Work Text:
Irgendjemand hatte ihm einen Wecker in die Hand gedrückt.
Die Tür des Kellers fiel hinter ihnen ins Schloss und der Nachhall der schweren Metalltüre war das einzige, was für einige lange Momente zu hören war, dann blieb nur noch das stetige Ticken des Weckers. Friedrich schielte unauffällig darauf. Sechs Minuten und dreißig Sekunden verblieben.
Die Vergangenheit hatte sie alle auf verschiedene Wege geschickt und trotz allem fanden sie sich nun so viele Jahre später gemeinsam auf engem Raum wieder.
Dieses Mal war es aber freiwillig, anders als damals noch zu Schulzeiten. Dieses Wochenende verbrachten die ehemaligen Bewohner der Stube 7 in Christophs kleiner 1,5-Zimmerwohnung.
In nicht weniger als zwei Wochen würde Christoph seine Junggesellenbude verlassen und mit Katharina in eine größere Wohnung ziehen, nachdem sie geheiratet hatten.
Sein Abschiedsfest vom Leben der Unverheirateten fungierte gleichzeitig als Ausweihungsfeier.
Albrecht und Friedrich war es gelungen, sich trotz der Umstände des Kriegs nicht aus den Augen zu verlieren. Zunächst waren es Briefe gewesen, dann nach dem Ende des Kriegs hatten sie sich in Berlin wiedergetroffen. Sie blieben verbunden, die Freundschaft zwischen ihnen trotzte Jahre der Trennung und der verschiedenen Lebenswege.
“Ich kann nicht fassen, dass Katharina zugestimmt hat, ihn zu heiraten,” meinte Albrecht und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche.
"Ich hab noch nicht mal verarbeitet, dass die beiden überhaupt zusammen sind," stimmte Friedrich ein. "Hätte mir nie gedacht, dass Christoph es schafft, bei ihr zu landen."
"Man muss ihm aber einräumen, dass er es von Anfang an gesagt hat." ergänzte Albrecht achselzuckend. "Der wusste es also tatsächlich, dass sie ihn genauso gut findet."
"Hm, mich wundert es schon ein bisschen. Es wäre ja nicht so gewesen, als hätte sie keine Auswahl gehabt...," setzte Friedrich fort. "Und wir fanden sie ja alle hinreißend. Kann ich gar nicht verstehen, warum sie sich bei dieser feinen Palette ausgerechnet ihn geholt hat."
"Sei nicht eifersüchtig, Friedrich," neckte Albrecht ihn. "Du warst zwar klasse mit deinem Boxtraining und alles, aber nicht weniger tollpatschig als Christoph, was das Thema angeht." Friedrich musste unweigerlich lachen.
Schon immer hatte Albrecht es zu gut verstanden, ihn aufzuziehen. Auch die vielen Jahre, die zwischen ihnen und den verängstigten Jungen, die sie damals waren, lagen konnten das nicht ändern. Und wie damals schon stieg er nur zu gerne darauf ein.
"Ach ja? Sprichst du da nicht aus eigener Erfahrung? Verschmäht und zurückgewiesen von der holden Katharina. Habt ihr euch nicht sogar mal geküsst?" Als ob er fragen müsste. Noch jetzt konnte Friedrich sich noch gut daran erinnern, wie durcheinander er gewesen war, also Albrecht es ihm flüsternd in der Stube erzählt hatte, spätabends als die Lichter gelöscht waren und die anderen bereits schliefen.
"Du Friedrich, willst du mal ein Geheimnis wissen?" hatte er gefragt, sein Atem warm an Friedrichs Gesicht, als sie sich zwischen ihren Betten zueinander lehnten.
"Ein gutes Geheimnis?"
"Ich finde schon."
"Na dann lass mal hören," lächelte Friedrich, auch wenn Albrecht es in der Dunkelheit des Schlafsaals nicht sehen konnte.
"Katharina hat mich geküsst," hauchte Albrecht über den schmalen Spalt zwischen ihnen.
Instinktiv war Friedrich näher gerückt, er musste sich verhört haben.
"Ihr habt euch geküsst?" wiederholte er sicherheitshalber.
"Vorhin," bestätigte Albrecht. Friedrich musste nicht im Dunkeln sehen können, um den Stolz in Albrechts Augen zu sehen. Die Wärme seiner Stimme, die sich um die Worte legte, war Licht genug. "Sie ist plötzlich in der Tür gestanden, als ich gerade in der Redaktion Schluss machen wollte."
Der Spalt zwischen ihnen war vielleicht geschrumpft, doch Friedrich spürte eine Schneise, die sich urplötzlich zwischen sie schob, wie durch den Abgang einer Lawine. Er hatte gedacht, dass nur er Albrecht in der Zeitungsredaktion besuchte. Dass es nur Friedrich war, den Albrecht dort wollte, wo er sich auf Allenstein sicher und zufrieden fühlte.
"Gibts ja nicht," murmelte Friedrich und versuchte, seinen unbeschwerten Tonfall beizubehalten und das Gespräch in eine Richtung zu lenken, die fernab war von dem unbekannten, heißen Gefühl in seiner Magengrube, das dort stechend zu brodeln begonnen hatte.
