Work Text:
„Seid ihr schwanger, gehst du zu den Lauterern, hast du deine Niere verkauft?“
Leos Gehirn hat schon beim ersten Teil des Satzes ausgesetzt. Esther redet weiter mit ihrer Bekannten, Freundin, was auch immer, aber Leo bekommt nichts davon mit, weil seine Gedanken sich im Kreis drehen. Das Ja liegt ihm schon auf der Zunge – nur das eine Wort, um sich endgültig von der Last seines Geheimnisses zu befreien.
So, wie Esther gerade gesagt hat, dass sie bei der Kripo ist und damit die gesamte Kneipe zum Schweigen gebracht hat. Das hätte Leos Neuigkeit wohl auch, wenn auch auf eine andere Art und Weise.
Er schiebt all die Gedanken weg und holt seinen Dienstausweis hervor. Er kann es sich nicht leisten, sich hier von privaten Dingen ablenken zu lassen. Erst recht nicht, wenn er weiß, dass ihn besagte Private Dinge zeitnah noch sehr viel mehr ablenken werden.
Denn irgendwann wird er es nicht länger verheimlichen können.
Leo dreht sich vor dem Spiegel im Waschraum des Präsidiums hin und her. Das dünne weiße Tanktop verbirgt nichts, aber noch ist auch nichts da, was er nicht mit einem ausgiebigen Mittagessen erklären könnte. Zu wenig Zeit fürs Training in den letzten Wochen. Zu viele Süßigkeiten. Doch lange wird es nicht mehr so bleiben.
Die Zeit läuft ihm davon. Der Tag, an dem er fast eine halbe Stunde lang ohnmächtig auf den Test gestarrt hat, ist schon zu lange her. Zu lange, um jetzt noch etwas daran zu ändern. Nicht lang genug, als dass er sich an den Gedanken gewöhnt hat. Wobei er sich daran wahrscheinlich nie gewöhnen wird.
Seine Arme fangen an zu zittern und er muss den Rand des Waschbeckens umklammern, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Wenigsten wird ihm nicht mehr schlecht. Das zu verbergen war eine noch größere Herausforderung, und er hat immer wieder Adams besorgte Blicke auf sich gespürt. Dabei ist Adam derjenige, der es auf keinen Fall mitbekommen sollte.
Leo drückt sich vom Waschbecken ab und dreht noch einmal den Wasserhahn auf, obwohl er sich eben schon die Hände gewaschen hat. Besser fühlt er sich dadurch nicht, aber wenigstens etwas mehr bereit, Adam, Esther und Pia auf dem Dach gegenüberzutreten.
Leos erster Gedanke war, dass er unbedingt Adam davon erzählen muss. Der nächste, dass Adam nie etwas davon wissen darf.
Zumindest nicht, was seine Beteiligung an der Sache angeht. Leo hat sich mehrmals gefragt, ob er es bereut. Hat sich gewünscht, Adam hassen zu können, weil er ohne Adam nie an diesen Punkt gekommen wäre. Dann müsste er sich jetzt nicht mit solchen Dingen wie Vorsorgeuntersuchungen oder Geburtsplänen herumschlagen oder der Überlegung, wie er seiner Mutter sagen soll, dass sie doch früher als erwartet und auf eine eher unkonventionelle Weise Oma werden wird.
Sie würde sich freuen, garantiert. Direkt nachdem sie Leo gefragt hat, ob mit ihm alles in Ordnung ist.
Und das ist es. In Ordnung. Irgendwie. Bis auf die Tatsache, dass er nicht mit Adam reden kann.
Manchmal, wenn er nachts im Bett liegt und sich von einer Seite auf die andere dreht, weil er einfach keinen Schlaf findet, kann er es noch spüren. Dann fühlt er Adams Hände auf seiner Haut, warm, kräftig, mit Fingern, die so fest zudrücken, dass Leo am nächsten Morgen noch im Spiegel die Spuren betrachten kann, die geblieben sind, obwohl Adam längst verschwunden ist.
Es ist heiß und Leo ist müde. So verdammt müde. Weil er nicht schlafen kann, weil ihm mal wieder schwindelig ist, weil sein Kopf pocht und weil er gerade die Sporttasche vor Adam in den Staub geworfen hat, in der die letzten Reste von dem liegen, was mal ihre Freundschaft war.
Was vielleicht mehr hätte sein können. Eine gemeinsame Zukunft, zu zweit, oder vielleicht sogar zu dritt. Am liebsten würde Leo es Adam direkt hier und jetzt vor die Füße knallen, genau wie das gestohlene Geld in der Tasche.
Siehst du, was du angerichtet hast? Was du mir angetan hast? Was passiert, wenn wir nicht miteinander reden?
Doch Adam spricht nicht mit ihm. Er nimmt die Tasche, geht an Leo vorbei zum Auto und steigt ein.
Leo fährt ihn schweigend nach Hause.
Leos Atem geht viel zu schnell. Ein dünner Schweißfilm zieht sich über seine Haut. Im Raum ist nichts zu hören außer dem leisen Quietschen des Bettgestells, dem Geräusch von nackter Haut an Haut und ihr Stöhnen, das sich miteinander vermischt.
„Leo.“
Er krallt sich in Adams Rücken und versucht verzweifelt, seinen Schwanz noch tiefer in sich zu ziehen. Er will alles nehmen, was Adam ihm geben kann. Erst recht, wenn es schnelle Stöße sind, die ihn in die Matratze drücken und Lippen, die immer wieder seinen Namen flüstern, bevor sie sich wieder und wieder heiß und feucht auf seine Haut pressen.
Vielleicht traut er sich auch, Adams Namen zu sagen, als er kommt. Vielleicht behält er ihn aber auch für sich, wie einen wohlgehüteten Schatz.
Für ein nächstes Mal, das es nie geben wird.
Leo hat sich krank gemeldet. Die Übelkeit ist wieder da, gepaart mit Rückenschmerzen und allen möglichen anderen Dingen, mit denen sein Körper ihn heute überraschen möchte. Als gäbe es noch nicht genug Scheiße in seinem Leben, mit der er sich herumschlagen muss.
Obwohl es draußen an die dreißig Grad hat, hätte er am liebsten seinen flauschigsten Pullover angezogen und sich unter einer Decke vergraben. Alles, um nicht mit der Realität konfrontiert zu werden, die sich langsam eingeschlichen hat, aber nun unübersehbar ist.
Wortwörtlich. Innerhalb von kürzester Zeit wird es im Präsidium die Runde machen und Leo wird zum Gesprächsthema Nummer eins werden.
Er fragt sich, wie glaubhaft er vermitteln könnte, dass es beabsichtigt war. Oder dass irgendjemand außer Adam etwas damit zu tun hat. Die Chancen gehen gegen Null. Eine weitere Sache, über die Leo sich vorher kaum Gedanken gemacht hat, weil sein Kopf viel zu voll war mit anderen Dingen.
Wenigstens, denkt er in einem besonders verbitterten Moment, als er im Bad auf den kalten Fliesen hockt und verzweifelt versucht, seinen rebellierenden Magen zu beruhigen – wenigstens wird er sich um die finanzielle Absicherung keine Gedanken machen müssen. Die hat Adam locker im Griff. In einer verdammten Sporttasche.
Die Couch ist unbequem, aber Leo bleibt trotzdem dort liegen. Sein Bett riecht schon seit Monaten nicht mehr nach Adam, aber wenn er im Wohnzimmer ist, kann er sich das wenigstens einbilden. Hier hat alles angefangen, damals. Er streichelt nachdenklich über das Sofakissen, das Adam zur Seite geworfen hat, um sich an Leo lehnen zu können.
Sie haben sich oft aneinander angelehnt in dieser Zeit. Waren füreinander da. Nie mit Worten, aber Taten haben ihnen gereicht. Eine flüchtige Berührung hier, eine Umarmung dort. Zusammengekuschelt auf Leos Couch. Knutschend auf dem Weg in Leos Bett, an dem einen Abend, an dem alles zu viel wurde und nichts mehr gereicht hat, bis Adam endlich nachgegeben hat, ihn zu ficken.
Leo hat ihn darum gebeten, das weiß er noch. Hat quasi darum gebettelt. Scheißegal, dass er keine Kondome mehr hatte und überhaupt nicht darauf vorbereitet war.
Leider schafft er es immer noch nicht, es zu bereuen.
„Du musst dir das überlegen“, sagt Caro. Als hätte Leo nicht die letzten Nächte immer stundenlang wach gelegen, um genau darüber nachzudenken.
„Ich weiß.“ Er steckt die Hände tiefer in die Taschen seiner Windjacke und lauscht auf das Knirschen der Blätter unter seinen Schuhen. Mit der Jacke geht es. Noch. Noch kann er sich so einigermaßen sicher fühlen.
Seine Schwester kann ihm zwar keinen Ausweg anbieten, aber immerhin ihre Hilfe. In dem Umfang, in dem er sie möchte, in dem er sie braucht. In ihren Worten klingt durch, dass sie ihm alles abnehmen würde, wenn er das will – schließlich hat sie sich immer Kinder gewünscht.
Leo auch nicht. Nicht so – definitiv nicht so – aber er hat sich immer so gesehen. Mit einem Kinderwagen im Park. Auf dem Spielplatz beim Anschubsen an der Schaukel. In einer respektablen Familienkutsche an der Haltebucht vor der Grundschule.
Nur dass er sich nie alleine so gesehen hat.
Wenn er nicht richtig aufpasst, schleichen sich manchmal andere Bilder dazu. In denen jemand anderes den Kinderwagen schiebt. In denen er nicht alleine auf dem Spielplatz auf einer Bank sitzt. In denen er nach der Schule zuhause wartet, um die Kinder und seinen Mann in Empfang zu nehmen.
Aber das geht nicht. Jedenfalls nicht mit dem, den er gerne an seiner Seite hätte. Also versucht er, sich vorzustellen, wie er das mit Caro macht. Nicht immer, aber gelegentlich, wenn er Unterstützung braucht.
Sie wird eine tolle Tante werden, daran hat er keinen Zweifel. Möglicherweise auch eine Art Ersatzmutter. Je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln.
