Chapter Text
Die Luft im Gerichtssaal ist stickig. So dick, dass einem der Schweiß den Rücken hinunterläuft. Es riecht nach alten Papierakten. Der Fall ist schon alt. Er hätte schon längst ins Archiv gemusst, aber die Polizei hat neue Hinweise bekommen und den Fall noch einmal aufgerollt. Das ist der Grund, warum Agatha Harkness heute ihre Zeit mit dieser ihrer Meinung nach überflüssigen Gerichtsverhandlung verbringen muss. Sie langweilt sich zu Tode, während die monotone Stimme des Richters durch den großen Raum hallt. Das leise Rascheln von Papier mischt sich mit dem gedämpften Husten eines Zuschauers in der hinteren Reihe.
Anwältin Agatha Harkness sitzt wie eine Königin an ihrem Platz. Rücken gerade, Kinn hoch, Hände ruhig auf dem Tisch verschränkt. Man merkt ihr kaum ihre Genervtheit an. Sie ist unerschütterlich. So vollkommen ruhig wie ein Fels in der Brandung. Ihr violettes Kostüm sitzt perfekt, ohne das Aufkommen einer einzigen Falte. Der enge Schnitt betont nur noch mehr ihre makellose Haltung, die ihr in der Kindheit von ihrer Mutter eingetrichtert wurde. Jede ihrer Bewegungen ist kontrolliert, alle Gesten durchdacht. Sie verrät nichts über ihre Gedanken, über ihre Stimmung. Sie ist wie eine Statue, eine besonders schöne, autoritäre, gefährliche Statue.
Ihr dunkles Haar fällt in weichen, fast eleganten Wellen über ihre Schultern. Frisch gestylt für den heutigen Auftritt. Jeder Gerichtstag ist ein Auftritt und sie ist die Hauptdarstellerin. Ihre graublauen Augen sind scharf und fokussiert auf den Richter gerichtet, der ihr so dermaßen auf die Nerven geht. Er redet und redet und kommt nicht zum Punkt. Inkompetenz vom Feinsten.
Agatha ist eine Legende in diesem Raum. Sie ist bekannt für ihre Fähigkeit, selbst die kniffligsten Fälle mit einem Maß an Präzision und Ruhe zu lösen. Sie selbst findet es unglaublich amüsant, ihre Gegner nervös zu machen. Als ihre Augen durch die Menge schweifen, senkt jeder seinen Blick, selbst die härtesten Kerle fangen an zu schwitzen. Einmal hatte sie einen Assistenten Billy hieß er denkt sie, er wurde nur eingestellt, weil er nicht sofort angefangen hat zu stottern, wenn sie ihn angesehen hat. Naja, sie musste ihn leider weiter ziehen lassen. Der junge war gut gewesen, zu ihrem leidwessen muss sie zugeben, dass sie ihn manchmal ein kleines bisschen vermisst.
Für sie ist das Gericht ein Schachbrett. Als Kind hat sie dieses Spiel immer geliebt. Es geht um Taktik, um ein gutes Pokerface und um Improvisation. Genau so arbeitet sie. Jeder Satz ein durchdachter Zug auf einem unsichtbaren Spielfeld und der Anwaltskollege ist die Dame, die es zu stürzen gilt.
Endlich, nach gefühlten Ewigkeiten, hat Agatha die Chance zu sprechen. Der Richter übergibt ihr das Wort. Sie erhebt sich von ihrem Stuhl. Ihre Stimme ist klar und fest, ohne die geringste Spur von Unsicherheit, als sie sagt: „Euer Ehren, mein Mandant hat nachweislich“
„Sich selbst widersprochen, wenn ich das hinzufügen darf, Euer Ehren“, schneidet ihr eine andere Stimme den Satz ab. Tief, weich wie das erste Donnergrollen eines Sturms. Sofort zieht die Trägerin dieser Stimme alle Aufmerksamkeit auf sich, selbst Agathas.
Sie hebt den Blick, irritiert über die unhöfliche Unterbrechung. Es ist gespenstisch still im Gerichtssaal. Niemand unterbricht Anwältin Harkness. Niemand. Niemals. Blaue Augen treffen auf braune. Kühl wandern die Augen der Anwältin über die Figur der Frau. Sie mustert ihr Aussehen. Ihren unkonventionellen dunkelgrünen Anzug und ihr schwarzes Hemd, welches so weit aufgeknöpft ist, dass Agatha freie Sicht auf das markante Schlüsselbein hat. Schnell wendet sie den Blick wieder ab. Das ist eine Frechheit. Sie sind ja schließlich nicht in einem Bordell. Ihr Kiefer verspannt sich. Agathas Finger spielen unterbewusst mit ihren Ringen, vielleicht um sich von ihren unpassenden Gedanken abzulenken.
