Chapter Text
Szene 1
10. Mai 1805
„Du hast einen Besucher.“
„Schick ihn hinfort. Sag ihm ich sei verreist. Sag ich hätte die Pest, sag irgendetwas, wenn ich nur sein Geschwätz nicht ertragen muss.“
„Du bist unmöglich. Ich werde nichts dergleichen tun.“
Christiane Vulpius stemmte die Hände in die Seiten und besah den Mann vor sich mit scharfem, vorwurfsvollem Blick. Dieser hatte sich bis zur Nasenspitze hinter einem Buch verborgen, das ihn vor der grauenhaften Botschaft schützen sollte, die den Weg von seinen Ohren noch nicht ganz in sein schmerzendes Herz gefunden hatte.
Unruhe war über Weimar ausgebrochen. Ein betroffenes Flüstern hatte sich seit den gestrigen frühen Mittagsstunden breit gemacht, breitete sich aus und surrte durch die Straßen wie ein Heuschreckenschwarm, dem bösen Omen. Man konnte den plötzlichen Todesfall nicht so recht fassen und fragte überall herum, auch bei den engsten Vertrauten des Verstorbenen. Johann Wolfgang von Goethe fürchtete, was er mit demjenigen anstellen würde, der ihn jetzt in diesem Zustand des ungläubigen Entsetzens mit belanglosen Fragen belästigte und hielt daher dem Blick der Frau stand.
„Ich kann jetzt niemanden sehen. Schon gar keinen anmaßenden Schaulustigen.“
„Kein Schaulustiger. Nicht mal ein Mann. Es ist Charlotte,“ entgegnete Christiane eindringlich. „Sie will mit niemandem sprechen, außer mit ihrer Schwester. Und jetzt auch mit dir.“
Er hielt in der Bewegung inne. Das Buch bebte in seinen Händen. Sie warf einen Blick den Flur hinunter und setzte dann mit gesenkter Stimme nach, „Ich weiß um unsere Abmachung. Ich kümmere mich nicht um die Beziehungen die du pflegst, wenn du durch die Tür trittst und du stellst mir keine Fragen darüber, wohin ich des Abends gehe. Aber hier drin - in dieser Wohnung - bin ich deine Vertraute. Und ich sehe nicht gern, wie mein Mann vor sich hin siecht.“
Christiane sah ihn durchdringend an, um ihren Mund dieser entschlossene Zug. „Deswegen bitte ich dich, sie zu empfangen. Wenn einer nachfühlen kann was du über seinen Verlust empfindest, dann sie.“
Er seufzte und legte das Buch nieder. Er hätte es auch falsch herum halten können und hätte doch nicht mehr von seinem Inhalt aufgenommen.
Sie waren einander durch die Jahre gute Gefährten gewesen, Christiane und er. Auch wenn ihre Leidenschaften anderswo lagen. Dieses gegenseitige Einverständnis hatte zu einer in den meisten Belangen angenehmen Partnerschaft geführt. ‚Komplizenschaft‘, wie Christiane es eines trunkenen Abends lachend bezeichnet hatte.
Wie zur Salzsäule erstarrt hatte er die Nacht hier zugebracht, seit die Nachricht eingetroffen war. Hatte nicht gewagt sich zu rühren, denn sonst wäre sein knirschendes Herz womöglich bei der Bewegung zerbrochen. Wie bewegte man sich in dieser neuen Welt, aus der ein Stück seiner selbst herausgerissen worden war? Charlotte musste es wissen. Oder ihn trösten indem sie es genau so wenig wusste.
„Dann schick sie herein,“ gab er sich mit bebender Stimme geschlagen. Die Witwe trat kurz darauf ein, gekleidet ganz in schwarz. Goethe erhob sich widerstrebend - nichts brach, aber es schmerzte dennoch. Ambivalente Gefühle ihr gegenüber hatten seit jeder sein Verhältnis zu Charlotte Schiller geprägt und vice versa.
„Was führt Sie her?“ Fragte er höflich. Sie vergeudete keine Zeit mit Floskeln, fuhr sich mit einem Stofftaschentuch über die Augen und verkündete, „Es geht um die Beerdigung meines Ehemannes.“
Er versteifte sich, als die Worte einen Stich durch seinen Körper jagten und ihm die Brust eng werden ließen. „Was soll damit sein?,“ brachte er gepresst hervor. „Sie ist für den Mittag am 12. Mai angesetzt, nicht wahr?“ Überall in der Stadt ging jedenfalls diese Kunde um. Doch Charlotte schüttelte unter neuen Tränen den Kopf. „Ich bitte Sie. Sie kannten Ihn so gut wie ich, wahrscheinlich besser sogar. Er hätte das nicht gewollt, all diesen öffentlichen Trubel.“
„Ja, er zog es simpel vor. Aber ich begreife nicht, worauf Sie hinaus wollen.“
Charlotte machte einen Schritt auf den Dichter zu.