„Danke“, sagt Leo laut. Er hätte gerne mehr Antworten, aber zuerst einmal kann er Caro wenigstens das sagen.
Selbst wenn sie nichts an der Situationen ändern kann, hat sie ihm schon mehr geholfen, als er es je für möglich gehalten hätte.
In dieser Nacht schläft er endlich einmal wieder durch und es schleicht sich kein mulmiges Gefühl ein, als er morgens beim Aufwachen ein Ziehen in seinem Bauch spürt.
Die Neuigkeit ist raus. Leo war zu feige, um ins Büro zu gehen, aber da der Personalbereich und sein Team die Nachricht erhalten haben, ab wann er in Elternschutz gehen wird, zweifelt er nicht daran, dass es in kürzester Zeit alle wissen werden.
Alle sind ihm egal. Alle außer Adam.
Aber Adam meldet sich nicht. Pia schickt ihm hunderte Fragen und hilfreiche Links. Rainer teilt ihm mit, dass er noch alte Babyklamotten und Spielzeug von seinen Töchtern auf dem Dachboden hat – ob Leo etwas davon gebrauchen kann? Esther schickt ihm immerhin ein „Herzlichen Glückwunsch“, weil das wohl etwas ist, was man in der Situation macht.
Doch was Adam angeht, herrscht Funkstille. Es kommt nicht unerwartet, aber es trifft Leo trotzdem. Denn egal wie sehr er sich wünscht, dass er sich freuen könnte – all die Glückwünsche bringen ihm nichts, wenn er weiß, dass Adam den Gedanken daran hasst.
Etwas anderes kann Leo sich nicht vorstellen. Die Frage ist nur, wen Adam mehr hasst. Das ungeborene Kind, Leo oder sich selbst.
Vielleicht alles auf einmal.
Leo sollte aufhören auf der Couch zu schlafen. Es ist nicht gut für seinen Rücken und sein Schwangerschaftskissen, das seine Mutter ihm aufgedrängt hat, rutscht ihm immer wieder von der schmalen Sitzfläche runter. Aber er bleibt trotzdem liegen, weil er hier wenigstens ein paar Stunden mehr Schlaf bekommt als in seinem Bett.
Wenn er im Schlafzimmer wäre, hätte er wahrscheinlich das leise Klopfen an der Wohnungstür überhört. Sein erster Gedanke ist, wie ungewöhnlich es ist, dass jemand mitten in der Nacht bei ihm klopft. Der zweite dreht sich darum, dass es eigentlich unmöglich ist, dass jemand bis zur Wohnungstür gekommen ist, ohne zu klingen. Es sei denn, derjenige hätte einen Schlüssel für die Haustür unten gehabt.
Seine Mutter oder Caro würden wohl kaum nachts vorbeikommen, ohne sich vorher zu melden. Bleibt also nur noch…
„Adam.“ Leo hat fast vergessen, wie der Name sich auf seiner Zunge anfühlt. Doch jetzt sagt er ihn nicht nur allein und verzweifelt, während er unter der Dusche in seine Faust fickt, sondern in seinem kleinen Flur, während Adam direkt vor seiner Tür steht und den Blick auf seine Fußmatte gesenkt hält.
Welcome. So willkommen soll Adam sich hier gerade allerdings nicht fühlen.
Leo verschränkt die Arme vor der Brust. Erst im Nachhinein merkt er, dass das wahrscheinlich keine gute Idee war. Es lenkt Adams Blick auf seinem Bauch, der sich inzwischen deutlich unter seinem Schlafshirt abbildet.
„Du bist schwanger.“
So offensichtlich? würde Leo am liebsten fragen. „Ja“, sagt er knapp.
„Von wem?“
Als ob das hier das einzig relevante wäre. Von wem, Leo? Was erwartest du jetzt von mir? Oder hast du nebenbei noch einen anderen gefickt?
Wenn er stärker wäre, würde er das vielleicht behaupten. Würde lügen, um sie alle drei zu schützen. Vor Adam, vor sich, vor den Konsequenzen. Stattdessen hebt er einfach nur hilflos die Schultern. Wenn Adam schon hier ist, sollte das eigentlich eh klar sein.
Leo senkt die Arme vor seinen Bauch, als müsste er etwas verbergen. Oder schützen. Er will nicht einmal daran denken, dass Adam etwas machen könnte, um ihm zu schaden, aber doch…
Als Adam einen Schritt in die Wohnung hinein macht, weicht er zurück. Weggehen, umdrehen, so wie Adam ihn im Staub zurückgelassen hat, nachdem er sein Geld weggeschafft hat.
Doch bis zum Umdrehen kommt er nicht. Die Wohnungstür klickt leise hinter Adam ins Schloss. Er streckt die Hand nach Leo aus. „Darf ich?“
Früher hat Adam nie gefragt, wenn er Leo berühren wollte. Er hat es einfach gemacht, weil er geahnt hat, dass Leo sich sowieso immer danach gesehnt hat. Leo hat immer gefragt, jedenfalls als sie noch jünger waren.
Er nickt, obwohl er weiß, dass er das nicht tun sollte. Adams Hand ist kalt, als hätte er sie vorher mit Eiswasser gewaschen. Oder wäre stundenlang draußen durch die Kälte gelaufen. Ist er vielleicht auch. Leo hat keine Motorengeräusche gehört.
Selbst durch sein Schlafshirt lässt es ihn zittern, als Adam vorsichtig über seinen Bauch streicht. „Meins?“
Nichts davon gehört Adam. Weder Leo, noch das Kind, auch wenn Adam daran eine Mitschuld trägt. Nur, weil er einmal mit Leo im Bett gelandet ist, heißt das nicht, dass er auch ein Anrecht darauf hat.
Im Grunde genommen ist Leo das alles bewusst, doch es ändert nichts daran, dass er unter Adams sanfter Berührung dahinschmelzen möchte.
Das reicht. Leo tritt einen Schritt zurück und Adams Hand bleibt kurz in der Luft zwischen ihnen hängen, bevor er sie wieder an seine Seite senkt. „Was willst du hier?“
„Dich. Euch. Scheiße, Leo, ich –“ Adam fährt sich mit einer Hand durch die Haare. Es ist offensichtlich, dass er heute Nacht noch nicht geschlafen hat. Die Nächte davor eventuell auch nicht. Leider hat Leo im Moment überhaupt keine Kapazitäten, um deshalb Mitleid mit ihm zu haben.
Er will Adam sagen, dass er gehen soll. Doch dann landet Adams Hand auf seinem Arm und jeglicher Widerstand löst sich in Luft auf. Sein „Ich wollte eigentlich ins Bett gehen“ klingt schwach und nicht wirklich überzeugend.
Adam schluckt. Leo kann sehen, wie er seinen Kiefer anspannt, nur um die Muskeln gleich darauf wieder zu lösen. Seine Finger bohren sich beinahe schmerzhaft in Leos Arm, aber dafür ist er fast schon dankbar. Sie werden Spuren hinterlassen, anhand denen sich Leo morgen daran erinnern kann, dass Adam da war.
Dass er wenigstens einmal so getan hat, als ob Leo ihm wichtig wäre.
„Darf ich bleiben?“
„Klar.“
Die Zusage fällt Leo nicht schwer. Er rechnet sowieso nicht damit, morgen neben Adam aufzuwachen.
Anscheinend ist Leo auch mit Adam neben ihm nicht mehr in der Lage, eine Nacht durchzuschlafen. Es ist zum Verrücktwerden. Er überlegt ernsthaft, ob er versuchen soll, dem Drang seiner Blase standzuhalten, einfach nur, damit er genau so hier liegen bleiben kann, mit Adam in seinem Rücken und Adams Arm, der locker um seinen Bauch geschlungen ist.
Doch es hilft alles nichts. Er muss sich unter Adam herauswinden, seine Wärme verlassen und ins Bad gehen. Er weigert sich, sich in der Schlafzimmertür noch einmal umzudrehen, um sich einzuprägen, wie Adam schlafend in seinem Bett aussieht.
Als er zurückkommt, schläft Adam nicht mehr. Er sitzt auf der Bettkante, die Ellbogen auf den Knien und das Gesicht in den Händen vergraben. Die Hände fallen, als Leo wieder in den Raum kommt. „Leo? Ich dachte, du wärst weg.“
Adam ist der letzte, der das Recht hat, dabei so anklagend zu klingen. Immerhin ist das hier Leos Wohnung, aus der er sich wohl kaum mitten in der Nacht raus schleichen wird. Außerdem ist nicht er derjenige, der eine miese Bilanz hat, wenn es darum geht, sich ohne ein Wort zu verpissen.
„Alles ist gut“, hört Leo sich sagen. „Ich war nur kurz… wir können wieder ins Bett gehen.“
Adam streckt beide Hände nach ihm aus, greift nach seinen und zieht ihn daran näher. Und dann kann Leo einfach nicht mehr.
„So läuft das nicht, Adam.“ Vielleicht sind es die Hormone. Vielleicht all der aufgestaute Frust darüber, dass Adam monatelang nicht für ihn da war. Möglicherweise spielt die Tatsache mit rein, dass Adams Daumen über seinen Handrücken streichelt und dafür sorgt, dass Leo sich wieder solche verdammt dummen Hoffnungen macht. „Du kannst nicht einfach hier auftauchen und so tun, als wäre alles normal.“
Der Grund dafür, dass die Dinge nicht normal sind, befindet sich für Adam in perfekter Augenhöhe, kaum versteckt durch Leos Schlafshirt. Für einen Moment hat er die irre Vorstellung, dass Adam sein Shirt hochheben, sich nach vorne lehnen und seinen Bauch küssen könnte, wie in so einer bescheuerten Fernsehwerbung, die einem Windeln, Milchpulver oder sonst was verkaufen möchte.
Stattdessen lehnt Adam sich zurück und hebt den Kopf, um Leo in die Augen schauen zu können. „Dann sag mir, was ich deiner Meinung nach tun sollte?“
Es gäbe so viele Dinge, die auf Leos Wunschliste stehen. Allen voran, dass Adam sich genauso darüber freut, wie Leo das gerne tun würde. Aber das wäre viel zu viel verlangt. Er könnte einfach fragen, ob Adam ihn wieder in den Arm nimmt, damit sie weiterschlafen können. Einer Lösung wären sie damit allerdings auch nicht näher.