Die Unbekannte sitzt lässig auf ihrem Stuhl, ihre Haltung mühelos, aber dennoch mit einer Autorität, die schwer zu ignorieren ist. Schwarzes, leicht gewelltes Haar umrahmt ein Gesicht, das sowohl kantig als auch elegant ist. Ihre dunklen Augen, intensiv und durchdringend, beobachten jede von Agathas Bewegungen mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und einem Hauch von Schalk. Ein gefährliches Lächeln umspielt ihre unpassend roten Lippen. Ihre Präsenz ist unübersehbar, eine Herausforderung, die unausgesprochen im Raum hängt.
Agatha läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hasst es, angestarrt und beurteilt zu werden. Diese Frau ist einfach unmöglich. Agatha sieht sie vernichtend an. Ihr Körper spannt sich nur noch mehr an, ihr Kiefer tut schon ganz weh vor Anstrengung, unpassende Worte zurückzuhalten. Aber sie ist keine Richterin und hat somit nichts zu sagen. Leider. Sie fasst sich schnell wieder und wendet sich direkt an die gegnerische Anwältin. „Fügen Sie ruhig hinzu“, sagt sie schließlich übertrieben höflich, aber trotzdem ist Stimme kühl und scharf wie Messer. „Aber es wird nichts an der Aussage meines Mandanten ändern.“
Ein undeutbares Funkeln erscheint in den Augen der Fremden. Sie richtet sich in ihrem Stuhl auf. „Ach ja? Ich finde schon, dass es etwas an der Aussage ändert, wenn Ihr Mandant sich ständig widerspricht. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass er womöglich selbst nicht weiß, was er eigentlich gesehen hat.“ Kontert sie provokant. Ihre sanfte, ruhige Stimme schwebt praktisch zu Agatha, umhüllt sie und lässt sie beinahe würgen.
Sie nimmt die unterschwellige Herausforderung ohne zu zögern an. „Nun denn, Mrs...?“ Agatha sieht sie zugegebenermaßen neugierig an. Natürlich braucht sie nur den Namen der geheimnisvollen Frau, um sie zu vernichten. Nicht, weil sie diese Frau einfach interessant findet.
„Vidal. Mein Name ist Rio Vidal“, antwortet die Anwältin.
Vidal. Klingt spanisch.
„Mrs. Vidal“, Agatha lässt sich süffisant grinsend den Namen auf der Zunge zergehen. Sie genießt es ein kleines bisschen, wie Vidals Augenbrauen leicht zucken. Hat sie etwa doch Angst? Zu schade, es hätte lustig sein können, auf jemanden Resistenten zu treffen. „Da Sie anscheinend alles so genau wissen, dürfen Sie anfangen, wenn es Euer Ehren nichts ausmacht.“ Beendet sie ihren Satz und schaut von Vidal zurück zum Richter.
Dieser nickt uninteressiert. Er kennt Agatha nur zu gut und hat sich verscheinlich schon auf ihren sieg eingestellt. Er wirft Rio Vidal einen mitleidigen blick zu.
Agatha setzt sich elegant auf ihren Stuhl und beobachtet, wie die jüngere Anwältin den ersten Zeugen in den Zeugenstuhl ruft.
Der nun folgende Schlagabtausch ähnelt einem Tanz. Jedes ihrer Worte sind Waffen. Die Aufmerksamkeit des Raumes gehört allein den beiden Anwältinnen. Die Zuschauer wissen nicht einmal mehr, worum es eigentlich geht, sie sind viel zu vertieft in das Schauspiel vor ihnen. Agatha widerlegt jeden von Vidals Einwürfen mit präzisen Fakten und logischen Schlussfolgerungen. Ihre stählerne Stimme rauscht durch den Saal wie ein Sturm. Sie braucht Notizen, keine Hilfen. Sie weiß, was sie sagt, wann sie es sagt und wie sie es sagt. Sie ist ein Profi. Agathas Rücken ist gerade, ihre blauen Augen glitzern vor Vergnügen, als sie jedes von Vidals Argumenten präzise zerstört, als wäre es nichts.
