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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2015-06-13
Completed:
2015-06-28
Words:
17,158
Chapters:
3/3
Comments:
3
Kudos:
27
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3
Hits:
457

Ship Of Fools

Summary:

Destiel// AU// Fake-Boyfriends-Story. Der arbeitslose Automechaniker Dean verursacht einen Autounfall und kann den Schaden nicht bezahlen. Also bietet Gabriel ihm einen Deal an, der seinen jüngeren Bruder Castiel betrifft… Und Castiel ist nicht das, was Dean erwartet.

Chapter Text

Deans Herz raste, überschlug sich in Purzelbäumen, die er noch in den Fingerspitzen fühlen konnte. Dass Sammy wirklich- nein, das konnte er einfach nicht glauben. Bei allem Misstrauen, das seit seinem Unfall zwischen ihnen herrschte, nun auch noch Verrat dazukam, das war einfach zuviel. Er hielt das Lenkrad seines Impalas fest umklammert und drückt unbarmherzig aufs Gas, und die Wut pochte heiß in seinen Adern.

Dean Winchester und sein Bruder Sam hatten noch nie das einfachste Verhältnis. Der Vater ein Säufer, die Mutter früh verstorben, eine unstete Kindheit ohne echte Heimat. Der neujährige Dean war es, der Sammy Sandwiches für die Schule schmierte, seine Klamotten wusch und Baseball mit ihm übte. Er kontrollierte seine Hausaufgaben, zumindest am Anfang, denn es stellte sich schnell heraus, dass Sam in einer Woche mehr lernen konnte als Dean in einem Monat. Sie zogen zu oft um, um Freundschaften zu schließen, so dass die beiden Brüder zu ihren besten Freunden wurden. Ungeachtet seines Alters ersetzte Dean seinem Bruder die Mutter, den Vater und war sein bester Freund.

Er gewöhnte sich an die Rollen, doch je älter Sammy wurde, desto mehr lehnte er die Unterstützung durch seinen Bruder ab. Er wollte auf eigenen Beinen stehen, so selbstständig sein wie Dean es war, und vor allem wollte er nicht von jemandem bemuttert werden, der gar kein Elternteil war. Es verletzte Dean. Sie stritten, tobten, fetzen, prügelten sich ihre Pubertät hindurch - und dann ging Sam nach Stanford und ließ Dean zurück.

Es gab so einige Dinge, die Dean seinem Bruder niemals verzeihen würde, und während er im Auto unterwegs nach Hause war, ging er sie durch, angefeuert von einem alten AC/DC-Album. Sammy hatte seine Musik immer gehasst, also drehte Dean sie noch lauter, obwohl er ganz allein im Auto war.

Vor einem halben Jahr hatte Sam einen Unfall. Er verletzte sich beim Sport das rechte Bein, und Dean war natürlich da, um ihm in den ersten Wochen zu helfen.
Sams Leben war ein Chaos, wie er plötzlich feststellen musste. Dean wusste, dass es eigentlich nicht seine Aufgabe war, das in Ordnung zu bringen, aber er konnte nicht anders. Sams Freunde waren zwielichtig oder langweilig, dazwischen gab es praktisch nichts. Er schwänzte den Unterricht, rauchte viel Gras und nahm noch Schlimmeres, und Dean, weil er nunmal Dean war, wollte das beenden, seinem Bruder helfen - wenn auch auf die völlig falsche Art.

Die Wochen, die sie zusammen verbrachten, stressten sie beide bis aufs Knochenmark, die nervenzerfetzenden Streitereien und das ungute Verhältnis aus Co-Abhängigkeit und Misstrauen taten ihr Übriges. Es gipfelte darin, dass Dean aus Frust mit einer Frau schlief, die mit Sam und seinen Freunden ab und zu abhing - und das es ausgerechnet die war, in die Sam verliebt war. Dean hatte es nicht gewusst, und es tat ihm leid, aber gleichzeitig dachte er auch, dass es seinem verschlossenen Bruder recht geschah, der nie etwas Persönliches mit ihm teilte.

Sam rächte sich, indem er Deans Arbeitgeber anrief und falsche Anschuldigungen erhob. Dean verlor seinen Job, und das, obwohl er ohnehin schon finanziell nicht besonders gut da stand.
Und nun kam er von einem Vorstellungsgespräch in einer Autowerkstatt und die sagten ihm, es hätte sich rumgesprochen, dass er massiv geklaut hätte bei seiner letzten Arbeitsstelle, und sie würden einen Teufel tun und ihn einstellen. All das, in einem nicht enden wollenden Strudel aus Scham, Angst, Schmerz und Wut, trieb seinen Fuß aufs Gaspedal.

Er sah den Wagen in der Dunkelheit nicht kommen. Alles, was er sah, waren plötzlich aufblendende Lichter und er sprang auf die Bremse. Es krachte und der Impala gab ein Geräusch von sich, das Dean unter die Haut ging. Ein Ruck ging durch den Wage und seinen Körper, aber abgesehen davon war er unverletzt.

Mit pochendem Herzen fiel er fast aus dem Wagen. Beinahe wäre es zum frontalen Zusammenstoß mit einem wunderschönen roten Ferrari gekommen, aus dem ein kleiner Mann ausstieg, der Dean wütend musterte.

»Hast du sie noch alle, du Spinner?«, brüllte er Dean an und begutachtete den Schaden der Stoßstange.

Dean stand neben seinem Wagen, seinem ein und alles, dem einzigen Glanzstück in seiner kaputten, abgefuckten Welt, und überschlug, was es kosten würde, die Schäden am Ferrari beseitigen zu lassen.
Weit mehr, als er hatte.