Er sah es ganz deutlich vor seinem inneren Auge; Katharina und Albrecht, nah beieinander stehend. Katharina und Albrecht, Seite an Seite auf dem Sofa. Dort, wo Friedrich immer saß, hatte nun Katharina in seiner Vorstellung Platz genommen. Und Albrecht, der sonst immer auf der anderen Seite des Schreibtisches saß, niemals neben Friedrich, drückte sich eng an das Mädchen, während sie sich küssten.
"Und ob es das gibt," zischte Albrecht, "Du Arsch. Nur weil ich nicht ständig darüber rede, was ich mit Katharina anstellen möchte, heißt das nicht,..."
"Heißt das nicht was?"
“Es heißt nicht, dass…”, Albrecht suchte nach Worten, doch letztendlich blieb er Friedrich eine Antwort schuldig.
"Albrecht?" fragte Friedrich. Er wünschte, er könnte Albrechts Gesicht sehen und dort lesen, womit Albrecht sich mühte, in Worte zu fassen. “Es heißt nicht was…?”
Die Stille wuchs zwischen ihnen.
“Ach vergiss es,” hatte Albrecht letztendlich gesagt und sich zum Fenster gedreht, den Rücken zu Friedrich.
Es ließ ihm keine Ruhe, was Albrecht ihm gerade erzählt hatte. Katharina hatte ihn geküsst. Albrecht und Katharina hatten sich geküsst. Albrecht und Katharina. Albrecht und Katharina. Albrecht mit Katharina
Lange Zeit hatte Friedrich in dieser Nacht nicht einschlafen können.
Nein, er war weder damals noch heute eifersüchtig gewesen, weder auf Albrecht noch auf Christoph. Es war nicht so, dass er selbst keine Küsse bekam.
Bevor er auf die Napola aufgenommen wurde, hatte er sogar sowas wie eine Freundin gehabt - Marie war ein sanftmütiges, zartes Geschöpf gewesen, sie wohnte nur zwei Straßen weiter und Friedrich hatte gerne Zeit mit ihr verbracht. Er mochte ihre Sommersprossen und küsste besonders gerne diese eine auf ihrem linken Ohr. Er mochte auch ihre schmalen Finger zwischen seinen und wie ihr Atem wundervoll hinreißend ins Stock geriet, jedes Mal wenn seine Lippen ihren Weg zu ihrem blassen Hals fanden und sie ihm erlaubte, seine Hände auf ihre kleinen, festen Brüste zu legen. Natürlich sahen sie sich nicht mehr, nachdem Friedrich von zuhause weggelaufen war, um die Eliteschule zu besuchen. Und auch wenn er gerne an Marie und ihr süßes Lächeln dachte, vermisste er sie nicht.
Nun, zugegebenermaßen, auf Allenstein war nichts passiert, aber wen hätte er auch küssen sollen. Katharina war das einzige interessante Mädchen an der Schule gewesen und sonst gab es nur Albrecht, die anderen Jungen aus ihrer Stube und seine weiteren Mitschüler waren ihm nicht wichtig genug gewesen, um überhaupt ihre Namen im Gedächtnis zu behalten.
Aber es gab ja immer die Sommerferien, die Friedrich bei Albrecht verbrachte und das Haus Stein beherbergte auch das eine oder andere bildhübsche Dienstmädchen.
Anders als Albrecht sprach Friedrich aber nicht über seine Eroberungen und traf sich nur dann mit den Mädchen, wenn er sich sicher sein konnte, dass sein Freund bereits schlief oder anderweitig beschäftigt war.
Konnte Albrecht doch unter dem Schuljahr mit Katharina machen, was er wollte. Zuhause, unter dem Dach des Gauleiters, tat Albrecht nichts dergleichen, da war Friedrich sich sicher. Schließlich verbrachte er ja auch beinahe jede freie Minute mit Albrecht, wenn dieser nicht mit seiner Familie die ein oder andere Stunde ohne den Freund zubrachte. Friedrich hätte es bemerkt, wenn Albrecht eine Sommerromanze gehabt hätte.
Es hatte viel Spaß gemacht mit Alina, Luisa und wie sie alle hießen dieses heiße, kleine Versteckspiel Sommer für Sommer abzuziehen, hatte ihn durch die langen Sommerwochen getragen wie eine sanfte Brise.
Ähnlich wie der heiß ersehnten Lüftchen, die es oben an den Bergseen gab, zu denen er und Albrecht so gerne wanderten. Oft verbrachten sie den ganzen Tag zusammen in den Bergen, zwischen immergrünen Nadelbaumwäldern und glasklaren, einsamen Seen.
Diese Tage waren das Beste am Sommer gewesen, noch schöner als das sanfte “Ja, ja, Friedrich, genau da, ja!” das ihm nachts eines der Dienstmädchen ins Ohr stöhnen würde.