Dabei wären sie wahrscheinlich auch genau an diesem Punkt, wenn das nicht passiert wäre. Wenn Leos Zustand nichts ändern würde, würde Adam vermutlich immer noch irgendwo mit seiner Sporttasche hocken und sich weigern, mit Leo darüber zu reden.
„Was ist mit dem Geld?“ fragt er, obwohl das keine Diskussion für halb fünf morgens sein sollte. Obwohl Adam seine Hände festhält, ist ihm mittlerweile kalt und in seinem Rücken zieht es. Wahrscheinlich braucht er nicht einmal wieder ins Bett zu gehen, weil er gleich sowieso wieder aufs Klo muss.
„Was soll ich damit machen, deiner Meinung nach?“
Am liebsten würde Leo lachen. Auf einmal ist seine Meinung etwas wert? Nachdem Adam sich so lange nicht die Mühe gemacht hat, ihn in irgendetwas einzuweihen, geschweige denn ihn zu fragen, was er davon hält? Als ob Leo der einzige Grund wäre, der Adam dazu bringen würde, das Richtige zu tun – und nicht, es einfach zu machen, weil es eben das Richtige ist.
„Du hättest es schon von Anfang an nicht behalten dürfen.“
Erwartungsgemäß sagt Adam nichts dazu. Er schaut Leo weiter an, streichelt an seinen Unterarmen hinauf bis zum Ellbogen und dann wieder hinab, aber ihm kommt weder eine Zustimmung, noch ein Gegenargument über die Lippen.
Leo windet seine Handgelenke Adams Griff. Er hatte Recht. So läuft das nicht. Er wird nicht zulassen, dass es so läuft.
Morgen. Morgen wird er Adam wegschicken. „Schlaf jetzt“, sagt er, während er um das Bett herumgeht und auf seiner Seite die Decke zurückschlägt.
Diesmal legt Adam nicht den Arm um ihn, bevor er einschläft.
Es klingelt. An einem Sonntag kann das eigentlich nichts Gutes bedeuten. Leo erwartet keinen Besuch und die Post sollte auch nicht vorbeikommen. Die Möglichkeiten, wer da unten vor seiner Tür steht und nun schon zum zweiten Mal auf die Klingel drückt, sind also begrenzt.
Seiner Familie hat er geschrieben, dass er heute lieber allein sein möchte. Direkt, nachdem er mitten auf seiner Matratze aufgewacht ist, in alle Richtungen ausgebreitet, weil kein warmer Körper mehr neben ihm lag, der Platz im Bett beansprucht hätte. Caro oder seine Mutter können also nicht unten vor seiner Tür stehen.
Leo lässt es noch ein drittes Mal klingen. Er presst sich ein Kissen vor den Bauch und lauscht, aber das Geräusch eines Schlüssels im Schloss ertönt nicht. Insofern sollte er wahrscheinlich dankbar sein, dass Adam zumindest einen gewissen Teil seiner Grenzen noch respektiert.
Oder dass es ihm dann irgendwie doch nicht so wichtig ist, wenn Leo nicht aufmacht.
„Wenn ihr ein Paar wärt, würde man sagen, ihr habt eine toxische Beziehung.“
Leo starrt an Pia vorbei. „Ja. Ja, vielleicht.“
Er weiß nicht wirklich, was er dazu sagen soll. Wenn ihr ein Paar wärt. Das Problem ist, dass Leo lieber eine toxische Beziehung mit Adam hätte als gar keine. Aber er kann jetzt nicht mehr nur an sich denken.
Denn Pia hat auch Recht mit dem, was sie nicht gesagt hat. Dass Leo da endlich raus muss, wenn er will, dass das Kind nicht genauso darunter leidet wie er.
Leo konnte es nicht länger aufschieben. Ihm geht es gut, den Umständen entsprechend, und es wäre ihm lächerlich vorgekommen, seine Ärztin noch einmal um eine Krankschreibung zu bitten. Mehr als Innendienst darf er sowieso nicht machen, aber es ist besser, als den ganzen Tag in seiner Wohnung zu sitzen und dort die Wände anzustarren.
Pia begrüßt ihn mit einer halben Umarmung, was sie sonst nie macht. Es ist ein bisschen umständlich, aber trotzdem irgendwie schön. Wenigstens muss Leo sich von ihr keine blöden Sprüche anhören.
„Wir haben zusammengelegt“, teilt sie ihm außerdem mit und deutet auf den Korb, der auf Leos Schreibtisch steht.
Vielleicht wären ihm dumme Sprüche doch lieber gewesen, überlegt er, als er ein Glas saure Gurken aus dem Korb zieht. Dabei fällt eine Tafel Schokolade zur Seite und gibt den Blick frei auf einen Gutschein für einen Burgerladen in der Innenstadt.
„Pia hat gegoogelt, auf was man alles Heißhunger haben kann und einfach alles gekauft“, verkündet Esther. Sie klingt nicht besonders begeistert davon. Aber zusammengelegt muss wohl bedeuten, dass sie sich daran beteiligt hat.
Bisher hatte Leo noch auf nichts von dem Lust, was hier so ansprechend auf seinem Schreibtisch angerichtet ist. Er stellt das Gurkenglas ab. Bei genauerer Betrachtung wird ihm davon eher ein bisschen schlecht.
„Danke“, bringt er heraus. Es ist wirklich nett gemeint. Er verdreht die Augen in Esthers Richtung und versucht, Pias Lächeln zu erwidern. Auf Adams leeren Stuhl schaut er lieber nicht, weil er sich dann vielleicht doch noch übergeben muss, obwohl ihm das schon seit Wochen nicht mehr passiert ist.
Die Stille im Büro ist drückend. Esther und Pia sind zu einer Befragung aufgebrochen, zu der Leo natürlich nicht mit durfte. Jetzt können sie nur herumsitzen und auf Ergebnisse warten und er wünscht sich, dass er sich doch weiter krank gemeldet hätte.
Dann müsste er nun wenigstens nicht auf Adams Hinterkopf starren, während der tief über seinen Schreibtisch gebeugt dasitzt und irgendetwas macht, was nichts mit der Arbeit zu tun haben kann. Davon haben sie nämlich im Moment keine.
„Ich muss noch mal los“, sagt Adam.
Leo nickt nur und tut so, als wäre er mit seinem leeren Posteingang wahnsinnig beschäftigt. Im Grunde genommen kann es ihm egal sein. Er ist sowieso nicht mehr lange Teamleiter und wenn Adam seine Arbeitszeit vertrödelt, ist das nicht mehr Leos Problem.
Er schaut nicht auf. Auch nicht, als er hört, dass Adam in der Tür zum Büro noch fast eine volle Minute lang stehen bleibt.
Abends klingelt es wieder. Vielleicht würde Leo sogar öffnen, wenn er nicht gerade eine bequeme Position auf der Couch gefunden hätte, bei der ihm ausnahmsweise nichts wehtut. Man kann jetzt einfach nicht von ihm verlangen, dass er aufsteht.
Sein Handy vibriert mit einer neuen Nachricht und Leo bereut, es nicht komplett lautlos gestellt zu haben. So hat er keine Wahl, als darauf zu schauen.
Gib mir 5 Minuten. Bitte.
Mit einem Seufzen schließt Leo die Augen und atmet tief durch. Er will Adam nicht sehen. Wirklich nicht.
Komm rein.
Adam wirkt beinahe förmlich, als er sich einen Stuhl vom Esstisch heranzieht und sich Leo gegenüber setzt. Normalerweise hätte Leo ihm Platz auf der Couch gemacht, aber heute hat er dafür einfach keine Energie übrig. Und er kann es sich nicht leisten, sich so an Adam heran zu kuscheln, wie er das in diesem Moment gerne tun würde.
Adams Hoodie wirkt selbst auf die Entfernung unglaublich weich. Seine Haare sind nicht frisiert und hängen ihm in die Stirn, so als würden sie nur darauf warten, dass Leo sie nach hinten streicht. Von daher ist es nur von Vorteil, dass Adam sich auf der anderen Seite des Couchtisches befindet.
„Ich hab das Geld abgegeben. So wie du gesagt hast. Hab ihnen gesagt, ich hätte es gerade erst gefunden.“
Leo nickt langsam. „Okay.“ Es ist wahrscheinlich die einzige vertretbare Lösung. Adam hätte wohl kaum sagen können, dass er das Geld schon seit Monaten zwischen seinen schmutzigen Sportsachen herumträgt.
„Okay? Das ist alles?“
Eigentlich würde Leo sich darüber freuen, dass Adam endlich nachgegeben hat. Doch da ist wieder die Tatsache, dass Adam es einfach durchgezogen und sich erst im Nachhinein dazu bequemt hat, Leo darüber zu informieren. Er faltet die Hände in seinem Schoß und bemüht sich, sie nicht zu sehr ineinander zu verkrampfen. „Ja. Das ist alles.“
„Scheiße, Leo, ich hab das für dich gemacht!“
„Für mich? Wann hast du je etwas für mich gemacht? Es ging doch immer nur um dich!“ Als Leo ihn vor seinem Vater beschützt hat. Als er Leo nicht erzählt hat, dass sein Vater aufgewacht ist. Als er Leo gefickt hat, weil Leo darum gebettelt hat… selbst da wollte er wahrscheinlich nur, dass Leo endlich Ruhe gibt.
Adam will etwas sagen, aber Leo lässt ihn nicht. Er kann sich jetzt keine Ausreden mehr anhören. „Lass gut sein.“ Seine Hand findet wie von selbst seinen Bauch. „Ich komm schon klar.“ Er hat Mama, er hat Caro, Pia und vielleicht sogar Esther auf seiner Seite. Rainer kann ihm bestimmt auch mal aushelfen. Dass sein Herz sich trotzdem nach Adam sehnt, sollte keine Rolle spielen.
