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Türchen #21 - Erinnerungen auf Zelluloid

Summary:

Weihnachten ist in Leos Familie seit jeher groß gefeiert worden.

Zwar hat sich über die Jahre und Generationswechsel einiges geändert – neue Traditionen wurden geschaffen, alte dafür abgelegt – aber eins ist immer gleich geblieben – an Weihnachten trifft sich die ganze Familie und verbringt Zeit zusammen.

Notes:

Der Prompt zu diesem Beitrag lautete sich alte Fotos ansehen

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Erinnerungen auf Zelluloid

Dezember 2050

Weihnachten ist in Leos Familie seit jeher groß gefeiert worden.

Zwar hat sich über die Jahre und Generationswechsel einiges geändert – neue Traditionen wurden geschaffen, alte dafür abgelegt – aber eins ist immer gleich geblieben –  an Weihnachten trifft sich die ganze Familie und verbringt Zeit zusammen.

Was in Leos Kindheit erst in den Händen seiner Großmutter, später Aufgabe seiner Mutter gewesen ist, ist vor vielen Jahren an seine Schwester Caro übergegangen und wird nun von Leos Nichte Mia fortgeführt.

Mia, die in Leos Augen manchmal immer noch die aufgelöste Teenagerin ist, die ihm unter Tränen erzählt hat, dass Caro sie rausgeworfen hat, weil sie – mit gerade sechzehn – schwanger geworden ist.

Dabei ist Mia mittlerweile siebenundzwanzig und hat nicht nur eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, sondern auch geheiratet und ein zweites Kind bekommen.

Mia, die nun im Türrahmen ihrer Wohnung steht und ihnen lächelnd entgegenblickt.

"Schön, dass ihr da seid", meint Mia und zieht erst Adam, dann Leo in eine feste Umarmung.

Leo schlingt beide Arme um den Körper seiner Nichte.
"Hey Süße", sagt er leise und drückt ihre einen Kuss auf die Stirn.

An seiner Schulter hört er Mia leise seufzen und spürt, wie die junge Frau sich für einen Moment schwer gegen ihn lenkt.

Statt zur fragen, ob etwas passiert ist, streicht er Mia nur sanft über den Rücken. Er kann sich auch ohne Erklärung vorstellen, was los ist.
Vermutlich ist Mia – mal wieder – mit Caro aneinander geraten.

Auch, wenn es mittlerweile mehr als zehn Jahre her ist und Caro sich aufrichtig bei ihrer Tochter entschuldigt hat, kann Mia vermutlich trotzdem niemals vergessen, was ihrer Mutter ihr an den Kopf geworfen hat.

Leo und Mia haben sich gerade aus der Umarmung gelöst und sind gemeinsam in den Wohnungsflur getreten, als die Küchentür schwungvoll geöffnet wird, gegen die Wand rumst und kleine Füße über den Fliesenboden trippeln.

"Onkel Leo! Onkel Adam! Da seid ihr ja endlich."

Noch bevor Leo Gelegenheit hat den vierjährigen Kasimir zu begrüßen, erscheint seine Schwester im Türrahmen. Sie trägt eine Schürze über ihrem dunklen Kleid und hat die mittlerweile ergrauten Haare zu einem schlampigen Knoten gebunden.

"Kasimir!", sagt sie streng und eine Spur zu laut, "du sollst doch nicht ohne Hausschuhe in den Flur. Die Fliesen sind viel zu kalt!"

Kasimir zieht den Kopf ein und lässt die Schultern hängen. Vermutlich ist es nicht die erste Zurechtweisung von Caro an diesem Tag.

Leo unterdrückt ein Seufzen und fragt sich, wann Caro so streng geworden ist.
Früher, als Mia und ihr Zwillingsbruder Max noch klein gewesen sind, hat sie die Kinder ständig barfuß laufen lassen und nur die Augen verdreht, wenn ihre Mutter sich in die Kindererziehung eingemischt hat.

"Mama!" Mias Stimme klingt eine Spur zu gereizt.

Leo macht eilig einen Schritt auf seine Nichte zu und legt eine Hand auf Mias unteren Rücken. Hofft, dass er ein wenig beruhigen kann. Sonst wird das nichts mit einem harmonischen Familienfest.

"Ich möchte nur nicht, dass er krank wird", schnappt Caro und macht auf dem Absatz kehrt.

Mia seufzt leise und fährt sich mit einer Hand durch die Haare.

Kasimir, der bis jetzt regungslos im Flur gestanden ist, macht zwei kleine Schritte auf sie zu und schlingt beide Arme um die Beine seiner Mutter.

"Tut mir Leid, Mama. Ich wollte nicht, dass Oma böse wird."

Leo hört, wie Mia schluckt und nimmt aus dem Augenwinkel wahr, wie sie sich einmal schnell über die Augen wischt, ehe sie zu Kasimir in die Hocke sinkt.

"Nicht schlimm mein Schatz", sagt sie und schließt den Jungen in ihre Arme, um ihn hochzuheben.

"Kasimir", flüstert Adam und schon am Funkeln seiner Augen, kann Leo erahnen, dass er gleich dafür sorgen wird, dass die Stimmung nicht mehr so angespannt ist.

Leo wird warm ums Herz, als er dabei zusieht, wie sein Mann die Arme ausbreitet und sich Kasimir auf die Hüfte setzt.
Der kleine Junge schlingt beide Arme um Adams Hals und kuschelt sich an ihn.

