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In Our Talons

Summary:

Es gibt wenig, was Cotta so sehr hasst, wie korrupte Cops. Nach seinem unfreiwilligen Ausscheiden aus dem Dienst ist es ausgerechnet einer von ihnen, der anbietet, ihm einen neuen Job zu vermitteln.

Notes:

Ich wollte zu gerne noch mal genauer darüber schreiben, wie Cotta eigentlich bei der Familie Norris gelandet ist.
So there'll be some homophobia in this.

Chapter Text

Cotta saß in einem Café in L.A., rührte in seinem Kaffee und lauschte seinem Freund, der irgendwelchen Klatsch von der Arbeit erzählte.

In den letzten Wochen war es Cotta zunehmend schwer gefallen, dafür Interesse aufzubringen, und er wusste selbst, dass das kein gutes Zeichen war.

Es kriselte unübersehbar zwischen ihnen.

Nicht zuletzt, weil Cotta sich strikt weigerte, sich zu outen.

Ezra sah das als ein Zeichen dafür, dass es Cotta mit ihrer Beziehung nicht ernst war. Cotta selbst betrachtete es eher als ein Zeichen dafür, dass er im Polizeidienst arbeitete und nicht herausfinden wollte, wie seine Kollegen auf einen schwulen Cop reagieren würden.

Rocky Beach war und blieb nun einmal eine Kleinstadt, die meisten Polizisten, die dort arbeiteten, taten das schon seit langen Jahren, der Altersdurchschnitt war entsprechend hoch, die Ansichten entsprechend festgefahren und konservativ. Das ließ sich einfach nicht vergleichen mit Ezras Umfeld, der in San Francisco aufgewachsen war, jetzt in L.A. lebte und über die UCLA eine Stelle im Hammer Museum bekommen hatte.

Das hier war ein Versuch, mal wieder ein entspanntes Date zu haben, ohne sich in unangenehme Diskussionen zu verstricken. Weshalb Cotta sich auch ehrlich bemühte, nicht ständig den Blick schweifen zu lassen, sicherheitshalber nach irgendjemandem Ausschau zu halten, den er kannte. Sonst würde Ezra ihn gleich wieder als paranoid bezeichnen, und mit etwas Pech würde die gefürchtete Frage kommen Willst du etwa nicht mit mir gesehen werden?, auf die es einfach keine gute Antwort gab.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, riss Ezras Stimme ihn in diesem Moment aus seinen Gedanken.

Und Cotta musste zugeben, dass er genau das nicht getan hatte.

„Tut mir leid, ich war abgelenkt“, entschuldigte er sich schnell, lehnte sich über den Tisch um Ezra zu küssen, in der Hoffnung, dem nächsten Vorwurf damit gleich den Wind aus den Segeln nehmen zu können.

Auch wenn Ezra den Kuss nicht gerade leidenschaftlich erwiderte, er schien zu Cottas Erleichterung doch einigermaßen befriedet, und er nahm sich fest vor, ab jetzt besser aufzupassen.

Als sie sich von einander lösten, huschte Cottas Blick aus irgendeinem Grund an Ezra vorbei, und er erstarrte. Trotz der Sommerwärme wurde ihm schlagartig kalt.

Kershaw stand in der Tür, eine Frau neben sich, die vermutlich seine Freundin war, und durchbohrte ihn mit Blicken.

„Was ist los?“, wollte Ezra wissen, dem Cottas Reaktion offensichtlich nicht verborgen geblieben war.

„Ein Kollege vor mir ist grade aufgetaucht“, brachte Cotta hervor. Immer noch starrte er zu Kershaw hinüber – und der zurück.

Warum hatte es auch ausgerechnet Kershaw sein müssen. Mit Donatelli hätte Cotta reden können, der wäre vielleicht bereit gewesen, den Mund zu halten, aber Kershaw tat grundsätzlich nie das, worum Cotta ihn bat, schon aus Prinzip nicht.

Ein Teil von ihm wollte aufspringen, losstürmen, hier raus, und er bemerkte erst, wie fest sein Griff um die Tischkante geworden war, als Ezra sanft seine Finger löste, seine Hand griff und festhielt.