»Tut mir leid, ich… ich hab nicht aufgepasst«, brachte Dean heraus, er war darauf angewiesen, dass der Typ ihm eine Ratenzahlung oder sonst was anbot, wenn er nicht obdachlos werden wollte. »Gott sei Dank ist Ihnen nichts passiert.«

Der andere Mann hob seinen Blick. Er trug einen teuren Anzug und eine Uhr, die zu seinem Auto passte, aber seine Frisur war ungepflegt und strähnig, und sein Gesicht voller Lachfalten. »Wie ist das passiert?«, fragte er, und klang schon ruhiger, nachdem er sich davon überzeugen konnte, dass der Schaden relativ glimpflich war.

»Ich hab-» Dean wusste nicht, was er sagen sollte. In seiner Brust war ein schwarzes, dunkles Loch, das ihn jeden Moment zu ersticken drohte. »Ich hab heute den schlimmsten Tag in einer langen Reihe von schlimmen Wochen gehabt und nicht- Ich hätte nicht mehr fahren sollen.«

»Ist nur Blech«, erwiderte der Mann und sah ihn von oben bis unten an. Checkte ihn ab. »Ich bin Gabriel.«

»Dean.«

Sie gingen aufeinander zu und gaben sich die Hand.

»Ich kann den Schaden nicht sofort bezahlen«, murmelte Dean schließlich, wich den Augen aus, die sich in seinen Schädel bohrten, »Aber wenn Sie so nett wären, mir zu erlauben, in Raten-»

»Ich brauche Ihr Geld nicht«, unterbrach ihn Gabriel und grinste plötzlich. »Davon hab ich mehr als genug. Was ich aber nicht habe, ist die Lösung zu einem Problem, das mich auf der Fahrt hierher beschäftigt hat.«

Dean starrte ihn an. Ihm gingen sehr viele, sehr schlimme, sehr demütigende Dinge durch den Kopf.

»Und Sie könnten genau das sein, was ich gesucht habe.« Der Fahrer des Ferrari nickte.

Dean fuhr Gabriel hinterher. Die Fahrt endete an einer Bar, dem »Yammer«, ein Etablissement, mit dem Dean sehr vertraut war. Biker und Billard, kaltes Bier und eine brünette Barkeeperin, die ihm zu zwinkerte.

Sie setzten sich an den Tresen und bestellten ein Bier.

»Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen«, verlangte Dean nach dem ersten Schluck. Besser, er wüsste gleich, worum es hier ging, damit er sich drauf einstellen konnte. Lange herumzureden war nicht sein Ding.

»Meine Familie, Dean, ist sehr reich, und mit dem Geld geht auch eine gewisse Portion Exzentrik einher. Meine Mutter ist der Meinung, dass unser Treuhandvermögen erst ausgezahlt werden kann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.«

»Ich werde dich auf keinen Fall heiraten«, schoss Dean ihm entsetzt entgegen, dessen Phantasie sich schon wieder Horrorszenarien ausmalte.

Gabriel lachte. »Ich hab meine Exfrau aus diesem Grund geheiratet, naja, und weil ich sie geliebt habe, aber das ist nicht der Punkt. Es geht nicht um mein Vermögen. Es geht um das meines Bruders Castiel.«

Dean nahm noch einen Schluck und hörte zu.

»Er braucht sein Vermögen, und ich brauche ihn, aber leider ist mein Bruder, wie soll ich sagen, schwierig. Sex und Liebe sind für ihn Dinge, die er höchstens philosophisch betrachtet.«

»Mir gefällt ganz und gar nicht, worauf das hinausläuft.«

»Du schuldest mir etwas, Dean. Von mir aus können wir auch einfach die Polizei rufen. Aber lieber gebe ich dir eine Möglichkeit, das außerfinanziell zu regeln.« Gabriel Wangen röteten sich, vielleicht war ihm das Gespräch auch nicht zu einhundert Prozent angenehm, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was Dean empfand.

»Ich bin nicht käuflich«, knurrte er. Lieber würde er im Knast landen, als-

»Castiel braucht einen Freund, den meine Mutter akzeptieren würde. Zumindest denke ich, das er schwul ist, ich bin nicht vollkommen sicher, aber so wie du aussiehst, spielt das wohl auch keine Rolle. Castiel wohnt nicht mehr zuhause, also würde sich das Arrangement nur auf wenige Abende im Monat beschränken, 1-2 Abende vielleicht. Ein bisschen turteln, ein bisschen schmusen, ein bisschen lügen - was ist dabei? Wir bekommen alle, was wir wollen.«

»Schmusen?«, wiederholte Dean angewidert. »Ich- ich bin hier fertig, das ist doch absoluter Bullshit.« Er machten Anstalten zu gehen.

»Er ist großartig. Mein Bruder, meine ich. Er hat seine Schwächen und alles, aber- wir haben viel zusammen durchgestanden und er hält mir immer den Rücken frei. Meine Eltern wollen mich für die Firma, aber ich- ich kann es nicht, wirklich nicht, ich hab es versucht, aber allein der Gedanke daran, jeden Tag ins Büro zu gehen und den Willen meines Vaters durchzusetzen.« Er verstummte. Dean beobachtete, wie unglücklich der Mann allein bei dem Gedanken daran aussah. »Ich will diesen Club eröffnen, mein ganz eigener Club, ein ganz neues Konzept, aber ich finde nicht genug Sponsoren. Mein Vater sorgt dafür, dass niemand in meine Idee investieren will. Castiel hat gesagt, er gibt mir das Geld aus seinem Treuhandfond, damit ich meinen Traum wahr machen kann. So ein Bruder ist er. Obwohl ich sechs Jahre älter bin als er, ist er es, der dafür sorgt, dass ich meine vielen… naja sagen wir ›Eskapaden‹ halbwegs überlebe.« Gabriels Blick ist in die Ferne gerichtet, und die Zuneigung zu seinem Bruder nur allzu deutlich sichtbar.