Er liebte es, wie viel Zeit sie hatten, keine Regeln, kein Morgenappell, keine anderen Stubenbewohner oder seltsame Gespräche über Besuch, den Albrecht in der Redaktion bekam, der nicht Friedrich selbst war.
Diese Tage am Bergsee schienen sich genüsslich in die Ewigkeit zu ziehen, auch wenn sie trotzdem stets zu kurz waren.
Sie nahmen sich stets ein Picknick mit und genossen es am Seeufer. Es machte so viel Spaß, im Grünen und am Boden zu essen, nie zuvor war Friedrich in den Urlaub gefahren oder hatte solche Ausflüge unternommen und er liebte jede Minute.
Er würde niemals vergessen, wie klar und friedlich Albrechts Blick werden würde, wenn sie hier oben allein waren. Sobald sie sich vom Grundstück der Steins entfernen würden, die imposanten Gemäuer hinter sich lassend, würde die Anspannung in Albrechts Schultern fortgetragen und zurück blieb der Junge, den Friedrich sonst nur kannte, wenn sie Stunden über Stunden zusammen in der Redaktion saßen und so intensive Gespräche führten, dass sie alles um sich herum vergaßen: Die Boxturniere und wie ein Sieg Friedrich stets für ein oder zwei Tage eine Distanz zwischen die beiden Jungen bringen würde; das Schießtraining welches sie alle seit Siegfrieds Tod zu zittrigen Nervenbündeln machen würde; jede furchtbare Sporteinheit mit Peiniger; die Besuche von hohen Tieren in der großen Halle, inklusive Albrechts Vater, die dafür sorgten, dass Albrecht sich für stunden- oder manchmal gar Tage in sich zurückzog; der Rassenunterricht, bei dem Friedrich übel werden würde und er wusste, dass es Albrecht nicht besser ging damit. Das alles existierte hier nicht, nur sie beide und die endlose Weite der Bergkulisse und Einsamkeit um sie herum.
Es war ihm egal, alles, wofür er unter dem Schuljahr lebte, der perfekte Schüler, zukünftige Soldat und Starboxer zu sein, das alles zählte hier nicht. Hier waren sie nur Friedrich und Albrecht - 16, 17, 18 Jahre alt - und ihre größte Sorge war, ob sie erwischt werden würden, wenn sie noch eine Flasche aus dem Alkoholschrank von Heinrich Stein klauen und hier oben trinken würden.
Albrecht fühlte sich hier frei genug, um seine kreative Energie, anstatt in Aufsätze und Artikel zu stecken, in Gedichte und Geschichten zu ergießen. Manchmal durfte Friedrich sie lesen, oder Albrecht las sie ihm vor, der Blick der blauen Augen weich und in einer Weise hungrig, wenn er jedes Wort aufsog, das Friedrich ihm anerkennend aussprach. Albrecht schrieb wirklich gut und es war eine Schande, dass niemand daran Interesse fand. Außer Friedrich natürlich. Im Gegensatz zu Vater und Mutter Stein fand er tatsächlich alles großartig, was Albrecht schrieb.
Friedrich fühlte sich hier so frei, wie niemals zuvor und während Albrecht neben ihm schrieb, erlaubte er sich, die Stille und den Frieden in sich aufzusaugen: Er lag auf dem Rücken und beobachtete die Wolken, die Vögel, die Wellen auf dem Wasser. Die Grashalme in der Brise und die Schmetterlinge zwischen den Blumen. Er atmete den Duft der Wiese und der Nadelbäume ein. Er kostete vom Whisky, wenn sie sich getraut hatten, die Flasche mitgehen zu lassen und naschte Käsestücke. Albrecht und er warfen sich Weintrauben zu, versuchten einander in den Mund zu treffen und rollten sich lachend ins Gras, wenn mehr Trauben ihren Weg zwischen Blumen und Insekten fanden, als zwischen ihren Lippen.
Albrecht zeigte Friedrich, wie man so auf einen Grashalm blies, dass er einen Ton erzeugte und Friedrich brachte Albrecht bei, wie man eine Eule imitierte, wenn man mit der Faust einen Hohlraum bildete. Albrechts Augen waren so hell und klar, wenn sie ihre Fäuste gegeneinander drückten und sich über ihre Knöchel hinweg ansahen.
Friedrich lernte, dass man anhand von Gänseblümchen die Zukunft vorhersagen konnte und nicht wenige der weiß-gelben Blumen fielen ihren Fragen zum Opfer. Was sie wissen wollten, als sie Blütenblatt für Blütenblatt abrupften, darüber sprachen sie nicht.
Zu unangenehm wäre es Friedrich gewesen, Albrecht wissen zu lassen, dass nicht nur ein Gänseblümchen sein Ende fand unter seinem steten Monolog aus “Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht”. Jedes Mal bestätigte die Blume, was Albrecht damals im Dunkeln zu ihm gesagt hatte, “Katharina hat mich geküsst.”
