Work Text:
Würde jemand sie danach fragen, keiner von beiden könnte wohl noch sagen, wie sie hierher gekommen sind. Hierher in Leos Wohnzimmer – wobei, hier waren sie schon oft, so oft, daran könnten sie sich womöglich noch erinnern, irgendwie – vor Leos Sofa. Auf dem sie schon oft, so oft gemeinsam gesessen haben, zusammen etwas gegessen und getrunken haben, geredet haben, einen Film zusammen angesehen haben. Und sich angesehen haben, mit verstohlenen Blicken, von denen der andere bloß nichts merken sollte, von denen der andere aber irgendwie doch etwas merkte, oder wenn nicht merkte, dann etwas ahnte.
Heute ist es anders. Heute haben sie nicht zusammen auf dem Sofa gesessen und etwas gegessen oder getrunken, haben nicht geredet, jedenfalls nicht, während sie auf dem Sofa saßen.
„Bist du okay?“, hat Leo gefragt und Adam immer noch besorgt dabei angesehen. So besorgt, wie er ihn schon seit dem Moment angesehen hatte, in dem Adam mit dieser tiefen, blutenden Schramme an seiner Stirn im Präsidium aufgetaucht war. Wo Pia die Wunde rasch versorgte, mit geübten Handgriffen, denn Pia kann sowas.
„Ja, es... geht schon“, hat Adam geantwortet und ist Leos sorgenvollem Blick ausgewichen. Leo muss nicht wissen, wie dumpf es hinter Adams Stirn pocht.
Dann haben sie nichts mehr gesagt. Und jetzt stehen sie hier, vor Leos Sofa, oder besser gesagt: Leo steht und Adam kniet vor ihm, mit seinem Kopf an Leos Brust, mit Leos Hand in Adams Haaren, an Adams Hinterkopf.
„Fuck, Leo, ich bin so müde“, hat Adam gerade eben noch gesagt – oder vielleicht auch vor einer ganzen Ewigkeit – und sich einfach auf die Knie sinken lassen. Hat sich dabei an Leos Armen festgehalten, hat seine Hände in der sinkenden Bewegung von Leos Oberarmen hinabgleiten lassen bis zu Leos Händen. Die Adam kurz in seinen eigenen Händen gehalten und dann, so widerwillig, losgelassen hat.
Und Leo hat nur für einen kurzen Augenblick gezögert, bevor er noch etwas näher an Adam herangetreten ist. Seine Hand in Adams Nacken gelegt und ihn an sich gezogen hat, so dicht, dass Adam gar nicht anders konnte, als seinen Kopf an Leos Brust zu legen. Und Leo gar nicht anders konnte, als seinen Kopf ein wenig zu senken und sein Kinn auf Adams Kopf zu legen.
„Halt dich fest“, sagt Leo jetzt, mit kaum hörbarer Stimme. Doch Adam hört ihn, spürt Leos Stimme durch seinen eigenen Körper vibrieren.
„Leo, ich...“, will Adam irgendetwas sagen, widersprechen vielleicht, weil er nicht weiß, ob er das wirklich darf, doch er kann den Satz nicht beenden, muss abbrechen, schlucken.
„Halt dich fest“, wiederholt Leo und seine Stimme klingt, wenn das überhaupt möglich ist, noch wärmer dabei.
Und Adam hält sich fest. Hebt seinen linken Arm und legt, wenn auch immer noch so verdammt zögerlich, seine Hand an Leos Hüfte, schiebt seine Fingerspitzen ein wenig auf dem Stoff von Leos dunkelgrünem Shirt hin und her, bevor seine Hand und seine Finger zur Ruhe kommen. Zur Ruhe kommen auf Leos Shirt und, schießt es Adam durch den Kopf, auf Leos Körper. Diesem warmen Körper, den Adam nicht zum ersten Mal berührt, denn es hat schon Umarmungen, Berührungen gegeben, natürlich. Aber nicht so, nicht so wie jetzt in diesem Moment, von dem Adam sich sofort wünscht, er würde niemals enden.
So bleiben sie miteinander und atmen einfach nur. Für eine lange Zeit spricht keiner von ihnen ein Wort. Gut möglich, dass Adams Knie irgendwann zu schmerzen beginnen, doch davon spürt er nichts. Was er hingegen spürt, ohne Unterlass, ist Leos Hand in seinen Haaren, an seinem Kopf. Leos Fingerspitzen, mit denen er leicht, ganz leicht Adams Kopfhaut krault. So verflucht beruhigend fühlt sich das an, dass es Adam so vorkommt, als habe er sich seit Jahren nicht mehr so ruhig gefühlt wie genau jetzt.
