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Deutsch
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Published:
2022-05-23
Words:
10,825
Chapters:
1/1
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18
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164
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849

schlaf mit mir (ein)

Summary:

Vielleicht ist Adam einfach nur müde, dass er meint, genau jetzt eine der Stimmen zu hören, die er sonst nur im Bett über seine Kopfhörer hört. Es gibt einige Personen, deren Videos er regelmäßig schaut, aber warum sollte sich eine von denen in einem eher schäbigen Café in Saarbrücken aufhalten und ihm etwas zuflüstern?

Leo macht ASMR-Videos. Adam kann ohne nicht mehr einschlafen.

Notes:

Basierend auf diesem Post von apfelhalm auf tumblr – vielen Dank, dass ich deine Idee übernehmen durfte! Ich hoffe, ich habe es so umgesetzt, wie du dir das vorgestellt hast :D

Die POV-Wechsel sind mit Sternchen * getrennt.

Work Text:

Adam blinzelt und versucht, sich wieder auf die Datei zu konzentrieren, die auf seinem Laptop vor ihm geöffnet ist. Er hat den gleichen Satz jetzt schon gefühlt hundert Mal gelesen, aber es klingt immer noch nicht so, wie er es gerne haben möchte. Mit einem Seufzen markiert er den gesamten Absatz, um sich später noch einmal damit zu beschäftigen. Er will es nicht löschen, aber so stehen bleiben kann es auch nicht.

Als er sich seine Kaffeetasse das nächste Mal zum Mund führt, ist sie leer. Für einen Moment schaut er auf die Tischplatte, die mit unzähligen Kaffeeflecken übersät ist. Es ist nicht das schönste Café, das er sich zum Arbeiten ausgesucht hat, aber der Kaffee ist günstig, die Auswahl an Snacks war in Ordnung und immerhin ist es ruhig. Er hat heute Morgen einen Blick in den Starbucks am Bahnhof geworfen und dann sofort kehrgemacht, um sich eine etwas ruhigere Kulisse in einer schmalen Seitenstraße zu suchen.

Er schiebt sich den Rest seines Sandwiches in den Mund. Es schmeckt sogar ziemlich gut. Er will sich wieder seinem Laptop zuwenden, aber leider blinkt der Cursor immer noch an genau der gleichen Stelle im Dokument, an der er seit Stunden nicht weiterkommt. Wieso hat er sich noch mal dazu entschieden, Krimis zu schreiben? Die Antwort ist, weil der Verlag nicht schlecht zahlt und regionale Krimis sich irgendwie immer verkaufen. Ob Allgäu oder Eifel, Ostfriesland oder Uckermark, gelesen wird alles.

Und jetzt eben das Saarland. Adam ist es ziemlich egal, worüber er schreibt, solange er arbeiten kann, von wo er möchte. Manchmal verflucht er es allerdings doch, so wie heute, wenn es einfach nicht läuft. Hätte er doch mal etwas Richtiges gelernt. Oder einfach diesen Auftrag nicht angenommen.

Seine Augen drohen immer wieder zuzufallen. Das ist seltsam. Adam hatte in dieser Nacht bestimmt fünf Stunden Schlaf, auch wenn das Bett im Hotel unbequem ist und seine Nachbarn die ganze Nacht sehr… aktiv waren. Er dürfte also eigentlich gar nicht so müde sein.

In den letzten Jahren hat er seine Schlafprobleme zumindest einigermaßen in den Griff bekommen. Nachdem er endlich eingesehen hat, dass ein Jurastudium vielleicht doch nicht das Richtige für ihn ist, war zumindest der Lernstress weg, der ihn jahrelang vom Schlafen abgehalten hat. Blieben nur noch die Albträume aus seiner Kindheit, die ihn auch nach Jahren Therapie immer noch fast jede Nacht aus dem Schlaf reißen.

Seit er diese Videos im Internet entdeckt hat, klappt zumindest das mit dem Einschlafen etwas besser. Anfangs kam er sich ein bisschen komisch dabei vor, ASMR in die Suchleiste einzugeben und sich durch zahlreiche Stimmen, Geräusche und Settings zu klicken, bis er etwas gefunden hat, was für ihn funktioniert. Es war ihm peinlich, dass er das braucht, aber es ist besser, als gar nicht zu schlafen. Es hält ihn zwar meistens nicht davon ab, mehrmals in der Nacht panisch hochzuschrecken, aber immerhin kann er sich danach wieder von einer sanften Stimme in den Schlaf schaukeln lassen.

Vielleicht ist er einfach nur müde, dass er meint, genau jetzt eine der Stimmen zu hören, die er sonst nur im Bett über seine Kopfhörer hört. Es gibt einige Personen, deren Videos er regelmäßig schaut, aber warum sollte sich eine von denen in einem eher schäbigen Café in Saarbrücken aufhalten und ihm etwas zuflüstern?

Dennoch wird Adam das Gefühl nicht los, dass hier etwas nicht stimmt. Er lässt den Blick möglichst unauffällig durch den Raum wandern. Auf einer Seite hocken zwei Teenager, die mehr mit ihren Handys beschäftigt zu sein scheinen als miteinander. Am Tisch neben Adam sitzt eine alte Dame mit einem kleinen Hund. Wenn Adam sie als Figur schreiben würde, würde sie jeden Tag mit ihrem Hund nach dem Morgenspaziergang herkommen, um ihren Kaffee zu trinken und die Leute zu beobachten. Vielleicht auch irgendwann ohne Hund, weil sie sich so daran gewöhnt hat, jeden Tag diesen Spaziergang zu machen, auch wenn sie es eigentlich nicht mehr müsste. Sie wäre die perfekte Zeugin in einem seiner Fälle.

Er will sich gerade wieder seinem Word-Dokument zuwenden in der Hoffnung, dass diese Beobachtung vielleicht seine Kreativität angestoßen hat, als die Stimme noch mal auftaucht. Dieses Mal hat Adam keinen Zweifel daran, dass er sie erkennt.

Er dreht sich zum Tresen, der in seinem Rücken liegt und da steht tatsächlich ein Mann, der vorhin noch nicht da war und redet mit der Angestellten. Von hinten kann Adam nicht beurteilen, ob es tatsächlich derjenige ist, dessen Stimme ihn nun seit etwas über einem Jahr regelmäßig beim Einschlafen begleitet. Von vorne könnte er es wohl auch nicht mit Sicherheit sagen, weil es zu der Stimme kein Gesicht gibt, jedenfalls nicht in seinen Videos. Nur zwei Hände, die Buchseiten umblättern und eine sanfte Stimme, die vorliest und manchmal Anekdoten von seinem Tag erzählt.

Natürlich weiß Adam nicht, ob er es wirklich ist. Vielleicht dreht er einfach langsam durch. Möglicherweise macht der jahrelange Schlafmangel sich nun auch tagsüber bemerkbar und manifestiert eine beruhigende Stimme, damit Adam endlich mal diese Nervosität loswird, die er immer und überall mit sich herumträgt. Von hier kann er keine einzelnen Worte verstehen, aber das Gemurmel… er ist kurz davor, seine Kopfhörer rauszuholen und auf seinem Laptop eins der Videos zu öffnen, um sich zu vergewissern, dass die Stimmen tatsächlich ähnlich sind.

Im dem Moment dreht der Mann sich um. Adam ist kurz abgelenkt von dem hübschen Gesicht, bis ihm auffällt, dass er immer noch mit verrenktem Hals in seinem Stuhl sitzt und es offensichtlich ist, dass er den Mann gerade beobachtet hat. Er senkt ein bisschen beschämt seinen Blick und landet dabei auf den Händen des Mannes. Auf genau diesen Händen, die er immer beobachtet, bevor ihm die Augen zufallen und er ins Reich der Träume abdriftet.

Bevor er sich davon abhalten kann, rutscht ihm ein atemloses “Leo?” heraus. Es ist ihm sofort unglaublich peinlich, dass er diesen Kerl mit dem Namen anspricht, den er online verwendet und der womöglich nicht mal sein richtiger Name ist. Wenn er sich nicht sogar geirrt und gerade einen Fremden angesprochen hat, der überhaupt keine Ahnung hat, wovon Adam redet. So viel dazu, sich im Hintergrund zu halten und nicht aufzufallen.

 

*

 

Leo zuckt zusammen, als er seinen Namen hört. Er schaut auf und lässt seinen Blick durch das kleine Café wandern. Es ist nicht ungewöhnlich, dass er in der Stadt auf Leute trifft, die er kennt, aber normalerweise nicht bei Ermittlungen und nicht in solchen Einrichtungen wie dieser.

Keiner der Anwesenden kommt ihm bekannt vor, vor allem nicht der blonde Mann, der sich nach seinem Ausruf sofort wieder umgedreht hat, sodass Leo keinen ausgiebigen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte. Vielleicht ist es jemand, den er aus der Schule kannte? Aber warum sollte er sich dann so schnell wieder von ihm abwenden und jetzt mit angespannten Schultern dasitzen, als ob es ihm peinlich ist?

Bevor Leo das weiter ergründen oder sich überlegen kann, ob er den Mann darauf ansprechen sollte, erregt die Angestellte des Cafés wieder seine Aufmerksamkeit. Sie hat den Dienstplan der letzten Woche aus dem Hinterraum geholt. Ihre Finger zittern noch immer ein wenig, als sie den Zettel zwischen ihnen auf dem Tresen ablegt. Leo hat bis eben versucht, beruhigend auf sie einzureden, damit sie überhaupt in der Lage ist, eine Aussage zu machen. Nachdem er ihr gerade verkündet hat, dass einer ihrer Stammkunden tot aufgefunden worden ist, ist das auch kein Wunder.

