Work Text:
Das ist ja nicht mal links, was ich sag’.
Guck mal, wir sind ja nicht mal linksradikal.
Das ist einfach nur normal.
Alle hassen Nazis, alle hassen Nazis
Alle hassen Nazis, KAFVKA
🗳️
Sobald sie die S-Bahn Station verlassen, schluckt ein Strom skittlesbunter Menschen Friedrich und Lotte.
“Wie sollen wir denn hier Alex finden!”, ruft er und weicht einer schwankenden Menschentraube aus, die ein “Free Hugs” Schild umringt. Lottes kalte Hand krallt sich an seiner fest. Sie ist definitiv im Nachteil – immerhin lässt Friedrichs schlaksige Figur es zu, dass er ein wenig über die Köpfe hinweg schauen kann. Lotte dagegen ist mehr so auf der Höhe, auf der sie vorübergehenden Menschen punktgenau auf die Brüste schaut. Nicht, dass sie sich beschweren würde.
Wobei sie jetzt erst mal brav ihr Handy checkt. “Er schreibt, er ist beim Starbucks. Er ist so basic.”
Immerhin weiß Friedrich, wo das ist. “Na dann mal ab.” Er nimmt Lottes kalte Hand fester und zieht sie näher an sich ran. “Geh nicht verloren.”
“Ha”, sagt sie, aber der Sarkasmus ist davon abgeschwächt, dass sie jetzt durchaus Brüste gefunden hat. Was an sich schon eine Leistung ist, weil die meisten durchaus schlauer waren als Friedrich und sich für das Februarwetter passend angezogen haben. Er hat zwar selbst eine Strumpfhose unter seinem Rock, aber die lässt mehr kalten Wind durch, als ihm lieb ist, und seine Lederjacke hat ein Loch.
Auf dem Weg zum Starbucks kommen sie an nicht weniger als drei Schildern vorbei, die verschiedene Varianten von “Hass ist keine Meinung” verkünden. Für jedes einzelne jubelt Lotte und gibt High Fives. Friedrich ist froh, dass er sie an der Hand hat – bei der letzten Demo hat er sie für eine Stunde verloren und erst wieder gefunden, als sie dabei erwischt worden war, wie sie AfD-Plakate mit Eiern bewarf.
Als sie Alex finden, hat er Novalis im Gepäck, der gleich ein ganzes Papptablett an Starbucks-Bechern hält. Seine strähnigen, knallblauen Haaren fallen ihm in die geschminkten Augen.
“Oooh”, ruft Lotte und lässt Friedrichs Hand los, um sich einen White Caffé Mocha zu schnappen. “Ihr seid solche Schätze!”
“Wir sind Hypocrites", sagt Novalis und nimmt seinen eigenen Schluck. “Demonstrieren gegen Faschismus und gehen Starbucks holen.”
“No ethical consumption under capitalism,” kommentiert Alex und lässt seinen Blick über die Menge schweifen. “Haben wir sonst alles, was wir wollen?”
“Fritz will noch einen Sugar Daddy," sagt Lotte. “Am besten einen, der Ahnung vom Schreiben hat und Anzug trägt.”
“Lotte will die Klappe halten,” sagt Friedrich und piekst sie in die Seite. “Ne ich denke es passt. Ist auch schon Viertel vor.”
“Auf geht’s, ab geht’s,” meint Novalis, rückt seine gelb-weiß-lila-schwarze Flagge zurecht und schnappt sich sein “Blauwal gegen Blauwahl” Schild. Auf der Rückseite steht Rezo for President.
Es ist sehr einfach, die Bühne zu finden. Es wird nur voller, aber Friedrich kann sich nicht darüber ärgern. Jeder Mensch hilft gegen den Pessimismus, der sich hartnäckig in ihm breit machen will. Er packt den Stiel seines eigenen Schildes fester.
Sie finden einen guten Platz leicht seitlich an der Bühne. Dort performt gerade eine Drag Queen, die sich auf Schuhen hält, bei denen man grün vor Neid werden könnte.
Lotte folgt Friedrichs Blick. “Denk nicht mal dran, Schätzchen. Man kann schon so mit dir nirgendwo hin gehen.”
“Excuse you!” Allerdings wird seine gerechtfertigte Entrüstung ein wenig davon unterbunden, dass sich in diesem Moment eine kleine Traube kichernder Schüler:innen an ihnen vorbei drückt, die Friedrich ziemlich unverhohlene Blicke zuwerfen. Einer von ihnen hat ein “Free Kisses” Schild um den Hals. Friedrich schaut schnell weg.