»Das ist verrückt.«

»Nichts, dass du nicht willst. Solange Mutter glaubt, dass ihr fest zusammen seid, könnt ihr zwei machen, was ihr wollt. Sie wird ihm das Geld geben, wenn sie sieht, dass das mit euch was Ernstes ist. Castiel ist ihr absoluter Liebling.«

Damit war klar, dass Gabriel die zeitliche Spanne, die die Farce dauern sollte, großzügig auslegen würde.
Dean wog die beiden Alternativen gegeneinander ab. Er hatte zurzeit keinen Job, kaum Ersparnisse und niemanden, den er um einen Kredit bitten konnte. Sein komplettes Vermögen steckte in seinem wunderschönen Wagen, der er jetzt zerkratzt und zerbeult durch die Gegend fahren musste. Wie viel mochten die Ersatzteile für den Ferrari kosten? Vielleicht 18 oder 20 Tausend? Die lange Schramme an der Fahrertür allein würde Tausende ausmachen. Das konnte er nicht bezahlen, so einfach war das.
Wenn er doch nur auf Sammy gehört und je eine Versicherung abgeschlossen hätte.
Sammy.

Dean schob den Gedanken von sich. Okay, dann würde er eben den Freund irgend so einer reichen, nerdigen und sterbenslangweiligen Jungfrau spielen. Keine Körperlichkeiten, das war seine Bedingung, und-

»Ich will ihn kennenlernen. Deinen Bruder. Wenn ich mit ihm klarkomme, dann steht der Deal.«

»Bravo, Dean. Du bist doch klüger als du aussiehst.«

»Ich bin damit raus, du lässt deinen Ferrari allein reparieren, und du wirst auch die Ersatzteile für meinen Wagen kaufen. Die Reparatur mach ich allein.«

»Mindestens neun Monate lang. Wenn ihr Mutter eher überzeugt und ich mein Geld bekomme, dann sind wir quitt. Und ich bezahle deine Ersatzteile erst am Ende des Deals.«

»Sechs Monate«, sagte Dean. »Und wenn dein Bruder ein Arschloch ist, dann war’s das.«

»Castiel?«, Gabriel lachte. »Da mach dir mal keine Sorgen. Der wird dir gefallen.«

 

*

 

Das Restaurant sah von außen sehr unscheinbar aus, von innen hatten die Besitzer jedoch keine Kosten und Mühe gescheut. Ein Hirschgeweih hing über dem Kamin, die Wände waren mit hellem Holz vertäfelt und die Tische standen weit genug auseinander, um Privatsphäre zu vermitteln. Castiel hatte es ausgesucht und Dean war angenehm überrascht.

Sie hatten sich Anfang der Woche ein paar Nachrichten hin und her geschrieben. Offenbar war Castiel Novak mit dem Prinzip des Simsens nicht vertraut, er schrieb ganze, grammatikalisch korrekte Sätze wie in einem verdammten Schulaufsatz. Dean sollte es recht sein. Castiel hatte das Restaurant vorgeschlagen und Dean den Zeitpunkt des Treffens, und nun saß er in der Ecke des Raumes und leckte sich den Schaum von den Lippen, den das kühle Bier hinterlassen hatte.

Ein Mann trat ein. Dean sah auf, er war attraktiv. Groß, schlank, Anzug und Krawatte. Sein Alter war schwer zu schätzen. Ihm klopfte ein bisschen das Herz bei der Vorstellung, seinen Freund spielen zu müssen.

Doch der Mann bog links ab und setzte sich zu drei anderen Anzugsträgern an einen Tisch in der Nähe der Küche.

»Hallo, Dean.« Eine tiefe, dunkle Stimme riss ihn aus seinen Beobachtungen.

Vor ihm stand ein Mann Anfang dreißig. Er war durchschnittlich groß, durchschnittlich gebaut, mit brauen Haaren, blauen Augen und einem wild vor sich hin wuchernden Bart, der nicht zu seinen feinen Gesichtszügen passte. Seine rechte Schulter hingen ein bisschen, seine Kleidung war zerknittert, die Haltung unelegant. Seine Krawatte trug er falsch herum und der Trenchcoat war einfach nur komplett daneben. Das einzige Bemerkenswerte war die Farbe seiner Augen, so hellblau wie der Himmel an einem warmen Sommertag.

Dean erhob sich und reichte ihm nervös die Hand, in der Annahme, dass dies Castiel war.

»Mein Name ist Castiel Novak.« Castiel streckte den Kopf vor und legte ihn schief, als er Dean ohne zu blinzeln anstarrte. Die ausgestreckte Hand ignorierte er zunächst, bis Dean seinen Blick darauf lenkte. Viel zu fester Händedruck.

»Hallo?«, brachte er unsicher hervor. Irgendwas an ihm schrie ›Hände weg‹. Wären seine nächsten Worte gewesen, dass er vom Mars käme, hätte Dean ihm das glatt geglaubt, so einen merkwürdigen, außerweltlichen Eindruck machte er.

»Ja«, sagte der Mann verwirrt. »Hallo. Das sagt man doch so, oder?«

Dean beantwortete das lieber nicht. Er setzte sich wieder und trank einen Schluck Bier. Ohne den Trenchcoat abzulegen folgte Castiel seinem Beispiel. Noch immer starrte er.

Mit dem Bier, das seine trockene Kehle befeuchtete, ging es leichter. »Alter«, begann Dean. »Erstens: Starr mich nicht so an. Das ist unheimlich. Zweitens: Du bist zu spät. Drittens: Zieh deinen komischen Mantel aus. Das nennt man Höflichkeit.«

Castiel schaute verwundert drein, kam der Aufforderung aber nach. Er trug ein Jackett, das genauso zerknittert war wie seine Hose. »Tut mir leid«, meinte er, als mit den Ärmeln kämpfte, »Ich bin es nicht gewohnt, auszugehen. Bitte weisen Sie mich darauf hin, falls ihnen inakzeptable soziale Verhaltensweisen meinerseits auffallen.«

»Viertens«, antwortete Dean, als hätte Castiel nichts gesagt, »Siez mich nicht. Deine Familie soll denken, dass wir es miteinander treiben, also solltest du mich wirklich dementsprechend anreden.«

Castiels Augen leuchteten plötzlich auf. »Ah, ich habe Recherche betrieben«, sagte er eifrig, »Und dabei herausgefunden, dass Menschen in einer Beziehung sich Kosenamen geben. Offenbar gelten sie, wenn sie doch auch im Laufe der Zeit zu rhetorischen Worthülsen werden, als Zeichen einer gewissen Vertrautheit und Intimität. Ich habe mir ein paar notiert, einen Augenblick bitte.«

Und ganz im Ernst zog er eine handgeschriebene Liste aus seiner Manteltasche.