„Leo, bitte. Ich hab doch alles versucht.“
Die Bitterkeit, die in Leo aufsteigt, ist definitiv einzig und allein ein Symptom der Menge an Gelegenheiten, zu denen Adam ihn enttäuscht hat. Noch einmal kann er das nicht. „Das reicht nicht.“ Nicht mehr.
Er schaut Adam nicht an, als er schwerfällig von der Couch aufsteht und sich umdreht, um den Raum zu verlassen. Egal wohin, nur weg von dem Sturm in Adams Augen und der Verzweiflung in seinem Gesicht.
„Deine fünf Minuten sind um.“
Esther hat angeboten, mit ihm joggen zu gehen. Leo weiß nicht einmal mehr, warum er das Angebot überhaupt in Betracht gezogen hat, aber je mehr er läuft, desto stärker merkt er, wie sehr es ihm guttut.
Sein Körper braucht die Bewegung, erst recht mit den Veränderungen, die er gerade durchleben muss. Laufen hilft ihm, sich wieder ein bisschen mehr wie er selbst zu fühlen. Es ist etwas, das er kann. Was er schon immer gemacht hat und was sich fast nach einem Stück Normalität anfühlt.
Esther ist eine angenehme Begleitung. Sie legt keinen Wert darauf, so wie Pia mit ihm über Babysachen zu diskutieren. Sie versucht nicht verzweifelt ihn abzulenken, so wie Rainer, wenn er Leo zum Fußball schauen einlädt. Sie ist einfach nur da und läuft und kommentiert nicht, wenn er das Tempo anzieht, in einem verzweifelten Versuch, vor seinen Problemen wegzulaufen, oder wenn er langsamer wird, weil er inzwischen doch deutlich schneller außer Atem ist als früher.
Wenn er mit Esther laufen war, kann er danach fast so gut schlafen, wie in der Nacht, in der Adam bei ihm war.
Aber nur fast.
Es waren immer schon die kleinen Dinge.
Als Leo im Geschichtsunterricht die Antwort nicht wusste, war es ein abgenutzter Zettel, herausgerissen aus einem linierten Schreibheft, mit einer krakeligen Jahreszahl darauf, der ihm aus der Bank rechts hinter ihm in die Hand gedrückt wurde.
Ein Teelicht im Baumhaus zu seinem Geburtstag, weil Adam kein Geld hatte für einen Kuchen und nicht die Gelegenheit, mehr aus dem Haus mitzubringen, weil es sonst vielleicht aufgefallen wäre. Beim Auspusten hat Leo die Augen fest zusammengekniffen und sich gewünscht, dass Adam ihn küsst. Natürlich ist das nicht passiert, aber wenigstens hatte er die kleine Kerze, die er sich hinterher als Erinnerung zuhause auf seinen Schreibtisch stellen konnte.
Ein flüchtige Berührung, wenn Adam sich an ihm vorbeischiebt, obwohl sie quasi Fremde waren, die sich nach fast fünfzehn Jahren wieder neu kennenlernen musste. Sanfte Finger an seinem Arm, in seinem Nacken, an seiner Hüfte. Als wollte Adam ihm sagen, dass er immer noch da ist.
Ein kleines Spielzeugpolizeiauto, sogar mit echtem Blaulicht, wenn man auf einen Knopf drückt. Am liebsten würde Leo heulen. Das Auto ist überhaupt nicht geeignet für ein Neugeborenes. Er hat in den letzten Tagen schon so viel wegen der kleinsten Dinge geheult, dass es jetzt auch keinen Unterschied mehr macht.
Außerdem sind es nicht die ersten Tränen, die er wegen Adam vergießt.
„Ist dir nicht kalt?“
Eigentlich nicht. Oder vielleicht doch. Leo war so in seine Akten vertieft, dass er nicht gemerkt hat, wie draußen vor dem Fenster die Sonne untergegangen ist. Inzwischen passiert das schon viel früher, als ihm lieb wäre. Der Lauf der Zeit behagt ihm noch weniger, seit alles in seinem Leben auf ein bestimmtes Datum zusteuert.
„Nein“, sagt er und er weiß, dass man ihm anhören kann, dass er lügt. Tagsüber mag das dünne Langarmshirt noch reichen. Er hat längst aufgegeben, irgendetwas verstecken zu wollen, weil es mittlerweile ohnehin offensichtlich ist und alle Bescheid wissen. Da braucht er sich gar nicht die Mühe von dutzenden Schichten zu machen, wenn er sowieso die meiste Zeit schwitzt wie verrückt.
Doch nun ist es spät und alles fühlt sich kalt an. Das mag aber auch daran liegen, dass er noch im Büro über Akten brütet, obwohl er längst zuhause auf seiner Couch oder im Bett liegen sollte. Oder daran, dass er mit Adam alleine ist.
„Leo. Lass mich dir helfen.“
Er will Adams Hilfe nicht. Keine gut gemeinten Worte, keine Babykleidung, keine Überweisung, die er vor einigen Tagen auf seinem Konto vorgefunden hat, als ob er von Adam Unterhalt verlangen würde. Er hatte nur noch keine Ahnung, wie er das Thema ansprechen soll.
Jetzt wäre die perfekte Gelegenheit dazu. Doch dann spürt er etwas Warmes in seinem Nacken und auf seinen Schultern und sieht aus dem Augenwinkel den grauen Stoff von Adams Hoodie, den er ihm umgelegt hat.
Wenn Leo nicht wirklich frieren würde, hätte er Adam den Hoodie wortlos zurückgegeben. Doch der Hoodie riecht nach Adam und er fühlt sich jetzt schon so warm an, dass Leo nicht anders kann, als ihn sich überzuziehen.
Sein „Danke“ verliert sich irgendwo in dem weichen Stoff, der es trotzdem noch irgendwie schafft, trotz Leos veränderter Figur ein bisschen zu groß an ihm zu wirken.
„Behalt ihn ruhig“, erwidert Adam, wieder von seinem Platz am Schreibtisch aus, als hätte er ihn nie verlassen.
Leo weiß, dass er nein sagen sollte. Er weiß aber auch, dass er den Hoodie mit nach Hause nehmen und darin schlafen wird, bis er längst nicht mehr nach Adam riecht.
„Was ist jetzt eigentlich mit dir und Adam?“
Von jedem anderen hätte Leo diese Frage erwartet. Esther hätte dabei genervt gewirkt, Pia ernsthaft interessiert und vielleicht ein bisschen besorgt und sogar Caro hätte er zugetraut, dass sie nach Monaten ihre Neugier nicht mehr länger zügeln kann. Aber ausgerechnet beim Tee bei seiner Mutter hätte er nicht damit gerechnet, mit Dingen konfrontiert zu werden, an die er sonst nicht einmal denken möchte.
„Was soll mit Adam sein?“ Er schaut in seine Teetasse, in der nur noch braune Krümel in einem letzten Rest heller Flüssigkeit schwimmen.
„Ich muss doch wissen, ob ich ihn anrufen soll, wenn etwas mit dir ist.“
Die Frage ist… schwierig. Leo könnte nicht einmal selbst sagen, ob er wollen würde, dass Adam im Ernstfall Bescheid weiß. Für den logischen Teil seines Gehirns ist es ein klares Nein. Es ist der Teil, der ihm schon seit Monaten einreden möchte, dass es am besten ist, wenn er sich auf Dauer von Adam fernhält und wenn überhaupt eine rein kollegiale Beziehung mit ihm führt.
Der andere Teil wünscht sich, dass Adam da ist. Dass Adam sofort alles stehen und und liegen lassen würde, um an Leos Seite zu sein, wenn es ihm dreckig geht. Aber Adam macht so etwas nicht. Selbst wenn er offensichtlich im Büro einen Elternratgeber auf seinem Tisch liegen lässt.
Leo hätte das kleine Büchlein am liebsten in hohem Bogen im Papierkorb verschwinden lassen. Er hat keine Ahnung, was Adam damit überhaupt möchte.
„Ruf ihn an“, hört er sich sagen, obwohl er sich sicher ist, dass es nichts bringen wird. Ändern wird es auf jeden Fall nichts.
Bevor er geht, schreibt er Adams Nummer auf den kleinen Notizblock, der immer im Flur auf der Anrichte bereit liegt. Die Zahlenfolge kennt er immer noch auswendig. Scheinbar ist sein Gehirn gut darin, unnützes Wissen aufzubewahren, wenn es sich schon nicht gegen sein Herz durchsetzen kann.
Leo hat keine Ahnung, wie er hierher gekommen ist, ohne seinen Wagen vor eine Wand zu setzen oder im Straßengraben hängen zu bleiben. Die Schmerzen graben sich in seinen Unterleib und er muss sich im Bettlaken festkrallen, bis sie vorbeigehen.
Alles in Ordnung, hat der Arzt gesagt. Es sei gut, dass er sofort hergekommen ist, aber es lassen sich keine Probleme feststellen. Leo hat ihm erst geglaubt, als er den Herzschlag des Kindes klar und deutlich gehört hat. Und auch jetzt fühlt sich alles soweit entfernt an von alles in Ordnung, wie er sich das nur vorstellen kann.
Er soll erst einmal hier bleiben. Die Ansage kam nicht überraschend, aber sie trifft Leo trotzdem unvorbereitet. Er sollte noch Zeit haben, sich auf alles vorzubereiten, das Zimmer in seiner Wohnung herzurichten und die vielen Babysachen zu verstauen, die er von allen Seiten bekommen hat und die seitdem in Kisten in seinem Keller lagern.
Es gibt noch so viel zu tun. Und jetzt liegt er hier, für keine Ahnung wie lange, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als seiner Mutter zu bitten, ihm ein paar Sachen vorbeizubringen und sich zu fragen, wann sein Leben so verdammt schief gelaufen ist.
Nein, nicht schief gelaufen. Anders gelaufen als geplant. Er rollt sich auf dem Krankenhausbett zusammen, so gut das geht. Der Kleinen geht es gut. Das ist die Hauptsache. Mit dem Rest kommt Leo schon klar.