„Wir beide waren die ihm am nächsten stehenden, auch wenn er Sie mir stets vorzog - schauen Sie mich nicht so an, Sie wissen, dass es wahr ist. Und ich habe es keinem von euch beiden je zum Vorwurf gemacht. Habe keine Einwände erhoben und werde es auch nicht, da alles was mir am Herzen lag war ihn glücklich zu sehen. Ich bitte Sie nur, da er Ihnen mindestens so sehr am Herzen liegt wie mir; Lassen Sie nicht zu, dass sein Begräbnis auf eine Weise stattfindet, die ihm so wenig entsprochen hätte.“
„Und was schwebt Ihnen vor?“ Brachte er hervor, obwohl ihre Worte sich in seinem Kopf im Kreis drehten.
Auch wenn er Sie mir stets vorzog. Gleichzeitig widerstrebte es ihm überhaupt an dieses Begräbnis zu denken. Darüber zu sprechen fühlte dich zu sehr danach an es wahr werden zu lassen. Und doch war er es ihm schuldig.
„Ein Nachtbegräbnis, ganz im Stillen,“ fuhr Charlotte fort. „Wie er es gewollt hätte. Lassen Sie es in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai auf dem St. Jakobskirchhof geschehen, wenn niemand davon etwas mitbekommt. Ich weiß, dass Sie den nötigen Einfluss haben, dies in aller Heimlichkeit die Wege zu leiten.“
Er musterte sie. Mit ihren rot geränderten Augen und den tiefer wirkenden Falten entsprach sie seinem eigenen Anblick. Es verärgerte ihn irrationaler Weise sich keinerlei Gedanken darüber gemacht zu haben, ob das kommende Begräbnis dem Wesen seines Freundes entsprach. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen zu begreifen, dass ein Begräbnis zwangsläufig überhaupt kommen musste.
„Bitte,“ flehte sie drängend. „Lassen Sie nicht zu, dass er vor aller Augen zu Grabe getragen wird, wie der Heilige der er nie sein wollte. Diese finsteren Gestalten, die hier neuerdings umherwandern sollen dem nicht beiwohnen dürfen.“
Goethe hinterfragte nicht, von welchen Gestalten sie sprach, oder er begriff nicht, dass sie nicht die gaffenden Schaulustigen meinte, welche sich zweifelsohne um ein öffentliches Begräbnis scharen würden. Stattdessen nahm er ihre kalte Hand in seine und versprach mit heiserer Stimme, „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht.“
Szene 2
10. Mai 1805
Kurz vor Mitternacht
Hinter geschlossenen Lidern fand Goethe erdbeerblonde Locken, die gleich eines Wasserfalls über Kissen - seine Kissen! - flossen. Er fand helle Augen, die mit der Vertrautheit des Morgengrauens zu ihm aufblickten. Verstreute Sommersprossen auf blasser Haut. Er hätte sie allesamt malen können und sich wahrscheinlich mit keinem Detail geirrt, wäre dem Anblick jedoch nur schwerlich gerecht geworden. Es hätte eine geschicktere Hand gebraucht, um das Schimmern des Körpers vor sich einzufangen. Den klugen Ausdruck in den feinen Zügen. Die Glieder, halb verborgen unter Decken, halb entblößt. Geschickt war auch die Hand, die sich nach ihm ausstreckte. Langliedrige Finger. Gestutzte Fingernägel. Das feine weiß einer Narbe die bewies, das Leben durch den Körper geflossen war.
Ausatmen. Aufatmen.
Es waren gestohlene Berührungen und auch nach all den Jahren sah er nicht, warum man es den kleinen Tod nannte, hatte er sich doch nie erfüllter von Leben gefühlt als in diesen Stunden. Sacchariner Frühlingswind lockte ihn und auch im Schlaf griff er nach seinem Vertrauten. Er griff nach der Wärme und bekam nur Einsamkeit zu fassen. Schlaftrunkene Finger glitten über verwaiste Leinen. Er wollte der Umarmung des Traums noch nicht entrinnen und schloss die Lider, in der Hoffnung dahinter seinen Liebhaber zu finden.
