Drachenart, Hicks, die wir noch nicht kennen! Wie cooooooool ist das denn?!«
»Aber können wir jemand Fremden einfach so vertrauen? Beim letzten Mal ging das nicht wirklich gut aus«, wirft Astrid wiederum ein.
»Ja! Diese Heidrun war doch gemeingefährlich und hatte sogar Sturmpfeil entführt!«
»Aber Neo hat erstens einen „eigenen“ Drachen und Heidrun hat nur versucht ihre Familie zu retten«, korrigiert Hicks kopfschüttelnd Rotzbacke. »Auf der anderen Seite sind mögliche Sorgen nicht unberechtigt. Wir sollten uns wenigstens einig sein.«
»Aber die Chance einen neuen Drachen kennenzulernen und das Buch der Drachen erweitern zu können sollten wir uns definitiv nicht entgehen lassen!«, Fischbein.
»Aber ist es denn ein verrückter Drachenreiter-« … »Oder ein Drachenreiter, der verrückt ist? Das ist hier die Frage!«, die Zwillinge.
Und diese wird er wohl nicht so schnell auseinanderhalten können, das muss Neo festhalten.
Unmerklich lächelnd sieht er ihnen zu, wie sie sich zusammentun und darüber beraten. Schlussendlich kann er ihnen das nicht verübeln. Auch zeigt es ihm ja, dass sie nicht leichtfertig agieren.
Was definitiv nicht verkehrt ist.