Und er würde lieber im Boden versinken, als zuzugeben, dass er einmal, nur ein einziges Mal, als er dann doch ein wenig zu viel Whisky getrunken hatte, seine stille Frage änderte: “Er liebt sie, er liebt sie nicht,” wiederholte er in leiser Verzweiflung, bis zum allerletzten Blütenblatt. Dieses Gänseblümchen war anderer Meinung. An diesem Tag strahlten Friedrich und die warme Sommersonne um die Wette.
Oft gingen sie baden. Manchmal waren sie so verschwitzt und erhitzt von ihrem Aufstieg zum See, dass sie einfach alle ihre Kleider abstreiften und splitterfasernackt in den See sprangen. Es war egal, denn niemand anderes war hier, es gab nur sie beide.
Im Anschluss würden sie sich auf der Picknickdecke ausstrecken und sich von der Sonne trocknen lassen. Nicht selten schliefen sie dabei ein, die Köpfe auf ihre verschränkten Arme gebettet, die Gesichter einander zugewandt im Gespräch, bevor die Müdigkeit sie übermannte.
Auch Albrecht hatte eine süße, kleine Sommersprosse auf dem Ohr und mehr als einmal musste sich ein schlaftrunkener Friedrich zurückhalten, nicht die Hand danach auszustrecken und zärtlich über den hellbraunen Fleck zu streichen.
Stattdessen erlaubte er sich, Albrecht einfach nur anzusehen, zu beobachten, wie sich sein Körper beim Atmen sanft hob und senkte. Er zählte die Sommersprossen auf Albrechts Wangen und Schultern. Er schluckte beim Gedanken, dass es diese Male nur im Sommer gab, wenn Albrecht so viel Zeit wie möglich außer Haus und von seinen Eltern weg verbrachte, auch wenn er in Allenstein all seine freie Zeit in der Redaktion verbrachte und jeden Tag blasser wurde. Doch im Sommer war Albrecht ein anderer Mensch, er war frech und lachte an einem Tag mehr, als in einem ganzen Schuljahr in Allenstein und die Sommersprossen passten hinreißend gut zu den Lachfältchen um Albrechts friedliche Sommeraugen.
Wenn Friedrich nachts im Gästezimmer lag, gesättigt und übermüdet nachdem sein Besuch gegangen war und aus einem leichten Schlaf erwachte, kam es immer wieder vor, dass sein Kopf, benebelt und verwirrt, das Bild von Albrechts Sommersprossen herauf beschwor, seine Augen so klar und weit und tief wie der Bergsee und das Lachen, das es nur im Sommer gab. Seine Erinnerung in den Tiefen der Nacht würde ihm den sanften Bogen von Albrechts Wirbelsäule zeigen, vom eleganten Hals über die schmalen Schultern, vorbei an den Grübchen in seinem unteren Rücken.
Seine Vorstellung wusste genau, wie die Sonne Albrechts Haut zum Leuchten brachte, zeigte ihm zu gerne, wie sich das dunkle Haar nach dem Schwimmen im Nacken kräuselte und eine sanfte Brise seinen kleinen Körper mit einer dezenten Gänsehaut überzog. Friedrichs Körper, entspannt und erhitzt in der Sommernacht, spiegelte die Gänsehaut, wenn er die Decken zurückschlug.
Im Haus der Steins, im Gästezimmer, machte er sich nie die Mühe, in seinem Nachtgewand zu schlafen und es braucht nicht viel, um schlaftrunken seine Hand zwischen die nackten Beine zu schieben und zu begreifen, dass er mehr als bereit war, den Übergang zwischen Traum und Wachsein zu verschmelzen. Hier in der Dunkelheit, in seinem Zimmer, nur halb bei Sinnen, konnte er ohne Scham seine Vorstellung wandern lassen. Er konnte ohne Scham die Hand ausstrecken um jede einzelne Sommersprosse zu berühren, dem Pfad der Wirbelsäule mit den Fingerspitzen folgen, sie in die Grübchen drücken und dann -
Friedrich mochte es am liebsten, wenn die Mädchen sich auf ihn setzten, er liebte es ihre weichen Oberschenkel um sich zu spüren, ihre Brüste im Mondlicht über ihm wippen zu sehen und seine Hände auf ihre Taille zu legen, ihnen bei den heftigen Bewegungen zu helfen und sie näher an sich zu ziehen.
Friedrichs verschlafener Geist malte Bilder, die nicht ganz zusammenpassten zu seinen intimen Momenten mit dem Mädchen, das er für diese Nacht in sein Bett gelassen hatte.
Die zarten Finger an seiner Brust, der kleine Körper, der in Ekstase zurückgelegte Kopf und so viel nackte Haut, milchig und wunderschön im Mondlicht, das alles stimmte, doch - schmale Hüften unter seinen Händen, ein flacher Oberkörper, kurzes dunkles Haar, erkannte er nicht und gleichzeitig wusste er…wusste er…er grub die Finger in den Po, der sich heftig auf ihm bewegte, er stemmte sich hoch um die flache Brust zu küssen, er - “Friedrich, willst du mal ein Geheimnis hören?” - “Alles, alles was du willst” - “Ich hab geträumt, dass du es mir so tief machst, dass ich morgen nicht den Berg hoch komme” - er drehte den Kopf und erstickte sein Stöhnen im Kissen, als seine Hüften bebten und nach noch mehr Reibung gegen die Matratze suchten. Er bekam kaum mehr als eine Handvoll Stöße mehr zustande und kam so hart, dass er ins Kissen biss, um sein lautes, langgezogenes Stöhnen zu dämpfen.