Auch, wenn es kein ungewohntes Bild mehr ist, Adam mit einem Kind auf dem Arm zu sehen, kribbelt es doch jedes Mal aufs Neue in Leos Bauch, wenn es dazu kommt.

Und er bekommt auch nach mehr als zwanzig Jahren noch immer Herzklopfen, wenn er sich bewusst macht, dass Adam und er eine Familie haben.
Eine Familie mit gemeinsamen Erinnerungen, Traditionen, Alltagsorgen und besonderen Momenten.

"Ich hab manchmal auch keine Schuhe an", hört er nun Adam zu Kasimir gewandt sagen.

Kasimirs Augen werden groß. "Echt? Schimpft dann auch jemand mit dir?", will er wissen.

Adam wirft ihm einen vielsagenden Blick zu und Leo bemüht sich, nicht zu grinsen.

"Du kennst doch deinen Onkel Leo", raunt Adam, "was meinst du wohl, was der dann sagt?"

Kasimir fängt an zu lachen und strampelt dabei so heftig mit den Beinen, dass Leo kurz Sorge hat, dass er Adam dabei tritt.

"Onkel Leo ist genau so streng, wie Oma!", behauptet Kasimir im Brustton der Überzeugung.

Wieder muss Leo sich ein Lachen verkneifen. Diese altkluge Art, die kleine Kinder manchmal an sich haben, ist einfach zu komisch.

"Gar nicht wahr", meint er übertrieben empört.

In seinem Bauch kribbelt es, als Adam ihm vielsagend zuzwinkert.

"So ein bisschen stimmt das ja schon", meint nun auch Mia.

Leo schnaubt. "Ihr seid mir ja eine schöne Familie."
Er lacht dabei und legt erneut einen Arm um Mias Schulter.

"Wir sind die Besten", behauptet Adam.

Leo atmet aus. Auch jetzt sammeln sich Tränen hinter seinen Augen, wenn er merkt, mit welcher Selbstverständlichkeit Adam davon spricht, dass sie eine Familie sind.

Er schluckt hart und wendet sich an Mia: "Wo ist eigentlich der Rest?"

Der Rest, das sind Mias Zwillingsbruder Max, der mit seinem Freund Simon seit einigen Jahren in Bayern lebt. Dann ist da noch Jan, Leos großer Bruder und seine Frau Nina. Nicht zu vergessen Whiskey, der rostbraune Mischlingshund, den das Paar vor einigen Jahren aus einem Shelter in Osteuropa adoptiert hat.

"Man könnte meinen der Hund ist ein Kinderersatz", hat Caro irgendwann einmal schnippisch gemeint, als Jan und Nina eine Verabredung zum Grillen abgesagt haben, weil Whiskey sich die Pfote verletzt hatte.

Manchmal fragt Leo sich, warum Caro so negativ geworden ist. Ob es an dem Konflikt mit Mia liegt, der auch nach all den Jahren noch immer unter der Oberfläche brodelt. Vielleicht hat auch die Scheidung von ihrem Mann Tom dazu beigetragen, dass Caro manchmal zynisch reagiert und verletzende Aussagen trifft.

"… und Oskar ist noch in der Klinik, wird aber zum Essen da sein."

Mias Stimme reißt Leo aus seinen Gedanken über seine Schwester.

Oskar ist Mias Freund und Vater ihrer Kinder. Er arbeitet als Notfallsanitäter in der Rettungswache neben dem Winterberg-Klinikum

"Dann ist ja die ganze Truppe später wieder beisammen", meint Adam, während er Leo abermals zuzwinkert.

Bestimmt hat er gemerkt, dass Leo mit seinen Gedanken gerade abgedriftet ist und ihm so erspart noch mal nachfragen zu müssen ob die Familie später vollständig sein wird.

Mia lacht. "Hast du was anderes erwartet? Wir können halt einfach nicht ohne einander."

Ihre Stimme klingt etwas zittrig. Vermutlich denkt sie daran, wie schwierig es zwischen ihr und Caro in den letzten Jahren oft gewesen ist.

"Mia, kommst du bitte?", passend ertönt in diesem Augenblick Caros Stimme und sie erscheint gleich darauf mit verschränkten Armen im Türrahmen.

"Wo ist Lotta eigentlich?", fragt Leo, während Mia sich an ihm vorbeischiebt und in Richtung Küche geht.

Als Mia in der Bewegung inne hält und die Schultern anspannt, ahnt er, dass es keine gute Idee war, nach Mias Tochter zu fragen.

"Lotta ist in ihrem Zimmer", sagt Mia und ballt beide Hände zu Fäusten.

Leo räuspert sich und tauscht einen Blick mit Adam, der gerade Kasimir wieder auf dem Boden abgesetzt hat.

Wider besseren Wissens fragt Leo nach. "Was ist passiert?"

Normalerweise ist Lotta ein totaler Familienmensch. Besonders zu Adam hat sie auch heute noch eine ganz enge Bindung. Aber vielleicht entwickelt sich das Mädchen langsam aber sicher doch zum Pubertier."

"Nichts, Leo!", schnappt Caro. "Nichts ist passiert. Lotta hatte nur mal wieder eine ihrer Spinnereien."

"Mama!", sagt Mia scharf und macht mit diesem einen Wort klar, dass sie nichts weiter hören will.

Theatralisch wirft Caro die Hände in die Luft. "Meine Güte, ich hab doch nur…"

Mia schüttelt energisch den Kopf. "Du hast eine Grenze überschritten und mehr ist dazu nicht mehr zu sagen."