»Also«, er räusperte sich, »Bitte teile mir mit, welches Kosewort du präferierst. Schatz, Darling, Liebling, Sweetheart, Hase, Bärch-»

»Stopp«, griff Dean ein. Was zur Hölle! Wirklich, was war das für ein Freak? »Bevor wir dazu kommen, sollten wir ein paar Dinge klären.«

Castiel nickte und legte die Liste auf den Tisch.

»Kein Sex«, stellte Dean klar. »Das ist nicht verhandelbar.«

Wieder sah Castiel verwirrt aus. »Stand das zur Diskussion?«, fragte er.

Umso besser. Der Typ hatte die Ausstrahlung eines Pflastersteins, wirklich. Kein Wunder, das er noch Jungfrau war.

»Küsse nur auf die Wange, es sei denn, ich sage was anderes. Kein Händchenhalten. Überhaupt so wenig Körperkontakt wie möglich, klar? Wenn ich deine Hände irgendwo an mir erwische, wo ich sie nicht haben will, hacke ich sie dir ab.«

Castiel zog die Stirn in Falten.

»Keine niedlichen Namen oder irgendwas. Wir sind Männer, Castiel. Ich erwarte, dass du dich dementsprechend verhältst. Erwachsen und- männlich, alles klar?«

Er legte den Kopf schief.

»Mir ist egal, wer du bist, wie es dir geht und was zum Teufel passiert ist, damit du so geworden bist. Ich mache das nur, weil ich deinem dämlichen Bruder was schulde, also vergiss das nicht.« Dean war zufrieden, dass er das gleich zu Anfang klarstellen konnte.

»Mein Bruder ist sehr intelligent, Dean«, erwiderte Castiel mit sanfter, tiefer Stimme. »Ich weiß nicht, wie du den Eindruck gewonnen hast, er sei einfältig, aber ich kann dir versichern, diese Hypothese kannst du verwerfen.«

Dean stutzte. Castiel war wirklich vollkommen verrückt. Und wie er starrte, man, das konnte ja was werden. »Hast du irgendwelche Fragen?«

»Du hast Schaum auf der Oberlippe.«

»Das ist keine Frage« schnauzte Dean ihn an und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Ich weiß. Ich habe keine Fragen im Moment. Deine Bedingungen akzeptiere ich vorbehaltlos und danke dir, dass du meinem Bruder und mir hilfst.«

»Kein Problem.«

Castiel starrte. Seine Neugier sprang ihm fast aus den babyblauen Augen, und Dean fand es schwer, wegzuschauen.

»Hallo ihr zwei Hübschen. Ich bin Pamela. Was kann ich euch bringen?« Eine blonde, ältere Frau war am Tisch aufgetaucht und blätterte einen Seite auf ihrem Block um, um sich ihre Bestellungen zu notieren.

»Four Roses, einen doppelten. Und einen Cheeseburger«, bestellte Dean. Er hatte die Karte schon studiert, als er auf Castiel gewartet hatte.

»Ein Glas Mineralwasser bitte«, sagte Castiel, als Pamela ihn erwartungsvoll ansah.

»Das war’s?«

»Das war was?«, fragte Castiel.

»Das war schon die ganze Bestellung? Hör mal, Junge, dein Date ist sehr schnell zu Ende, wenn du bloß Wasser bestellst. Was macht das denn für einen Eindruck?«

»Das verstehe ich nicht«, bemerkte Castiel. »Welches Date?«

Sein Gesichtsausdruck war dermaßen verdutzt, dass Dean lachen musste. »Sie meint mich, Klugscheißer.«

Castiels Wangen liefen rosa an. »Ich mag das Wort nicht«, sagte er.

Dean zog die Augenbrauen hoch. »Also nur ein Wasser, danke.«

Pamela nickte. »Mit Sprudel oder ohne?«

Castiel überlegte einen Moment. »Ohne.«

»Gut. Lasst es krachen, ihr Süßen.« Damit klemmte sie sich ihren Stift wieder an die Brusttasche ihrer Bluse und verschwand.

Dean leerte sein Bier. Castiel starrte. Sie sagten minutenlang kein Wort.

»Es ist nett hier«, bemerkte Dean schließlich. »Kommst du öfter her?«

»Nein. Ich esse nicht vor Fremden. Michael hat mir das Lokal empfohlen.«

»Was? Was soll das heißen, du isst nicht vor Fremden?«

»Das heißt, ich verspeise keine Lebensmittel, wenn ich unter Menschen bin, die nicht zu meiner Familie zählen«, erklärte Castiel.

Verrückt! Komplett verrückt! »Warum um Gottes Willen?«

»Zu viele unkontrollierbare Einflussfaktoren.«

Dean beließ es dabei. Stattdessen fragte er Castiel, was er beruflich machte.

Castiel arbeitete offenbar als Analyst bei einer großen Bank. Er schien dort ganz glücklich zu sein, jedenfalls beschrieb er Dean seinen langweiligen Job in allen Einzelheiten.

Währenddessen überlegte Dean, wie es sein würde, ihn zu küssen. Er stellte es sich trocken und spröde vor, so wie seine Arbeit, aber gleichzeitig kam er ihm auch harmlos vor. Er hatte vorgehabt, ihn beim Abschied zu küssen, damit sie das erste Mal hinter sich hatten und sich nicht gleich verrieten, wenn sie auf seine Familie trafen. Wenigstens war der Typ kein Arschloch.