Es wird später Vormittag, bis die Tür zu seinem Zimmer aufgeht. Dass er noch alleine hier liegt, ist purer Luxus und er rechnet damit, dass das zweite Bett bald belegt werden wird. Oder dass die Pfleger ihn zu weiteren Tests abholen. Vielleicht kommt seine Mutter auch früher vorbei, obwohl sie ihm heute Morgen am Telefon noch gesagt hat, dass sie es erst nach der Arbeit schafft, nachdem er ihr erfolgreich versichert hat, dass wirklich keine akute Gefahr besteht und dass es ihm nichts ausmacht, ein paar Stunden länger alleine zu bleiben.
Doch es ist nicht seine Mutter. Leo setzt sich so schnell auf, dass er wieder ein Ziehen in seinem Bauch spürt. Er presst eine Hand auf die Stelle, wo sich gerade eindeutig etwas bewegt. Am liebsten würde er sofort sagen, dass er seine Ruhe haben und niemanden sehen möchte, aber er bringt kein Wort heraus.
Adam lässt die Sporttasche fallen, die er in der Hand gehalten hat. Es ist nicht die gleiche Tasche, diese ist schlicht und schwarz, aber sie bringt trotzdem eine Welle an Erinnerungen zurück.
In Sekundenbruchteilen steht Adam neben dem Bett und seine Hand befindet sich nur wenige Zentimeter von Leos Arm entfernt. „Alles okay?“
Allein schon aufgrund der Tatsache, dass er sich im Krankenhaus befindet, sollte man davon ausgehen können, dass eben nicht alles zu hundert Prozent perfekt läuft. „Ja. Alles bestens.“ Bis du aufgetaucht bist.
Trotzdem weicht Leo nicht vor Adams Hand zurück. Vielleicht weil er Adam dazu verleiten möchte, dass er ihn anfasst. Dass er irgendetwas macht, anstatt nur stumm dazustehen, ihn anzustarren und blöde Fragen zu stellen.
„Deine Mutter hat mich angerufen.“
„Ich weiß.“ Wer hätte Adam sonst von Leos Lage erzählen sollen? So schnell kann die Neuigkeit wohl kaum im Präsidium die Runde gemacht haben, und so interessant ist er für den allgemeinen Büroklatsch hoffentlich auch nicht mehr.
Er ist selbst schuld, dass Adam hier ist, weil er Mama seine Nummer gegeben hat. Für Notfälle. Was auch immer ein Notfall sein soll, das hier fällt wohl am ehesten darunter. Wirklich böse kann er ihr deswegen wohl nicht sein, obwohl eine Warnung ganz nett gewesen wäre.
Diesmal ist Leo vorsichtiger, als er sich langsam aufsetzt. Er nickt in Richtung der Sporttasche. „Und was soll das?“
„Ich hab dir ein paar Sachen von zuhause mitgebracht.“
Der Gedanke, dass Adam ungefragt in seiner Wohnung war, sollte ihn mehr stören. Vor allem, weil für die paar Sachen, die er seiner Mutter genannt hat, eine kleine Einkaufstüte ausreichend gewesen wäre. „Also hast du meinen halben Kleiderschrank mit hergenommen?“
Adams Mundwinkel zuckt. „Nur den Inhalt. Den Schrank hab ich zuhause gelassen.“
Leo kann nicht verhindern, dass ihm ein leises Schnauben entweicht, das schon viel zu sehr nach einem Lachen klingt. Er kann hier nicht mit Adam scherzen und so tun, als wäre nie etwas gewesen. Doch andererseits… wäre es so schlimm wenn er sich noch einmal seinem Verlangen hingibt?
Nur für eine Weile. Nur bis Adam wieder gehen muss, weil er bestimmt nur für eine vorgezogene Mittagspause aus dem Büro hergekommen ist.
Er rutscht ein wenig ungelenk zur Seite und klopft auf die Matratze neben sich. „Komm. Setz dich.“
Ihm entgeht nicht, dass Adam zögert. Aber auch nicht, dass er ein kleines bisschen lächelt, als Leo sich danach doch wieder näher zu ihm schiebt, bis ihre Hände sich berühren.
„Danke fürs Fahren“, sagt Leo, nachdem er sich mühsam aus seinem Auto gequält hat. Allein davon ist er außer Atem. Joggen kann er sich jetzt wohl auch abschminken, nachdem ihm die Ärzte strenge Ruhe verordnet haben. Nicht einmal ins Büro darf er, obwohl das wahrscheinlich seine einzige Möglichkeit der Ablenkung gewesen wäre. Es wird ihm also niemand verdenken können, dass er die Autotür etwas fester zuknallt als nötig.
Adams macht seine Tür so leise zu, dass es über den Wind kaum zu hören ist. So viel stört Leo daran, ebenso wie daran, dass Adam einfach kommentarlos seine Tasche aus dem Kofferraum holt und damit aufs Haus zu läuft.
„Was wird das?“ will Leo wissen, als Adam oben allen Ernstes beginnt, seine Schuhe auszuziehen. Er selbst steht immer noch mit Schuhen im Flur, weil er sich nach den vier Treppen noch nicht wirklich für einen weiteren Kraftakt bereit fühlt.
„Ich lass dich doch jetzt nicht alleine.“ Adam richtet sich auf und bleibt vor Leo stehen. „Der Arzt meinte, du sollst wiederkommen, sobald sich wieder etwas komisch anfühlt. Und wenn keiner hier ist, ignorierst du das nur oder setzt dich wieder selbst hinters Steuer.“
Adam hat Recht, zumindest was Letzteres angeht. Aber das muss er Leo nicht so unter die Nase reiben, während er mit den Schuhen in der Hand in seinem Flur steht. „Ich kann auch mit dem Taxi fahren“, wirft Leo deshalb ein.
„Ich kann auch Caro anrufen, damit sie hier bleibt, wenn dir das lieber ist.“
Scheiße. Leo lässt seine Augen für einen Moment über Adams Gesicht wandern. Es wirkt, als ob er das vollkommen ernst meint. Und Leo knickt ein. Weil Caro sich zwar bestimmt auch gut um ihm kümmern würde, aber sein blödes Herz sich immer noch so verzweifelt nach Adam sehnt.
„Nein, schon gut“, sagt er leise und nimmt Adam die Schuhe aus der Hand, um sie oben aufs Schuhregal zu stellen. „Bleib ruhig.“
Dass Leo so lange schläft, hat vermutlich wenig damit zu tun, dass er nicht alleine in seinem Bett liegt. Adam berührt ihn nicht einmal. Nein, es ist bestimmt nur, weil sein Körper nach der Zeit im Krankenhaus Erholung braucht und sich die Schmerzen ausnahmsweise in Grenzen halten.
Adam ist weg, als er aufwacht. Wundern tut es Leo nicht und für einen Moment weiß er nicht, ob das Brennen in seiner Brust daher kommt oder ob es nur wieder Sodbrennen ist. Doch das tritt normalerweise nicht morgens auf.
Dann hört die Geräusche, die eindeutig aus seiner Wohnung und aus dem Zimmer nebenan kommen. Eins davon ist ein nur mühsam unterdrücktes Fluchen gewesen. Es ist absolut fehl am Platz, dass Leo sich darüber freut.
„Hab ich dich geweckt?“ Adam schaut aus einem Haufen an Brettern und Schrauben zu ihm auf. Der Karton der Wickelkommode, die Leo bestellt, aber bis jetzt noch nicht aufgebaut hat, liegt geöffnet neben ihm, mit der Anleitung oben auf.
„Nein“, erwidert er. Er wäre über kurz oder lang sowieso wach geworden, weil seine Blase ihm keine Ruhe gelassen hätte.
„Gut.“ Adam nimmt wieder einen Schraubendreher zur Hand und fängt an, mühsam eine Schraube ins Holz zu bohren.
„Ich hab auch einen Akkuschrauber“, merkt Leo an. Es kaputt zu machen, bekommt Adam vielleicht auch so hin, aber dann müsste er sich dabei nicht ganz so sehr abmühen.
Adam schaut nicht einmal auf. „Das geht schon.“
Wenn das so ist. Dann wird Leo sich eben nicht weiter einmischen.
Eine Viertelstunde später steht er doch wieder in der Tür zu dem Raum, der mal das Kinderzimmer werden soll. Vielleicht könnte er Adam dazu bringen, auch noch die Wände zu streichen. Das Weiß wirkt bei näherer Betrachtung doch ein bisschen kahl.
Adam braucht nicht lange, um Leos Anwesenheit zu bemerken. Gut versteckt hat er sich aber ohnehin nicht. Adam richtet sich auf und wirft einen Blick auf die Kaffeetasse in Leos Hand. „Darfst du den überhaupt trinken?“
Betont gelassen nimmt Leo einen Schluck aus der Tasse, obwohl er sich an der brühend heißen Flüssigkeit die Zunge verbrennt und obwohl seine Ärztin ihm eigentlich geraten hat, Koffein größtenteils zu vermeiden. Aber ein kleiner Schluck wird wohl nicht schaden. Erst recht nicht, wenn Adam auf einmal meint, ihm Vorschriften machen zu müssen.
Es heißt aber auch, dass Adam sich irgendwie informiert haben muss. Oder er trägt Wissen weiter, das er über die Jahre aufgeschnappt hat, aber wie dem auch sei – er kümmert sich. Die Wickelkommode scheint schon fast fertig aufgebaut zu sein. Vielleicht lag der Elternratgeber damals doch nicht einfach nur so auf Adams Schreibtisch.
Er hält Adam die Tasse hin. „Der war eigentlich für dich.“
Adam legt den Schraubendreher ab und rappelt sich vom Boden auf. Er bleibt dicht vor Leo stehen. Leo muss sich darauf konzentrieren, auch wirklich loszulassen, als Adam ihm die Tasse abnimmt, und nicht seine Hände einfach unter Adams liegen zu lassen, obwohl er nichts weiter möchte, als dass Adam ihn festhält.
Einen Augenblick lang wirkt es so, als würde Adam näher kommen und Leo fragt sich, ob Adam ihn gleich küssen wird. Ob er ihm endlich, endlich irgendein Zeichen geben wird, was zum Teufel das hier ist, wenn Adam Stunden um Stunden bei ihm im Krankenhaus verbringt, in seinem Bett schläft und seine Babymöbel aufbaut.