Damit drängt sie sich an ihrer Mutter vorbei und zieht sie am Handgelenk mit sich in die Küche. "Komm jetzt, wir müssen uns um das Essen kümmern."

"Komm Kasimir", sagt Leo und streckt eine Hand nach dem Jungen aus.

Adam tut es ihm gleich und so gehen sie gemeinsam mit dem Jungen ins Wohnzimmer.

"Gucken wir jetzt Fotos?", fragt Kasimir, als sie zu Dritt vor dem Sofa zum Stehen kommen.

Leo tauscht einen kurzen Blick mit Adam.
Normalerweise schauen sie die Fotos immer erst nach dem Essen an.

Aber vielleicht ist das heute eben nicht normalerweise, denkt Leo, während er sich auf das breite Sofa sinken lässt, das vor ein paar Jahren noch in Adams und seiner Wohnung stand.

"Machen wir. Du musst aber noch unser Album aus dem Flur holen", meint Adam an Kasimir gewandt und nimmt Leo damit die Entscheidung ab.

"Danke", formt Leo wortlos mit den Lippen.

Wieder antwortet Adam mit einem spitzbübischen Zwinkern und einem schnell zugehauchten Luftkuss.

Mit einem begeisterten Kreischen rennt Kasimir davon und verschwindet im Flur.
Es folgt ein lautes Rumpeln und Leo hält für einen Moment den Atem an, wartet darauf, dass der Junge zu weinen beginnt. Auch Adam neben ihm spannt sich merklich an, bereit aufzuspringen, sobald Kasimir auch nur einen Mucks von sich gibt.

Im nächsten Augenblick atmen sie gleichzeitig erleichtert aus, als Kasimir wieder im Türrahmen erscheint. Er hält ein großes Fotoalbum im Arm.

"Hab's gefunden", kräht er und schliddert über den Laminatboden.

Reflexartig streckt Adam die Arme aus und verhindert so, dass Kasimir mit der Armlehne der Couch kollidiert.

Leo denkt kurz, dass Caro vielleicht doch Recht hat, dass es besser wäre, wenn er Hausschuhe trägt – sagt aber nichts weiter.

Kasimir ist unterdessen aufs Sofa geklettert und schiebt sich nun zwischen Adam und Leo.

"Da", macht er und drückt Leo das Fotoalbum in die Hand.

Fast ehrfürchtig streicht Leo über das abgewetzte dunkelrote Kunstleder, in welches das Album eingeschlagen ist.
Früher, im Haus seiner Eltern, haben alle Alben genauso ausgesehen – dunkelrotes Kunstleder, goldene Verzierungen, cremefarbenes Spinnenpapier zwischen den schwarzen Tonpapierseiten, auf denen mit Fotoecken die Bilder befestigt worden sind.

Seine Mutter hat es geliebt zu fotografieren und die Alben mit Bildern zu füllen. Gewissenhaft hat sie unter jedes der Bilder eine kleine Notiz verfasst – und obwohl Leo diese Angewohnheit als Teenager ziemlich nervig gefunden und sich eine Zeitlang geweigert hat, sich ablichten zu lassen, hat er die Tradition seiner Mutter fortgeführt und auch in Zeiten von Smartphone-Kameras, Speicherclouds und digitalen Bilderrahmen am Jahresende immer ein paar Aufnahmen entwickeln lassen und diese in ein Album geklebt.
Über die Jahre haben sich dadurch auch in seinem Wohnzimmer einige Alben angesammelt – ebenso bei Caro, die die Tradition der Mutter gleichermaßen fortgeführt hat.
Selbst Mia versucht daran festzuhalten.

Leo kann sich nicht erinnern, dass es je ein Weihnachtsfest gab, an dem die Familie Hölzer nicht irgendwann zusammen gesessen ist, um in den Fotoalben zu blättern.

"Loooos", quäkt Kasimir und patscht Leo auf den Arm.

Leo schmunzelt und wirft Adam über den dunkelblonden Haarschopf des Jungen hinweg einen Blick zu.

Am Morgen hat er nicht wirklich darauf geachtet, welches der Alben er einpackt, sondern einfach nach irgendeinem Buchrücken gegriffen. Sie sind spät dran gewesen, weil sie es am Morgen erst nicht aus dem Bett geschafft und dann ewig unter der Dusche gebraucht haben.

Leos Magen kribbelt, wenn er sich an das Gefühl von Adams Lippen auf seiner Haut erinnert. Auch nach fast dreißig Jahren hat Adams Anziehungskraft auf ihn nicht nachgelassen und auch, wenn der Sex nicht mehr so häufig und leidenschaftlich ist wie zum Beginn ihrer Beziehung, schafft Adam es immer noch regelmäßig ihn um den Verstand zu bringen.

Als hätte Adam gespürt, in welche Richtung Leos Gedanken gerade abgedriftet sind, legt er ihm in genau diesem Augenblick eine Hand aufs Knie und drückt sanft.

"Leoooo! Aaaaadam!" Energisch macht Kasimir auf sich aufmerksam und patscht mit seiner kleinen Hand auf den Einband des Albums.

"Dann fang mal an", sagt Leo und ergänzt schnell, "aber vorsichtig!"

Nur zu gut erinnert er sich noch daran, wie oft das feine Seidenpapier früher eingerissen ist, wenn die Kinder zu übermütig gewesen sind, beim Umblättern der Seiten.

"Fuck!", entfährt es Adam beim Anblick der Bilder und Leo wirft ihm einen bösen Blick zu.