Bloß Dunkelheit umfing ihn und beklemmende Realität zog ihre Kreise enger um seinen Verstand. Ein hässlicher Missklang, der als Stechen in der Brust begann, sich als Brennen in den Augen fortsetzte, um mit dem vagen Unverständnis darüber zu enden, woher die Welt die Impertinenz besaß nicht in Trauer zu vergehen. Die Leere war erdrückend. War zu laut, zu schrill, zu frisch. Es war weniger der Verlust der Berührung eines Liebhabers die ihn schmerzte, als der Verlust der Berührung des Geistes, der ihm nicht mehr zu antworten vermochte.
In den letzten Wochen hatte Friedrich nicht mehr geschimmert. Nicht auf die Weise, an die er sich gern erinnern wollte. Dass die Menschen auf dem Weg aus dem Leben so viel ihrer Selbst einbüßen müssen, es kam ihm makaber vor.
Wir hatten nur 10 Jahre.
10 Jahre waren eine lange Spanne, länger als manches Hundeleben, länger als manche unglückliche Kinderleben. Das war die Tragik dahinter, nicht wahr? Sie hatten einander 10 Jahre lang, zumindest als Freunde und zumindest einen Bruchteil davon im Geheimen als mehr als das. Waren keine zum Scheitern verurteilten, tragischen Freunde (Liebenden?) , die sich um einen Todeshauch verpassen. 10 Jahre waren keine kurze Zeit und jetzt schmerzen sie wie ein ganzes Leben. In Wahrheit wäre keine Zeitspanne ausrechend gewesen, denn die Zeit war ein unzuverlässiges Ding und schien im Rückblick immer weiter in sich zusammen zu schrumpfen.
Er sehnte sich danach diese Gedanken mit der einzigen Seele zu teilen, die sie wohl in der Art begriffen hätten, wie er sie meinte. Der Impuls sich dem verlorenen Freund mitzuteilen war wie der Griff in die Leere, gefolgt von desorientierendem Taumel. Er drohte den Halt seiner Gedanken zu verlieren. Was hatte er seinen Werther sagen lassen, damals in jugendlichem Liebeskummer? Dass, wenn die Natur keinen Ausweg mehr wüsste, aus verworrenen und widersprechenden Kräften der Mensch in Konsequenz eben stürbe. Nicht schon wieder, dachte er, als er den Schmerz wie den vor vielen Jahren erkannte. Nicht ein weiteres Mal, dachte er, als er sich an den Dolch erinnerte, der in seinem Nachtschrank geruht und den er sich des Nachts versucht hatte durch die Brust zu stechen. Der Dolch war seit vielen Jahren fort. Seine Augen streiften den Sims und das Fenster. Draußen wogten die Baumwipfel, doch der Anblick brachte keinen Trost. Goethe stützte sich auf die Unterarme. Glaubte er zu genüge an ein Himmelreich, dass er die Hoffnung hatte Friedrich auf dem metertiefen Schotterweg dort unten wieder zu treffen? Er raffte sich in eine sitzende Position, seine Füße streiften den Boden. Er neigte nicht zu derart Impulsiven Handlungen, nicht mehr jedenfalls hatte er geglaubt und doch machte sich ein Teil seiner Selbst bereit hinüber an das Fenster zu treten, voller beißender, bleierner Emotionen. Er spannte sich an, im Begriff aufzustehen.
„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun.“
Er erschrak fürchterlich und war gleich darauf überzeugt den Verstand zu verloren zu haben. Hatte er doch den Geist eines Wahnsinnigen und Trunkenen? Denn dort im Spalt der Tür, von der er nicht wahrgenommen hatte, dass sie geöffnet worden war stand ein Pudel und blickte ihm mit einer Arroganz entgegen, die dem Tier nicht hätte zustehen dürfen.
„Mephistopheles,“ hauchte er, halb im Flüstern, halb im Schreck und schalt sich gleich darauf einen Narren. War er so eingenommen von seinem eigenen künstlerischen Schaffen, dass er einen Hund nicht mehr als Hund erkannte, wenn dieser ihm gegenüber stand?
„Noch nicht ganz,“ erwiderte eine Stimme, ungleich der des ersten Sprechers, welcher unmöglich der Hund hatte sein können. Goethe erhob sich misstrauisch vom Bett im gleichen Moment, in dem eine hochgewachsene Gestalt gekleidet in lange Gewänder, hinter dem Tier im Kerzenlicht des Flures erschien. „Aber er könnte es durchaus werden.“.
„Ich begreife nicht…“ Er sah vom Mensch zum Tier und zurück. „Was haben Sie in meinem Haus zu schaffen?“ Er brachte es mit so viel Schärfe hervor, wie seine müde Stimme anzunehmen bereit war.