Und gleichzeitig doch so aufgeregt, denn er kniet hier wirklich vor Leo, diesem wunderbaren Leo, und ist ihm so nah. Und Leo hat ihm gesagt, ja, hat ihm erlaubt, ihm so nahe zu kommen. Schon wieder muss Adam schlucken bei dem Gedanken, dass Leo das auch will, dass Leo Adam ebenso nah bei sich haben will, wie Adam Leo bei sich haben will. Denn tief drin spürt Adam, dass sie hier nicht bloß deshalb so nah beieinander sind, weil Adam diese Wunde an der Stirn hat und sich fühlt wie ausgekotzt. Nein, das mag vielleicht der Auslöser sein, aber es ist nicht der Grund.
Adam schließt seine Hand noch etwas fester um Leos Hüfte, will ihn noch mehr spüren. Alles oder nichts, sozusagen. Alles oder nichts, ja, das denkt er sich, und dennoch schlägt ihm sein Herz bis zum Hals. So schnell hat es wohl zuletzt geschlagen, als er regungslos in dem Sessel seines Alten saß und –
Aber nein, nicht das, jetzt nicht daran denken. Jetzt an schöne Dinge denken, wunderschöne Dinge, und nichts auf der Welt ist so schön wie Leo. Leo Hölzer, der immer noch mit seinen Fingern über Adams Kopf krault, der ihn mit der anderen Hand noch immer hält und der so unfassbar nah bei Adam ist und sich unfassbar gut anfühlt dabei.
„Alles ist gut“, hört Adam Leo leise sagen.
„Ich weiß“, erwidert Adam an Leos breiter Brust. Seine Stimme klingt gedämpft. Fast könnte Adam mit seinen Lippen Leos Shirt berühren, könnte – oh, was er alles könnte.
Doch bevor er noch irgendetwas tut, irgendetwas Dummes vielleicht sogar, muss er es wissen. Er muss Gewissheit haben, sehnt sich schon so lange danach, mehr als fünfzehn Jahre, verdammt nochmal, und er muss Leo fragen. Und anschließend mit der Antwort leben.
Adam seufzt, will sich nicht bewegen, will sich nicht von Leo lösen, tut es nun aber doch, ein wenig jedenfalls. Gerade so viel, dass er zu Leo aufsehen kann und ihm, der wie erhofft seinen Kopf neigt und zu Adam herunterblickt, in die Augen sehen kann. Diese atemberaubenden Augen, in denen Adam so problemlos versinken und Zeit und Raum vergessen könnte. Aber nicht jetzt. Ein andermal vielleicht. Hoffentlich.
Während sie sich noch ansehen, lässt Adam seine Hand von Leos Hüfte ein Stückchen nach oben gleiten, bis unter Leos Schulterblatt. Ihre Gesichter sind sich jetzt ganz nah, nicht nah genug, um... aber doch nah genug, um ein bisschen verrückt zu werden dabei.
Bevor dieser Zustand jedoch eintreten kann, schließt Adam seine Augen und – bringt kein Wort heraus.
„Adam... dein Herz schlägt wie verrückt“, bringt dafür Leo ein paar Worte heraus. Adam bleibt für einen Augenblick still, horcht auf sein Herz. Doch was er hört, was er spürt, ist Leos Herz.
„Und deins erst...“, flüstert er und öffnet seine Augen, sieht Leo an.
„Ich weiß.“ Adam spürt erneut ganz sanft Leos Hand in seinen Haaren.
Der blonde Mann nimmt all seinen Mut zusammen, denn ja, alles oder nichts, und fragt nun wirklich, mit leiser und doch so bebender Stimme: „Darf ich das behalten, Leo?“
Leo zieht ein wenig, ein ganz klein wenig nur die Stirn in Falten. „Was, Adam? Was darfst du behalten?“
Adam könnte sich irren, aber er könnte gleichzeitig wetten, dass auch Leos Stimme vor Aufregung bebt. Er muss erneut schlucken, bevor er antworten kann: „Das. Dich. Das hier.“ Mit seiner Hand reibt er sanft unter Leos Schulterblatt hin und her, als wolle er unterstreichen, was er mit „Dich“ und „Das hier“ meint.
Er sieht nun auch Leo schlucken, sieht seinen Kehlkopf auf und ab hüpfen dabei. Und hört Leo sagen, mit dieser immer noch bebenden und so samtigen Stimme: „Wenn ich dich auch behalten darf...?“
Leos Lippen auf Adams Stirn fühlen sich weich und warm an. Leo fühlt sich weich und warm an. Adam will hier nie wieder weg, will nie wieder aufstehen, und legt seinen Kopf zurück an Leos Brust. Und das ist erst der Anfang.
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