Rio Vidal bevorzugt eine andere Strategie. Sie zerstört nicht, sie lässt es wachsen. Jedes Argument baut aufeinander auf, bis es zu einem vernichtenden Höhepunkt ausartet. Sie unterbricht Agatha, macht sie wütend, versucht, ihre kalte Fassade zu brechen. Sie will eine Reaktion, eine echte. Sie will ein echtes Gefühl in diesen wunderschönen Augen. Einen kurzen Moment der Irritation. Einen Hauch von menschlichem Unbehagen. Agatha soll den Faden verliert, sodass alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht, zugunsten ihres Mandanten natürlich.
Agatha spürt die gespannten Blicke des Publikums und des Richters auf sich. Doch ihre Fassade bleibt unberührt. Ihre Worte schneiden durch die Argumente ihrer Gegenspielerin wie ein Skalpell. Vidal wird nicht gewinnen. Sie ist nur ein kleines Mädchen, nichts weiter. Trotzdem kann sie sich ein leichtes Schmunzeln darüber nicht verkneifen, dass sie versucht, Agatha Harkness zu besiegen. Töricht, aber mutig.
Egal wie sehr sich Vidal anstrengt, Agatha Harkness Pokerface bleibt bestehen. Sie schafft es nicht sie zu einer sichtbaren Reaktion zu bringen. Somit passiert genau das was Agatha von Anfang an vorhergesagt hat, sie gewinnt den Prozess.
„Mrs. Harkness, wir sind Ihnen so dankbar, dass Sie unseren Fall übernommen haben“, bedankt sich ihr Mandant. Er ist ein zugegebenermaßen recht freundlicher Familienvater, der um das Sorgerecht für seine Kinder gekämpft hat. Die Kinder drücken sich freudestrahlend an die Hosenbeine des Vaters und nicken zustimmend. Agatha setzt ein freundliches Lächeln auf und bemüht sich, so freundlich wie möglich zu wirken, trotz des hartnäckigen Kloßes in ihrem Hals. „Es war mir eine Ehre, Sie vertreten zu dürfen, Herr Bohner“, antwortet sie höflich und nimmt die ausgestreckte Hand des Mannes. „Allerdings hoffe ich sehr, wir sehen uns nicht so bald wieder“, fügt sie neckisch hinzu. Herr Bohner schüttelt den Kopf, ein erleichtertes Lachen entweicht seinen Lippen. „Das hoffe ich auch, Mrs. Harkness“, erwidert er. Agatha lässt lächelnd seine eklig verschwitzte Hand los und wischt sie sich ungesehen an dem Stoff ihrer Hose ab.
Schnell verabschiedet sie sich bei der kleinen Familie und läuft hastig aus dem Saal. Sie versucht, so ruhig wie möglich einen Schritt vor den anderen zu machen. Ihre Augen sind panisch auf einen Punkt vor ihr fixiert, um nicht ängstlich oder gar schwach zu wirken. Tränen bilden sich hinter ihren Augenlidern. Ihre Sicht verschwimmt. Ihr Herz schlägt wie verrückt in ihrem Brustkorb, als wollte es vor etwas fliehen. Sie kann nicht atmen. Agatha muss sofort hier raus.
Die Anwältin umfasst stärker den Riemen ihrer Tasche. Ihre Knöchel werden weiß. Ihre Fingernägel graben sich tief in ihre Haut. Alles ist zu laut, die Schritte auf dem Steinboden, die Stimmen anderer Menschen, das Rascheln von Stoff, das durch die Flure des Justizgebäudes hallt. Agathas Schritte beschleunigen sich unmerklich. Blind von den Tränen läuft sie direkt zum Notausgang. Sie hat kein Interesse daran, von irgendwelchen Dummköpfen aufgehalten zu werden. Agatha wirft sich fast gegen die Schutztür, welche quietschend aufschwingt. Frische nächtliche Luft umfängt sie und strömt in ihre strapazierten Lungen. Die Tür schlägt mit einem lauten Knall zurück an ihren Platz.