Er schlief gut diese Nacht und am Morgen hatte er es vergessen. Selbst als er genervt die getrockneten, klebrigen Überreste seiner Erregung vom Körper kratzte, wunderte er sich nur, was er wohl geträumt hatte, dass sein Körper sich verhielt, als wäre er wieder 12 oder 13, verwirrt und dauerhaft benebelt von den Körpern seiner Mitschülerinnen und Mitschüler, verschwitzt und lachend auf dem Sportplatz.
Abschied zu nehmen vom Haus Stein, war einfach, weg vom Gauleiter und seiner eisigen Kälte gegenüber seinem Sohn, weg von seiner unterwürfigen Frau, die Albrecht zwar sicherlich liebte, doch es selten zeigte, weg von der Schar Dienstmädchen, die sich die letzten Nächte noch ausgiebig von ihm verabschiedet hatten.
Doch der Abschied, den es bedeutete von einem weiteren, perfekten Sommer, wo es nur Albrecht und Friedrich gab, war so hart wie nie zuvor. Er wusste nicht, ob es einen weiteren Sommer geben würde, nach diesem Schuljahr würden sie ihren Abschluss haben und wer wusste schon, wohin sich Albrecht und Friedrich dann zerstreuen würden.
Friedrich hatte die letzten Wochen so viel Sex gehabt, dass ihn die Erinnerung und Tagträume darüber hinweghalfen, dass er auf Allenstein allein war. Natürlich gab es dort den Unterricht, das Boxen und Albrecht und die anderen, vor allem Albrecht.
Aber der Albrecht, der in dem Teil seines Herzens wohnte, der nur den Sommerwochen gehörte, dieser Teil, der ihm über die schlimmsten Gräuel hinweg half, die das Schuljahr bringen würde, diesen Albrecht gab es auf Allenstein nicht. Kein entspannter, lachender, glücklicher Albrecht mit den Sommersprossen, mit dem Haar, das dort nie im perfekten Scheitel frisiert war, sondern in perfektem Chaos im Wind flatterte. Kein Albrecht, der Gedichte schrieb und auf dessen Nasenspitze sich beim Schlafen ein Schmetterling niederließ - Friedrich hatte sich niemals mehr gewünscht, im Besitz einer Kamera zu sein, doch dieses Bild hatte er in seine Erinnerungen aufgenommen wie den wertvollsten Schatz - der seine Nase kräuselte und dann so stark nieste, das es ihn aus dem Nickerchen riss und den Schmetterling in die Flucht schlug. Nein, diesen Albrecht würde er für viele Monate nicht wiedersehen und der Gedanke daran, zerriss ihm beinahe das Herz.
Albrecht war die gesamte Autofahrt zurück nach Allenstein so ruhig gewesen. Er hatte kein Wort gesagt und alles was Friedrich tun konnte, war zwischen ihnen, versteckt vom Fahrer, seine Hand zu drücken und Trost zu finden, als er Albrechts Finger spürte, die den Druck warm und fest erwiderten, auch wenn er weiterhin wortlos aus dem Fenster starrte.
Dieser Kontakt war gerade genug, um Friedrich ein wenig Kontrolle über das Chaos in sich zu geben, sodass er sein Gesicht entspannen konnte, um mit dem Fahrer über Belanglosigkeiten zu plaudern.
Sie ließen sich erst los, als das Auto im Hof von Allenstein zum Stehen kam.
“Ja, aber nur dieses eine Mal. Es sollte wohl nicht sein, mit mir und Katharina.” Albrecht zuckte mit den Schultern. “Gott, ist das lange her.”
Nur einmal? Was?
Erst jetzt realisierte Friedrich, dass er so eisern über dieses Thema geschwiegen hatte, für den Rest ihrer Schulzeit, dass er nicht mal mitbekommen hatte, dass die Sache zwischen Katharina und Albrecht…was? Er hatte gedacht…er wollte es nicht wahrhaben. Und deshalb hatte er nie weiter gefragt. Hatte den Blick abgewendet, wann immer Katharina und Albrecht miteinander im Speisesaal sprachen.
Wie hatte er so falsch liegen können? Für ihn war nach diesem einen nächtlichen Gespräch klar gewesen, dass Albrecht und Katharina gewesen. Doch jetzt? So viele Jahre später erst sollte er herausfinden, dass er das nur fälschlicherweise angenommen hatte?
Nicht nur er hatte nichts über sein Liebesleben gesagt, sondern auch Albrecht hatte geschwiegen. Friedrich war es nur recht gewesen, er wollte gar nicht hören, wie glücklich Albrecht mit Katharina war und was sie alles allein in der Zeitungsredaktion miteinander taten.