Charlotte tätschelt ihm den Arm. “Wärst du halt weniger hübsch, Fritzchen. Oder weniger groß.”
“Oder weniger rothaarig”, meint Alex. “Du hast halt diesen Charme von so einem schwindsüchtigen viktorianischen Lehrling.”
Friedrich blinzelt. “Äh. Danke?”
“Gern geschehen.”
In dem Moment tippt jemand gegen das Mikrofon und eine der Organisator:innen heißt sie alle willkommen. Es wird gejubelt und Schilder geschwungen. Friedrich schüttelt sein eigenes.
“Kommt Körner eigentlich noch?”, brüllt Lotte ihm ins Ohr. “Oder wie war das?”
“Ich glaub’ er hat verschlafen,” ruft Friedrich zurück, bevor er unterstützend pfeift, als die Rednerin sie dazu aufruft, Liebe zu wählen. Es ist eine ziemlich gute Rede. “Aber er meinte, er kommt nach.”
Nach zwei Reden folgt eine Musikeinlage. Friedrich kennt die Gruppe nicht – er hört generell nicht so viel Musik, es lenkt ihn eher vom Schreiben ab. Aber der Beat ist gut, und die Masse geht mit. Lotte neben ihm hopst so wild, dass er Angst hat, sie geht ihnen verloren. Sicherheitshalber nimmt er sie wieder an die Hand, was allerdings dazu führt, dass er jetzt auch hopsen muss. Immerhin hält es warm.
Die Gruppe performt noch ein zweites Lied, dann geht es wieder an die Reden. Friedrich ist jetzt schon kalt. Er überlegt gerade, ob er irgendwie Lotte als Heizung abkommandieren kann, als im jemand auf die Schulter tippt.
Er dreht sich um. Hinter ihm steht ein junger Mann mit einem Mädchen auf den Schultern, die ein “Lillifee statt AFD” Schild schwenkt.
Friedrich muss grinsen. “Klasse Schild.”
“Danke!” fiepst das Mädchen. Sie hat eine unglaublich putzige Zahnlücke und lispelt ein bisschen. “Wenn ich groß bin, werde ich Lesbe.”
Ihr Vater seufzt. “Jetzt komm du erstmal in die Schule.” Dann wendet er sich wieder Friedrich zu. “Es tut mir echt leid, aber Sie sind einfach zu groß. Wir sehen von hinter Ihnen nichts.”
Friedrich wird rot. “Ohje! Das tut mir so leid – hier, kommen Sie vor mich! Mit meinem Schild wird das sicherlich nur schlimmer, ich stelle mich ein bisschen weiter nach hinten.”
Der Mann bedankt und entschuldigt sich sicher noch drei Mal und quetscht sich an Friedrich vorbei. Ehrlich gesagt macht es ihm wenig aus – die Menge ist schon etwas viel. Er atmet gerne ein bisschen durch. Nur leider rempelt er beim Rückwärtsdrängeln direkt irgendwen an.
“Ah, fuck,” platzt es aus ihm heraus. “Entschuldigung!”
“Das ist schon in Ordnung,” meint die Person, “es ist ja auch voll – Moment mal.”
Friedrich ist in der Zwischenzeit zur Salzsäule erstarrt. Das kann doch wirklich nicht sein.
Wie in Zeitlupe dreht er sich um. Vor ihm, am Rand der wogenden Menschenmenge, in dunkelrotem Anzug, Locken inzwischen etwas grau an den Schläfen, steht er. In all den Jahren, in denen Friedrich immer wieder dachte, dass er diese Stimme gehört hätte – um die Ecke in den Gängen in Jena, im Rewe, einmal sogar beim HNO – hatte er noch nie recht gehabt.
“Schiller? Friedrich Schiller?”
“Hallo”, sagt Friedrich. Viel zu leise, über die Menge hört man ihn gar nicht. Aus irgendeinem Grund verleitet ihn das dazu, Goethe zuzuwinken, was so richtig dumm ist. Aber naja. Wer rechnet auch damit, seinen Crush aus Schulzeiten ausgerechnet auf einer Demo im eiskalten Februar wieder zu treffen? Da soll mal einer cool bleiben.
Goethe starrt ihn an, aber seine Augen blitzen. Er stemmt seine Hände in die Hüften und lehnt sich ein wenig zurück. “Schau mal einer an! Wie lange ist das her, dass Sie Abitur gemacht haben? Zehn Jahre?”