„Jetzt ist es sowieso zu spät“, sagte er leise, glücklicherweise ohne den Hauch von Befriedigung in der Stimme, „Jetzt kannst du auch sitzen bleiben. Vielleicht behält er es ja für sich.“

Bewusst riss Cotta seinen Blick von seinem Kollegen los, sah wieder zu Ezra, versuchte vergeblich, sich wieder zu entspannen. „Hoffen kann ich wohl“, seufzte er. „Aber ich glaube nicht daran.“

Und er sollte recht behalten.


Es begann mit Pornos im Spind.

Es begann immer mit Pornos im Spind.

Und Cotta hatte nicht mal einen Spind auf dem Präsidium.

Stattdessen lag das Heftchen auf seinem Eingangsfach, hübsch versteckt zwischen zwei Anzeigen in ihren braunen Schnellheftern.

Im ersten Moment wollte er es einfach in den Reißwolf schieben, so tun, als hätte er es nie gesehen, und hoffen, dass ein Ausbleiben jeder Reaktion die Sache im Keim ersticken würde. Aber sowas funktionierte nur in den seltensten Fällen, viel wahrscheinlicher war, dass man ihn weiter trieb, bis er nicht mehr anders konnte, als zu reagieren. Also entschied er sich, es nicht totzuschweigen.

Leicht war es trotzdem nicht.

Tief holte er Luft, sammelte sich, bevor er zurück ins Großraumbüro trat, das er durchqueren musste, um zu seinem Schreibtisch zu kommen, das Heft gut sichtbar in der Hand.

„Irgendjemand hat seine Pornos in meinem Fach verloren, weiß jemand, wer das gewesen sein könnte?“, erkundigte er sich, froh, dass seine Stimme nicht zitterte, obwohl er sich fühlte, als müsste sie es.

Natürlich wusste niemand irgendetwas oder hatte irgendetwas gesehen.

Wahrscheinlich waren alle gerade auf Toilette gewesen, als ihm jemand das Heft untergeschoben hatte, dachte Cotta, doch der Sarkasmus klang selbst in seinem Kopf schal.

Kopfschüttelnd ging er einfach zurück in sein Büro, warf die Akten auf den Tisch, bevor er das Heft näher in Augenschein nahm. Denn es war sicherlich nicht zufällig gewählt worden, und würde ihm etwas darüber verraten, wie die Stimmung war und was ihn vielleicht noch erwarten konnte.

Ein kurzes Durchblättern verhieß nichts Gutes.

Die Models schienen zum großen Teil nur gerade so volljährig zu sein, die Jugendlichkeit, ja Kindlichkeit, wurde durch Accessoires und Kostüme noch hervorgehoben, und Cotta wusste, dass er es hätte kommen sehen müssen.

Ezra war etwas mehr als zehn Jahre jünger als er, mit einem jungenhaften Grinsen und einem dunklen Wuschelkopf, die Cotta gleich anziehend gefunden hatte, und seine Kollegen hatten daraus natürlich ihre Schlüsse gezogen.

Je ländlicher die Gegend wurde, desto mehr waren Homosexualität und Pädophilie immer noch Synonyme, und es sollte ihn wirklich nicht wundern, dass die Gedanken seiner Kollegen offenbar direkt in diese Richtung gegangen waren.

Dass die neue Frau des Bürgermeisters jünger war als seine älteste Tochter schien dagegen nie jemanden zu interessieren.

Müde warf Cotta das Heft in den Mülleimer.

Wenn er Glück hatte, war das Anfang und Ende der Geschichte.

Wenn er Pech hatte, war das nur der Auftakt, und er konnte sich schon mal darauf vorbereiten, keinen angenehmen Arbeitstag mehr zu erleben.

Seine Finger zitterten, als er nach seiner Kaffeetasse griff.


Seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Er hatte immer gewusst, dass seine Kollegen voreingenommen waren, so einen nicht zwischen sich haben wollten, aber selbst er hatte nicht damit gerechnet, wie stark die Ablehnung war.