Agathas Rücken trifft gegen die kühle Steinwand. Mit zitternden Händen öffnet sie die Knöpfe ihrer Bluse, um endlich richtig atmen zu können. Sofort finden ihre Hände ihren Weg zu ihrem Schlüsselbein. 21... 22... 23... Sie klopft in einem ruhigen Rhythmus auf ihren Knochen. Das Pochen läuft durch ihren ganzen Körper. Je länger sie das macht, desto mehr stimmt ihr zuvor rasendes Herz in den Rhythmus mit ein. Ein Seufzer schleicht sich aus ihrem Mund. Müde schließt sie die Augen. Das Bild der Kinder rückt wieder in ihr Bewusstsein, wie sie sich lachend an den Vater klammern. So glücklich, so erleichtert, so lebendig. Schnell scheucht sie den Gedanken wieder weg. Die Kinder sind wieder zu Hause bei ihrem Vater, mehr ist nicht wichtig. Alles ist in Ordnung. Agatha knöpft sich wieder ihre Bluse zu, bevor sie sich langsam auf den Weg zu ihrem Auto macht.
An ihrem Ziel angekommen holt sie leicht zitternd ihre Autoschlüssel aus ihrer Aktentasche und will schon auf den Entriegelungsknopf drücken, als eine bekannte, samtige Stimme sie innehalten lässt.
„Guter Kampf, Harkness.“
Agatha dreht sich langsam um. Da steht Ms. Rio Vidal, lässig an einen Baum gelehnt, die Hände in die Taschen ihres Jacketts geschoben. Ihr schiefes Lächeln ist zurück, genauso nervig wie in dem Gerichtssaal. Was zur Hölle will diese Frau von Agatha? Hat sie sie nicht schon genug getriezt?
„Ich kämpfe nicht, ich gewinne“, kontert Agatha schlagfertig. Es ist fast schon eine Tortur, wie sie ihre Mundwinkel zu einem selbstsicheren Lächeln verzieht.
Ms. Vidals Lächeln wird breiter. Sie stößt sich von dem Baum ab und kommt einen Schritt auf Agatha zu. Ihre Bewegungen geschmeidig wie die einer Raubkatze, die ihre Beute umkreist. „Dann gewinn doch mit mir“, säuselt sie beinahe in einem rauchigen, versucht verführerischen Tonfall. Agathas Augenbrauen schnellen in die Höhe. Vidal steht dieser flirtende Tonfall nicht, er macht ihre Ausstrahlung zunichte. „Morgen Abend. Abendessen. Acht Uhr. Und nenn mich Rio“, kommt es aus Vidal geschossen wie bei einer Maschinenpistole. Ja, das steht ihr schon besser. Sie befiehlt und hofft, man würde sich diesen Befehlen beugen. Es ist lächerlich. Agatha starrt sie einen flüchtigen, sprachlosen Moment an. Die zwanzig Jahre jüngere Frau fragt sie tatsächlich nach einem Date. Ist das zu fassen? Und das auch noch so beiläufig, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Natürlich wird sie nein sagen, schließlich ist Agatha eindeutig hetero.
„Keine Antwort?“ fragt Rio mit einem Hauch von Belustigung, nachdem Agatha selbst nach mehreren Minuten immer noch nicht gesprochen hat. Sie steht einfach nur da und starrt Vidal an, als wäre sie ein Insekt, das sie unter ihrem Absatz zermahlen würde, wenn sie könnte. Die jüngere Frau hebt genüsslich eine ihrer perfekt geformten Augenbrauen. Es ist nicht nur eine Geste, sondern eine Frage, eine Herausforderung zu antworten.
Agatha erwacht aus ihren Gedanken bei der minimalen Bewegung. Sie wendet ihr Gesicht ab, um nachzudenken. Die Frau vor ihr lenkt sie zu sehr ab. Schließlich wendet sie sich ihr wieder zu und antwortet mit kontrollierter Neutralität: „Ich werde darüber nachdenken, Ms. Vidal.“ Natürlich wird sie das nicht. Sie hat kein Interesse an einem Stell-dich-ein mit einer Frau. Sie ist schließlich heterosexuell, sie steht auf Männer. Ja, das tut sie. Nicht wahr?
Die Frau vor ihr nickt zufrieden, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. „Natürlich wirst du das“, sie schmunzelt, erhellt ihre Gesichtszüge. Sie dreht sich um, ihre schwarzen Haare flattern in der Dunkelheit. „Te veo, Agatha!“ wirft sie über ihre Schulter. Das schiefe Lächeln bleibt selbst dann auf ihren Lippen bestehen, als sie sich auf den Weg nach Hause macht.