“Letzte Woche hatte ich Urlaub, da war nur Rolf hier, der Besitzer. Er müsste der letzte gewesen sein, der…” Sie stockt und Leo gibt ihr einen Moment. Er wartet geduldig, bis sie ihm die Kontaktdaten ihres Chefs mitgeteilt hat und verabschiedet sich dann. Mit vielen Informationen hat er hier ohnehin nicht gerechnet, aber er lässt ihr trotzdem seine Karte da, falls ihr noch etwas einfällt.

Er ist fast erleichtert, wieder gehen zu können. Eine Todesnachricht zu überbringen ist nie schön und fühlt sich immer wieder unangenehm an, selbst wenn es in diesem Fall kein Angehöriger, sondern wenn überhaupt ein entfernter Bekannter war.

Als er sich vom Tresen wegdreht zur Tür, fällt sein Blick auf den Tisch, an dem vorhin der Mann mit seinem Laptop saß. Jetzt ist der Tisch leer, weder von dem Mann noch von seinen Sachen eine Spur, einzig die leere Kaffeetasse ein Zeichen, dass eben noch jemand dort gesessen hat. 

Das macht es noch seltsamer, dass er Leo vorhin angesprochen hat. Ist er so schlimm, dass man vor ihm flüchten muss? Gut, bei der Arbeit war er eine Zeit lang nicht sonderlich beliebt, aber das hat sich mittlerweile gelegt. Es kann auch eigentlich niemand sein, den Leo mal gedatet hat. Das waren ohnehin nicht so viele, dass er einen von ihnen vergessen hätte und blond war nie sein Typ. Aber bis auf peinlich berührte Ex-Bekanntschaft oder misstrauische Kollegen fällt ihm niemand ein, der ihn erkennen, aber nicht wenigstens grüßen würde. 

Leo ist immer noch in Gedanken versunken, als er nach draußen geht und dann ausgerechnet den Mann aus dem Café hundert Meter weiter an der Bushaltestelle stehen sieht. Er muss es sein, er hat eine Laptoptasche dabei, den gleichen blonden Haarschopf und tritt von einem Bein aufs andere, während er immer wieder den Fahrplan checkt, als ob der Bus dadurch schneller kommt. 

Mittlerweile ist Leo so neugierig, dass seine Beine ihn immer näher zu Bushaltestelle tragen. Eigentlich ist er im Dienst, aber er hat noch keinen Plan, wo er mit seinen Ermittlungen weitermachen soll. Und der Mann war ja schließlich auch im Café; möglicherweise ist er öfter dort und hat mal mit ihrem Opfer gesprochen. Irgendwie kann Leo das sicherlich als dienstliche Befragung ausgeben, falls sich jemand danach erkundigt.

Er kommt neben dem Mann zu stehen, als der gerade wieder einmal zwischen dem Fahrplan und seinem Handy hin und herschaut. 

"Der Bus ist sowieso nie pünktlich", erklärt er. Was für ein toller Einstieg für ein Gespräch mit einem völlig Fremden. Da haben wohl die zahlreichen Kommunikationsschulungen, die er über die Jahre besuchen musste, wirklich etwas gebracht.

Der Fremde fährt herum. Seine Augen weiten sich, bevor er sich noch einmal umschaut, als ob er ernsthaft in Betracht zieht, noch einmal vor Leo abzuhauen. Seine Chancen stehen eher mittelmäßig, Leo trainiert regelmäßig die Verfolgung von Verdächtigen und der Fremde hat auch noch eine Tasche dabei, die ihn beim Laufen behindern wird.

Leo merkt, dass dieser Gedankengang absolut lächerlich ist. Der Typ ist kein Verdächtiger (jedenfalls geht Leo einfach mal davon aus, dass er nichts mit seinem aktuellen Fall zu tun). Dass er Leos Namen gesagt hat, ist kein Grund, der eine Verfolgung rechtfertigt. Leo wird ihm garantiert nicht hinterherhechten, wenn er jetzt entscheidet, die Flucht zu ergreifen. 

Tut er aber nicht. "Sorry, ich muss dich vorhin verwechselt haben", sagt er und streicht sich mit einer Hand die blonden Haare nach hinten. 

Leo ist noch so im Ermittlungsmodus, dass er sofort registriert, wie seine Finger dabei leicht zucken, wie seine Augen hin und her wandern und sich immer nur für wenige Sekunden auf Leos Gesicht fokussieren und wie sein Fuß ein paarmal auf den Boden tippt, als ob er seinen Fluchtinstikt unterdrückt. 

"Das kann ich mir schwer vorstellen", entgegnet Leo. "Immerhin hast du meinen Namen gesagt." Er hat keine Ahnung, warum er so verbissen nachhakt, aber irgendwie kann er es noch nicht einfach gut sein lassen.

Der Fremde verzieht leicht das Gesicht, ein Muskel in seinem Kiefer zuckt und zwischen seinen Augen bildet sich ein Falte, die sich jedoch sofort wieder glättet. "Ich kenne viele Leos", erwidert er. 

Das mag sein, aber Fakt ist, dass er Leo erkannt hat, woher auch immer, während Leo überzeugt ist, diesen Mann noch nie gesehen zu haben. So ein markantes Gesicht hätte er sich bestimmt gemerkt. Er fragt sich, wie unhöflich es wohl wäre, weiter nachzuforschen oder ob es Zeit wird, seine Neugier zu beerdigen und wieder an die Arbeit zu gehen. 

"Sorry", sagt der Mann noch einmal. "Es war nur… deine Stimme hat mich an etwas erinnert, das ist alles." 

Auf einmal klickt es auch bei Leo und es ist, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er hat noch nie darüber nachgedacht, dass ihn jemand daran erkennen könnte. Genau aus diesem Grund zeigt er sein Gesicht nicht in seinen Videos, weil er keinen Wert darauf legt, auf der Straße angesprochen zu werden, auch wenn er dafür wahrscheinlich nicht bekannt genug wäre. Nun ist es aber doch passiert, und das ausgerechnet in Leos Heimatstadt, von einem Kerl, der immer noch aussieht, als sei er auf dem Sprung. 

Leo merkt, dass er schon viel zu lange nichts gesagt hat. Er würde es gerne leugnen, aber sein Gesicht verrät wahrscheinlich schon viel zu viel, wenn er davon ausgeht, wie der Fremde nun ein bisschen peinlich berührt lächelt und sich noch einmal mit einer Hand durch die Haare fährt. "Bist das echt du?" fragt er. 

Leo konnte noch nie gut lügen. Im Job geht es einigermaßen, da kommt ihm leicht eine kleine Notlüge über die Lippen, wenn er es braucht. Aber privat bekommt er es nie hin, überzeugend zu wirken. Deshalb sieht er in diesem Moment keine andere Option, als zu nicken. 

Das Lächeln des Fremden verändert sich ein bisschen, der rechte Mundwinkel zieht sich etwas weiter hoch und um die Augen bilden sich kleine Fältchen. Es ist ein nettes Lächeln. "Hey, das find ich echt cool." 

Noch nie hat jemand zu Leo gesagt, dass seine Videos cool sind. Klar, online bekommt er schon öfters nette Kommentare, aber im echten Leben ist es neu für ihn. Zum Teil liegt es wohl daran, dass außer seiner Schwester Caro keiner davon weiß, weil es ihm anfangs ein bisschen peinlich war. Er hätte keine Ahnung, wie er seiner Mutter erklären soll, was ASMR ist. Er wusste es ja selbst anfangs nicht so richtig. 

Es hat damit angefangen, dass er mal wieder total verschlafen zu ihrem sonntäglichen Familienfrühstück aufgetaucht ist, nachdem er die Nächte davor kaum geschlafen hat. Caro hat ihn nur einmal angesehen, mit den Augen gerollt und ihn gefragt, ob er es schon mal mit Meditation probiert hat. Hatte er, hat ihm nie geholfen.

Als sie versucht hat, ihm von anderen Videos zu erzählen, die sie manchmal schaut, wenn Tom auf Geschäftsreise ist und sie nicht schlafen kann, hat er nur mit halbem Ohr zugehört. Caro hat wohl kaum die gleichen Probleme wie er. Wenn sie nur ab und zu nicht einschlafen kann, wenn ihr Mann nicht zuhause ist, ist das wohl kaum damit vergleichbar, dass Leo sich nicht erinnern kann, wann er das letzte Mal mehr als vier Stunden am Stück geschlafen hat. 

Als er abends dann wie erwartet wieder wachlag, hat er dann doch nachgegeben und ihr geschrieben. Am nächsten Morgen hat er mit vor Müdigkeit pochendem Kopf den Link geöffnet, den sie ihm geschickt hat und weiß der Himmel wie, aber er ist doch noch mal für zwei Stunden eingeschlafen, bis sein Wecker geklingelt hat. Danach hat er sich bei der Arbeit so erholt und entspannt gefühlt wie schon lange nicht mehr.

Seitdem hat er unzählige Videos gesehen, jede Menge über die Wissenschaft dahinter recherchiert und sich ausführlich damit befasst, was genau ihm hilft und was nicht. Es war wie ein Rettungsanker für ihn in einer Zeit, in der es bei der Arbeit absolut mies lief und er sonst nichts hatte, an dem er sich festhalten konnte. Deshalb hat er auch irgendwann selbst damit angefangen, ein paar Videos von sich hochzuladen. 

Er hat eine Weile herumprobiert, bis er seine Nische gefunden hat. Es gibt einige Geräusche, die er nicht abkann und das ganze Rollenspiel-Zeug ist nicht so seins. Aber zum Lesen kommt er sonst nie, also warum sollte er nicht ab und zu ein paar hundert, später tausend Leuten auf Youtube etwas vorlesen. Es entspannt ihn, es scheint gut anzukommen und es ist nicht so, als ob daran irgendwas verwerflich wäre. Caro hat nur gesagt, dass sie es gut findet, dass er jetzt ein Hobby hat und ihm versprochen, es für sich zu behalten. 