Friedrich ist schon komplett überfordert damit, den Mann überhaupt wieder in Person vor sich stehen zu haben. Johann Wolfgang von Goethe ist gealtert wie feiner Wein, wie man so schön sagt. Was natürlich bedeutet, Friedrich ist sofort wieder Hals über Kopf und bis über beide Ohren verschossen. “Neun”, fiepst er. “Ich bin jetzt achtundzwanzig.”
Moment, warum muss er Goethe das ausgerechnet auf die Nase binden? Aber zu spät. Goethe lächelt und eine Augenbraue hebt sich. “Achtundzwanzig! Und ich dachte, Sie wären nach Jena gegangen?”
“Woher wissen Sie das denn?”
Genau in dem Moment jubelt die Menge. Goethe beugt sich vor. “Was?”
“Woher Sie das – Moment!”
Goethe nickt, Friedrich schlängelt sich zwischen einer Reihe an Leuten durch, die sich in den wenigen Minuten, die er von Goethe vereinnahmt war, schon zwischen ihm und seinen Freunden gebildet hat. Er tippt Lotte auf die Schulter, die eine süße Asiatin gefunden hat, bei der sie sich eingehakt hat, und gibt ihr durch Gesten und geschriehene Stichwörter zu verstehen, dass er ein bisschen Luft schnappen geht.
“Soll ich mit?”, brüllt sie, und Friedrich liebt sie dafür, dass sie das würde. Er schüttelt den Kopf.
“Ich bin ok!”
Er quetscht sich wieder zurück durch nach außen, wo Goethe tatsächlich noch auf ihn wartet. Friedrich legt, ohne nachzudenken, seine Hand auf dessen unteren Rücken und dirigiert ihn sanft weg von den Lautsprechern. Erst, als sie weit genug von der Action sind, dass alles wieder normale Lautstärken annimmt, fällt ihm auf, wie unpassend das ist.
“Entschuldigung!”, platzt es aus ihm heraus und er zieht seine Hand zurück, wie verbrannt. “Ist das überhaupt okay für Sie? Sind Sie mit jemandem hier?”
Super, und das klingt wie ein schlechter Anmachversuch. Immerhin sorgt das Glühen in Friedrichs Wangen und Ohren dafür, dass ihm weniger kalt ist.
Goethe scheint es immerhin nicht gemerkt zu haben. Er schüttelt in einer kleinen, selbst beherrschten Bewegung den Kopf. “Frei wie ein Vogel und ich habe es definitiv lieber, mich nicht anschreien lassen zu müssen.”
Frei wie ein Vogel. Was er sowas von nicht so gemeint hat, wie Friedrich es jetzt auslegt. Wie kann man nach fast zehn Jahren noch so peinlich sein?
Goethe trägt einen langen, dunkelgrauen Wollmantel, in dessen Taschen er seine Hände steckt. Die oberen Enden seiner braunen Lederhandschuhe schauen gerade noch über den Stoff hinweg. Sie sehen aus wie dieselben Handschuhe, die Goethe auch zu Friedrichs Schulzeiten getragen hatte. Friedrich hatte sich damals schon gedacht, dass sie verboten weich aussahen. Tun sie immer noch.
“Also?”, meint Goethe, als hätte Friedrich die leiseste Ahnung, wovon er spricht.
“Was?”
“Jena. Warum hier, nicht dort?”
Allein die Erkenntnis, dass Goethe anscheinend irgendwie weiß, dass Friedrich mehrere Jahre in Jena gewohnt hatte, schlägt wie ein Gong in seinem Inneren. “Äh”, meint er, räuspert sich. “Ja, stimmt – da war ich für ein paar Jahre. Bin erst vor weniger als einem Jahr zurück nach Weimar, tatsächlich. Habe hier an der Uni eine Stelle bekommen.”
Goethe hmmt und verlagert sein Gewicht. Seine Augen studieren Friedrich so aufmerksam, dass der gar nicht weiß, wo er hin schauen soll. “Als wissenschaftlicher Mitarbeiter?”
Friedrich nickt. “Am philosophischen Lehrstuhl. Es ist ehrlich gesagt totales Glück, dass es was hier gab und das geklappt hat. Als der Vertrag in Jena auslief, habe ich halb damit gerechnet, nach Benediktbeuern zu müssen oder so, wenn ich weiter forschen und unterrichten will.”
Goethe schnaubt. “Sie in Bayern? Gott bewahre. Das wäre verschwendetes Potential.”