Er hatte nur sichergestellt, dass er so viel Zeit wie ihm Schule und Boxtraining ließen, wie möglich in dem gemütlichen Raum verbrachte und sich dort regelrecht breit machte. Albrecht hatte es nie kommentiert, vielleicht ab und an amüsiert die Augenbraue gehoben, wenn Friedrich auf dem Sofa fast die Augen zufielen, er sich aber vehement weigerte, ins Bett zu gehen. Wollte seinen Platz auf dem Sofa nicht an Katharina abtreten.
Er konnte es sich nicht erklären, warum er so handelte. Natürlich wünschte er Albrecht, dass er glücklich war und in den kalten Gemäuern der Allenstein etwas Freude finden könnte.
Vielleicht war sein Problem auch, dass Albrecht nicht wirklich verändert wirkte, seit er ihm von dem Kuss erzählt hatte? So als würde Katharina ihn gar nicht glücklich machen können. Dabei verdiente Albrecht nur das Allerbeste. Wen auch immer Albrecht küsste, es sollte ihn über die Maßen glücklich machen. Ob es überhaupt ein Mädchen gab, welches Albrecht das geben konnte? Ein Mädchen, das ihn wirklich verstand?
Friedrich wusste, dass sein Maß an Beschützerinstinkten damals möglicherweise aus dem Ruder gelaufen war. Aber hatte Katharina, hatte irgendein Mädchen jemals gesehen, wie sehr Albrecht unter der Kälte seiner Eltern litt, unter der Ablehnung seines Vaters und wären sie imstande gewesen, Albrecht mit einer neckenden Bemerkung wieder aufzuheitern? Hätte irgendein Serviermädchen auf Allenstein auch nur im mindestens begreifen können, wie weltverändernd es war, Albrecht frei und glücklich zu sehen in der Freiheit der Berge, mit blitzenden Augen und dem Schalk im Nacken? Würde Katharina jemals eins seiner Gedichte hören und spüren, wie der endlose Sommer im Herzen einzog?
Oh Gott, all die Zeit dachte er, Albrecht würde Katharina den Hof machen und es wäre ernst zwischen ihnen!
Und Friedrich war stumm, aber stets präsent daneben gestanden, hatte die Redaktion regelrecht belagert und sich im Sommer den Kopf nach den Dienstmädchen in Albrechts Haus verdreht, um nicht daran zu denken, dass Albrecht Katharina sicher sehr vermisste während der Ferien.
In Friedrich tobte so viel Chaos über diese längst überfällige Information, dass er keinen Ton heraus bekam, nichts sagte zu was Albrecht gerade wie nebenbei mit ihm geteilt hatte. Als ob das nicht alles änderte. Was genau, das wusste er nicht in diesem Moment, seine Gedanken überschlugen sich, er musste nachdenken, verdammt. Was änderte es, was?
Der Tumult in ihm war ihm wohl ins Gesicht geschrieben. Albrecht warf ihm einen fast schon mitleidigen Blick zu, doch er sagte nichts.
Um zumindest nicht dazustehen, wie blöd, während sich alles in ihm überschlug, neu ordnete, wieder auseinanderbarst, nahm er einen vergessenen Tennisball vom Regal, drehte ihn zwischen den Fingern. Er wagte nicht, Albrecht anzusehen, auch wenn er seinen Blick auf ihm spürte.
Eine Weile sagte niemand mehr ein Wort, der Wecker tickte die Sekunden herunter.
“Wir könnten auch das Spiel spielen, weißt du,” schlug Albrecht irgendwann vor.
“Was?” Vor Schreck über den Vorschlag und aus seinem Gedankenwirrwarr gerissen zu werden, das immerzu “Albrecht, Albrecht, Albrecht!” schrie, ließ er den Tennisball fallen. Er rollte unter eins der Regale.
“Du hast mich schon richtig gehört.”
“Was?” wiederholte Friedrich. Nein, er konnte nicht richtig gehört haben.
“Na sieben Minuten im Himmel, deshalb sind wir doch hier.”
“Das kannst du nicht ernst meinen!”
“Warum denn nicht? Wir haben doch beide die ganze Zeit Flaschendrehen mitgespielt, wir wussten, dass die Möglichkeit besteht.”
“Ja, haben wir. Aber ich dachte, dass wir uns alle einig sind, dass Sieben Minuten im Himmel…naja, dass wir nicht ernsthaft daran denken würden, das Spiel auch so zu spielen. Wir sind ja nur Männer hier.”
Albrecht hob die Augenbrauen. “Gut erkannt, Sherlock.” Er seufzte und fixierte Friedrich neugierig mit seinen blauen Augen. “Aber jetzt mal im Ernst, wozu sollten wir sonst in den Keller gehen? Wenn nicht um Sieben Minuten im Himmel so zu spielen, wie man es eben spielt?”
“Was weiß denn ich?” brummte Friedrich. Er wollte Albrecht kaum in die Augen schauen, doch wegsehen konnte er auch nicht. Er betrachtete ihn, sah ihn wirklich an.