 

Der Gedanke, dass dieser Fremde ihn nur aus dem Internet kennt und ihm jetzt über den Weg gelaufen ist, ihn sogar erkannt hat, ist trotzdem beunruhigend. 

"Tut mir leid, wenn dir das unangenehm ist." Der Fremde hat seine Hand in seinem Nacken abgelegt, wo er sich gerade wieder einmal die Haare nach hinten gestrichen hat. Mit quietschenden Reifen hält endlich der Bus neben ihnen, aber er macht keine Anstalten einzusteigen.

"Ist es nicht", sagt Leo, obwohl das nur die halbe Wahrheit ist. Die Videos zu machen oder Videos von anderen anzuschauen, findet er nicht unangenehm, aber er legt nicht besonders viel Wert darauf, da mit irgendjemanden außerhalb des Internets drüber zu sprechen. "Aber vielleicht kannst du es für dich behalten?" fragt er deshalb.

Er kennt diesen Typen nicht mal und hat keine Ahnung, ob er nicht schon heimlich Fotos von Leo gemacht hat, um seine Identität im Internet breitzutreten. Nun ärgert er sich, dass er so blöd war, seine Onlinepräsenz mit seinem richtigen Vornamen zu verbinden. Für maximale Anonymität wäre ein Pseudonym besser gewesen, dann hätte er auch nicht reagiert, wenn der Kerl ihn angesprochen hätte und das alles hätte vermieden werden können. Aber dafür ist es wohl jetzt zu spät. 

Zum Glück hat Leo eine recht gute Menschenkenntnis entwickelt und der Typ wirkt eher ein bisschen unsicher als überheblich. "Klar, kein Ding, ich wüsste auch gar nicht, wem ich das erzählen sollte. Ich weiß ja eh eigentlich nichts über dich. Geht mich auch nichts an, was du online machst und womit du dein Geld verdienst." 

Leo kann nicht verhindern, dass ihm ein leises Schnauben entfährt. "Ich mach das nicht für Geld." 

"Warum nicht?" Der Fremde wirkt ehrlich überrascht. Der Bus fährt weiter und der nächste kommt frühestens in einer halben Stunde. Der Fremde schaut dem abfahrenden Bus nicht einmal hinterher, sondern wirkt vollkommen auf Leo konzentriert. "Du bist echt gut darin." 

Leo zuckt mit den Schultern. Er hatte eigentlich nicht vor, dem Fremden seine persönlichen Beweggründe zu erklären, aber er wirkt nett und diese Frage ist zumindest leicht zu beantworten. "War mir zu kompliziert. Und dann müsste ich es als Nebentätigkeit anmelden." Das Getuschel im Personalbereich, das darauf folgen würde, will er sich gar nicht ausmalen. Dann wäre es mit seiner Anonymität online erst recht vorbei. Was vielleicht inzwischen sowieso der Fall ist.

"Nebentätigkeit? Was machst du denn sonst so?" 

Bevor er antwortet, nimmt Leo ihn genauer in Augenschein. Aus irgendeinem Grund vertraut er ihm. Er will ihm alles über sich erzählen und ihn vielleicht sogar auf einen Kaffee einladen. Die Tatsache, dass der Fremde immer noch mit ihm hier auf dem Gehweg steht und ihn anlächelt, wirkt zumindest so, als ob er wohl nicht mehr vorhat, jeden Moment die Flucht zu ergreifen. So überrascht wie er im Café wirkte, als er Leo gesehen (oder besser, seine Stimme gehört hat), scheint es auch nicht, als ob er irgendein verrückter Fan ist. Nicht dass Leo sich einbildet, bekannt genug zu sein, dass er jede Menge crazy Fans hat, aber Stalker gibt es bekanntlich überall. Dieser Typ wirkt aber nicht so. 

"Ich bin bei der Polizei", antwortet er deshalb wahrheitsgemäß. Er muss ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und die Mordkommission erwähnen. Das schreckt die meisten eher ab, oder sie berichten von dem neuesten True Crime Podcast, den sie gerade hören und der garantiert kaum etwas mit realer Ermittlungsarbeit zu tun hat. 

"Nicht dein Ernst?" Der Fremde schiebt sich den Träger der Laptoptasche etwas höher auf seiner Schulter. 

"Doch?" Warum sollte Leo bei so etwas nicht die Wahrheit sagen? Polizei ist ja wohl kein besonders cooler Beruf, den man erfindet, wenn man einem Fremden nichts über sich verraten möchte. Einem Typen, der ihm in einem Club lästig wurde, hat er mal erzählt, er sei Steuerberater. Dank seinem Kumpel Rainer konnte er sogar mit dazu passendem Fachjargon aufwarten. Da hat der Typ schnell das Interesse verloren. 

Dieser hier wirkt aber nicht so, als ob er so bald das Interesse verliert, so wie er sich ein Stück von der Bushaltestelle wegbewegt, damit jemand anderes den Fahrplan anschauen kann. Leo folgt ihm und lehnt sich an die Hauswand hinter ihm, damit er nicht im Weg steht. 

"Sorry, hat mich nur ein bisschen gewundert." Leo fällt auf, dass er sich ganz schön oft entschuldigt. "Ich schreibe Krimis, deshalb…" 

Nun ist es Leo, der kurz davor ist zu fragen, ob der Fremde das ernst meint. Ob er tatsächlich einer von diesen Autoren ist, die ihm die Ermittlungsarbeit immer schwerer machen, weil alle meinen, genau zu wissen, wie ihre Prozesse ablaufen, nur weil sie ein paar Bücher über Serienkiller gelesen haben. 

"Nicht dass das bedeutet, dass ich Experte in so etwas bin", fährt der Fremde fort und schneidet damit effektiv Leos Gedanken ab. Sein Sympathielevel steigt gleichzeitig auch noch mal um mehrere Stufen. "Du weißt bestimmt viel mehr als ich. Ich schreibe nur das, womit ich beauftragt werde und was Leute über 50 gerne lesen wollen." 

Nun muss Leo sogar ein bisschen lachen, wenn er sich vorstellt, dass dieser Typ vorhin im Café gesessen hat und eins von den Büchern geschrieben hat, die seine Oma immer liest, weil sie meint, dann könnte sie mit Leo besser über seine Arbeit reden. "Vielleicht. In echt ist es auf jeden Fall deutlich mehr Papierkram." 

"Das kann ich mir vorstellen. Ich bin übrigens Adam." Er hält Leo eine Hand hin, die er gerne nimmt. Adam. Der Name passt zu ihm und Leo ist froh, ihn in seinem Kopf nicht mehr als den Fremden bezeichnen zu müssen. Das macht es auch einfacher, zuzugeben, dass er gerade ganz gerne versuchen würde, mit Adam an dieser Bushaltestelle zu flirten und nicht mit irgendeinem Fremden. 

Er sucht nach einem Gesprächsthema, das nicht unbedingt seine Arbeit ist, weil er schon öfters gehört hat, dass er viel zu viel über den Job redet. "Worüber schreibst du denn genau?" Fragen zu stellen ist immer besser, als zu viel über sich selbst zu reden. 

"Ach, mal dies, mal das. Was auch immer der Verlag gerade haben möchte. Ich habe schon über alle möglichen Regionen geschrieben. Ist ganz schön, wenn ich für eine kurze Weile dort bleiben und Land und Leute kennenlernen kann, während ich schreibe. Egal, wohin die Leute in den Urlaub fahren, ich habe überall schon mal jemanden umgebracht." 

Leo zieht eine Augenbraue hoch und Adam scheint wohl zu merken, wie das wirkt. "Also schriftlich!" fügt er schnell hinzu. "Nicht dass du mich gleich verhaftest oder so." 

Das hat Leo nicht vor. Fiktive Morde haben wohl nichts mit seinem aktuellen Fall zu tun. An dem er nebenbei bemerkt wahrscheinlich bald mal weiterarbeiten sollte, bevor seine Kolleginnen sich fragen, wieso er so lange nicht von seiner Zeugenbefragung wiederkommt. Dass es wichtiger war, Adam mit seinem süßen Lächeln noch länger zuzuhören, wie er mit einem leicht sarkastischen Unterton weiter von seiner Arbeit als Autor berichtet, kaufen sie ihm wohl kaum ab. 

Kaum dass seine Gedanken kurz zur Arbeit wandern, unterbricht das schrille Klingeln seines Handys ihr Gespräch. Diesmal ist es an Leo, sich zu entschuldigen und er unterdrückt ein Fluchen, als er Esthers Namen auf dem Display sieht. "Was?" fragt er und es klingt wahrscheinlich unfreundlicher, als sie verdient hat. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass Adam jetzt einen Schritt zurücktritt, um Leo zumindest eine Illusion von Privatsphäre beim Telefonieren zu geben. 

“Der Abgleich der Fingerabdrücke hat ein Ergebnis geliefert. Der Typ ist mehrfach vorbestraft. Ich schick dir gleich die Adresse. Kommst du mit hin oder bist du anderweitig beschäftigt?”

Leo würde nur zu gerne sagen, dass er anderweitig beschäftigt ist. Sich noch länger mit Adam zu beschäftigen, klingt sehr verlockend. Andererseits kann er nicht für irgendeinen Kerl seinen Job vernachlässigen. Wenn das rauskommt, hat er für immer jeglichen Respekt seiner Kolleginnen verloren und vielleicht noch ein Disziplinarverfahren am Hals. Das ist es definitiv nicht wert, obwohl er in dieser kurzen Unterhaltung mit Adam wahrscheinlich schon mehr gelächelt hat als in der ganzen letzten Woche.