Friedrich wird, wenn möglich, noch roter. Die Menschen hinter ihm tanzen wieder und jemandes Ellbogen erwischt ihn im Rücken, bevor er weiß, was er antworten will. Er stolpert einen Schritt nach vorne und Goethes Hand fängt seinen Ellbogen.
“Ich war überrascht, dass Sie sich überhaupt an mich erinnern”, meint er, komplett unüberlegt. Goethe lässt seine Hand sinken und hebt wieder seine Augenbrauen.
“Wirklich? Das wundert Sie?”
Fuck. Für einen Moment ist Friedrich zurückkatapultiert zum Tag des Abischerzes, der klebrige Geschmack von einem Bacardi Rigo auf der Zunge und die Haare voller trocknendem Schaum. Wie er in einen dunklen Gang gestolpert war und ausgerechnet Goethe begegnete, der gerade das Lehrerzimmer abschloss. Und dann… alles danach.
“Vielleicht weniger wundern”, murmelt Friedrich und fährt sich durch die Haare. “Mehr beschämen.”
Goethes Augen funkeln. Das hat Friedrich schon als Schüler komplett fertig gemacht. So ein Gesichtsausdruck gehört in Gedichte, seinetwegen auch in Prosa. Nicht auf das Gesicht eines echten Menschen. “Ach ja? Weil Sie sich konstant mit mir angelegt haben? Oder wegen dieses einen Mals, als Sie sich im Deutschunterricht für eine Wette das T-Shirt ausgezogen haben? Oder vielleicht Ihre im Schritt zerrissene Hose während des Sporttags? Oder, als Sie den Werther in Ihrem Deutschabi hoffnungslos zerrissen haben? Oder–”
Friedrich hebt die Hände. “Gnade, Gnade, bitte – alles davon. Alles davon, das kann man sich ja kaum anhören.”
Goethe lacht. So richtig, tief und von Herzen. Friedrich wünscht sich inständig, er wäre in den fast zehn Jahren auch nur ansatzweise weniger attraktiv geworden statt mehr. Keine Chance. Er hat sich mit seinem Teenager-ich noch nie so verbunden gefühlt.
“Ach, wir waren doch alle ein wenig peinlich als Teenager”, meinte Goethe schließlich augenfunkelnd, als er sich wieder eingekriegt hat. Friedrich stöhnt. Hinter ihnen stimmt irgendwer Ganz Weimar hasst die AfD! an. Die Menge brüllt mit.
Friedrich erwischt sich dabei, wie er Goethe sanft am Ellbogen fasst und nochmal ein wenig weiter vom Lärm wegzieht. Goethe kommt ohne Gegendruck mit. Seine dunklen Augen liegen immer noch auf Friedrichs Gesicht, das gegen die Winterkälte anglüht.
“Was mir eigentlich leid tut, ist das andere –”, sagt Friedrich, Augen auf Goethes perfekt polierten Lederschuhen. “Sie wissen schon – am Abischerz.”
Bacardi Rigo, viel zu viel davon, und Goethes dunkles Haar im spärlichen Licht des Ganges. Wie es wie eine geniale Idee gewirkt hatte, näher zu ihm hinzugehen – zu stolpern, eigentlich – und dann…
“Ah”, sagt Goethe. “Ja, das natürlich auch.”
Hinter ihnen ist wieder eine Rede am Laufen. Friedrich hört nur etwas von Liebe als Praxis – eine Praxis, die Mut, Ausdauer und Verletzlichkeit erfordert. Das ist ihm hier alles zu on the nose. Plötzlich wünscht er sich nichts sehnlicher, als den Tag zurück zu drehen und einfach im Bett zu bleiben. Scheiß auf die Demokratie.
Im nächsten Moment ist da ein weicher Lederhandschuh unter seinem Kinn. “Friedrich”, murmelt Goethe und Friedrich könnte auf dem Boden dahinschmelzen. “Glaub mir, es ist in Ordnung.”
“Ist es wirklich nicht!” platzt es aus ihm heraus, und er schaut hoch in Goethes so bekanntes, aber so lange so sehnlich vermisstes Gesicht. “Es war immens übergriffig und Sie haben das nicht verdient gehabt. Und dass ich danach einfach verschwunden bin–”
“Sie lagen mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Das kann man ihnen wirklich nicht vorwerfen.”
“Und ich habe mich nie bei Ihnen entschuldigt!”