Doch Adam zögert und Leo sagt sich, dass es scheißegal ist. Er nimmt seine Hände von der Tasse, schließt die Augen und drückt Adam einen Kuss auf die Wange.
Adam bleibt mit seiner Tasse genau so dort stehen, bis Leo im Bad verschwunden ist, um in Ruhe seinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen.
Adam kommt wieder. Nach der Arbeit ist er wieder bei Leo, bringt Essen mit und holt dann allen Ernstes den Staubsauger aus der Abstellkammer. Leo kann nur sprachlos zuschauen, wie Adam seine Wohnung putzt und sich fragen, was denn bitte bei ihm in letzter Zeit falsch gelaufen ist – oder sehr, sehr richtig.
In dieser Nacht schläft Leo wieder ziemlich gut. Er wacht wieder alleine auf, aber diesmal meint er sich daran zu erinnern, dass Adam ihm nach dem Aufstehen die Haare aus der Stirn gestrichen und ihm ein bis später zugeflüstert hat.
Diesmal kommt Adam später nach Hause. Leo hat sich erlaubt, nachmittags an der klaren Winterluft spazieren zu gehen, obwohl er sich ziemlich genau denken konnte, was Adam oder auch seine Mutter dazu zu sagen hätte. Aber jetzt wäre es zu spät, weil es längst dunkel draußen ist, und Leo fühlt sich auch nur ein kleines bisschen erschöpft. Aber auf eine gute Art und Weise, weil er endlich mal wieder etwas machen konnte.
Jetzt sollte er eigentlich aufstehen, aber er kann sich noch nicht wirklich dazu durchringen. Schon die erste unruhige Bewegung, als er Adam an der Tür gehört hat, hat dafür gesorgt, dass er sich wieder jeder Menge Tritte aussetzen muss.
„Ich hab Essen mitgebracht.“ Adam bleibt in der Tür zum Wohnzimmer stehen und hält wie zum Beweis eine Plastiktüte hoch. Es riecht schon von weitem verdammt lecker.
„Moment“, sagt Leo. „Sorry, ich bin gleich da. Ich warte nur noch, bis sie sich ein bisschen beruhigt hat.“
„Sie?“ Adams Blick ist stur auf die Hand gerichtet, mit der Leo über seinen Bauch streichelt. Unter seinem Pulli wird er kaum etwas sehen können, aber offenbar weiß er, wovon Leo redet.
Leo beißt sich auf die Unterlippe. Adam hat nie nachgefragt, was das angeht. Wie es der Kleinen geht, ob sie gesund ist, was es wird… es ging immer nur um Leo. Das sollte wahrscheinlich die größte rote Warntafel sein, mit blinkender Leuchtschrift und allem drum und dran.
Leo nickt langsam. Adam ist näher gekommen und hat die Tüte mit dem Essen achtlos auf dem Couchtisch abgestellt. Es ist eine absolut beschissene Idee, und trotzdem zieht Leo seinen Pullover hoch und hört nicht auf, Adam dabei anzuschauen. „Komm her?“
Und Adam kommt. Er setzt sich neben Leo auf die Couch und lässt zu, dass Leo seine Hand nimmt, um sie da auf seinem Bauch zu platzieren, wo er den leichten Druck an Leos Bauchdecke spüren kann.
Er traut sich eigentlich nicht, Adam in die Augen zu schauen, aber irgendwann muss er es doch tun. Darin ist absolut nichts zu lesen, während Leo befürchtet, dass auf seinem Gesicht seine gesamte Furcht und Resignation deutlich zu sehen sind.
Doch dann beugt Adam sich zu ihm, um ihn zu küssen. Seine Lippen fangen an zu kribbeln, da wo sie sich berühren. Adams Hand liegt immer noch auf seinem Bauch, obwohl die Kleine sich inzwischen beruhigt hat.
Vielleicht merkt sie auch, dass dieser Moment für Leo etwas ganz Besonderes ist. Dass das Essen vor ihnen auf dem Tisch kalt wird, spielt schließlich auch keine Rolle mehr.
Ohne Adam im Bett kann Leo noch schlechter schlafen als ohnehin schon. Er versucht, sich das Schwangerschaftskissen ein bisschen besser zurecht zu schieben, aber es bringt einfach nichts. Sein Rücken tut so oder so weh und wenn er so darüber nachdenkt, muss er eigentlich sowieso schon bald wieder aufs Klo.
Auf dem Weg zurück ins Bett schnappt er einige Gesprächsfetzen auf, aber nicht genug, dass er sich einen Reim darauf machen kann, aus welchem Grund genau Adam einen Anruf vom Präsidium erhalten hat. Dabei wäre das genau etwas, was Leo gerade braucht. Jegliche geistige Stimulation wäre ihm recht, damit er in seiner Wohnung nicht eingeht, auch wenn er streng genommen ein Beschäftigungsverbot hat, das auch Schreibtischtätigkeiten umfasst.
Doch Adam sagt nichts mehr und Leo bekommt kalte Füße, sodass er irgendwann gezwungen ist, doch wieder ins Bett zu gehen. Schlafen kann er dort allerdings immer noch nicht.
Es wird ein bisschen besser, als sich die Matratze hinter ihm leicht absenkt. „Musst du nicht los?“ murmelt er ins Kissen.
„Nein.“ Adams Atem gleitet über die Haut in seinem Nacken. „Pia und Esther regeln das.“
Leo seufzt, so leise, dass Adam es hoffentlich nicht mitbekommt. So gerne er Adam hier hat – wenn Adam Bereitschaft hat, dann muss er eben arbeiten. Es wird ihn schon nicht umbringen, für ein paar Stunden alleine zu sein. „Ihr habt eine Leiche, oder? Du solltest hinfahren.“
„Auf keinen Fall.“
Leo würde gerne weiter argumentieren, doch dann spürt er Adams Arm, der sich um ihn legt und Adams Lippen, die einen sanften Kuss in seinen Nacken drücken. Vielleicht hat Adam Recht und Pia und Esther können das auch alleine regeln.
Die Besuche seiner Mutter sind regelmäßiger geworden. Leo weigert sich darüber nachzudenken, warum das so ist – weil er kaum noch etwas alleine auf die Reihe kriegt, weil er sich immer noch schonen sollte und weil sie als erste mitbekommen möchte, falls sich irgendetwas an seinem Zustand ändern sollte.
Bisher sieht es allerdings nicht so aus. Er beantwortet brav all ihre Fragen, isst die besonders gesunden Kekse, die sie ihm gebacken hat und lässt sich von ihr die Babydecke zeigen, die Tante Waltraud ihm gehäkelt hat. Die Farbwahl findet Leo ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber er sollte wahrscheinlich dankbar sein, dass Tante Waltraud nur mit einer hässlichen Decke auf die Neuigkeiten reagiert hat und nicht damit, ihn zu enterben.
„Ich bring die Decke schon mal rüber“, verkündet Mama und Leo denkt sich nicht viel dabei. Erst als sie eine Weile nicht wiederkommt, müht er sich von der Couch hoch, weil er sich fragt, wo sie so lange bleibt.
Sie steht im Kinderzimmer vor dem Kleiderschrank und ist gerade dabei, sich durch die Kleidung zu wühlen, die Rainer ihnen noch von seinen Töchtern überlassen hat. „Das ist ja alles schon richtig fertig hier!“ Sie wirkt fast beeindruckt.
Leo hofft, dass er nicht zu sehr rot wird. Den Kleiderschrank einzuräumen, wäre nicht seine oberste Priorität gewesen und er hat immer noch einige Kisten im Keller stehen. Aber vielleicht fühlt er sich ein wenig besser mit der Aussicht, dass die Kleine wenigstens etwas zum Anziehen, einen Platz zum Wickeln und ein kleines Bettchen haben wird. „Das hat Adam gemacht.“
Seine Mutter legt endlich die Decke in den Schrank und bleibt dann vor ihm stehen. „Ich bin echt froh, dass Adam bei dir ist.“
Das ist Leo auch. Auch wenn sein Herz sich ein bisschen zusammenzieht bei dem Gedanken, wie lange das wohl noch so bleiben wird.
Aber fürs erste ist Adam jeden Tag da. Er kommt nach der Arbeit und bleibt bis zum Morgen, bis sein Wecker ihn zwingt, Leos Bett zu verlassen. Wenn er geht, verabschiedet er sich mit einem Kuss.
Auch wenn sonst nichts zwischen ihnen passiert, ist das einer der liebsten Momente in Leos Tagen, die sonst ziemlich eintönig geworden sind.
Er hat keine Ahnung, was Adam hier macht. Was Adam und er hier machen. Er weiß nur, dass er Adam vermissen wird, weil er jetzt schon daran zweifelt, dass alles so bleiben wird, wenn erst einmal ein schreiendes Baby dazukommt.
An manchen Tagen sind die Schmerzen erträglich. Dann fühlt Leo sich fast wieder so wie vorher, als ob er Energie hat und tatsächlich etwas erledigen könnte. An anderen Tagen kommt er kaum aus dem Bett und fragt sich, wie er das noch fast einen Monat lang aushalten soll.
Heute hat er es immerhin vom Bett auf die Couch geschafft. Viel bringt ihm das aber auch nicht. Das Fernsehprogramm ist öde und ihm fällt beim besten Willen keine Netflix-Serie mehr ein, die er in einem Rutsch durchschauen könnte. Dafür wüsste er jetzt jede Menge über Vegetation in der Steppe, falls er sich irgendetwas von der Naturdoku gemerkt hätte, die vor ihm über den Bildschirm flimmert.
Adam kommentiert es nicht, dass Leo es nicht einmal geschafft hat, das Geschirr vom Frühstück zum spülen. Stattdessen setzt er sich einfach nur neben ihn auf die Couch und rückt sie so zurecht, dass Leo mehr an ihm als an der Lehne lehnt
Es ist immer noch nicht gut, aber definitiv besser. Adams Hand ist warm in seinem Nacken und sorgt dafür, dass wenigstens dieser eine Punkt in seinem Körper ein wenig der Anspannung verliert, die er mit sich herumträgt.