Pamela brachte den Bourbon für Dean und das Wasser für seinen neuen Freund. Eine Zitrone schwamm darin herum, und für eine Weile beobachtete Castiel sie dabei.

»Hattest du schonmal eine Freundin?«, fragte Dean, als das Gespräch verebbte. »Oder einen Freund?«

»Nein.«

»Also hast du noch nie…?«

»Noch nie was?«

»Es mit jemandem getan.«

»Was getan? - Oh, du meinst Geschlechtsverkehr. Nein, noch nie.«

»Und küssen?«

»Nein. Ich sagte ja schon, keinen Freund.« Castiel rieb sich über den Nacken und blickte noch immer ins Wasserglas, als berühre ihn die Wendung, die ihre Konversation genommen hatte, unangenehm.

»Man kann sich auch küssen, ohne, das man zusammen ist.«

»Warum sollte man?«

»Es ist schön.«

»Es ist unhygienisch.«

»Und sinnlich.« Dean leckte sich über die Lippen. »Ich werde dich nachher küssen, bevor wir uns verabschieden, okay?«

Sofort ruckte Castiels Kopf zurück. Seine Augen weiteten sich vor Schrecken.

Das amüsierte Dean. »Keine Sorge. Im Prinzip werde ich dir ein, zwei Luftzüge ins Gesicht atmen, dann lege ich meine Lippen auf deine und bewege sie kurz. Das ist schon alles.«

Castiel lief rot an. »Das… das klingt…«

»Ja?«, Dean zwinkerte.

»Ist das wirklich nötig?«

»Wenn wir überzeugend sein wollen, ja. Glaub mir, ich will das so wenig wie du.«

Das schien Castiel nicht zu beruhigen.

Deans Burger kam. Für die Dauer, dieses Kunstwerk aus Brot, Käse und Fleisch von der Bildfläche verschwinden zu lassen, sagte niemand ein Wort. Castiel schien in Gedanken versunken zu sein, während Dean in seinem Burger versunken war.

»Alles okay?«, fragte er nach einer Weile. »Wir müssen das nicht machen, das weißt du, oder?«

»Gabriel träumt seit Jahren von diesem Club. Und sein Konzept ist gut. Ich will ihm helfen«, beharrte Castiel. Er hatte seine Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt.

»Das ist wirklich… ich weiß nicht, ist nett von dir.«

»Es ist eine gute Investition.«

»Ich hab auch einen Bruder«, entfuhr es Dean, bevor er es zurückhalten konnte.

»Ich weiß. Sein Name ist Sam.«

»Du weißt- was?«

»Ich hab dich überprüfen lassen. Hat dir das Gabriel nicht gesagt?«

Dean ließ die Hand sinken, mit der er sich gerade Pommes Frites zuführen wollte. »Was fällt dir ein?«

Castiel lehnte sich zurück. »Ich bin naiv, Dean, aber nicht dumm. Meine Familie war schon reich, als ich geboren wurde, was glaubst du, wie viele Menschen meine Unerfahrenheit im Umgang mit anderen ausnutzen wollten, um sich einen finanziellen Vorteil zu verschaffen? Gabriel mag gutgläubig sein, aber ich habe bis vor kurzem einen Multi-Milliarden-Dollar-Fond geleitet. Ich kann mir nicht leisten, Fremden zu vertrauen.« Castiels ganzes Gebühren änderte sich plötzlich. Er nahm seine Schultern zurück und sein Blick wurde hart, als versuche er Verletzungen hinter Narben zu verbergen, die er nicht unsichtbar machen konnte.

»Das geht gar nicht, Alter. Du verletzt meine Privatsphäre, ist dir das klar?«

»Ich habe nur gelesen, was ich musste. Keine Details. Ich entschuldige mich dafür, ich weiß, das das nicht die übliche Vorgehensweise ist, wenn man interagiert.«

»Allerdings nicht«, knurrte Dean.

»Dein Bruder steckt in Schwierigkeiten, weißt du das?«

»Ja.«

»Diese Frau, die bei ihm wohnt, Ruby Tuesday, hat zahlreiche Drogendelikte begangen.«

»Von wegen, ›keine Details‹.«

»Ich entschuldige mich. Es steht dir selbstverständlich frei, auch über mich Erkundigungen einzuholen.« Castiel nippte an seinem Wasserglas. Dean beobachtete, wie die Zitronenscheibe gegen seine Lippe stieß, als bitte sie um Einlass.

»Das muss aufhören. Ich will nicht, dass du mich ausspionierst.« Am Liebsten hätte Dean den ganzen Deal mit Gabriel sofort abgesagt, aber wenn er an das Geld dachte… Ohne Job und nennenswerte Rücklagen konnte er sich seinen Stolz einfach nicht leisten.

»Ich verspreche es.«

Dean schob den Teller näher zu sich heran und aß weiter. Die Stimmung war angespannt, aber er war nicht einmal sicher, ob Castiel das merkte.

»Sind ähm, werden gewisse Vorbereitungen von meiner Seite aus erwartet?«

Dean zog fragend eine Augenbraue hoch. Er steckte sich die Pommes quer in den Mund.

»Wenn du mich nachher küsst. Ich bin nicht sicher, ob-»

»Ich geh mal davon aus, dass du dich regelmäßig wäschst und dir die Zähne putzt, oder?« Er sprach, während er kaute, aber Castiel schien sich daran nicht zu stören.

»Selbstverständlich. Ich bin ledig, kein Höhlenmensch.« Es klang ein bisschen entrüstet.

»Gut, dann haben wir das auch geklärt.« Dean beobachtete, wie sein Gegenüber sichtlich unentspannt an seinem Daumennagel nagte.

»Hey, mach dir keine Sorgen. Du musst keine Angst haben. Ich werde nichts tun, dass dich verletzt. Im Gegenteil, okay? Ich bin ein guter Küsser.« Sein Maß an Mitgefühl überraschte ihn selbst, viellicht war es diese unschuldige Ausstrahlung, die ihn dazu brachte, Castiel aufzubauen.