Es hatte damals in seinem alkoholgetränkten Hirn wie eine so gute Idee gewirkt. Herr von Goethe, amüsiert geduldiger Gesichtsausdruck als er zuschaute, wie einer seiner schwierigsten Schüler auf ihn zu wankte, war so warm, so bekannt. Friedrich weiß gar nicht mehr, was dann passiert war, aber er erinnert sich an das Resultat: An weiche Lippen auf seinen und Goethes Locken zwischen seinen Fingern. Erinnert sich daran, wie er das Gefühl gehabt hatte, zu schweben, wie er ganz kurz dachte, Goethe hätte vielleicht–
Aber vor allem erinnert er sich an das danach. Goethes weite Augen und die Reue, die über ihn hereinbrach wie ein Sturmgewitter.
Dann war er geflohen und nach einem Wochenende, wo er aus schlechtem Gewissen kaum schlafen konnte, dann das Fieber, der Husten. Die Tage und dann die Wochen, die ins Land strichen, bis er eines Tages aufwachte, endlich wieder ohne dieses Rasseln in der Brust, aber in dem Wissen, dass es das gewesen war: Friedrich Schiller, neunzehn Jahre, verbrachte den letzten Schultag seines Lebens im Krankenhausbett.
“Ich bin einmal zurück in die Schule”, sagt er, ganz in Gedanken verloren. “Ich dachte, vielleicht kann ich Ihnen zumindest sagen, wie leid es mir tut, Sie so überfallen zu haben. Aber da waren Sie schon…”
“In Italien”, meint Goethe und seufzt. “Ein furchtbares Timing. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie das zehn Jahre mit sich rumschleppen würden.”
“Können Sie ja nichts dafür,” murmelt Friedrich und drückt die Spitze seiner in die Jahre gekommener Sneaker in einen Klumpen Matsch, der auf dem Kopfsteinpflaster klebt. “Ich war ja selber blöd.”
“Ach”, meint Goethe, “Schwamm drüber.” Er muss ein bisschen brüllen, weil die Menge angefangen hat, in regelmäßigen Abständen auf irgendwelche Fragen der Rednerin laut “Nein!” zu schreien. Eine wild wedelnde Regenbogenflagge erwischt ihn fast an der Nase.
“Das ist ja echt unmöglich hier”, grummelt er zu sich selbst. “Kommen Sie, Friedrich.”
Und bevor er sich versieht, läuft Friedrich seinem Crush hinterher, die eigene kalte Hand in dessen behandschuhter. Goethe führt sie weg von der Menge, in Richtung einer kleinen Einkaufspassage, wo ein paar Jugendliche stehen und rauchen.
So weit weg von den vielen Menschen pfeift der Wind ordentlich. Friedrich unterdrückt ein Zittern.
“Ich war überrascht, Sie hier zu sehen”, hört er sich selbst sagen, vor allem, um irgendwas zu tun zu haben. Goethe ist damit beschäftigt, die Jugendlichen in Augenschein zu nehmen, die definitiv zu jung sind für das, was sie da treiben. “Ich dachte irgendwie immer, Sie wählen CDU.”
Goethes Kopf dreht sich so schnell zu ihm, dass Friedrich kurz Angst hat, der arme Mann kriegt ein Schleudertrauma. “Wie bitte!”
So gekränkt sah Goethe noch nie aus – nicht post-Kuss und auch nicht, als Friedrich seinen Roman als “klischeehafte Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen” bezeichnet hat. “Äh”, meint er, etwas hilflos. “Also… Sie sind das Alter dafür?”
“Wie alt denken Sie bin ich?! Neunzig?”
Friedrich schaut sich verzweifelt um, aber weder von den rauchenden Jugendlichen noch von der inzwischen singenden Menschenmasse kommt Hilfe. “Ne, natürlich nicht. Ich fand Sie immer eher jugendlich und äh, also, Sie haben sich sehr gut gehalten, also so optisch. Sie sehen super aus – sahen Sie schon immer.” Moment, er verliert eventuell milde den Faden. Ein Blick auf Goethe zeigt, dass der mit einem Lachen kämpft.
“Sie sind ja wirklich entzückend”, sagt er, als wäre etwas, das man einfach so Leuten sagt. “Ich vergebe Ihnen.”
Friedrichs Gesicht ist vermutlich knallrot. “Danke.”
Dann, als könnte es nicht schlimmer werden, nickt Goethe zu dem Schild, das Friedrich immer noch mit sich rumträgt. “Nettes Schild, übrigens.”
Langsam blickt Friedrich hoch, als würde die viereckige Pappe vielleicht etwas anderes verkünden, wenn er dieses Mal hinschaut. Aber nein – in großen, kunterbunten Buchstaben, steht da immer noch “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut kein Nazi.”