“Ich komme dahin”, sagt er ins Telefon. Esther gibt noch ein paar Details durch, die Leo sorgsam in seinem Kopf abspeichert. Ihr Verdächtiger ist schon mal wegen illegalen Waffenbesitzes aufgefallen, also müssen sie besondere Vorsicht walten lassen. 

Bis er auflegt, hat Adam sich noch ein Stückchen entfernt. Er schaut auf sein Handy, wie um beschäftigt zu wirken, aber Leo ist sich ziemlich sicher, dass er die letzten 30 Sekunden einfach nur den Startbildschirm angestarrt hat. Leo kann nicht anders, als das irgendwie süß zu finden. 

Trotzdem muss er sich jetzt von Adam verabschieden. "Die Arbeit ruft", sagt er und lächelt ein bisschen verlegen. Er hofft, dass das genug aussagt, dass er gerne noch länger mit Adam hier gestanden hätte. 

"Klar, kein Ding, das ist sicher wichtiger." Adam lächelt zurück. Sein Handy hat er wieder eingesteckt und seine Hand umklammert jetzt den Träger seiner Laptoptasche. Die langen Finger greifen immer wieder fester zu und entspannen sich dann wieder. 

"Ja, aber…" Leo zögert kurz. Das könnte seine einzige Gelegenheit sein, Adam zu fragen, ob er sich vielleicht noch mal treffen möchte. Dann klingelt sein Handy wieder. 

"Leo? Bist du schon unterwegs?" Pias Stimme schrillt so laut aus dem Lautsprecher, dass Adam es mitbekommen muss.

"Ja, bin gleich am Auto", behauptet Leo und wirft Adam noch einen entschuldigend Blick zu. Als ob es auf ein paar Minuten ankommt, wenn sie diesen Verdächtigen in seiner Wohnung aufsuchen wollen. 

Adams Augenbrauen ziehen sich zusammen und er macht eine Handbewegung, als ob er Leo bedeuten will, dass er dann vielleicht auch mal losgehen sollte. Da hat er wohl Recht. Leider redet Pia in seinem Ohr immer noch weiter und sie nimmt es ihm wahrscheinlich echt übel, wenn er sie jetzt noch mal stummstellt und warten lässt, während er Adam nach seiner Nummer fragt.

Er steckt eine Hand in die Jackentasche, um ihm eine seiner Visitenkarten zu geben – zur Not kann Adam auch erst mal auf seinem Diensthandy anrufen, falls er das überhaupt möchte – aber in der Tasche stößt er auf nichts außer ein paar Fussel. Natürlich hat er ausgerechnet heute wohl seine letzte Karte der Frau im Café da gelassen. Es läuft aber auch alles schief. 

"Leo!" Pias Stimme dringt immer noch an sein Ohr und er kann nicht länger warten. So ein Mist. Er glaubt nicht an Schicksal oder irgendwas in der Art, was Adam und ihn bestimmt noch einmal zusammenführt. Wenn er jetzt geht, hat er diese Chance vertan. So wie Pia drängelt, bleibt ihm aber leider keine andere Wahl. 

Adam schaut ihn nur stumm an und beißt sich auf die Unterlippe. Wenn Leo ihm irgendwann anders begegnet wäre als während der Arbeit, vielleicht in einer Bar, hätte er schon längst gefragt, ob er ihn küssen kann. Jetzt wird er diese Gelegenheit wohl nie bekommen, weil er sich beeilen muss, zu seinem Dienstwagen zu kommen. Adam bleibt an der Bushaltestelle stehen und winkt ihm noch ein letztes Mal zum Abschied zu. Leo winkt zurück. Adams Gesicht verschwindet aus seinem Sichtfeld, als er um die nächste Ecke biegt. Das war es dann wohl. 

Caro hat schon mehrmals gesagt, dass sein Job einer Beziehung im Weg steht, aber er hat das noch nie so sehr gefühlt wie heute. Hätte er Adam doch sofort nach einem Treffen oder Kontaktdaten gefragt. Nun muss er sich damit abfinden, dass er das nicht getan und seine Chance verpasst hat. Trotzdem denkt er ein paarmal zu oft an blaue Augen und ein hübsches, ein bisschen schiefes Lächeln, während er gemeinsam mit Esther ihren Verdächtigen festnimmt.

 

*

 

Adam fühlt sich fast ein bisschen verkatert, als er die Tür zu seinem Hotelzimmer aufstößt. Die Tür quietscht laut und ihm schlägt sofort der leicht muffige Geruch entgegen. Egal wie lange er die letzten beiden Tage das Fenster offen hatte, der Geruch verschwindet einfach nicht. 

Dafür schwindet das Hoch, auf das er sich bei seinem Gespräch mit Leo begeben hat. Es war ein bisschen seltsam, Leo als echtem Mensch zu begegnen und nicht nur als zwei Hände und eine Stimme aus dem Off. Selbst die wenigen Worte, die sie gewechselt haben, haben Adam neugierig gemacht auf mehr, was sonst für ihn nur äußerst selten bei anderen Menschen der Fall ist. Er kann sich gar nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal gewünscht hat, noch etwas länger mit jemandem reden zu können. Was nicht nur an Leos Stimme lag, sondern vor allem an dem, was er gesagt hat.

Leos Stimme war allerdings auch etwas, das Adam überrascht hat. Im Café klang sie genauso wie in seinen Videos, aber wenn er ihn nur draußen ganz normal reden gehört hätte, hätte er ihn vermutlich niemals daran erkannt. Dann wäre er wohl nicht auf die Idee gekommen, auf seine Hände zu starren, um seinen zweiten Beweis zu sichten. Er mag Leos normale Stimme aber auch, die nicht ganz so samtig weich ist, sondern melodischer, rauer. Vielleicht hätte Adam auch mal gerne, dass ihm diese Stimme abends im Bett etwas erzählt – dann aber nicht zum Einschlafen.

Aber dann ist alles schief gelaufen. Genau so hätte Adam es geschrieben wenn er genau wüsste, dass sich die Personen in seinem Buch später ohnehin noch mal durch Zufall über den Weg laufen werden. Doch leider ist das im echten Leben nur selten der Fall. Da hätte er die erstbeste Chance ergreifen müssen, Leo (im übertragenen Sinne) dingfest zu machen, bevor er wieder aus seinem Leben verschwindet.

Leo sieht nicht nur aus wie sein Traumtyp, er wirkte auch noch echt sympathisch und obendrein nicht wie jemand, der Adam für seinen Lebensstil misstrauisch beäugen würde – zumindest eins seiner seltsamen Hobbies hat er schon mal mit Leo gemeinsam und sie hätten bestimmt weitere gefunden, wenn sie die Gelegenheit gehabt hätten, sich noch ausgiebiger zu unterhalten.

Adam wüsste gerne, ob er irgendwas anders hätte machen können. Ob es eine Möglichkeit gegeben hätte, das Gespräch weiterzuführen, mit Leo in Kontakt zu bleiben, aber er hat absolut keinen Plan. Und er hasst es, keinen Plan zu haben.

 

Am Ende findet sich irgendwie doch ein Plan, auch wenn der wahrscheinlich für jeden Außenstehenden seltsam und Adam ziemlich verzweifelt wirken würde. Ursprünglich hatte Adam geplant, nur ein paar Tage in Saarbrücken zu bleiben und sich dann in einen anderen Ort in der Nähe zurückzuziehen. Auf dem Land kann er besser schreiben und sein Buch soll schließlich allgemein im Saarland spielen und nicht nur in der Hauptstadt. Er wollte das Hotelzimmer gegen eine nette Ferienwohnung oder eine Pension tauschen und sich dort für die nächsten Wochen mit seinem Laptop im Garten oder auf dem Balkon niederlassen.

Nun hat er seinen Aufenthalt im Hotel für die nächsten Tage verlängert und stellt seinen Laptop jeden Morgen wieder auf dem gleichen Tisch im gleichen Café ab, mit der vagen Hoffnung, dass Leo vielleicht noch einmal dort auftaucht.

Er hat sich vorgenommen, es nicht zu übertreiben. Maximal Woche hat er sich gegeben. Er wird Leo nicht überall in der Stadt suchen und auf keinen Fall versuchen, ihn anhand seines Jobs ausfindig zu machen. Was sollte er auch tun, in die nächste Polizeiwache marschieren und fragen, ob dort ein Leo arbeitet? Nein, er wird hier warten, an seinem Manuskript arbeiten und in einer Woche wird er weiterfahren und Leo vergessen. Oder zumindest den Leo, den er hier kurz kennengelernt hat. Den Leo aus dem Internet, der ihm immer noch jeden Abend beim Schlafen hilft, wird er wohl nicht so schnell los.

Er hat es versucht, am ersten Abend. Hat irgendein anderes Video angeklickt, das ihm empfohlen worden ist. Hat sich durch unzählige Themen und Stimmen und Laute geklickt, aber es hat ihn alles nur noch nervöser gemacht, bis er am Ende doch wieder bei Leo gelandet und endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen ist.

Deshalb klickt er diesmal wahrscheinlich auch so schnell auf die Benachrichtigung, als ihm ein neues Video von Leo angezeigt wird. Es ist eigentlich viel zu früh für ihn um schlafen zu gehen, noch nicht einmal elf, aber er hat Leo vermisst und er fühlt sich gestresst und wenn er sowieso nichts anderes zu tun hat, kann er es auch mal mit Schlafen versuchen.

Das Video ist länger als sonst, aber das hätte Adam gar nicht gebraucht. Alleine die familiäre Stimme lässt seine Augen schneller zufallen als sonst. Vielleicht ist er auch nur etwas übermüdet, weil er heute so lange am Laptop saß, aber er kann nicht einmal die Hände anstarren, die wie immer sicher die Buchseiten umblättern, sondern dreht sofort die Helligkeit an seinem Handy runter und ist nach wenigen Minuten eingeschlafen.