Er seufzt leise. Seine rechte Hand liegt auf seinem Bauch und er muss sich zusammenreißen, um nichts laut zu sagen. Adam braucht nicht zu wissen, dass er manchmal mit der Kleinen redet. Schließlich soll sie ihn schon ein bisschen kennenlernen, bevor sie auf die Welt kommt. Aber Adam würde davon wahrscheinlich nicht viel halten.
„Weißt du schon, wie du sie nennen wirst?“
Die Frage trifft Leo völlig unvorbereitet. Es ist wie ein Schlag in die Magengrube, nach Wochen, in denen Adam kein einziges Mal nachgefragt hat. „Wieso? Hast du Vorschläge?“ Es klingt nicht so bitter, wie es sollte. Vermutlich wäre er am Ende sogar so blöd, sich von Adam bei der Namensgebung beeinflussen zu lassen.
Adams Finger stocken kurz an seinem Hals. „Ich glaube kaum, dass ich das Recht habe, mich da einzumischen.“
Leider, denkt Leo bitter. Dabei wünscht er sich nichts mehr, als dass Adam sich endlich mal einmischt. Und das nicht nur, indem er Leo zum Arzt fährt und ihm regelmäßig Essen mitbringt.
Aber jetzt ist Adam noch hier und seine Hand ist warm in Leos Nacken und er hat an einem Tag wie heute einfach nicht die Energie, Adam anzulügen oder ihm etwas zu verschweigen. „Ich habe an Mathilda gedacht“, erzählt er. „Nach meiner Oma. Caro und ich waren als Kinder jeden Sommer bei ihr und… es fühlt sich irgendwie passend an?“
Adam brummt leise hinter ihm. Er sagt so lange nichts, dass Leo schon überlegt, ob er ihm möglichst schonend beibringen möchte, dass er Mathilda als Namen scheiße findet. Wenn Adam das tatsächlich tut, will Leo das lieber nicht wissen.
Doch als er sich umdreht, stellt er fest, dass Adams Augen feucht sind. Er blinzelt sofort, aber Leo hat es trotzdem gesehen. Doch selbst wenn Adam ihn einfach nur küsst, um ihn davon abzulenken, nimmt er das gerne an.
„Mathilda finde ich schön“, sagt Adam leise, und falls Leo sich vorher noch nicht ganz sicher war, besteht jetzt kein Zweifel mehr daran, wie die Kleine heißen wird.
Das helle Blitzlicht blendet Leo. Er spürt, wie Caro trotzdem noch ein bisschen mehr beschleunigt. „Eilt doch nicht“, sagt er leise und bestimmt, auch wenn er danach tief Luft holen muss, um zu versuchen, die Schmerzen wegzuatmen.
„Damit du dein Kind in meinem Auto bekommst und mir die Sitze versaust? Nein, danke.“
So läuft das nicht, will er sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, weil sein Körper von einer neuen Welle an Schmerzen geschüttelt wird. Sie kommen jetzt schon schneller und dauern länger an. Von daher hat Caro wahrscheinlich nicht ganz Unrecht damit, ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus befördern zu wollen.
Er weiß, dass sie sich Sorgen macht. Natürlich tut sie das. Ihre ruppige Art ist nur dazu da, ihm nicht zu zeigen, dass sie fast durchdreht. „Danke“, bringt er heraus und muss sich im nächsten Moment am Türgriff festhalten, als sie eine Kurve besonders schwungvoll nimmt. Am Ende ist es egal, ob er ihre Sitze versaut, wenn sie das Auto noch vorher zu Schrott fährt.
„Sobald wir da sind und dich eingecheckt haben, rufe ich Adam an.“
Leos Herz scheint einen Schlag lang auszusetzen, aber vielleicht liegt das auch nur an den Schmerzen. „Muss du nicht“, erwidert er, sobald er wieder richtig Luft bekommt.
„Muss ich nicht? Herrgott noch mal, Leo. Natürlich sag ich ihm Bescheid. Dass das aber auch ausgerechnet heute Nacht passieren muss.“
Es ist tatsächlich ein denkbar schlechter Zeitpunkt, in der einen Nacht, in der Adam sich nicht vor der Nachtschicht drücken konnte. Aber Leo hätte schließlich auch noch über zwei Wochen gehabt. Insofern kann er froh sein, dass Caro sich spontan entschieden hat, über Nacht zu bleiben.
Der Vorteil ist, dass es Adam einen Ausweg bietet. Caro wird bleiben, das heißt, Leo muss nicht alleine sein. Und Adam braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er nicht auftaucht. Er könnte es sogar auf die Arbeit schieben. „Muss nicht“, murmelt Leo noch einmal.
„Was soll das denn für ein Bullshit sein?“ Langsam wird Caros Stimme ein bisschen schrill. Sie biegt ab, ohne den Blinker zu setzen und Leo sollte froh sein, dass um diese Zeit wahrscheinlich keine Fußgänger unterwegs sind. „Willst du Adam nicht da haben oder was?“
Natürlich will er. Das ist nicht der Punkt. Am liebsten würde er Adam immer an seiner Seite haben, und ganz besonders jetzt. Aber das heißt nicht, dass Adam das auch will. „Adam will bestimmt nicht – “
„Was Adam will, geht mir sowas von am Arsch vorbei.“ Caro wird langsamer. Das Krankenhaus ist selbst um diese Zeit hell erleuchtet. Alles scheint gleichzeitig langsamer zu werden und unglaublich schnell zu gehen. Er atmet sich durch eine weitere Welle an Schmerzen. „Die Frage ist, was du willst, Leo.“
Er muss die Augen schließen und für einen Moment weiß er das selbst nicht so genau. Er will einfach nur, dass das hier alles vorbei ist.
„Leo?“ Er spürt eine Hand auf seinem Arm. „Ich sag drinnen Bescheid, dass dir jemand hilft, ja?“
Wahrscheinlich nickt er. Irgendwie schafft er es, ihre Hand festzuhalten. „Ruf ihn an.“
Leo fühlt sich, als würde er das erste Mal seit Tagen so richtig wach werden. Dabei können eigentlich nicht mehr als ein paar Stunden vergangen sein, seit sie ihn in dieses Zimmer gebracht haben.
Die Schmerzen hat er schnell abgehakt. Ja, es fühlt sich an, als hätte ihm jemand eine Kugel in den Unterleib gejagt, aber das kennt er. Damit kann er umgehen.
Mit einer anderen Sache nicht. Er reißt die Augen auf und schaut sich beinahe panisch im Zimmer um. Seine Erinnerungen sind vage, aber er weiß ganz genau, dass vorher noch alles gut war.
Eine Hand, die seine umklammert hat, als würde sie ihn nie wieder loslassen wollen. Eine Stimme nah bei seinem Kopf. Es wird alles gut, Leo. Und dann ein kleiner, warmer Körper an seiner Brust, mit einem schlagenden Herzen und einer erstaunlich starken Lunge für so ein winziges Wesen.
Dass sie jetzt nicht direkt bei ihm ist, lässt Leo für einen kurzen Moment in Panik verfallen, bis er sieht, warum sie sich nicht in seinem Arm befindet. Weil sie in Adams Armen liegt, und das für den Moment vielleicht sogar noch ein bisschen besser ist.
„Leo?“ Er hat Adams Stimme wahrscheinlich noch nie so sanft gehört.
Er muss ein paarmal schlucken, weil sein Mund sich staubtrocken anfühlt. „Ja.“ Er kann den Blick einfach nicht von Adam lösen. Er hat sein Oberteil ausgezogen und die Kleine ruht ganz friedlich auf seiner Brust, als wäre es wahnsinnig gemütlich dort.
Leo kann sie verstehen. Er hätte auch ziemlich gerne mal seinen Kopf genau dort auf Adam abgelegt. Aber jetzt hat die Kleine Vorrang.
„Soll ich sie dir geben? Willst du…? Sie ist gerade erst eingeschlafen. Die Hebamme hat sie mir einfach in die Hand gedrückt und sie meinte, dass Hautkontakt und so wichtig ist. Aber ich kann sie dir auch geben, wenn du möchtest?“
Ganz egal, wie gerne Leo sie selbst halten würde – für den Moment ist es vielleicht ganz gut so. „Behalt sie ruhig. Wir wollen sie ja nicht wecken.“
Während seiner Rede hat Adam sich nicht bewegt. Nun scheint er nur noch etwas tiefer in den Sessel zu sinken, auf dem er es sich augenscheinlich bequem gemacht hat, während Leo geschlafen hat. Mit seinem – nein, mit ihrem – Kind auf sich.
Ihr Kopf verschwindet immer wieder hinter Adams Hand, als er ihr langsam über den Rücken streichelt. Einfach alles an ihr ist winzig, und wenn Leo könnte, würde er sofort aufstehen, nur um sie aus der Nähe betrachten zu können.
Und Adam auch. Vom Bett aus hat er nämlich keine Chance, Adams Gesichtsausdruck zu erkennen, als er sich ein Stück herunterbeugt und ein paar Zentimeter vor dem kleinen Köpfchen Halt macht.
Leo würde ihm gerne sagen, dass es okay ist. Dass er Adam vertraut. Dass er Adam so verdammt dankbar ist, weil er hier ist. Aber er sagt nichts.
Muss er auch gar nicht. Er darf einfach so dabei zusehen, wie Adam einen federleichten Kuss auf das Köpfchen vor sich drückt. Das darauffolgende Lächeln kann er auch aus der Ferne erkennen.
Elternzeit. Adam hat sich verdammt noch mal Elternzeit genommen, und Leo ist so kurz davor auszurasten, weil Adam das nicht vorher mit ihm abgesprochen hat. Oder ihm um den Hals zu fallen, weil er gar nicht wüsste, wie er das alles alleine auf die Reihe bekommen sollte. Realistisch betrachtet kann er sowieso nichts davon tun, weil sein Körper immer noch überall wehtut und weil seine Energie so gut wie gar nicht vorhanden ist.