Tatsächlich dauert es keine Sekunde, bis von Kasimir ein schelmisches »'Fuck' – darf nur der Adam sagen « zu hören ist. Dabei grinst er von einem Ohr bis zum anderen.

Schuldbewusst zieht Adam den Kopf ein und Leo kann nur mit Mühe ein Kopfschütteln unterdrücken.

Natürlich lernen die Kinder spätestens in der Schule noch weitaus schlimmere Kraftausdrücke, aber er will nicht dafür verantwortlich sein, dass Kasimir einer von denen ist, der den anderen solche Worte beibringt.

"Und der sagt das heute auch nicht mehr!", meint Leo an seinen Neffen gewandt.

"Wird er wohl. Adam sagt das ständig", kichert Kasimir.

Leo seufzt – wo Kasimir Recht hat, hat er Recht.

Als Leo nun einen ersten Blick ins Album wirft, kann er nachvollziehen, warum Adam das Wort entkommen ist. Nur mit Mühe kann er verhindern, dass ihm ebenfalls ein 'Fuck' entkommt.

Stattdessen sagt er: "Die Bilder sind ja ewig her."

Adam brummt nur zustimmend.

Tatsächlich sind die ersten Bilder dieses Albums in der Anfangszeit von Adams Rückkehr entstanden und Leo fragt sich, warum er es damals für eine gute Idee gehalten hat, diese Aufnahmen in sein Album zu kleben.

Da ist eine Aufnahme von Adam, ihm und den früheren Kolleginnen Esther Baumann und Pia Heinrich.
Er kann sich noch erinnern, wie der damalige Pressesprecher des Präsidiums, mit einer jungen Fotografin im Schlepptau bei ihnen im Büro aufgetaucht ist.

Locker sollte die Aufnahme wirken – die für eine Broschüre über die Ausbildungsmöglichkeiten bei der saarländischen Polizei – erstellt wurde.
Von Lockerheit ist auf dem Bild jedoch nichts zu sehen.

Sie wirken alle Vier verkrampft, nahezu angespannt – auch Pia und Esther.
Besonders aber Adam und er selbst.

Leo schluckt und spürt, wie ihm der Hals eng wird.
Im nächsten Moment spürt er die Berührung von Adams Hand auf seinem Knie und wieder treffen sich über Kasimirs Kopf hinweg ihre Blicke.

Fast ein halbes Leben ist dieses Bild her und trotzdem kann Leo noch die Angst spüren, die zum damaligen Zeitpunkt sein ständiger Begleiter gewesen ist.

Roland Schürk, die Drecksau, die Adams Vater gewesen ist, gerade aus dem Koma erwacht, Adam, der diese Tatsache vor Leo verheimlicht hat, der tödliche Schuss auf Peter Lausch.

Leo schluckt hart und schlägt schnell die Seite um.

Das nächste Bild ist wieder eine Aufnahme vom gesamten Team, aber die Aussagekraft könnte anders nicht sein.

Kein ernster Gesichtsausdruck, keine verbissenen Mienen, nur lachende Gesichter – das Team beim Sommerfest, im darauffolgenden Jahr, zusammen mit der Pathologin Dr. Henny Wenzel.

"Weißt du noch?", raunt Adam und wieder findet seine Hand ihren Platz auf Leos Knie.

Leo schluckt und blinzelt – wie könnte er das vergessen.

"Weiter", verlangt Kasimir in diesem Moment energisch und reißt Leo damit aus seiner Erinnerung.

Die Erinnerung an den ersten Kuss mit Adam. Im Schatten einer Straßenlaterne, auf dem Heimweg vom Sommerfest zurück zu Leos Wohnung.

Was eigentlich nur eine Übergangslösung hatte sein sollen – schließlich brauchte Adam Hilfe mit seinen gebrochenen Fingern – wurde recht schnell zu einer dauerhaften Situation.

"Langsam Kasimir", ermahnt Leo den kleinen Jungen und verhindert, dass er mehrere Seiten gleichzeitig umschlägt.

Kasimir grummelt leise: "Aber ich kenn die Leute doch gar nicht!"

Adam lacht und wuschelt ihm durch die Haare.

"Die hier", sagt er dann und tippt auf eins der Bilder, "kennst du!"

Kasimir schaut auf das Foto, dann zu Adam, zurück auf das Foto und wieder auf das Bild. "Gar nicht wahr!"

"Doch", stimmt Leo zu, "das da", sagt er und tippe ebenfalls auf das Bild, "ist deine Oma!"

Kasimir reißt die Augen auf. "Du schwindelt. Oma hat doch graue Haare."

Leo presst sich die Faust gegen den Mund und Adam räuspert sich verdächtig heftig.

"Früher hatte Oma keine grauen Haare und Leo auch nicht!", erklärt Adam.

Leo wirft ihm einen vielsagenden Blick zu und Adam grinst. Streckt eine Hand aus und streicht schnell über Leos Schläfe, die mittlerweile nicht mehr der einzige Teil seiner Haare sind, welcher die braune Farbe verloren hat.

"Ehrlich wahr?", fragt Kasimir, der ihm nicht zu glauben scheint.

Mit ernstem Blick hebt Adam zwei Finger. "Ich schwöre", sagt er feierlich.

Als Leo das Bild nun genauer betrachtet, wird es in seiner Brust ein wenig eng.

Caros Hochzeit – seine Schwester und ihr nun geschiedener Mann Tom. Caro hochschwanger mit den Zwillingen Mia und Max. Ein Mann, von dem Leo nicht mehr den Namen weiß, auf Toms Seite. Er, als Caros Trauzeuge auf der anderen Seite. Adam neben ihm. Dahinter die jeweiligen Elternteile des Brautpaares.