Wie immer hält der Schlaf nicht lange an. Adam schreckt hoch und muss erst mal sehr lange atmen, bis die Botschaft in seinem Gehirn angekommen ist, dass er sich in einem großen Bett in einem mittelmäßigen Hotel befindet und nicht auf seinem schmalen Bett zuhause, wo sein Vater jeden Moment reinkommen kann, um ihn doch noch in den Schrank zu sperren.

Er ist hier, er ist alleine, er ist in Sicherheit. Das ist alles so lange her und dennoch hat es bisher keine Therapie geschafft, ihm die Träume zu nehmen. Alles andere läuft viel besser, er hat jede Menge seines Verhaltens einstellen können, was ihm selbst geschadet hat und ist nicht mehr ständig darauf bedacht, sich selbst zu zerstören. Er glaubt, dass er ein guter Mensch ist, dass mit ihm nichts falsch ist und all die positiven Botschaften, die sie ihm beibringen.

Aber nachts, wenn die Träume unweigerlich kommen, wirkt alles wieder genauso wie damals. Sie kommen bei weitem nicht jede Nacht, oft schläft Adam auch einfach nur so schlecht, aber in solchen Nächten wie heute hat er keine Chance, in den nächsten Stunden wieder einzuschlafen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er heute Nacht überhaupt nicht mehr schlafen.

Er entsperrt seinen Handybildschirm und sieht, dass immer noch Leos Video geöffnet ist. Wie auf Kommando drückt er auf Wiederholung und das ihm allzu bekannte Intro beginnt zu spielen. Er weiß, dass er so bald nicht wieder einschläft, aber beruhigend ist es trotzdem und er spürt, wie ihm jetzt schon ein wohliger Schauer über den Rücken läuft.

Diesmal folgt er Leos Fingern, als sie über die Seiten gleiten, gelegentlich den Zeilen folgen, während Leo die Sätze liest und manchmal ein Stück vorspringen oder sich am Rand der Seite festsetzen. Er hat sich öfters schon gefragt, ob Leo das nur zur Show macht, oder ob das etwas Unbewusstes ist, was sich irgendwie so eingeschlichen hat. Vor fünf Tagen hätte er Leo genau das fragen können, aber da ist es ihm natürlich nicht eingefallen.

Er scrollt ein bisschen runter, weil ihm unweigerlich zu Leos Händen nun auch  sein Gesicht vor dem inneren Auge erscheint. Adam war noch nie gut darin, sich Gesichter zu merken, aber Leos war irgendwie warm und einladend und dieses Gefühl ist sowieso wichtiger als so etwas Banales wie Gesichtszüge. Dafür ist ihm Leos warmes Lächeln im Gedächtnis geblieben, das irgendwie zu all seinen Stimmen gleichzeitig gepasst hat, ebenso wie die leicht zerzausten braunen Haare, bei denen Adam sich mehrmals gefragt hat, ob sie sich wohl auch so weich anfühlen würden, wie sie aussehen. Im Wind haben sie sich jedenfalls so bewegt, als wären sie watteweich.

Seine Augen bleiben an der Videobeschreibung hängen. Sie ist eigentlich immer gleich, enthält Hinweise zu Leos Equipment (nicht gesponsert) und einen Link zu seinem Instagram-Profil. Das hat Adam sich ganz am Anfang mal angeschaut, aber festgestellt, dass Leo nur ab und zu Landschaftsbilder oder kurze Ausschnitte aus seinen Videos hochlädt. Danach hat er sich nicht mehr damit beschäftigt, weil die Ausschnitte zu kurz waren, um ihn zum Einschlafen zu bringen, egal wie beruhigend Leos Stimme ist. Dafür sind ihm die langen Videos auf Youtube lieber.

Heute klickt er allerdings doch darauf, mit einer seltsamen Neugier, ob sich etwas daran verändert hat, seit er den Account das letzte Mal angeschaut hat. Der Feed ist immer noch das Gleiche, allerdings blinkt oben links in der Ecke der Hinweis auf eine Story auf, die Adam natürlich sofort anklicken muss.

Leo fragt nach Vorschlägen für Bücher, die er als nächstes lesen soll. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, vielleicht macht er das öfters. Trotzdem denkt Adam so lange nach, bis das Feld längst verschwunden ist und er die Story noch mal anklicken muss. Die Frage lautet immer noch gleich, ein einfacher Kasten vor einem leicht verschwommenen Text als Hintergrund. Vielleicht aus dem Buch, das Leo gerade liest. Sein neuestes Video war das vorletzte Kapitel, da ist es klar, dass er bald ein neues Buch anfangen muss.

Bevor Adam länger darüber nachdenken kann, tippt er den Titel eins seiner letzten Bücher ein und schickt es ab. Es ist vor ein paar Wochen erschienen und natürlich steht nicht sein Name drauf, aber vielleicht, ganz vielleicht, zieht Leo irgendeine Verbindung zu ihrem Gespräch.

Es ist wahrscheinlich größtenteils Wunschdenken seinerseits, dass Leo aus dem Krimititel, den ihm ein beliebiger Instagramnutzer schickt, auf den Kerl schließt, mit dem er sich vor ein paar Tagen über eben so etwas unterhalten hat. Es ist weit hergeholt, aber nicht so weit, wie Leo einfach zufällig in der Stadt zu treffen oder dass er noch einmal in dem Café auftaucht, dem Adam mittlerweile wahrscheinlich schon den halben Monatsumsatz beschert hat.

Natürlich könnte er Leo auch einfach direkt eine Nachricht schicken. Sein Profil enthält seinen Namen und auch wenn seine letzten Fotos schon mehrere Jahre alt sind, weil er irgendwann festgestellt hat, dass Social Media doch nichts für ihn ist, sollte klar genug erkennbar sein, dass es sich um ihn handelt. Er überlegt gerade, ob er das nicht doch machen soll – er war schon immer eher ein Fan davon, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – als ihm eine neue Nachricht angezeigt wird.

Er wirft einen Blick auf die Uhrzeit – 1:48 Uhr nachts, er hätte nicht damit gerechnet, dass jetzt überhaupt noch jemand wach ist. Bis er sich zu seinen Chats durchgeklickt hat, sind noch zwei weitere Nachrichten dazugekommen.

Ich weiß nicht, ob Krimis das Richtige für mein Publikum sind

Andererseits, kann ich Geld dafür verlangen, wenn ich dein Buch promote?

Das ist doch deins, nehme ich mal an?

Adam starrt auf die Nachrichtenfelder, dann auf Leos Profilbild links in der Ecke. Selbstverständlich hatte er auf eine Antwort gehofft, aber wirklich erwartet hätte er sie nicht. Vor allem nicht mitten in der Nacht. Wissen, wie er darauf antworten soll, tut er auch nicht.

Ich dachte, wenn du Geld dafür nimmst, musst du das anmelden?

Außerdem lesen wahrscheinlich eh genug alte Leute meine Bücher zum Einschlafen, was machen da ein paar mehr

Er schaut auf die Worte, die er gerade so abgeschickt hat und beißt sich auf die Unterlippe. Schriftlich ist das ganz schön schwierig, er hat keine Ahnung, wie er rüberkommt. Flirty? Wie ein peinlicher Versuch lustig zu wirken? Aufdringlich? Letzteres ist unwahrscheinlich, weil Leo ihm zuerst geschrieben hat, aber die Sorge bleibt.

Beim Einschlafen scheint es dir ja nicht zu helfen, wenn du um diese Uhrzeit noch wach bist.

Das Gleiche könnte er Leo sagen, der ist schließlich auch noch wach und schreibt mit ihm.

Einschlafen geht, durchschlafen ist schwieriger.

Er hat keine Ahnung, warum er Leo gegenüber so ehrlich ist. Bei seiner Therapeutin hat es ewig gedauert, bis er überhaupt zugegeben hat, Schlafprobleme zu haben. Aber wahrscheinlich denkt Leo sich sowieso schon etwas Ähnliches, warum sollte Adam sonst seine Videos anschauen. Und ihm mitten in der Nacht auf Instagram schreiben.

Kenne ich.

Leos Antwort erscheint im Chat und Adam fühlt sich gleich ein bisschen wärmer durch diese neue Gemeinsamkeit zwischen ihnen. Die angenehme Wärme schlägt in Hitze um, als gleich darauf Leos nächste Nachrichten auftaucht.

Willst du noch vorbeikommen?

Wenn du sowieso nicht schlafen kannst

Also falls du noch in der Stadt bist

Während er auf die Worte starrt, malt er sich alle möglichen Szenarien aus, was wohl passieren könnte, wenn er zusagt und tatsächlich zu Leo fährt. All diese Szenarien enden irgendwie gleich, weil ihm keine andere als diese Möglichkeit einfällt, warum ihm ein Typ mitten in der Nacht schreiben sollte, dass er vorbeikommen soll. Wenn er ehrlich mit sich selbst ist, ist es ihm ohnehin egal. Ob Leo mit ihm ins Bett will, einfach nur auf Gesellschaft hofft, weil er einsam ist und nicht schlafen kann oder ob er will, dass Adam ihm hilft seinen entlaufenen Hamster zu suchen: Adams Antwort würde sowieso die gleiche bleiben.

Gerne

Gleich darauf schickt Leo ihm eine Adresse und Adam ist schon dabei, sich ein Taxi zu bestellen, als ihm auffällt, wie bescheuert das eigentlich ist. Er kennt den Kerl kaum, hat ihn nur einmal gesehen und kennt nur die Persönlichkeit, die er im Internet verkörpert. Es ist eine absolut dumme Idee. Allerdings hat Adam schon viel Dummes gemacht für Typen, die er deutlich weniger attraktiv fand als Leo, also warum nicht auch das? Viel zu verlieren hat er sowieso nicht.