Es ist drei Stunden her, dass seine Mutter nach Hause gefahren ist. Immerhin muss sie auch mal schlafen und Leo ist schon wahnsinnig dankbar, dass sie sich zwei Wochen Urlaub genommen hat, um ihnen in der Anfangszeit unter die Arme zu greifen. Er wüsste gar nicht, wie er alleine damit fertig werden würde.
Aber muss er ja nicht. Weil Pia ihm geschrieben hat, dass Adam Elternzeit hat, direkt nachdem sie ihm zu einem gesunden Kind gratuliert hat und gefragt hat, wann sie denn mal vorbeikommen könnte.
Bald, hat Leo ihr versprochen. Am besten jetzt, und das Kind kann sie direkt mitnehmen, und –
Keine Ahnung, Leo ist einfach nur müde, seine Narbe tut weh und er kann nicht mehr. Und jetzt steht er hier, mit dem Handy in der Hand und schaut dabei zu, wie Adam verzweifelt versucht, Mathilda die Flasche zu geben, die sie aber einfach nicht annehmen möchte. Ein paar Schlucke lang geht es gut, bis sie alles wieder ausspuckt und den Rest über Adams Jogginghose laufen lässt.
„Ich mach das“, sagt er und macht einen Schritt ins Wohnzimmer hinein, obwohl er nichts lieber tun würde, als sich umzudrehen und einfach ins Bett zu gehen.
„Das bringt doch nichts, Leo.“
„Was? Das bringt nichts, sie zu füttern oder was?“ Am liebsten würde er Adam die Kleine aus der Hand reißen, aber er begnügt sich damit, sanft den Kopf zu halten und sie in seiner Armbeuge abzulegen. Auch bei ihm hat sie anfangs Schwierigkeiten, aber immerhin schafft er es, ihr ein bisschen mehr als ein paar Tropfen aus der Flasche einzuflößen.
Adam bleibt neben ihm auf der Couch sitzen, aber er lehnt sich zurück und legt den Kopf oben auf der Lehne ab. „Das ist doch scheiße, wenn sie immer nur bei dir trinken will. Du kannst doch nicht 24/7 alle zwei Stunden da sein, um sie zu füttern.“
„Warum nicht?“ Gerade kann er sich das absolut nicht vorstellen, aber andere Eltern schaffen das schließlich auch. Es gibt genügend Alleinerziehende auf der Welt, die ihre Kinder auch irgendwie großziehen. Nicht dass Leo das möchte, aber wenn er müsste, könnte er das bestimmt.
Er setzt die Flasche ab und richtet Mathilda auf, damit sie nicht zu hastig trinkt. Immerhin schreit sie nicht. Das hatten sie schon den ganzen Nachmittag und das wünscht Leo sich wirklich nicht zurück. Solange sie trinkt und zwischendurch ein wenig schläft, können sie sich wahrscheinlich glücklich schätzen.
Er merkt, wie Mathilda die Augen zufallen, aber schlafen lassen kann er sie noch nicht. Sonst wird er in unter zwei Stunden schon wieder hier sitzen und das macht sein Körper garantiert nicht mit. „Nur noch ein bisschen, hm?“ sagt er leise, und diesmal scheißt er drauf, wenn Adam es komisch findet, dass er mit ihr spricht. Er könnte fast vor Erleichterung weinen, als sie die Flasche wieder nimmt und gehorsam weiter trinkt.
Er hört, wie Adam sich auf der Couch bewegt und aufsteht. Vielleicht schlafen ihm die Beine ein. Oder er hat einfach keine Lust mehr. „Du könntest auch einfach gehen“, rutscht Leo heraus.
Dort, wo er Adam vermutet, wird alles ganz still. „Wie bitte?“
Am liebsten würde Leo die Augen schließen, aber er muss Mathilda vor sich beobachten. Ihre Augen sind groß und blau, beinahe wie Adams, auch wenn sie jetzt beim Trinken schon wieder halb geschlossen sind. Wahrscheinlich sollte er sie nicht zu sehr zwingen.
Der Schmerz ist wie ein Blitz, der ihm durch den Unterleib fährt, als er mit ihr auf dem Arm aufsteht und sie über seine Schulter hebt. Er sollte das nicht tun, und er würde sie so gerne abgeben, nun wo sie fertig getrunken hat, aber… „Du könntest gehen. Ganz ehrlich, Adam, du hast das hier doch nie gewollt. Du scheißt doch sonst auf alles. Geh wieder arbeiten, geh zurück nach Berlin, was auch immer. Du musst dir das hier nicht antun, nur weil du denkst…“
Er atmet scharf ein. Mathilda spuckt einen Schwall Milch über seine Schulter. Er spürt, wie Adam näherkommt, wahrscheinlich, um ihr Gesicht mit einem Tuch abzuwischen.
„Du gehörst ins Bett, Leo.“
Das stimmt. Genauso wie alles stimmt, was er eben gesagt hat. „Adam, du musst nicht – “
„Ich bleibe hier, bis sie eingeschlafen ist. Und du gehst verdammt noch mal auch schlafen. Und dann reden wir da morgen drüber.“
Leo bezweifelt irgendwie, dass er morgen in einer besseren Verfassung sein wird. Er befürchtet, dass er dafür ungefähr zwei bis fünf Jahre brauchen wird. An dem, was er gesagt hat, wird sich bis dahin auch nichts ändern. Trotzdem gibt er Mathilda an Adam weiter und ignoriert die Blicke, die Adam ihm hinterherwirft, als er den Raum verlässt.
Leo hat nicht gemerkt, dass Adam zu ihm ins Bett gekommen ist, aber er merkt, dass er aufsteht. Fuck. Nur noch für einen Moment. Nur einen Moment länger möchte er sein Gesicht ins Kissen drücken. Möchte genießen, dass das Kind ausnahmsweise nicht schreit, dass er einigermaßen gemütlich liegt und dass er schlafen kann. Nur noch ein bisschen schlafen.
Später könnte er nicht mehr sagen, wie lange sich ein bisschen hinzieht, aber es können nicht mehr als ein paar Minuten gewesen sein. Weil ihm auf einmal siedend heiß einfällt, dass er Mathilda füttern muss und dass es schon viel zu lange her ist, seit er nach ihr gesehen hat.
Das kleine Bettchen neben ihrem Bett ist leer. Leo findet sie im Wohnzimmer in Adams Arm vor, wo sie friedlich an einem Fläschchen nuckelt. Adam kann ihn noch nicht bemerkt haben. Sonst würde er wohl kaum einfach weiter reden.
„Siehst du, ich hab doch gesagt, wir bekommen das hin, oder? Wir zwei können das genauso gut, und dein Papa kann weiterschlafen. Deshalb sind wir gleich auch ganz leise, okay? Er muss das hier gar nicht mitbekommen, hörst du? Einfach weiter trinken, gut machst du das.“
So leise wie er kann, lässt Leo die beiden alleine. Wenn es ein Problem geben wird, wird er sie schon hören. Aber vielleicht ist es besser, wenn er diesmal nicht stört.
Als Adam zurück ins Schlafzimmer kommt und Mathilda in ihrem Bettchen ablegt, liegt Leo immer noch wach. Er hat sich ohnehin schon Adams Seite des Bettes zugewandt, sodass er es jetzt nicht lassen kann, eine Hand nach ihm auszustrecken.
„Du schläfst ja gar nicht“, flüstert Adam ins Halbdunkle.
„Nein“, gibt Leo zu. Auch wenn er nichts lieber möchte als das, aber erst mal… keine Ahnung. Wenn er ehrlich ist, hat er schon lange keinen Plan mehr.
„So war das eigentlich nicht gedacht.“ Adams Hand findet seine und er verschränkt ihre Finger miteinander. „Was auch immer du da drüben gehört hast…“
Es hätte Leo klar sein müssen, dass seine Lauschaktion nicht unbemerkt bleiben würde. „Wieso? War da etwas dabei, was ich nicht hören sollte?“
Adam führt ihre verschränkten Hände zu seinem Mund, um einen Kuss auf Leos Fingerknöchel zu drücken. „Nein. Ich hab das alles ernst gemeint. Ich werde nur gehen, wenn du mir ganz klar sagst, dass ich gehen soll.“
Den Teil hat Leo nicht einmal mitbekommen und nun wünscht er sich, er wäre noch etwas länger geblieben. Er drückt Adams Hand. „Was ist, wenn ich dir nie sagen werde, dass du gehen sollst?“ Denn wenn er ehrlich ist, wüsste er nicht, ob er diese Worte je so über die Lippen kriegen würde.
„Dann bleib ich eben bei euch. Für immer.“
Leo würde gerne seufzen. Mathilda gluckst in ihrem Bettchen und er hofft, dass sie sie nicht durch ihre Unterhaltung wieder geweckt haben. Er senkt seine Stimme noch etwas. „Für immer ist eine ziemlich lange Zeit.“
„Denkst du, ich weiß das nicht?“ Adam streckt nun auch die andere Hand aus und streicht Leo vorsichtig die Haare aus der Stirn. Es sollte eklig sein, weil es ewig her ist, dass er das letzte Mal geduscht hat. Trotzdem macht Adam das mit so einer Selbstverständlichkeit, dass Leo doch seufzen muss.
Mathilda fängt in ihrem Bettchen an zu weinen. Leo seufzt noch einmal. Seine Hand löst sich aus Adams und Adam ist schon aufgestanden, bevor Leo überhaupt darüber nachdenken kann, sich zu bewegen. „Guck nach der Windel“, murmelt er ins Kissen.
Selbst über Mathildas Kreischen kann er Adam leise lachen hören. „Denkst du, ich weiß das nicht?“ Sie scheint sich schon beruhigt zu haben, sobald Adam sie hochgenommen hat. Adams Stimme wird etwas weicher. „Dann gucken wir mal nach deiner Windel, wie dein Papa gesagt hat, hm?“
Irgendwann wird Leo Adam sagen müssen, dass nicht nur er Mathildas Papa ist. Sie werden darüber reden müssen, wie über so viele andere Dinge auch. Irgendwann.
Aber nicht heute Nacht. Heute Nacht muss Leo endlich mal schlafen.