“Oh Gott.”
“Gibt es auch eine Rückseite?” fragt Goethe und schmunzelt.
Das Kind ist definitiv im Brunnen. Friedrich dreht das Schild um.
“Die Geister, die ich wählte, werd’ ich nun nicht los”, liest Goethe laut vor. “Sehr schön. Hätte ich eigentlich direkt so schreiben sollen.”
Friedrich steckt sein kaltes Kinn in den Kragen seiner Lederjacke. Seine Haare fallen ihm ins Gesicht, dann muss er immerhin Goethe nicht anschauen. “Ich gehe mir dann mal ein Loch graben.”
Goethe lacht nur und setzt zu einem Kommentar an. Aber bevor es so weit kommen kann, gibt es wieder eine ordentliche Brise, und Friedrich kann das Zittern dieses Mal nicht unterdrücken. Goethe bricht sofort ab.
“Ist Ihnen kalt?”
“Ne, ne, geht schon”, meint Friedrich und muss prompt die Nase hochziehen. Sexy Friedrich, wirklich sexy.
“Warten Sie einen Moment hier, ich hole uns zumindest einen heißen Tee.”
Und weg ist Goethe. Friedrich kann ihm nur noch hinterher schauen, wie er sich mit wehendem Haar wieder in die Menge stürzt.
Im Nachhinein schiebt Friedrich es darauf, dass ihm Goethe immer noch im Kopf rumschwirrt, die ständig präsenten Erinnerungen an den Moment am Abischerz jetzt überlagert von Goethe, fast zehn Jahre später, der ihm zuschmunzelt, als wäre kein Tag vergangen. Oder nein, noch schlimmer – der ihm zuschmunzelt, als wäre Friedrich jetzt gut zehn Jahre älter, was vor allem gefährlich ist. Goethe, berühmt-berüchtigter-Autor Goethe, ehemaliger-Lehrer-von-Friedrich Goethe, der ihn anschaut wie die Männer auf den queeren Parties, zu denen ihn Lotte im Studium so gerne geschleppt hat? Wie soll sich Friedrich da auf irgendwas anderes konzentrieren, geschweige denn sich verhalten wie ein vernünftiger, erwachsener Mensch. Das kann man doch von keinem erwarten!
Mit solchen Gedanken beschäftigt bemerkt er also nicht, wie sich die Atmosphäre um ihn herum verändert. Als er schließlich aufschaut, Goethe kann noch keine zehn Minuten weg sein, trifft er plötzlich den feindseligen Blick eines Herren mit schütterem Haar, der die rauchenden Jugendlichen an der Einkaufspassage abgelöst hat.
Friedrich blinzelt den Typen an. Der stiert zurück. Um den Hals trägt er ein Plakat. “Gegen Frühsexualisierung und Genderwahn” steht drauf.
Plötzlich wird Friedrich schlecht. Er wendet sich ab, aber der Blick des Typen ist wie ein Scheinwerferlicht an der Seite seines Gesichts. Er spürt ihn auf der Haut.
Nach ein, zwei Minuten wird es ihm zu dumm. Der ganze Sinn der Sache ist doch, dass es nicht Friedrich ist, der sich schämen sollte. Er wirbelt herum und starrt zurück.
Der Mann ist allein. Eine ungemein mickrige Gegendemo, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Friedrich nur ein paar dutzend Meter hinter ihm die Leute Wehrt euch, leistet Widerstand! singen hört.
“Brauchst mich gar nicht so anmachen”, keift der Kerl auf einmal. “Ich bin kein Schwuchtel.”
Friedrich klappt der Kiefer runter. “Sie haben ja wohl angefangen, mich anzustarren!”
Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden! singt die Menschenmenge. Der Kerl baut sich auf. Er ist nicht größer als Friedrich, aber definitiv muskulöser und vermutlich nicht geschwächt von durchschnittlich dreimal Bronchitis und einmal Corona pro Jahr. Kurz muss sich Friedrich ernsthaft überlegen, ob er sich mit dem Typen prügeln will.
“Gibt’s ein Problem?” Es ist Goethe in all seiner leicht spießigen, gepflegten Pracht. In den Händen hält er jeweils einen dampfenden Pappbecher. Der Geruch von Früchtetee steigt Friedrich in die Nase.
“Oh, und der ist jetzt dein Zuhälter oder was? Ihr widert mich an.” Dann spuckt der Kerl doch tatsächlich aus, direkt vor Goethes schicke Lederschuhe.