Albrecht war…älter geworden. Viel gewachsen war er nicht, doch irgendwie war er trotzdem größer. Er hielt sich aufrechter und mit mehr Selbstbewusstsein, das musste es sein.
Das dunkle Haar war nicht mehr zum gewohnten, ordentlichen Scheitel gezogen. Albrecht trug es diese Tage halblang und etwas zerzaust, was ihm den hinreißenden Anblick verlieh, dass er erst vor kurzem aufgewacht war. Die obersten Knöpfe seines Hemdes standen offen und Friedrich konnte die Schatten seiner Schlüsselbeine erkennen. Albrecht trug ein ledernes Band um den Hals, daran ein Anhänger, der unter dem Stoff des Hemdes verschwand.
Er hatte immer noch kaum Bartwuchs, doch seine Gesichtszüge waren etwas schärfer und kantiger. Dies war ein erwachsener Albrecht und etwas in Friedrich zog sich tief zusammen. Er schluckte und wandte den Blick letztendlich ab.
“Friedrich…,” begann Albrecht zaghaft. Er rutschte vom Tisch in der Ecke, auf dem er halb gesessen und halb gelehnt hatte. “Was ist los?”
Friedrich drehte sich weg, wollte den Wasserfall an Emotion verstecken.
“Nichts ist los. Ich meine nur, du kannst nicht ernsthaft vorschlagen, dass wir…wir sind beide Männer, Albrecht. Wir sind nicht…”
“Na und?” fragte Albrecht leichthin.
“Na und?” wiederholte Friedrich ungläubig. “Was meinst du damit, ‘Na und?’”
Frustration schoss in ihm hoch. Albrecht wollte tatsächlich Sieben Minuten im Himmel spielen? Er schlug vor, dass sie sich küssten und - aber - “Außerdem sind wir Freunde! Du kannst nicht allen ernstes vorschlagen, dass wir -”
Er war so irritiert über Albrechts Ton in der Stimme, dass er sich doch wieder umdrehte.
Doch Albrecht stand nicht mehr auf der anderen Seite des Raums, die Arme vor der Brust verschränkt. Ohne ein Geräusch zu machen - oder Friedrich hatte es einfach nicht gehört über das Klopfen des eigenen Herzens in den Ohren - war Albrecht hinter ihn getreten. Und jetzt stand er so nah an Friedrich, dass ihre Oberkörper sich beinahe streiften, nur eine halbe Handbreit entfernt.
“Vorschlagen, dass…?” fragte Albrecht vorsichtig. In seinem Blick lag Wärme und so viel ehrliche Sorge um Friedrich, dass es ihm das Herz bittersüß zusammenzog. Sie starrten sich an.
“Ähm,” war alles, was Friedrich herausbrachte, so benebelt war sein Kopf von der urplötzlichen Nähe zwischen Albrecht und ihm. Von Albrechts direktem Blick, als er ihn aus seinen großen, dunklen Augen ansah, wirklich ansah. Er war immer noch ein Stück kleiner als Friedrich und musste den Kopf dafür heben. Sein Atem traf Friedrichs Kinn. “Willst du mal ein Geheimnis hören?” hallte durch seinen Kopf, leise aber prägnant, so lange zurückliegend, doch klar als wäre es erst gestern gewesen.
“Komm schon, Friedrich,” sagte Albrecht nun, leise und so sanft, als würde er mit einem verschreckten Tier sprechen. Wahrscheinlich schaute er auch genauso aus, vermutete Friedrich. Ängstlich und verunsichert und so, so -
“Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nach all der Zeit nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht hättest…dir überlegt hast, wie es sich wohl anfühlen würde.” Er war noch ein Stück näher gekommen, seine Stimme war noch weicher als einige Augenblicke davor.
Friedrich starrte ihn an. Sah die Sehnsucht und vertraute Wärme in Albrechts Blick, die schmale Nase, auf der vor so langer Zeit der Schmetterling gesessen hatte. Albrechts Lippen waren leicht geöffnet und Friedrich? Er konnte nicht wegsehen, es gab nur mehr diese tiefen, ehrlichen Augen und Albrechts Mund.
“Hast du darüber nachgedacht?” Warf Friedrich zurück. Er wusste nicht, wie sein Hirn die Worte formte, und sie kamen ihm leise und vorsichtig über die Lippen, genau wie all die gefährlichen, wunderschönen Dinge, die Albrecht ihm zur Antwort gab.
“Ein, oder zweimal, ja.” Albrechts Stimme war noch leiser geworden, sein Ton sanfter als die Brise über dem Bergsee. Er meinte es also ernst. Er - Albrecht wollte ihn, wollte Friedrich und es spielte keine Rolle, dass sie beide Männer waren.
Friedrich hatte damals in diesem einen Sommer viel zu viele Gänseblümchen geopfert, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, die er sich nicht zu stellen traute, nicht mal in dem dummen Spiel mit dem Blumenorakel: ‘Ich stehe so sehr auf die Mädchen in meinem Bett, aber warum geht mir diese verdammte Sommersprosse nicht aus dem Kopf? Was ist das mit Albrecht? Was bedeutet das alles? Bin ich…anders?’ Er hatte sich nicht getraut, auf die Antwort der Blütenblätter zu warten, hatte jedes dieser Gänseblümchen stattdessen in den See geworfen und den sachten Wellen zugeschaut, die der Aufprall aufs Wasser hervorrief.