Agatha bleibt regungslos an Ort und Stelle stehen. In ihren Händen hält sie immer noch den Autoschlüssel. Ihr Herz schlägt viel zu schnell, obwohl es nur ein Wortwechsel mit einer Kollegin war. Zugegeben, Rio Vidal ist eine besonders nervige Kollegin. Sie ist sich nicht sicher, was sie mehr schockiert. Ms. Vidals Mangel an Zurückhaltung, sie zu einem Date einzuladen, oder ihre Frechheit, ohne Erlaubnis so vertraut mit ihr zu reden. Sie hat sie bei ihrem Vornamen genannt, verdammt noch mal. So sprechen sie noch nicht mal langjährige Kollegen an.
Agatha wirft Rio noch einen letzten Blick zu, bevor sie sich umdreht und endlich ihr Auto aufschließt. Sie gleitet elegant, ohne zu zögern, auf den weichen Ledersitz und schlägt die Autotür zu. Doch all diese unverkennbaren Geräusche verschwimmen hinter dem leisen Echo von Vidals neckischen Worten in ihrem Kopf. Dieses selbstbewusste „Te veo, Agatha“ hallt in ihr nach, als hätte Rio Vidal es direkt in ihren Geist gepflanzt. Es bringt sie so dermaßen aus dem Konzept, dass es sie ärgert. Blöde, taktlose Spanierin.
Agatha sitzt einfach nur regungslos in ihrem Auto. Wenn jemand anderes sie sehen würde, würde er bestimmt denken, sie ist eine Schaufensterpuppe. Doch Agathas Gedanken laufen auf Hochtouren. Rio Vidal geht ihr nicht aus dem Kopf. Ihr verschmitztes Lächeln, die Dreistigkeit, sie zu einem Abendessen einzuladen, und die Frage danach, was Vidal eigentlich von ihr will. Sie hat buchstäblich nichts, was sie ihr geben könnte. Natürlich ist sie erfolgreich als Anwältin, aber sonst? Agatha hat weder Freunde noch eine Familie. Sie ist ganz allein. Sie ist nicht zu gebrauchen, das wird Vidal schon noch bemerken, und dann wird sie Agatha wegwerfen wie Abfall. Aber sie kann nicht abstreiten, dass die jüngere Frau ziemlich attraktiv ist, vor allem das Lächeln. Es ist so frech, als würde sie jeden Moment etwas aushecken, aber es ist auch warm und freundlich. Nein, nein, nein. Mrs. Vidal ist eine Frau, Agatha ist eine Frau, das ist krank, abartig. Sie sollte nicht so denken.
Ihre Schultern sacken nach unten, ein frustrierter Seufzer bahnt sich seinen Weg aus ihrem Mund. Sie streicht sich über die Augen, versucht, die Spannung aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Agatha lehnt sich zurück, ihr Kopf ruht schwer gegen die Kopfstütze.
„Konzentrier dich, verdammt“, ermahnt sie sich selbst. Langsam richtet sie sich wieder auf, steckt den Schlüssel ins Zündschloss und startet den Motor des Wagens. Doch selbst die vertrauten Vibrationen des Wagens unter ihr lassen das enge Gefühl in ihrer Brust nicht verschwinden. Es ist wie ein schmerzhafter Druck, der sich nicht abschütteln lässt, eine Präsenz, die sie anzieht und gleichzeitig abstößt. Sie legt die Hände fest um das Lenkrad. Ihre Knöchel werden weiß, so fest umklammert sie es. Agatha schließt ihre Augen, konzentriert sich auf ihre Atmung. 1... 2... 3... einatmen, halten, ausatmen. 1... 2... 3... 4... 5... 6... Sie wiederholt diesen Rhythmus, bis sie sich entspannt hat. Erst jetzt öffnet sie ihre Augen und schaltet routiniert das Radio an. Sofort erfüllt ein starker Beat das Auto. Agatha schaltet den Rückwärtsgang ein und verlässt den Parkplatz des Justizgebäudes.