„Ihnen ein Angebot unterbreiten,“ antwortete der Pudel und Goethe hätte sich am liebsten wieder gesetzt. Das alles musste eine furchtbare Nebenwirkung des Kummers sein. Wie viele Witwen wurden geisteskrank vor Trauer? Der Mann trat einen weiteren Schritt vor und schob sich an dem Hund vorbei, der bei genauerer Betrachtung etwas an den Kannten zu verschwimmen schien.
„Sie Sind in Trauer, wie wir hörten. Ganz Weimar ist in Aufruhr wegen eines tragischen Todesfalls. So plötzlich ereilte er den armen Schiller. Der Tod ist so eine hässliche Sache. Grässlich. Und immerzu gewinnt er über die Menschen. Was wäre nun, wenn ich Ihnen eine Möglichkeit nannte ihm ein Schnippchen zu schlagen?“
„Vollkommen unmöglich.“.
„Unmöglich? Etwa so unmöglich wie der Umstand, dass ein von Ihnen erdachtes Wesen sich mit uns in diesem Raum befindet?“ Der Pudel bleckte die Zähne zu einer Fratze, die einem Grinsen gleich kam.
„Ein Trick. Eine Sinnestäuschung. Ein Kunststück, ganz gleich. Was Sie hier vorschlagen ist Wahnsinn.“
„Nur für den verschlossenen Geist,“ entgegnete der Pudel und wuchs zu der vagen Gestalt eines Menschen heran. Goethes Augen weiteten sich. Eine Transparenz lag auf der menschlichen Erscheinung und er konnte durch die Gestalt hindurch den Mann in dunklen Gewändern erkennen. Bei diesem Anblick setzte sich der Dichter wirklich, nur halb freiwillig, da seine Knie im Begriff waren nachzugeben.
„Waren Sie es nicht selbst, der einen Roman schrieb, in den so viel Schmerz eingewoben war, dass er etliche junge Männer veranlasste sich in den Tod zu stürzen? Und da sagen Sie, Sie glauben nicht an das Unmögliche?“
Er schluckte. Friedlich hätte ihm das alles hier nie geglaubt, hätte ihn wegen seiner schwachen Nerven aufgezogen. Friedrich….
„Was sind Ihre Bedingungen?“ Hörte er sich selbst entgehen jeder Vernunft und wie in Trance fragen. Die Mundwinkel des fremden Mannes bogen sich zu einem katzengleichen Lächeln.
…
Szene 3
12. Mai 1805 Kurz nach Mitternacht
Die Dunkelheit blieb allumfassend und erhielt doch mit einem Mal einen anderen Charakter. Einen vertrauten Charakter, versehen mit dem Geruch nach verarbeitetem Holz, nach weichen Polstern unter den Gliedern und Schmerzen im Schädel. Ein gequältes Stöhnen. Der Erweckte setzte sich im Dunkeln auf und stieß sich prompt den bereits schmerzenden Kopf. Er zischte. Wo bin ich? Was ist geschehen?
Ein Rucken ging durch seinen Untergrund. Ein Schaukeln ließ ihn zur Seite gleiten. Die Luft war unfassbar stickig. Seine fahrigen Hände tasteten die Seiten des hölzernen Gefängnisses ab. Konnte es sein? Das war unmöglich. Oder nicht? Seine Fingerspitzen ertasteten Blumen. Ein eisiger Schauer erfasste seinen nach Atem ringenden Körper. „Halt!“ rief er und als das Schaukeln nicht nachließ, „Lasst mich raus! Ihr tragt einen Lebenden zu Grabe ihr Narren!“ Geballte Fäuste trommelten von innen gegen das hölzerne Gefängnis. Das Schaukeln stoppte abrupt. Gedämpfte und unverständliche Stimmen wurden laut. Dann gab es einen Ruck mit der die Kiste abgestellt wurde. Ein Kratzen und Schaben erklang, gefolgt von dem erleichternden Einströmen von Sauerstoff. Der Deckel hob sich und kaum, dass er herunter war stolperte der Gefangene aus dem Sarg heraus und machte ein paar Schritte über das Gras, um sich keuchend und nach Luft ringend an einem nahen Baum abzustützen. Nach der vollkommenen Dunkelheit stach ihm sogar das Mondlicht in den Augen.
„Das wurde höchste Zeit. Was dachtet ihr euch nur?“ Schimpfte er. Er holte noch einmal tief Luft und wandte sich herum, zu den Grabträgern die ihn anstarrten wie den Allmächtigen persönlich.
Dazu hatten sie auch gutes Recht, denn Friedrich Schiller war soeben, ohne es zu begreifen, von den Toten auferstanden.