Es ist nicht nur die Erinnerung an seine Eltern, die Leo das Herz schwer werden lässt. Sein Vater ist mittlerweile mehr als fünfzehn Jahre verstorben und auch der Todestag seiner Mutter jährt sich im nächsten Frühjahr schon zum vierten Mal.

Was jedoch vor allem dafür sorgt, dass Leo kurzzeitig das Gefühl hat, keine Luft mehr zu bekommen, sind Adam und er selbst. Damals, an Caros Hochzeit, hat er noch geglaubt, dass alles gut werden wird und Adam und er die Kurve bekommen.
Heute, mit Abstand und dem Wissen, was alles noch passieren wird, ist ihm klar, dass die zwischenzeitliche Trennung unausweichlich gewesen ist.

"Leo", wispert Adam neben ihm und seine Stimme klingt brüchig.

Dieses Mal ist es Leo, der nach Adams Hand greift und ihre Finger miteinander verhakt.

Die nächsten Seiten würde er am liebsten einfach überblättern, aber scheinbar erwecken gerade die nun folgenden Bilder Kasimirs Aufmerksamkeit.

"Bist du das?", fragt er und dreht sich aufgeregt zu Leo um.

Leo nickt und schämt sich noch heute dafür, dass er damals so dumm war und auf die Touristenfalle mit dem Elefanten-Ritt reingefallen ist.

Drei Wochen hat er damals alleine in Afrika verbracht. Hat raus gemusst aus der Stadt. Konnte Adams Nähe nicht ertragen.
Zum Glück haben sie die Reise nach Tansania einige Jahre später gemeinsam wiederholt, sonst würde Leo mit Ostafrika wohl für immer schlaflose Nächte und verheulte Kopfkissen verbinden.

So plötzlich, wie Adam von den Fotos verschwunden ist, so unerwartet ist er mit einem Mal wieder da.

Noch heute liebt Leo das erste Bild ihres gemeinsamen Neustarts. Verschwitzt und mit sonnenverbrannten Nasen sitzen sie vor einer Berghütte.

Adam neben ihm unterdrückt ein prustendes Lachen und Leo wirft ihm einen warnenden Blick zu.

Für einen Sekundenbruchteil blitzt Adams Zungenspitze in seinem Mundwinkel auf und Leo kann sich in etwas vorstellen, woran er gerade denkt.
Auch er kann sich noch gut an die Nacht auf dem Heuboden des abgelegenen Berghofs erinnern. An Adam, der ihn ins Stroh gepresst und atemlos geküsst hat. Er meint Adams verzweifelt Stöhnen noch hören zu können, als Leo ihn erbarmungslos gefickt und von einem Höhepunkt zum nächsten getrieben hat. Beide hatten sie tagelang noch kleine Kratzer am ganzen Körper, wo die Strohhalme ihre Haut verletzt haben.

Leo will gerade die nächste Seite umschlagen, als leiste Türklappern ihn inne halten lässt.
Sein Blick geht in Richtung des hinteren Flurs und tatsächlich erscheint nun Lotta im Türrahmen.

Sie lächelt zaghaft und schiebt sich eine lange Haarsträhne hinter das linke Ohr.

Als Leo die Farbe bemerkt – zuckerwattiges Rosa – kann er sich in etwa vorstellen, was der Grund für Caros Ausraster gewesen ist. Normalerweise sind Lottas Haare dunkelblond.

"Hey Süße", sagt er leise und streckt eine Hand nach ihr aus.

"Hey", murmelt Lotta und lächelt ihm kurz zu, bevor sich zu strahlen beginnt und sich neben Adam auf die Armlehne sinken lässt.

"Sieht gei-el aus", hört er Adam flüstern.

Lotta beginnt zu strahlen und schmiegt sich augenblicklich enger an Adams Seite.
Sanft küsst Adam die Schläfe des Mädchens und legt einen Arm um ihre schmalen Schultern.

Wärme durchflutet Leos Herz und ein unbeschreibliches Glücksgefühl macht sich in ihm breit, beim Anblick seines Mannes und dem Mädchen.

Seit jeher hat Adam einen besonderen Draht zu Lotta gehabt. Er ist es auch gewesen, der sich die Nächte um die Ohren geschlagen hat, als Koliken und Zähne dem Kind um den Schlaf geraubt haben.

"Ist das Moritz?", fragt Lotta und tippt auf eins der Fotos.

Leo reißt sich von Adams Anblick los und blickt zurück ins Fotoalbum.

"Ist er", bestätigt Leo.

"Ihr könntet echt Zwillinge sein", meint Lotta und lehnt ihren Kopf gegen Adams Schulter.

"Mir ist langweilig", verkündet Kasimir, als Leo die nächste Seite im Album aufschlägt.

Halbherzig versucht Leo ihn mit: "Guck mal, das sind deine Mama und Onkel Max", zum Bleiben zu bewegen, aber es stört ihn nicht wirklich den Rest des Albums alleine zusammen mit Adam anzuschauen.

"Na komm, wir können zusammen was basteln", schlägt Lotta vor und löst sich von Adam.
Sie erhebt sich vom Sofa und streckt ihrem kleinen Bruder die Hand hin.

"Aber nur ich darf den Glitzerkleber verwenden!", erklärt Kasimir, während er vom Sofa hopst.

Lotta seufzt und pustet sich eine Haarsträhne aus der Stirn, während sie sich von ihrem Bruder zu den Kinderzimmern ziehen lässt.