Friedrich sieht sich mit jeder Sekunde ernsthafter mit der Möglichkeit konfrontiert, dem Kerl eine reinzuhauen.
“Also entschuldige mal!” platzt es aus ihm raus, “ich habe ja mal sowas von nicht angefangen hier und selbst wenn, Herr von Goethe hat nichts damit zu tun!”
“Friedrich, ich glaube, eine gepflegte, auf logischen Argumenten basierte Diskussion ist nicht die Kommunikationsform unseres Freundes hier.”
“Ich bin kein Freund von euch!”
Goethe dreht sich zu ihm. Friedrich erinnert sich nur grob an den Gesichtsausdruck, den der Mann jetzt aufsetzt. Das einzige Mal hatte er ihn im Skischullandheim gesehen, als Goethe eine Gruppe Jungs dabei erwischt hatte, wie sie um die Jungfräulichkeit ihrer Klassenkameradinnen wetteten. Wenn sich Friedrich richtig erinnert, haben mehrere von ihnen geweint.
Der Mann jetzt sieht nicht so aus, als wolle er weinen, aber er macht einen sehr kleinen Schritt zurück.
“An Ihrer Stelle würde ich sehr aufpassen, was ich sage”, faucht Goethe. “Wenn Sie meinen jungen Freund hier noch weiter belästigen, rufe ich gerne die Polizei. Dann werden wir schauen, wie mutig Sie sind, wenn Sie eine Klage wegen Beleidigung und Volksverhetzung am Hals haben!”
Der Mann setzt an zu einer Antwort, dann überlegt er es sich anders. Was auch immer er vor sich hin murmelt, es ist zu leise, um es zu verstehen. Er wendet sich ab.
Friedrich hat jetzt wirklich zu zittern angefangen. “Danke”, bringt er noch heraus. “Das war wirklich nett.”
Goethe reagiert kaum, sondern begutachtet Friedrich kritisch. “Wie sind Sie auch angezogen!”
Zum gefühlt zehnten Mal ist Friedrich total baff. Er schaut an sich runter, wo sein knielanger Rock im Wind weht. “Was soll das denn! Wenn Sie jetzt mit dem Victim-Blaming anfangen–”
Da verdreht Goethe doch tatsächlich die Augen! “Pferde zügeln, Schiller. Ich meine, es ist kalt, du Vogel.”
“Oh.”
Und dann ist es plötzlich nicht mehr kalt. Goethe hat ihm die beiden Tees in die Hand gedrückt. Sie sind fast zu warm, um sie zu halten, aber so angenehm. Friedrich seufzt, und dann wird ihm noch wärmer, als Goethe aus seinem Mantel schlüpft und ihn Friedrich umlegt.
Der Mantel riecht nach Winterkälte und nach teurem Aftershave. Ihm läuft ein Schauer über den Rücken, der absolut nichts mit der Temperatur zu tun hat. Goethe ist breiter in den Schultern als Friedrich und während der Mantel ihm nur bis zu den Knien geht, umhüllt er seinen Oberkörper komplett. Stumm beobachtet er Goethe dabei, wie der den Mantelkragen zurecht zupft, damit Friedrich auch wirklich warm eingepackt ist. Er könnte ein bisschen sterben.
Hinter Goethe steht immer noch der Kerl. Er hat jetzt Gesellschaft von einer Frau, die aussieht, als würde sie beim Bioladen einkaufen und sich über das Aussehen der Möhren beschweren. Sie schwenkt ein Schild, auf dem Alice für Deutschland! steht. Als sie sieht, dass Friedrich zu ihnen rüber schaut, bewegen sich ihre Lippen. Sicher kann er nicht sein, was es ist, dass sie sich nicht traut, ihm zuzurufen, aber er hat ein starkes Gefühl.
Es ist wieder einer dieser Momente, bei denen sich Friedrich im Nachhinein fragen wird, was zur Hölle er sich dabei gedacht hat. Aber die Frau kneift die Augen so zusammen, und es klingt immer noch in seinem Kopf nach, wie der Typ Schwuchtel gesagt hat.
Er drückt Goethe die Tees wieder in die Hand und wendet sich dem Paar zu. Der Typ schaut aktuell nicht her, aber als Friedrich ihm “Hey, Arschloch!” zuruft, dreht auch er sich zu ihm hin.
Goethe beobachtet Friedrich mit der Art Resignation, die er noch zu gut von seinen Teenager-Eskapaden kennt. Seine Wangen sind von der Winterkälte gerötet, und Friedrichs Herz ist zu groß für seine Brust.