Friedrich schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerung wegzuschieben, er wollte, er musste jetzt seine Gedanken klar und beisammen haben, das hier - nie war etwas wichtiger gewesen. Das hier war Albrecht. Albrecht, Albrecht, Albrecht und er wollte ihn. Sie waren sich unbemerkt noch näher gekommen und Friedrich biss sich nervös auf die Lippe.
Gefühlt hundert Mal hatte er schon diesen Moment durchlebt, die Momente bevor sich einer bewegte, bevor der Atem verschmolz und - aber das hier war Albrecht. Er war nicht eine Frau, die er verführen wollte. Nein, das hier war so anders, dass Friedrich es nicht in Worte fassen konnte. Konnte er das überhaupt? War es möglich, in einen Moment so viel Bedeutung zu legen, in einer Bewegung so viel Antwort zu geben, dass es Jahre an Sehnsucht und unausgesprochene Fragen beantwortete.
“Ich hab noch nie einen - “ begann er zu erklären. Wüsste er überhaupt was er tat? Er hatte so viele Frauen in seinem Leben geküsst, aber das hier? Das war Albrecht. Keine Frau und nicht irgendwer, es war sein Albrecht und er würde sich bald irgendwo festhalten müssen, denn seine Beine würden bald vor Aufregung unter ihm wegknicken, so nervös war er. Würde Albrecht ihn auffangen? Das Blau in Albrechts Augen ließ ihn keinen Augenblick frei und Friedrich konnte nichts anderes tun, als den Blick zu erwidern. Albrecht war so nah, so warm, so schön, seine Lippen legten sich um seine nächsten Worte wie Samt.
“Ich auch nicht. Aber wie anders kann es schon sein?” Er lehnte sich nach oben, Friedrich entgegen. “Es sind ja wir,” flüsterte, das Lächeln um seine Lippen sanft wie der Sommerwind. Er legte Friedrich die Hand in den Nacken, wie ein Anker.
Friedrich würde sie nicht ertrinken lassen. Sein Herz klopfte wild wie das Meer in Albrechts Augen, doch Albrecht war hier, er war sein sicherer Hafen, war es immer schon gewesen. Er ließ sich von Albrecht das letzte Stück nach unten ziehen und endlich trafen sich ihre Lippen.
Es war kein großer Kuss - sanfter Druck, ein geteilter Atemzug und Albrecht schmeckte so süß wie das Leben. Dann lösten sie sich voneinander. Ein winziger Moment in der Ewigkeit ihrer Freundschaft und doch veränderte er alles. Die wenigen Sekunden, die Friedrich und Albrecht so miteinander verbunden waren konnten nicht genug sein für alles, was Friedrich in diesem Moment zu Albrecht sagen wollte. Und Albrechts Augen spiegelten Friedrichs Emotion.
Ohne weiteres Zögern beugten sie sich erneut zueinander und küssten sich, tief und ehrlich und so intensiv, dass es Friedrichs Welt aus den Angeln hob. Jeder Zweifel in ihm wurde fortgespült, es existierten keine Bedenken mehr in ihm, die hinterfragen, warum Albrecht so besonders für ihn war und schon immer gewesen war.
Er legte Albrecht die Hand auf die Wange und führte sein Gesicht noch näher an ihn, so dass ihre Münder noch besser zusammenpassten, als sie sich füreinander öffneten. Sie teilten sich keinen Atemzug mehr, sie waren ein Atemzug, ein Herz, eine Seele.
Das änderte auch der Wecker nicht, als er mit einem grässlichen Klirren verkündete, dass die Zeit um war.
Sie öffneten die Augen langsam, kosteten noch den Augenblick des Echos aus, was gerade zwischen ihnen passiert war. Friedrich lächelte Albrecht schüchtern an, es war gar kein Ausdruck zu der schieren Euphorie, die sein Herz fast zerbersten ließ.
Und Albrecht? Er lächelte wunderbarerweise zurück, so schön und strahlend, wie damals am See.
“Fühlst du es auch?” wollte Friedrich fragen, doch anstatt die einträchtige Stille zu durchbrechen, strich er zärtlich über Albrechts Wangen, seinen Hals und das Schlüsselbein. Er legte seine Hand auf Albrechts Brust und machte sich dort vertraut mit dem heftigen Klopfen: Albrechts Herz schlug stark und stolz unter seinen Fingern, im Gleichklang mit Friedrichs.
“Ja,” flüsterte Albrecht nickend. Ja auf alles, unausgesprochen oder nicht, es zählte nicht; Ja war seine Antwort auf Friedrich.
Friedrich lächelte, in ihm wuchs die Gewissheit der Wahrheit, stetig wie die sanften Wellen welche die Brise in den Bergen auf den See malte: Das hier war Albrecht und hier war er zuhause.