"Die Kleine ist toll", murmelt Leo, während er zu Adam aufrückt und seinen Kopf an Adams Halsbeuge lehnt.

Adam brummt zustimmend und presst seine Nase gegen Leos Schläfe.

Leo wendet sich wieder dem Album zu. Die folgenden Seiten sind vor allem mit Familienbildern gefüllt – die ganze Familie bei der Einschulung von Max und Mia, ein Gruppenbild vom gemeinsamen Ausflug an einen Badesee.

Leo erinnert sich gern an diesen Sommer zurück, in dem Adam und er wieder – und dieses Mal endgültig – zueinander gefunden haben.

Leicht ist es nicht gewesen und es hat Monate gedauert, bis sie es überhaupt geschafft haben, wieder normal miteinander umzugehen.

Besonders in den ersten Wochen nach ihrer Trennung und Adams Auszug, haben sie nur das Nötigste miteinander gesprochen und jeden privaten Kontakt vermieden – Leo hat jede einzelne Sekunde gehasst.

"Fuck", entfährt es Adam neben ihm erneut und Leo kann nicht nur spüren, dass sein Mann sich anspannt, er hört auch, dass Adams Atmung abgehakt wird.

Sanft greift er nach Adams Hand und verhakt ihre Finger, es klirrt leise, als sich ihre Eheringe berühren.

"Ich vergesse jedes Mal, dass es dieses Foto gibt", presst Adam hervor. Es ist deutlich zu hören, wie viele Mühe es ihm macht zu sprechen.

Leo lehnt sich schwer gegen ihn, drückt seine Nase hinter Adams Ohrläppchen und presst einen Kuss auf die Halsbeuge.

Leo hasst dieses Bild – er selbst, blass und abgemagert, in einem verwaschenen T-Shirt und einer Jogginghose, die zum Zeitpunkt der Aufnahme, auf seinen Hüften kaum Halt gefunden hat. Der linke Arm vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen in einem Gipsverband, ein großes Pflaster auf der rechten Gesichtshälfte, die Haare oberhalb der Stirn komplett abrasiert. Er sitzt in einem Rollstuhl, ein Bein auf einer Erhöhung und ebenfalls im Gips. Im Hintergrund sind verschwommen das Klinikgebäude des Winterberg-Klinikums und der Krankenhauspark zu erkennen.

Auch nach mehr als zwanzig Jahren kann Leo sich an die letzten Sekunden vor der Explosion nicht erinnern, ebenso wenig an die erste Zeit im Krankenhaus, nachdem er aus dem Koma erwacht ist.

Einmal hat er versucht, Adam danach zu fragen, hat ihn gebeten, ihm alles zu erzählen. Als Adam jedoch keine zwei Minuten später zitternd und weinend in seinen Armen lag, hat Leo begriffen, dass es manche Dinge nicht wert sind, besprochen oder rekonstruiert zu werden.

Auch nach all den Jahren wühlen die Erinnerungen seinen Mann scheinbar immer noch auf.

Adam schnieft und Leo fühlt die hauchzarte Berührung seiner Lippen an der Schläfe. Adams Schnauzer kratzt über seine Haut. "Damals dachte ich wirklich, dass ich dich verloren habe. Gerade als…"

"Ich bin doch da, Adam", flüstert er und drängt sich Adam noch ein wenig mehr entgegen.

Adam schluckt, scheint nicht in der Lage zu sein, etwas zu sagen.

Leo weiß auch so, was er meint.
Damals, als sie gerade einen Neuanfang gewagt und ihrer Liebe eine zweite Chance gegeben haben.

Damals, als sie sich dazu entschieden haben, es dieses Mal langsam anzugehen und sich gegenseitig mehr Freiraum lassen wollten.

Darum ist Adam auch nicht direkt wieder bei Leo eingezogen, sondern hat versucht, aus seinem Elternhaus ein Zuhause zu machen. Wollte auch der Beziehung zu seiner Mutter eine zweie Chance geben.

Nach Heide Schürks ungeheuerlichen Vorwürfen hat Adam nie mehr eine Fuß über die Schwelle dieses furchtbaren Betonklotzes gesetzt und auch nie mehr mit seiner Mutter Kontakt aufgenommen.

Es war ein Anwalt, der sie einige Jahre später darüber informiert hat, dass Heide Schürk verstorben ist und ihren Sohn zum Alleinerben gemacht hat.
Adam hat keine Sekunde gezögert und das Erbe ausgeschlagen.
Es folgen Bilder vom Umzug in eine gemeinsame Wohnung – hell und lichtdurchflutet im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses am Stadtrand – sie leben bis heute dort und können sich keinen schöneren Platz für ihre gemeinsame Ruhelage vorstellen.

Die nächste Seite wird ausgefüllt von einem einzigen Bild.
Caro hat es tatsächlich geschafft, genau den Moment einzufangen, in dem Leo Adams Geschenk ausgepackt und realisiert hat, dass sich in der kleinen schwarzen Samtschatulle Eheringe befinden.

Leo spürt, wie sich Tränen hinter seinen Augen sammeln, als er sich an den Augenblick erinnert, in dem Adam vor ihm auf die Knie gegangen ist, um ihn zu fragen, ob sie heiraten wollen.

Er dreht den Kopf, so, dass er Adams Mundwinkel küssen kann.

"Nicht weinen, Baby", flüstert Adam.

Leo spürt eine sanfte Berührung unter seinem Auge, wo Adams Daumen eine Träne auffängt.