Als er auf der Rückbank des Taxis sitzt, wird ihm doch ein bisschen mulmig zumute. Der Wagen hat sich bis eben noch durch die engen Straßen in der Gegend um Adams Hotel geschlängelt, aber jetzt hält er auf eine Landstraße zu, die aus der Stadt rauszuführen scheint. Er hat von Leo nicht mal seine Handynummer, hat niemanden, dem er Bescheid sagen kann, wo er hinfährt. Wenn es jemanden gäbe, der sich Sorgen um ihn machen würde… vielleicht einer von seinen Freunden aus Berlin, aber denen die Situation zu erklären, würde viel zu lange dauern.

Am Ende öffnet er doch wieder den Chat mit Leo, in dem seit seiner Zusage, dass er unterwegs ist, nichts mehr passiert ist.

Was ist denn dein Nachname? Damit ich weiß, wo ich klingeln muss.

Die Begründung ist fast lächerlich, aber Adam ist trotzdem erleichtert, dass die Antwort innerhalb weniger Sekunden kommt, als hätte Leo neben seinem Handy gewartet. Er tippt “Leo Hölzer Polizei Saarbrücken” in die Suche ein und sein Puls beruhigt sich etwas, als direkt das erste Ergebnis davon berichtet, dass Kommissar Hölzer und seine Kolleginnen bei der Aufklärung des Mordes an einer Schülerin geholfen haben. Zumindest der Teil seiner Hintergrundgeschichte stimmt also.

Gefunden, was du gesucht hast?

Adam würde es peinlich sein, dass Leo seinen nicht gerade cleveren Plan durchschaut hat, aber er erwartet sich schon ein bisschen Verständnis dafür, dass er sich zumindest teilweise absichern will. Deshalb macht er sich auch gar nicht die Mühe, sich zu verteidigen.

Ja, hab ich

Das Taxi wird langsamer und Adam ist gerade dabei, sich die Gegend genauer einzuprägen – Reihenhäuser, kleine Mehrfamilienhäuser, alles ruhig und gepflegt – als sein Handy noch einmal in seiner Hand vibriert.

Gut, dann bis gleich :)

Bevor Adam antworten kann, hält das Taxi vor einem der Gebäude und er ist gezwungen, sein Handy einzustecken, damit er es nicht im Wagen vergisst. Kurz darauf steht er vor dem unscheinbaren Haus und studiert das Klingelschild mit dem Namen Hölzer, ohne auf den Knopf zu drücken.

Er erschreckt sich fast zu Tode, als auf einmal erst ein kurzes Rauschen und dann eine Stimme aus der Gegensprechanlage kommt.

“Kann ich dich reinlassen oder brauchst du noch einen Moment?”

Scheiße, Adam hat echt keine Ahnung, worauf er sich hier eingelassen hat, aber Leos Stimme klingt selbst verzerrt durch den Lautsprecher verdammt sexy und das war es ja, warum er überhaupt eingewilligt hat, herzukommen. Das und noch ganz viele andere Sachen an Leo, von denen er jetzt nicht die Zeit hat, sie alle innerlich aufzulisten. Zum Glück klingt Leo auch jetzt eher amüsiert und nicht genervt, weil Adam so lange braucht.

Er weiß nicht, ob er irgendwo drücken muss, um zu antworten, also drückt er einfach auf die Klingel und schiebt dann die Tür auf, sobald der Surrer ertönt.

Leo erwartet ihn direkt nach den ersten paar Stufen in einer Türöffnung. Er sieht anders aus als beim letzten Mal, weniger ordentlich, in seiner Jogginghose und mit zerzausten Haare, die Adam wieder mal gerne anfassen würde . Er hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und wippt ein bisschen auf und ab, während Adam die wenigen Stufen nimmt. Seine Lippen umspielt ein leichtes Lächeln.

“Sorry, ich wollte dich nicht drängen. Aber ich hab die Lichter des Autos gesehen, also dachte ich…” Leo fährt sich mit einer Hand durch die Haare. “Keine Ahnung, was genau ich mir dabei gedacht hab.” Er lacht leise und das Geräusch hallt leicht von den Wänden des Hausflurs wider.

Es ist ein kleiner Kontrast zu seinen Nachrichten, in denen Leo von Anfang an selbstbewusst gewirkt hat. Irgendwie macht es das noch sympathischer, dass er nun doch etwas unsicher zu sein scheint.

Leo merkt wohl, dass es ein bisschen blöd ist, im Hausflur rumzustehen und tritt einen Schritt zurück, damit Adam ihm in die Wohnung folgen kann. Er streckt auch kurz eine Hand aus, lässt sie dann aber wieder fallen. Adam brennt fast vor Neugier zu fragen, ob er ihn gerade in die Wohnung ziehen wollte. Normalerweise hasst Adam solche beiläufigen Berührungen von Fremden, fühlt sich sofort unwohl, wenn jemand ihm im Bus zu Nahe steht oder sich beim Einkaufen an ihm vorbeiquetscht. Aber Leos Hände würde er gerne auf seinem Körper spüren, da ist er sich ziemlich sicher.

“Möchtest du was trinken?” fragt Leo, während Adam noch dabei ist, sich in der Wohnung umzuschauen. Die Deckenlampen sind nicht an, aber Leo hat überall kleine Lämpchen oder Lichterketten, die alles irgendwie warm und gemütlich wirken lassen. Dazu tragen auch die vielen Zimmerpflanzen bei. Es wirkt ruhig, wie Leos gesamte Art. Ein krasser Gegensatz zu der inneren Unruhe, die dauerhaft an Adam kratzt.

“Ich hab nicht viel da, aber ich glaube es gibt noch Bier, wenn das nicht abgelaufen ist? Kaffee ist ja vielleicht nichts um diese Uhrzeit. Ansonsten… “ Leos Stimme wird etwas leiser, weil er weiter gegangen ist in einen Raum, wo sich vermutlich die Küche befindet und Adam immer noch dabei ist, sich den Wohnbereich einzuprägen.

Er beeilt sich, Leo zu folgen. Das Licht des Kühlschranks lässt ihn blass wirken und betont die Falten, die sich auf seiner Stirn bilden, als er das Etikett einer Bierflasche studiert. “Vielleicht doch kein Bier. Das ist schon seit einer Weile abgelaufen. Nicht dass ich dich noch vergifte.”

“Ist nicht schlimm. Wasser geht auch.” Adam wäre sowieso nicht erpicht darauf gewesen zu erklären, dass er so gut wie nie trinkt, weil seine Therapeutin das als keinen geeigneten Weg sieht, seine Probleme zu lösen. Nach einigen Jahren, in denen Alkohol und ab und an auch mal härtere Drogen sein bevorzugtes Mittel zur Vergangenheitsverdrängung waren, hat er das auch eingesehen. Das mit den Drogen sollte er aber vielleicht nicht vor Leo erwähnen, wenn der Polizist ist.

Leo stellt das Bier wieder zurück in den Kühlschrank und holt stattdessen eine Flasche Wasser raus, die er Adam in die Hand drückt. “Sorry. Ich hab nicht oft Besuch.”

“Wie? Du lädst nicht regelmäßig quasi Fremde nachts zu dir ein?” Es ist nicht ideal formuliert, aber nun kann Adam die Worte nicht mehr zurücknehmen. Er will doch Leo gerade besser kennenlernen und sich nicht als fremd hinstellen.

Leo fasst sich mit einer Hand an die Wange und reibt sich über die Bartstoppeln dort. “Nicht wirklich? Wenn du die Wahrheit wissen willst, ich arbeite meistens so viel, dass ich nur zum Schlafen hier bin. Wenn überhaupt.”

Das kann Adam nachvollziehen. Als Kommissar hat er bestimmt jede Menge zu tun. “Und warum bist du dann jetzt hier?”

Leo zuckt mit den Schultern, bevor er sich umdreht, noch eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank nimmt und wieder zurück in den Wohnbereich geht. Vielleicht bildet Adam es sich nur ein, aber möglicherweise macht er das, um sein Gesicht zu verstecken.

Im nächsten Moment ist ihm das aber auch egal, weil Leo nach seinem Arm greift, um ihn neben sich aufs Sofa zu ziehen. Es sind nur ein paar Sekunden, für die sich Leos lange Finger um Adams Handgelenk schließen, aber es ist lang genug, dass Adam sich ziemlich sicher sein kann, dass er noch viel mehr davon möchte.

Auf dem Sofa dreht Adam sich sofort zu Leo und winkelt ein Bein auf der Sitzfläche an. Er ist nicht hier, um Leo etwas vorzuspielen, wie ihm glaubhaft zu versichern, dass er in der Lage ist, wie ein normaler Mensch auf Sitzmöbeln Platz zu nehmen. Viel lieber nutzt er seine Position, um sein Knie sanft gegen Leos Oberschenkel zu drücken. Wenn er sich das nicht nur einbildet, bewegt sich Leo ein paar Millimeter auf ihn zu.

Leo sitzt allerdings nach wie vor nach vorne gewandt da und seine Finger spielen mit dem Etikett der Wasserflasche, die er noch nicht geöffnet hat. “Ich arbeite gerne, deshalb bin ich immer etwas überfordert, wenn wir gerade keinen Fall haben. Wir haben unseren letzten gestern… oder inzwischen eher vorgestern Abend gelöst und seitdem komme ich nicht zur Ruhe. Wie immer.”