Die Fahrt nach Hause zieht sich scheinbar endlos. Der Verkehr ist zähflüssig, das rote Licht der Rücklichter anderer Autos versucht, sie zu blenden. Doch Agatha nimmt kaum etwas wahr. Sie ist in ihrer ganz eigenen Welt. Ihre Gedanken schweifen immer wieder zurück zu Rio Vidal. An ihre provokante Art zu argumentieren. An dieses Lächeln, das genauso viel verspricht, wie es verbirgt. Und an das Gefühl, das Agatha nicht zu benennen wagt, eine Mischung aus Herausforderung, Faszination und... Nein, darüber will und kann sie nicht nachdenken. Also konzentriert sie sich voll und ganz auf die Bewegungen des Fahrens und versucht einfach, ohne Zwischenfälle zu Hause anzukommen. Vidal ist nur eine Kollegin, mehr ist und wird sie niemals sein.
Agatha bemerkt kaum, wie sie in ihre Straße einbiegt. Sie macht es einfach automatisch. Genauso wie das Parken vor ihrem Haus, einem großen, weiß gestrichenen Gebäude mit kleinen, süßen Fenstern und einem Wintergarten. Es wirkt ruhig, fast einladend, und doch spürt Agatha, wie die Einsamkeit wie eine unsichtbare Präsenz darin lauert. Das Haus war einmal so belebt, so freundlich. Aber jetzt, schon seit Jahren, ist es ein Nichts. Nur Ziegelsteine, aufeinandergeschichtet. Es hat seine Bedeutung verloren.
Mit einem tiefen Atemzug steigt sie aus dem Auto und verriegelt es. Ihre Absätze klacken leise auf den Pflastersteinen, während sie zur roten Haustür geht. Plötzlich reißt sie das sanfte Schuhen einer Eule aus ihrer Lethargie. Wie festgewachsen bleibt sie stehen, schaut hinauf zum Dach ihres Hauses, das im fahlen Licht der Straßenlaternen fast gespenstisch wirkt. Und da tatsächlich segelt eine strahlend weiße Eule über ihrem Dach. Sie schüttelt ungläubig den Kopf und muss sofort wieder an Rio denken. Was zur Hölle. Gott, wie sehr sie diese Frau verabscheut. „Warum denke ich die ganze Zeit an sie?“
Agatha stampft extrem schlecht gelaunt ins Haus und knallt die Tür mit einem Rums zu. Für einen Moment bebt das ganze Haus. Es gibt in ihrem Haus für alles einen bestimmten Platz. Jede ihrer Bewegungen ist routiniert, fast mechanisch. In ihrem Leben darauf ausgelegt, Ordnung zu schaffen, Kontrolle zu haben. Ja, vielleicht liegt das an dem Tod ihres Sohns vor fünf Jahren. Sie hatte eine Therapie gemacht, aber ziemlich schnell abgebrochen. Ihr Therapeut konnte ihr nur das sagen, was sie schon wusste, und sie muss ehrlich zugeben, so eine tolle Patientin war sie auch nicht. Sie hatte ihm sehr oft wichtige Dinge verschwiegen, was es ihrer Therapeutin unmöglich machte, sie richtig zu behandeln. Als Abschied hatte sie ihr aber noch geraten, Strukturen zu schaffen, um das Chaos in ihrem Inneren zu beruhigen. Tatsächlich hatte es ihr geholfen. Es wurde zu ihrer mentalen Stütze. Aber heute, heute ist alles einfach zu viel. Zu viele Gedanken schwirren in ihrem Kopf.
Also geht sie in die Küche und macht sich eine Tasse Kakao mit einem großzügigen Schuss Rum. Ihr Nicky hatte immer eine gute heiße Schokolade geliebt, und Agatha mag nun mal Alkohol. Beides zusammen macht eine perfekte Mischung. Es wurde zu ihrem Lieblingsgetränk, scheiß auf den teuren Wein.
Agatha rollt sich auf der Couch zusammen und stellt den Fernseher an. Aber sie kann sich nicht konzentrieren, ihr Blick gleitet ständig ins Leere. Die Stimmen aus dem Bildschirm sind nicht mehr als ein Hintergrundrauschen. Stattdessen taucht in ihrem Geist immer wieder das Bild von Rio Vidal auf. Rio Vidal mit ihrem schiefen Lächeln und diesen durchdringenden dunkelblauen Augen.
Agatha schließt die Augen und seufzt leise. „Was will sie nur von mir?“ murmelt sie erneut. Doch insgeheim weiß sie, dass die eigentliche Frage lauten müsste: Warum interessiert sie mich überhaupt?