»Welche Expertise wird benötigt, um ein ›guter Küsser‹ zu sein?«, wollte er wissen.

»Uhm, das hängt davon ab, nehme ich an.« Dean leerte das Whiskyglas. »Von der Chemie zwischen zwei Menschen, das zwischen ihnen vorgefallen ist, und so. Keine Ahnung, ich hab da noch nie drüber nachgedacht.«

»Sicher spielt Übung eine gewisse Rolle.« Castiel lehnte sich nach vorn, stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab. »Im Allgemeinen ist es doch die häufige Wiederholung einer Tätigkeit, die eine steile Lernkurve verspricht.«

Zum ersten Mal machte Dean sich Gedanken, ob sie wohl überzeugen könnten. Würde irgend jemand ihnen abnehmen, ein Paar zu sein? Zwei so verschiedene Menschen, noch dazu Männer? In seiner Welt war Homosexualität selten, und wer sie betrieb, tat es heimlich. Nichts fragen, nichts sagen, so wie in der Armee. Was für die amerikanischen Soldaten funktionierte, funktionierte auch in seinen sozialen Kreisen.

Nun, ihre Bedienung Pamela schien zumindest zu glauben, das sie einander dateten. Aber wie hätten sie sich kennenlernen sollen? Sie hatten nichts gemeinsam. »Wir müssen uns eine Geschichte ausdenken«, sagte Dean zu Castiel. »Deine Familie wird wissen wollen, wie wir uns kennen gelernt haben.«

»Ich lüge nicht gut.«

»Das überrascht mich nicht.« Dean fuhr mit dem Zeigefinger über den Rand des leeren Whiskyglases. Er dachte nach. »Hast du einen Wagen? Du könntest zu mir in die Werkstatt gekommen sein, um ihn durchchecken zu lassen.«

Castiel runzelte die Stirn. »Ich habe Assistenten, die solche Arbeiten für mich erledigen.«

Oh man, so einer war er. »Gut, dann ist dir abends auf dem Rückweg vom Büro nach Hause aufgefallen, dass der Motor ungewöhnlich Geräusche macht, und du wolltest es nicht aufschieben und bist deshalb direkt zu mir in die Werkstatt gefahren.«

»Ich fahre nicht selbst, ich habe einen Chauffeur, und deine letzte Arbeitsstelle liegt in der Mulberry-Road, wie ich erfahren habe, das ist am anderen Ende der Stadt, ich war seit Jahren nicht mehr in dem Stadtteil.«

Dean war milde entsetzt. »Du hast einen Chauffeur? Warum um Gottes Willen?«

»Damit ich im Auto arbeiten kann. Ich fahre nicht gern.«

»Du«, Dean lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und konnte nicht glauben, was er da hörte. »Du fährst nicht gern Auto?«

Castiels Wangen färbten sich rot, zumindest den Teil, den der Bart nicht verdeckte. »Findet das nicht deine Zustimmung?«

»Kumpel - wo soll ich da anfangen, wie falsch das ist.« Und dann sprach Dean geradewegs das aus, was er dachte. »Du und ich würden im wahren Leben niemals ein Paar werden. Unter keinen Umständen. Das wird schwerer werden, als ich gehofft hatte.«

Castiels Schultern sanken. Sein Mund öffnete und schloss sich, ohne das ein Wort über seine Lippen kam, und seine blauen Augen sahen plötzlich bekümmert aus. Er macht den allgemeinen Eindruck eines getretenen Welpen. »Ich bin mir dessen wohl bewusst«, sagte er leise, aber bestimmt. »Dass Männer wie du mich niemals zwei Mal ansehen, wird schon seinen Grund haben.«

Dean sagte nichts. Er fühlte sich schrecklich wegen dem, was er gesagt hatte, auch wenn es die Wahrheit war.

»Entschuldigst du mich kurz? Ich halte es für angemessen, die Toilette aufzusuchen und mir die Hände zu waschen.«

»Kein Problem, Kumpel.«

Castiel erhob sich steif und förmlich, und verschwand in Richtung Toilette.

Shit, dachte Dean und ließ den Kopf hängen, rieb sich abwesend über den Nacken. Das lief ja nicht so gut.

»Kann ich dir noch was bringen, Schätzchen?«

Dean sah auf. Die Kellnerin von vorhin stand an seinem Tisch und sah ihn erwartungsvoll an.

»Ja, nochmal einen doppelten. Nein, warten Sie, machen Sie zwei draus. Und haben Sie einen Apple-Pie auf ihrer Karte?«

»Ja. Mit Zimt und Vanilleeis.«

»Gott sei Dank. Ich nehme ein Stück.«

»Sehr gern. Und lass den Kopf nicht hängen, Liebchen, er sieht sich an, als wärst du ein Lottogewinn.« Sie zwinkerte und wackelte mit schwingenden Hüften davon.

Dean vermied es, über den letzten Kommentar nachzudenken und zog sein Handy aus der Jeanstasche, um einen Blick darauf zu werfen. Eine neue Nachricht.

20:58
Gabriel Novak: Wie läuft’s, ihr beiden Turteltauben? ;)

Dean seufzte und steckte das Handy zurück, ohne zu antworten.

Castiel kam zurück, sein Gesichtsausdruck bar jeden Gefühls, wie ein weißes Blatt Papier. Er setzte sich umständlich und strich sich über das Jackett.

»Hör zu«, machte Dean den Anfang, als Castiel nichts sagte, »Wir haben vielleicht auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, und ich kann mir denken, dass du mit mir genauso wenig anfangen kannst wie andersherum, aber was dabei rauskommt, ist gut für uns alle, oder? Du bekommst dein Geld für deinen Bruder, ich verliere nicht mein Zuhause, und Gabriel kriegt seinen Club. Win-win.«

Castiel sah Dean an. »Gabriel hätte niemals dafür verantwortlich sein wollen, dass du auf der Straße landest, Dean. Er ist großzügig, was ein Teil des Problems ist, warum er mein Geld überhaupt benötigt.«

»Du magst ihn gern, oder? Deinen Bruder.«

Castiel nickte. Er machte einen sehr ernsten Eindruck. »Als er noch für die Firma tätig war, dachte ich, ich verliere ihn. Er hat sehr viel getrunken und geweint und- das bin ich nicht gewohnt. Von uns allen ist Gabriel der Einzige, mit dem Konversation und familiäres Zusammensein erfreulich ist. Sein Verhalten ist nicht immer adäquat, aber-» Er schien nach einem passenden Wort zu suchen.