Goethe trägt eine dunkelblaue Krawatte, die sich ungemein seidig in Friedrichs Hand anfühlt. Als er daran zieht, kommt Goethe ohne Zögern näher.
Seine Lippen sind kalt, am Kinn hat er Bartstoppeln. In einem warmen Hauch seufzt er Friedrich entgegen, dann küsst er ihn zurück.
Friedrich hat vergessen, warum er das hier eingeleitet hat. Alles, was er noch weiß, ist Goethes Aftershave, Goethes kleine Seufzer, Goethes weiches Haar. Die Art, wie er nach Friedrichs Gürtel greift und ihn noch näher an sich zieht.
Es braucht ein wenig, bis Friedrich merkt, dass die Wärme, die sich in ihm breitmacht, tatsächlich nicht nur emotional ist. Widerwillig löst er sich von Goethe, dessen halb geschlossene Augen und leicht geöffneter Mund es ihm wirklich extrem schwer machen. Aber mit all der Stärke, die Friedrich hat, geht er einen Schritt zurück und wirft einen Blick auf seinen Rock, der nass an seinen Oberschenkeln klebt.
“Oh, Scheiße”, sagt Goethe, der offensichtlich Friedrichs Blick gefolgt ist. “Das war der Tee.”
Und tatsächlich, die Pappbecher rollen zu ihren Füßen über das Kopfsteinpflaster. Friedrich kann nicht anders, er lacht.
“So witzig ist das nicht!”, ruft Goethe, “Jetzt bist du nass!”
Irgendwie muss Friedrich noch mehr lachen. Goethes halb verstimmter, halb besorgter Blick hilft nicht. Das einzige, was man da tun kann, ist ihm noch einen Kuss zu geben – also ist es genau das, was Friedrich tut.
“Du machst mich fertig,” sagt Goethe, als sie sich voneinander lösen.
“Offensichtlich,” vielleicht feixt Friedrich ein bisschen. “Genug, dass du vergisst, dass du zwei Becher Tee in der Hand hast.”
Goethe – Johann – rümpft die Nase. Es ist ungemein süß. Friedrich küsst die Nase. Johann lässt es über sich ergehen, aber grummelt in sich hinein.
“Was war das?”
“Ich habe gesagt”, meint Goethe und zieht die Brauen zusammen. Ein bisschen fühlt sich Friedrich schon wieder wie in der Schule, wenn er so kritisch beäugt wird, “dass die Jugend von heute keinen Anstand mehr hat. Ich war so fest entschlossen, das richtig zu machen, und nicht so rückwärts und kopfüber. Und jetzt schau, was du angerichtet hast!”
Jetzt muss Friedrich wirklich lachen, so richtig aus dem Bauch raus. Er hebt die Hände. “Entschuldigung, Entschuldigung. Wie hättest du es gemacht?”
“Nichts da”, meint Johann, hebt die Becher auf und wirft sie weg. Erst jetzt schaut sich Friedrich um und sieht, dass die beiden AfD-Groupies sich wohl aus dem Staub gemacht haben. Die hatte er ganz vergessen. “Ich gebe dir da keine Tipps. Wenn du so versessen darauf bist, bitte. Mach du halt den ersten Schritt.”
Friedrich nutzt die Gelegenheit und ergreift die behandschuhte Hand, sobald sie in Reichweite schwingt. Goethe runzelt die Stirn aber hält Friedrichs Hand fest.
“Gut”, meint der und verschränkt ihre Finger. “Herr von Goethe, würden Sie sich von mir zum Abendessen einladen lassen?”
“Wenn’s denn sein muss. Aber nur, wenn Sie was zu meinem neuen Romanmanuskript sagen. Ich war jetzt fast zehn Jahre ohne Ihre kritische Stimme. Ich habe die Befürchtung, meine Schreibkunst ist absolut vom Weg abgekommen.”
“Meinen Senf gebe ich doch gerne dazu", meint Friedrich und hakt sich bei Johann ein. “Aber erstmal müssen wir es wieder in der falschen Reihenfolge machen und du darfst mich in meine Wohnung begleiten. Ich brauche trockene Klamotten.”
Johann verdreht wieder die Augen, aber folgt Friedrich brav in die U-Bahn-Station. Und als eine alte Dame ihre verschränkten Hände mit bösen Blicken bedenkt, ist es Johann, der Friedrich in einen Kuss zieht.
Was Demos angeht, war Friedrich schon auf schlechteren.