Er spart sich die falsche Behauptung, dass er doch gar nicht weint, blinzelt zweimal und wendet sich wieder dem Album zu.

Erneut folgen verschiedene Aufnahmen der Familie und Kolleginnen. Darunter einige Bilder ihrer Hochzeit und den Flitterwochen, die sie in Neuseeland verbracht haben.

"Ich finde es immer noch eine Schande, dass du für das Outfit", Adam tippt mit dem Zeigefinger auf ein Foto, "nicht den ersten Preis beim Bad Taste Wettbewerb gewonnen hast", meint Adam, als er die nächste Seite aufschlägt.

Er lacht und küsst erneut Leos Schläfe, als der leise grummelt.

Es ist ein Gruppenbild mit den Kolleginnen Esther und Pia. Aufgenommen bei einer Feier im Präsidium.

Leo schluckt und lehnt sich dankbar in die Umarmung, die Adam ihm mit dem Arm bietet, den er ihm nun um die Schulter legt.

"Wie es Pia wohl geht?", sagt er leise und beißt sich auf die Lippen.

Es ist Jahre her, seit sie etwas von Pia gehört oder gesehen haben.

Nach der Explosion im Bunker hat Pia zwar so getan, als ob alles in Ordnung wäre und nach der Rückkehr aus dem Krankenstand auch ihre alte Position wieder besetzt, aber es hat nicht lange gedauert, bis nicht nur Leo gemerkt hat, dass die Entführung und all das, was damit zusammenhängt und darauf gefolgt ist, Pia nachhaltig verändert hat.
Zunächst hat sie es mit der Versetzung in eine andere Abteilung versucht. Aber auch da hat sie es nicht lange ausgehalten. Der Wechsel in den reinen Innendienst hat ihr zwar ein paar Jahre Ruhe beschert, aber die Schatten des Erlebten nicht gänzlich vertreiben können – und eines Tages ist sie einfach nicht mehr da gewesen.

"Ich bin sicher, dass es ihr gut geht", flüstert Adam.

Seine Stimme klingt rau und Leo muss nicht zu ihm aufsehen, um die Tränen zu bemerken, die in Adams Augen schwimmen.

Fast ein Jahr haben sie nichts von Pia gehört, bis mit einem Mal eine Postkarte angekommen ist. Nicht mehr als ein kurzer Gruß und die Versicherung, dass es ihr gut geht und sie glücklich ist, da, wo sie jetzt ist.

Ab diesem Zeitpunkt haben sie als Dreier-Team weitergemacht. Obwohl die Personalabteilung immer wieder angeboten hat, dass man eine vierte Person für das LKA 1 suchen und einstellen kann, haben weder er, noch Adam oder Esther daran Interesse gehabt – und so waren es lediglich Praktikanten und Anwärter, die sie zeitweise unterstützt haben.

"Wir sollten uns bald mal wieder mit Esther treffen", meint Leo, während er seinen Blick über die Bilder vom zehnten Geburtstag der Zwillinge streifen lässt.

Adam brummt zustimmend und ergänzt: "Vorausgesetzt sie hat überhaupt noch Zeit für uns, jetzt, wo sie ihrem TRS überall hinterher reist."

Leo lacht und pufft Adam den Ellenbogen in die Seite. "Mach dich nicht lustig darüber. Es ist halt ihre Leidenschaft."

Adam schnaubt. "Das sagst ausgerechnet du? Fußball hat dich doch noch nie interessiert und eigentlich eher genervt."

Leo brummt leise. Adam hat Recht. Er kann auch heute noch nicht nachvollziehen, was Esther an dieser Sportart so faszinierend findet, dass sie mittlerweile einen Großteil ihrer Zeit und Unsummen dafür investiert, um den Saarbrücker Fußballverein möglichst oft live spielen zu sehen.

"Daran hat sich auch nichts geändert", gibt er daher zu, "aber die Reisen, die sie in den letzten Jahren gemacht hat und wo sie überall war, das kann sich schon sehen lassen."

Der TRS ist irgendwann in den späten 2020er Jahren erst in die zweite und dann ziemlich schnell in die erste Liga aufgestiegen und hält sich seitdem dort. Belegt dabei immer wieder Tabellenplätze, die eine Teilnahme am internationalen Wettbewerb ermöglichen und so hat Esther inzwischen einiges gesehen von Europa und dem Rest der Welt.

"Der Tag damals im Stadion war trotzdem cool", meint Adam und tippt auf das letzte Foto der aktuellen Seite.

Es zeigt sie beide, zusammen mit Esther, Pia und den damaligen Teenagern Max und Mia.

"Hm", macht Leo und schluckt.

Der Stadionbesuch war einer der letzte gemeinsamen Ausflüge, die sie mit Pia unternommen haben. Danach hat die Kollegin sich nach und nach immer mehr zurückgezogen.

"Leo", sagt Adam sanft.

Leo seufzt leise und schließt die Augen. Genießt das warme Gefühl von Adams Finger, die ihn sanft im Nacken kraulen.

Er weiß, dass es nicht seine Schuld ist, dass Pia es nicht mehr ausgehalten und verschwunden ist und trotzdem macht es ihm an Tagen wie heute immer noch zu schaffen, nicht zu wissen, wo Pia ist und ob es ihr wirklich gut geht.
Zu sehr erinnert ihn ihr Verschwinden an damals, als Adam von einem auf den anderen Tag einfach weg war.

"Leo!", wiederholt Adam seinen Namen. Energischer dieses Mal.