Leo zuckt noch einmal mit den Schultern, fast ein bisschen hilflos. “Ich hab alles versucht. Hab meine ganze verdammte Wohnung geputzt. War ewig lang joggen. Hab den ganzen Tag Videos gedreht und bearbeitet…” Das letzte kommt ein bisschen leiser raus, als ob er das nicht gerne zugibt. Dabei weiß Adam ja, dass Leo genau das gemacht hat, hat sein neuestes Video sogar schon angeschaut. “Aber es hilft alles nichts. Schlafen kann ich so oder so nicht.”

Erst jetzt, wo er es sagt, fallen Adam die dunklen Ringe unter Leos Augen auf. Auch die Falten daneben sind prominenter als bei ihrem letzten Treffen. Bisher war er viel zu fokussiert darauf, dass Leo echt gut aussieht, um das zu bemerken. Auf einmal möchte er Leo nicht nur aus einem Grund mit ins Bett nehmen, sondern vielleicht auch, um ihn zum Schlafen zu bringen, wo Leo ihm doch schon so oft dabei geholfen hat.

Doch dieses Thema ist vielleicht ein bisschen zu viel für die leichte Unterhaltung, die Adam hier bei seinem Eintreffen erwartet hat. Leo ist verstummt und schaut hinunter auf seine schönen Hände, die immer noch mit dem Etikett beschäftigt sind. Mittlerweile befinden sich einige Fitzel davon schon auf dem Teppich vor dem Sofa und Leo knibbelt an den Kleberesten auf der Flasche. Die Stille ist gespannt, nicht so, wie Adam gerne mit Leo zusammensitzen und sich anschweigen würde.

“Was ist, wenn ich nicht die Wahrheit wissen will?” ist das erste, was ihm einfällt und natürlich purzeln die Worte sofort aus seinem Mund, bevor er darüber nachdenken kann.

“Was?” Leo schaut zu ihm auf und lässt für einen Moment von seiner Wasserflasche ab.

“Wenn die Wahrheit ist, dass du zu viel arbeitest, was wäre die Alternative zur Wahrheit?” Jetzt, wo er es erklären muss, ergibt es noch weniger Sinn als vorhin in seinem Kopf und er wünscht sich, er wäre einfallsreich genug, schnell das Thema zu wechseln, bevor er sich vollends blamiert.

“Oh.” Leo scheint für einen Moment zu zögern, aber dann hellt sich sein Gesicht auf und die Sorgenfalten machen Lachfältchen Platz. “Dann lade ich auch nicht oft Fremde zu mir ein. Nur, wenn sie mir besonders nette Instagram Kommentare hinterlassen.”

Adam ist sich ziemlich sicher, dass Leo das nicht ernst meint, aber andererseits… “Wirklich?”

Diesmal bildet er sich definitiv nicht nur ein, dass Leo sein Bein weiter nach außen drückt, gegen Adams Knie. Durch seine Jeans und Leos Jogginghose kann er nicht viel von ihm spüren, aber das winzige bisschen Druck reicht schon aus, es in seinem Innersten kribbeln zu lassen.

Als ob er wieder sechzehn ist und Peter aus seiner Klasse sich in der Sportumkleide an ihm vorbeischiebt, während Adam noch dabei ist sich umzuziehen. Es ist ein bisschen lächerlich, dass diese Erinnerung ausgerechnet jetzt wieder hochkommt, obwohl er seit Jahren nicht mehr daran gedacht hat. Als Jugendlicher hat sie ihm so oft schlaflose Nächte bereitet, weil er nicht einsehen wollte, dass es wahr ist. Jetzt, hier bei Leo, ist ihm zum Glück nichts mehr davon peinlich und er ist sich auch ziemlich sicher, dass Leo das im Gegensatz zu Peter damals bewusst gemacht hat.

“Natürlich nicht.” Leos Stimme holt ihn wieder in die Gegenwart zurück. “Ich wäre nie auf die Idee gekommen, irgendwen auf Instagram anzumachen. Normalerweise schleppe ich Typen ganz normal in einer Bar ab. Aber dich kannte ich ja schon, also…”

Es ist nicht wirklich klar, worauf Leo hinauswill, aber eigentlich reicht Adam das schon. Er weiß, dass Leo auf Typen steht, dass er wahrscheinlich auf irgendeine Art von Aktivität aus ist, die ihn später hoffentlich besser schlafen lässt und dass er Adam zumindest scheinbar nicht unattraktiv findet. Dass Adam Interesse an Leo hat, sollte wohl ohnehin schon klar sein, warum also länger um den heißen Brei herumreden?

Er nimmt Leo die Wasserflasche aus der Hand und stellt sie auf dem Couchtisch ab. Leo wehrt sich nicht, schaut nur interessiert zu, wie Adam danach seine freie Hand auf Leos Oberschenkel platziert. “Ich rede wieder zu viel, oder?”

Adam schnaubt amüsiert. Jedem anderen hätte er vermutlich versichert dass das absolut nicht der Fall ist und sich gedanklich geärgert, dass es als unhöflich gilt, anderen Menschen zu sagen, dass sie einfach mal die Fresse halten sollen. Bei Leo ist es allerdings genau umgekehrt und dank der späten Stunde ist Adam auch nicht bereit, groß auf seine sozialen Filter zu achten. “Definitiv nicht. Ich find deine Stimme echt heiß.”

Leos Mundwinkel zucken. “Ach ja, wirklich? Findest du?” Auf einmal klingt er genauso leise und sanft, wie er in seinen Videos spricht.

Es in echt zu hören, diesmal direkt vor ihm und vor allem für ihn, lässt Adam einen Schauer den Rücken runter laufen. Gleichzeitig spürt er, wie ihm die Hitze ins Gesicht steigt. Er will nicht, dass Leo den Eindruck hat, er wäre nur für eine private Show hier. “Das auch, aber… auch wenn du normal redest.”

Er erwartet eigentlich, dass Leo noch etwas anderes sagt. Nicht unbedingt, dass er sich darüber lustig macht, aber er hätte durchaus das Recht, Adam deswegen aufzuziehen, immerhin hat er Leo nur an dieser Stimme erkannt. Leo tut aber nichts dergleichen, sondern überbrückt den letzten Rest Abstand zwischen ihnen, um ihn zu küssen.

Adam ist zunächst so überrascht, dass er einen Moment braucht, um auf diese neue Entwicklung der Situation einzugehen, aber dann krallt sich seine Hand noch etwas mehr in den Stoff von Leos Jogginghose, dort wo sie immer noch auf seinem Oberschenkel liegt. Die andere Hand landet in Leos Nacken, wo er sie endlich durch die kurzen Haare dort streichen kann, die tatsächlich genauso weich sind, wie sie aussehen.

Leos Lippen weich und fordernd zugleich. Adam drängt sich näher an ihn, gibt genauso intensiv zurück, um noch mehr von ihm zu spüren. Dann sind da Leos Hände auf seiner Brust und Adam denkt erst, Leo will ihn wegdrücken, aber gleich darauf findet er sich mit dem Rücken auf dem Sofa wieder. Leos Körper presst ihn in die Kissen und Adam kann gar nicht schnell genug seine Hände unter Leos T-Shirt schieben.

Seine Haut ist warm und Adam kann mit den Fingern die Muskelstränge ertasten, die sich unter seiner Haut bewegen, als er sich seinerseits an Adams Klamotten zu schaffen macht. Nicht nur, dass Leo ihn halb verrückt macht, als er ihn mit tiefer und schon leicht kratziger Stimme ins Schlafzimmer beordert, er muss auch noch so verdammt attraktiv dabei aussehen.

Es ist Adam hoch anzurechnen, dass er auf dem Weg ins Schlafzimmer nicht am Türrahmen hängenbleibt oder sonstwie stolpert, weil Leo sein Oberteil im Wohnzimmer gelassen hat und nun auch noch seine Jogginghose abstreift, sodass er nur noch in Boxershorts vor dem Bett steht. Er zieht betont langsam und gelassen eine Augenbraue hoch, als ob er nach ein bisschen Knutschen auf einmal wieder die Selbstsicherheit in Person ist.

Gut, es war mehr als ein bisschen knutschen, jedenfalls fühlen sich Adams Jeans deutlich enger an, als wenn es nur das gewesen wäre. Aber wenn Leo ihn so anschaut, einen Mundwinkel hochgezogen in ein halbes Lächeln und sich mit der Zunge über die Lippen leckt, hat er auch eigentlich gar keine andere Wahl. Vor allem nicht, als Leo ihn dann noch mal küsst und die Hände unter seinen Pulli schiebt. Danach landen seine restlichen Klamotten auch ziemlich schnell auf dem Schlafzimmerboden.

Er selbst landet mit Leo auf dem Bett. Sie sind sich so nah, dass er ganz genau spüren kann, dass Leo genauso bereit ist wie er. Er ist gerade dabei, Leos Körper ganz genau mit seinen Fingern und Lippen zu erkunden, als Leo ihm mit seiner dunklen Stimme ein “Fick mich?” ins Ohr haucht.

Adam muss kurz stocken. Er schaut hoch, sucht nach Leos Blick. Seine Augen sind etwas geweitet, das Grün um seine Pupillen kaum noch zu sehen und sein Atem geht schneller als vorher. Als er merkt, dass er Adam aus dem Konzept gebracht hat, setzt er ein etwas leiseres “Okay?” hinterher.

Daraufhin muss Adam seine Abwärtsbewegung noch einmal unterbrechen, um Leos Lippen mit seinen einzufangen. Natürlich ist das okay, er würde so ziemlich alles okay finden, um das Leo ihn mit dieser Stimme bittet. Und deshalb kommt er Leos Wunsch auch liebend gerne nach.

 

*

 

Leo kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal neben jemand anderem aufgewacht ist. Im ersten Moment befürchtet er, Adam sei vielleicht abgehauen, obwohl Leo ihm kurz vor dem Einschlafen, als sie eng umschlungen da lagen, noch zugeflüstert hst, dass er bleiben soll. Doch sie sind nur im Schlaf etwas auseinander gedriftet, was bedeutet, dass Leo sich einfach gegen Adams Seite schmiegen kann.