»Dafür ist er authentisch«, ergänzte Dean, der Gabriel nicht besonders gut kannte, aber das immerhin schon begriffen hatte.

»Ja.« Er trank sein Wasser aus. »Nun, Dean, wirst du an dieser Farce teilnehmen?«

»Ja.« Alienhaft hin oder her, die Art und Weise, wie Cas über seinen Bruder dachte, schwächte seine Abwehr. Sie würde alle bekommen, was sie wollten.

»So ihr Süßen, zwei Whisky und ein Stück Kuchen.« Pamela, die Bedienung, stellte Gläser und Teller auf dem Tisch ab. »Lasst es euch schmecken!«

»Vielen Dank.« Dean lächelte sie an und sie strahlte zurück, bevor sie die beiden Männer wieder alleine ließ.

»Warum hat sie mir ein Glas hingestellt?«

»Damit du es trinkst. Komm schon, Cas, stoßen wir auf unsere fabelhafte Beziehung an!«

Stirnrunzeln folgte auf diese Worte, aber Castiel griff gehorsam nach dem Glas und führte an seine Lippen.

Dean rollte mit den Augen und ließ sein Glas sacht an das von Castiel schlagen, das seinerseits gegen seine Zähne prallte.

»Aua«, murmelte er mit einem bösen Blick in Deans Richtung, der zu lachen anfing und es rasch in warmen, karamellfarbenen Whisky ertränkte.

Sie leerten es beide auf Ex. Castiel verzog das Gesicht, aber Dean leckte sich über die Lippen. Dann verschob er den Teller mit dem Kuchen, bis die Spitze des Stücks zu ihm zeigte, versenkte die kleine Gabel in die süße, warm duftende Masse aus Kruste, Äpfeln, Teig, Zimt und gab einen kleinen glücklichen Laut von sich.

Der erste Bissen und er wiederholte diesen Laut, nur länger und tiefer. Mhh, war das gut, das kalte, süße Vanilleeis auf dem warmen Kuchen mit den sauren Äpfeln, mmmmh.

Als Deans Blick zufällig auf Castiel fiel, lächelte er. Cas starrte auf seine Lippen. »Weißt du«, schmatzte Dean und leckte sich über die Unterlippe, »Wir müssten schon so gut wie verheiratet sein, damit ich mich überreden lassen würde, meinen Kuchen mit dir zu teilen, aber ich denke, ich mache eine Ausnahme.«

Castiel starrte noch immer, jetzt in seine Augen, so intensiv, aus würde er sie im Geiste auseinander nehmen. »Wie bitte?«

Dean grub die Gabel in die Köstlichkeit, bis er Eis und Pie darauf balancierte, und führte die Gabel vorsichtig aber unnachgiebig über den Tisch.

»Aber- das ist deine Gabel- das ist unangebracht und- uhm.« Castiels Lippen schlossen sich um das Besteck.

Dean zog die Hand zurück. »Gut?«

Cas nickte und kaute vorsichtig. Seine Wangen waren schon wieder ganz rosa.

»Dann hab ich noch Hoffnung für dich.« Er zwinkerte ihm zu und machte sich dann über den Rest des Desserts her.

Nach dem Essen ging Dean auf die Toilette und verlangte die Rechnung. Als Pamela kam, um sie abzukassieren, zückte Castiel seine Brieftasche, um sein Wasser einzeln zu bezahlen. Dean musste sich das Lachen verkneifen. »Kumpel, steck das ein. Ich zahle.« Dean tat es, und er gab ein gutes Trinkgeld. Er hatte sich in seiner Schulzeit unter anderem mit Kellnern was dazuverdient und wusste, wie hart diese Arbeit war.

»Den da solltest du behalten«, sagte Pamela zu Cas, als sie Dean gedankt hatte und die Gläser einsammelte, um sie mitzunehmen. »Wunderschön und großzügig, was kann man mehr erwarten?« Mit einem letzten Lächeln an Dean ging sie davon.

»Warum hat sie das gesagt?«, fragte Castiel verwirrt. Er sah ihr nach.

»Getrennte Rechnungen bei einem Date? Komm schon, selbst du musst wissen, was das bedeutet.«

Castiel schüttelte den Kopf.

Dean wusste, er wiederholte sich, aber: Oh man. »Getrennte Rechnungen bei einem Date heißt, man hat kein Interesse oder will zumindest so tun. Wenn man jemanden auf ein Date einlädt, dann heißt das auch, dass man für ihn zahlt. So einfach ist das. Und wenn man das nicht tut, will man ihn oder sie nicht wiedersehen. Meistens jedenfalls, es gibt Ausnahmen.«

Castiel schien die Bedeutung sofort zu realisieren. »Oh. Oh, das war mir nicht bekannt. Ich bitte um Verzeihung, demnach hätte ich die Rechnung übernehmen müssen.«

»Ich bin nicht so arm, weißt du?« Okay, das war gelogen.

»Und technisch gesehen trifft die Bezeichnung ›Date‹ nicht auf uns zu.« Er legte den Kopf schief. »Heißt das also, du willst mich wiedersehen?«

»Ich hab schon gesagt, ich mach da mit bei eurem kleinen Spiel, oder?«

»Ja. Danke. Und danke, dass du-» Er unterbrach sich. Castiel wusste nicht, wie er sagen sollte, dass er dankbar war, dass Dean nicht sofort gegangen war, als er ihn gesehen hatte.