"Ich weiß", murmelt er und lehnt seinen Kopf gegen Adams Schlüsselbein.

Adams Lippen streifen seine Schläfe.
"Es ist nicht deine Schuld", summt Adam.

Leo schluckt und blättert eilig eine Seite im Album um. Muss beim Anblick des Fotos schmunzeln und schafft es tatsächlich die trüben Gedanken zu verdrängen.

"Henny haben wir auch schon viel zu lange nicht mehr besucht", meint Adam, dem anzuhören ist, dass auch ihn die Aufnahme nach all den Jahren noch immer zum Schmunzeln bringt.

Es ist ein Bild, das in einer dieser Fotoboxen entstanden ist, die besonders in den 2020er Jahren beliebt waren und auf keiner Hochzeit, Geburtstagsparty oder Firmenfeier fehlen durften.
Auch das Personalamt des Saarbrücker Präsidiums hat es für eine gute Idee gehalten, in einem Jahr ein solches Gerät ins Foyer zu stellen.

Sie stehen alle gemeinsam vor einer auf Leinwand gedruckten Winterlandschaft – verschneite Berge im Hintergrund, gezuckerte Baumwipfel, Sterne am Himmel, in der Ferne der Schlitten den Weihnachtsmanns mit den Rentieren vornweg . Schon alleine das ist der pure Kitsch.

Leo kann sich noch dunkel daran erinnern, wie viel Freude die frühere Pathologin Dr. Henny Wenzel daran gehabt hat, sich durch die Kiste mit den diversen Kopfbedeckungen, Perücken, Tüchern und Schildern zu wühlen, die als Accessoires für die Bilder zu Verfügung gestanden sind.
Am Ende hat jeder von ihnen nicht nur eine Kopfbedeckung getragen, sondern war richtig gehend verkleidet.

"Wir sehen einfach so bescheuert aus", murmelt er gegen Adams Halsbeuge.

Der lacht leise schnaubend und streicht mit seiner Nase über Leos Scheitel – es kribbelt angenehm.
"Spießer", raunt er.

Leo grummelt leise, was Adam ein weiteres Lachen entlockt.

"Wenn die Feiertage rum sind, holen wir das Treffen mit Esther nach. Wenn wir uns vor Mitte Januar im Präsidium blicken lassen, gibt es sowieso nur Ärger mit der Personalabteilung", meint Leo.

Schon vor einigen Jahren sind sie beide in den Innendienst gewechselt – während Leo eine Stelle im Führungsstab übernommen hat, arbeitet Adam im Ausbildungsbereich – und was für Leo am Anfang unvorstellbar geklungen hat, funktioniert besser als gedacht. Tatsächlich schafft Adam es jedes Mal einen Draht zu den neuen Anwärtern aufzubauen und steht ihnen stets mit Rat und Tat zur Seite.

"Den wäre es doch am liebsten, wenn wir gar nicht erst zurückkommen, nach dem Weihnachtsurlaub", raunt Adam und streicht mit der Nase hinter Leos Ohrläppchen entlang.

"Hm", macht Leo zustimmend, "aber die erste Jahreshälfte werden sie und wohl oder übel noch ertragen müssen."

Im Sommer werden Adam und er gemeinsam in den Ruhestand gehen. Anfang sechzig erscheint ihm das perfekte Alter zu sein, um die Arbeitswelt hinter sich zu lassen und das Leben zu genießen – so lange man es noch kann. Der Tod seines Vaters, dem eine jahrelange Krankheit vorausgegangen ist, hat ihm gezeigt, wie schnell das Leben Pläne über den Haufen werfen kann.

Nicht, dass Adam und er das nicht auch zu Genüge am eigenen Leib erfahren hätten.

"Und dann können die uns alle mal", raunt Adam.

Leo gluckst leise und macht sich jetzt lieber noch keine Gedanken darüber, wie Adam an ihrem letzten Tag das Präsidium verlassen wird. Er kann sich durchaus vorstellen, dass seinem Mann etwas vorschwebt, das für längere Zeit einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Sie blättern weiter durchs Album. Schmunzeln über Max' Outfits und Frisuren, die von Jahr zu Jahr ausgefallender und bunter werden, bis aus dem aufmüpfigen Teenager ein sanfter junger Mann wird der an der Seite seines Partners einen Platz im Leben gefunden hat.

Am Rande bekommen sie mit, dass mittlerweile auch Jan und Nina eingetroffen sind und während sein Bruder sofort von Caro und Mia in die Küche geholt wird – weil nur er das Salatdressing so hin bekommt, dass es schmeckt wie früher bei ihrer Mutter – folgt Nina Kasimir ins Kinderzimmer um zu verhindern, dass Hund Whiskey am Ende mit Glitzer dekoriert ist oder schlimmstenfalls eine neue Frisur verpasst bekommt.

"Ziemlich viel passiert in den letzten Jahren", meint Adam, nachdem er das Album zugeklappt und auf den Couchtisch gelegt hat.

Leo brummt zustimmend und kuschelt sich zufrieden in Adams Armbeuge.

Vermutlich dauert es nicht mehr lange, bis Mia Bescheid gibt, dass das Essen fertig ist und Caro meckern wird, dass Max und Simon es doch wenigstens einmal im Jahr schaffen können pünktlich zu sein.

Für den Rest des Tages wird Trubel herrschen, aber bis es soweit ist, genießt er diesen kurzen Moment der Stille und Zweisamkeit und erinnert sich an all die Jahre, die sie bis jetzt miteinander verbringen durften.

 

Notes:

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