Er hat die Augen schon wieder geschlossen und überlegt gerade, ob es sich wohl lohnt, noch mal einzuschlafen, als Adams Arm sich um seine Schulter legt. Seine Finger streicheln in einem langsamen Rhythmus an Leos Oberarm entlang, was bedeutet, dass er definitiv wach ist.

“Guten Morgen”, murmelt Adam wie zur Bestätigung. Nun muss Leo doch mühsam die Augen öffnen und seinem Kopf heben, um ihn anschauen zu können. Seine Haare stehen wie wild in alle Richtungen ab, weil Leo in der Nacht einfach nicht seine Hände davon lassen konnte. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Leo muss wohl noch nicht ganz wach sein, weil seine erste Reaktion ist, diese Lippen mit dem Finger nachzufahren.

Er wird damit belohnt, dass Adams Lächeln noch etwas breiter wird. “Gut geschlafen?” Seine Lippen bewegen sich gegen Leos Finger, bevor er einen kleinen Kuss darauf drückt.

Leo nickt. Nachdem sie sich so ausgiebig verausgabt haben, war das mit dem Einschlafen dann doch kein Problem mehr. Vor allem nicht, während er Adams regelmäßiges Atmen neben sich hören konnte. So etwas hat ihn schon immer irgendwie beruhigt. “Und du?”

“Besser als sonst.”

Leo zieht für einen Moment die Augenbrauen zusammen und legt seine Hand an Adams Wange, damit er sein Gesicht genauer in Augenschein nehmen kann. Es ist nicht hell genug im Raum, um definitiv sagen zu können, dass Adam müde aussieht, aber da sind immer noch Schatten unter seinen Augen. Das könnte einfach genetisch veranlagt sein, oder bedeuten, dass er hier die ganze Nacht wachgelegen hat, während Leo friedlich geschlafen und es nicht einmal gemerkt hat.

“Hey, alles okay.” Adam nimmt sein Streicheln an Leos Arm wieder auf, was ihn sofort ruhiger werden lässt. “Ich war ein paarmal wach, aber das ist normal. Ich hab mehr geschlafen als sonst.”

Leo ist froh, dass Adam wenigstens ein bisschen geschlafen hat, aber trotzdem… “Du hättest mich auch wecken können.”

“Ach was, du hast so süß geschlafen.”  Adams Hand wandert nach oben, um Leo die Haare aus der Stirn zu streichen. Es sollte vielleicht etwas eklig sein, er müsste dringend duschen, aber so ganz kann er sich noch nicht zum Aufstehen bewegen.

Andererseits können sie nicht ewig so liegen bleiben. Ein Blick auf den Wecker auf seinem Nachttisch verrät ihm, dass es schon später Vormittag ist. So lange hat er echt schon lange nicht mehr geschlafen. Er muss zwar heute nicht arbeiten, aber Adam hat vielleicht andere Pläne, die nicht beinhalten, den ganzen Tag mit Leo im Bett zu verbringen.

So wie Adam jetzt seine Hand in Leos Nacken liegen lässt, um ihn noch näher an sich heranzuziehen und seinen Mund mit sanften, vorsichtigen Küssen zu bedecken, scheint er es aber nicht besonders eilig zu haben. Leo seufzt gegen Adams Lippen, weil ihn sofort der Gedanke überkommt, dass er das gerne immer hätte. Was gerade extrem ungünstig ist, weil Adam und er noch kein Wort daran verschwendet haben, was letzte Nacht für sie bedeutet hat und was danach passiert. Adam hat selbst gesagt, dass er nicht lange in der Stadt ist und immer herumreist. Also was soll er mit einem Freund in Saarbrücken? Noch dazu mit jemandem wie Leo, der immer nur arbeitet?

Bei dem Gedanken daran, dass das hier ein Ablaufdatum hat, muss er Adam gleich noch ein bisschen tiefer küssen. Sowohl im Bett, als auch später, wenn er ihn mit sich in die Dusche zieht.

Erst als sie gemeinsam am Frühstückstisch sitzen, mit ein paar Scheiben Toast und Käse vor sich, weil Leo nicht mit Besuch gerechnet und entsprechend auch nicht eingekauft hat, holt ihn die Realität wieder ein. “Weißt du schon, wo es dich als nächstes hin verschlägt?” fragt er in die Stille zwischen ihnen, die bis eben noch angenehm war. Nun fühlt er förmlich, wie die Anspannung steigt.

Adam legt seine angebissene Toastscheibe auf dem Teller ab. “Ich hatte eigentlich vor, morgen mal aufs Land rauszufahren. Ein bisschen Recherche für mein Buch.”

Klar, natürlich wollte Adam nicht ewig hierbleiben, aber morgen klingt viel zu nah. Dabei kennen sie sich erst seit weniger als einer Woche, Leo hat keinerlei Anrecht auf Adam. Aber dennoch ist da dieses eine kleine Wort, das ihn aufhorchen lässt. “Eigentlich?”

Adam zuckt mit den Schultern und greift wieder nach seinem Toast. Seine Finger bröseln aber nur eine Ecke ab, anstatt es zum Mund zu führen. “Gerade klingt es gar nicht so schlecht, noch etwas länger in Saarbrücken zu bleiben.”

Leo kann nicht verhindern, dass nun doch die Hoffnung in ihm aufkeimt, die er sich bis eben nicht machen wollte. “Weil du die Stadt so toll findest?”

“Nicht nur die Stadt.”

Danach ist Leo froh, dass Adam sein Toast schon abgelegt hat, weil er ihn so stürmisch küsst, dass sonst wahrscheinlich alles auf dem Boden gelandet wäre. Es ist ihm auch vollkommen egal, dass Adams Finger noch etwas krümelig sind, als er sie in Leos Nacken legt, um ihn noch näher an sich ranzuziehen. Das Frühstück kann auch noch eine Weile warten.

 

Am Ende fährt Adam doch am nächsten Tag raus aufs Land – allerdings nicht alleine. Leo hätte sowieso das Wochenende frei und er hat noch so viel Resturlaub, dass er es sich gut und gerne leisten kann, in der nächsten Woche noch ein paar Tage freizunehmen. Sein Chef sagt ihm ja sowieso immer, dass er sich mal ein bisschen Erholung gönnen sollte.

Viel Erholung bekommt er in diesen Tagen nicht, und auch die Wortanzahl von Adams Manuskript steigt nicht signifikant, aber das scheint keinen von ihnen zu kümmern. Viel wichtiger sind die anderen Momente: in denen sie eng nebeneinander auf einer Liege auf der kleinen Terasse ihrer Ferienwohnung liegen, weil es abends doch noch ganz schön kalt wird. In denen Adam hochrot anläuft, während er von seinen Büchern erzählt, weil Leo es nicht lassen kann, wegen der unrealistischen Beschreibung von Polizeiarbeit zu sticheln. Natürlich immer auf eine liebevolle Art und mit einem Trost-Kuss für Adam hinterher.

Und natürlich abends im Bett, wenn sie sich genügend verausgabt haben und Leo mit sanfter Stimme auf Adam einredet, bis der eingeschlafen ist. Ganz am Anfang hat Adam ihm gesagt, dass das so viel besser ist, als Leos Stimme nur durch seine Kopfhörer zu hören. Gleich danach hat er sein Gesicht gegen Leos Schulter gepresst, als ob ihm das furchtbar peinlich war und er Leo jetzt nicht in die Augen sehen kann. Was im Endeffekt nur dazu geführt hat, dass Leo Adam umso mehr dabei helfen will, seine Schlafprobleme zu bekämpfen, mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

Adam wird immer noch oft nachts wach. Die meiste Zeit bekommt Leo das wahrscheinlich nicht einmal mit, aber manchmal weckt er Leo mit Küssen, bis er imstande ist, Adam mit seinen Worten in den Schlaf zurück in den Schlaf gleiten zu lassen. Er erzählt von der Arbeit, von seiner Kindheit und von seiner Familie und obwohl Adam zwischendurch immer irgendwann einschläft, fühlt es sich so gut an, dass Leo endlich mal frei erzählen kann, ohne sich Sorgen machen zu müssen, welche Themen für sein Gegenüber geeignet sind und was er lieber nicht anspricht.

Nach ihrem Kurzurlaub bildet sich Leo zumindest ein, dass Adams Augenringe etwas weniger geworden sind. Auf jeden Fall lächelt er mehr und hat kein Problem mehr damit, Leo spielerisch einen Ellbogen in die Seite zu rammen, als er sich damit brüstet, dass das alles auf seine Stimme zurückzuführen ist.

Sie wissen beide, dass es nicht einfach so weitergehen kann. Leo muss wieder arbeiten und Adam muss nach Berlin für einige Meetings mit seinem Verlag, die er fast verpennt hätte. “Alles deine Schuld”, hat er Leo vorgeworfen und ihn vorwurfsvoll angeschaut, nur um dann jegliche Verteidigungsversuche mit einem langen Kuss abzuwehren.

Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, ein paar Tage alleine zu haben, um sich über alles klarzuwerden. Leo weiß ziemlich sicher, dass er Adam in seinem Leben haben will. Adams Rückfahrticket aus Berlin ist ohnehin schon gebucht. Ob er auf Dauer in Saarbrücken bleiben will, ist abzuwarten, aber Leo findet, er hat ziemlich gute Argumente. Und wenn nicht, finden sie dafür auch eine Lösung. Am wichtigsten ist, dass er genau weiß, dass Adam ihn heute Abend aus seinem Hotelzimmer hunderte Kilometer entfernt anrufen wird, damit sie zusammen einschlafen können.