»Nicht dafür, Cas. Komm schon, lass uns gehen. Ich will dich nicht noch länger auf deinen ersten Kuss warten lassen.«

Dean brachte ihn zu seinem Auto, einer dunklen, englischen Schönheit. »Wow«, sagte Dean ungefähr zum zehnten Mal und strich mit seinen rauen, schwieligen Händen über die Motorhaube des Aston Martin. Der Chauffeur war ausgestiegen und hielt sich diskret im Hintergrund. »Das ist das neuste Modell, oder? Ich wusste nicht mal, dass sie die schon verkaufen.«

»Ich weiß nicht genau, einer meiner Assistenten hat sich darum gekümmert.«

»Der Vanquish ist eines der schönsten Autos überhaupt, Cas. Sieh sie dir an.« Ehrfürchtig strich er über die Kurven des Wagen.

»Sie?«, fragte Castiel.

»Stolz und elegant, sexy, und doch kann sie ein sehr sehr böses Mädchen sein, wenn sie will.« Dean pfiff durch die Zähne.

»Von wem sprichst du?«

»Deinem Auto, Kumpel. Wahnsinn.«

»Uhm. Okay.«

»Natürlich ist sie keine Konkurrenz für Baby, aber dennoch…« Dean seufzte sehnsuchtsvoll. »Für eine prüde Engländerin ist sie verdammt scharf.«

»Ich gebe es auf, keine Ahnung, wovon du sprichst.« Castiel hatte die Hände in die Taschen seines Mantels gesteckt und lehnte halb an seinem Auto. Sein Herz schlug so laut und wild, dass er es nicht nur spüren sondern auch in seinen Ohren rauschen hören konnte. Er konnte Dean nicht ansehen, wollte nicht, dass der ausnehmend schöne, charmante Mann vor ihm sah, wie viel Angst er hatte.

»Castiel?«

Cas nickte und scharrte nervös mit den Füßen.

»Sieh mich an.«

Ihre Blick trafen sich. Dean kam näher, ganz langsam, aber unvermeidlich. »Es ist nur Kuss, also flipp nicht aus. Ich halte es kurz.«

»O-kay.« Seine Stimme klang brüchig.

»Mach deine Augen jetzt zu und leck dir einmal über die Lippen, feuchte sie an.«

Castiel tat, wie ihm geheißen. Er zitterte am ganzen Körper.

Er spürte Deans Körperwärme zuerst, roch ihn, und dann schloss sich eine Hand um seinen Ellenbogen und zog ihn heran. Willig lehnte er sich in die Berührung, ihm war ganz kalt vor Angst, was Deans Wärme nur vielversprechender machte. Im Allgemeinen schätzte Castiel es gar nicht, berührt zu werden, aber Dean hatte versprochen, es kurz zu machen.

Warmer Atem auf seinem Gesicht. Mh, das war angenehm. Deans Atem ging ganz normal, nicht so frenetisch wie sein eigener.

»Ist das okay?«, fragte Dean.

Castiel nickte.

»Öffne deine Lippen ein Stück. Nur ein bisschen, press sie nicht so fest zusammen.«

»Tut- tut mir leid.«

»Ist okay, du bist nervös. Alles okay, Cas, ich werde dir nicht weh tun.«

Von der Brust an abwärts waren sie aneinander gepresst und Castiel fühlte sich überwältigt von dem Gefühl weichen Flanells unter seinen Finger, als er seine Arme um Deans Rücken legte, so wie der es bei ihm tat. Und wie gut er roch. Dean umarmte ihn fester und Castiel fand sich eingeschlossen in einen Kokon aus Mann, Wärme und kitzelnder Anspannung.

Und dann der Kuss.

Es kribbelte auf seinen Lippen. In seiner Brust brach etwas auf, ein Gefühl wie dem, das man spürt, wenn von ganz tief unten Tränen so schnell aufsteigen, dass der damit verbundene Druck beinahe schmerzhaft ist. Dean machte ein Geräusch, als fühle er sich wohl, und presste Cas enger an sich. Castiel leistete keinen Widerstand Er hielt still, außerstande mehr zu tun als sich zu gestatten, alles fühlen zu dürfen. Als Castiel entschied, dass er seine Lippen bewegen wollte, löste Dean sich plötzlich von ihm und lächelte dann. »Na, war das jetzt so schlimm?«

Castiel war verwirrt. Wieso hörte er auf? Wo waren seine Hände hin? Er fror entsetzlich und es kostete ihn erhebliche Kraft, sich zusammen zu reißen und nicht die Hände nach Dean auszustrecken.

Ein besorgter Ausdruck huschte über Deans Gesicht. »Ich hab dir doch nicht wehgetan, oder?«

Ein tiefes Räuspern brach aus seiner Kehle hervor, denn er traute sich kaum zu, noch sprechen zu können. »Keineswegs. Das war vollkommen angemessen.«

»Gut. Dann ähm- schreib mir, wenn du zu deiner Familie fährst, ja? Machs gut, Cas.« Dean winkte und drehte sich dann um, auf dem Weg zu seinem Auto.

Cas starrte ihm hinterher.

»Sir? Ist alles in Ordnung?«, brachte sich der Chauffeur behutsam ins Gedächtnis zurück.

»Was? Oh ja, John, alles bestens. Ich- fahren Sie mich nach Hause, bitte. Langer Tag.«

»Selbstverständlich.« Er hielt Castiel die Tür auf, obwohl Castiel das sonst allein machte, aber seine Gedanken hinkten der Wirklichkeit hoffnungslos hinterher.

Dean Winchester. Arm. Waise. Arbeitslos.

Und beängstigend reizvoll. Castiel war sich klar, als er in seiner prüden englischen Lady durch die Dunkelheit chauffiert wurde, dass er Probleme bekommen würde, die Grenzen einzuhalten, die Dean aufgesetzt hatte. Er war einem Mann noch nie so nahe gewesen, und nun war seine Neugier geweckt.