Vielleicht lag es auch an ihm selbst, schließlich war er generell nicht besonders beliebt. Seine Kollegen hatten ihn schon länger auf dem Kieker gehabt. Bisher hatten sie noch nichts gegen ihn unternommen – doch das hatte sich jetzt offensichtlich geändert.

Oder es war nur der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Ein Monat verging, in dem hinter seinem Rücken getuschelt wurde.

Dabei drang jedoch kein Wort nach Außen, was Cotta beinahe faszinierte. Aber entweder wollten seine Kollegen nicht das Ansehen des ganzen Präsidiums schmälern oder der Korpsgeist arbeitete hier doch zu Cottas Vorteil – egal, was innerhalb der Behörde vor sich ging, es ging nur sie etwas an.

Immerhin das.

Leichter zu ertragen machte es die abfälligen Blicke und gemurmelten Kommentare, gerade so laut, dass er sie hören musste, auch nicht.

Dann hatte er eines Tages eine Benachrichtigung in seinem Fach, dass ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet worden war.

Angeblich hätte er Beweismittel nicht ordnungsgemäß weggeschlossen, die dadurch verschwunden seien. Zwischen den Zeilen war der Vorwurf erkennbar, er hätte sie absichtlich beiseite gebracht.

Er wusste mit absoluter Sicherheit, dass er zwei der genannten Stücke definitiv vorschriftsmäßig katalogisiert und in die Asservatenkammer gebracht hatte, während er sich ziemlich sicher war, dass mindestens drei andere genannte Gegenstände nie existiert hatten.

Aus dem Büro von Prescotts Nachfolger hieß es nur: Kein Kommentar.

Die Diziplinarstelle versteckte sich hinter der Phrase, dass alle relevanten Details den Unterlagen zu entnehmen seien.

Spätestens da war Cotta klar, was dahinter steckte.

Für ein paar Minuten spielte er mit dem Gedanken, Kontakt zu Samuel Reynolds aufzunehmen, doch er verwarf ihn. Er wollte Reynolds in die Sache nicht hinein ziehen.

Der Mann hatte es verdient, seinen Ruhestand genießen zu können. Außerdem würde es Cotta nicht helfen, wenn es so aussah, als würde er zu einem älteren, einflussreicheren Gönner rennen – schlimmstenfalls würde er nur Reynolds‘ Ruf in Gefahr bringen.

Als er die Kündigung bekam, war er schon nicht mehr überrascht.

Es wäre durchaus möglich, einen Rechtsstreit anzustrengen, das wusste er, aber ebenso gut wusste er, dass es zu nichts führen würde außer einem Haufen Anwaltskosten und der Notwendigkeit, sich endgültig vor der ganzen Stadt zu outen, und die Kraft hatte er einfach nicht.

Seine sogenannten Kollegen würden geschlossen gegen ihn aussagen, da machte er sich gar nichts vor – nein, das war vielleicht ungerecht, aber die, die nicht aktiv an den Schikanen beteiligt waren, würden zu viel Schiss haben, um sich auf seine Seite zu stellen. Schließlich wurde ihnen gerade ausgiebig vor Augen geführt, was ihnen in dem Fall blühen würde, und er konnte es niemandem verdenken, sich dem nicht aussetzen zu wollen.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Am nächsten Tag nahm er den Rest seines Urlaubs, brachte alle seine Vorgänge so weit in Ordnung, dass ein Kollege sie würde übernehmen können, und verließ mit einer zähen Übelkeit im Magen und den persönlichen Sachen aus seinem Büro unter dem Arm das Präsidium.

Nicht zum letzten Mal, er würde noch einmal zurückkommen müssen, um seine Schlüssel abzugeben, und was sonst noch so zu erledigen blieb, doch das würde er erst an seinem offiziell letzten Arbeitstag tun. Demonstrativ.

Ausgerechnet Forrester war es, der auf dem Parkplatz betont beiläufig zu ihm hinüber geschlendert kam, während er gerade mit tauben Fingern seinen Wagen aufschloss.

Auch wenn er sich nicht offensichtlich an den Attacken auf ihn beteiligt hatte, Cotta konnte ihn nicht leiden. Und der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ auch nichts Gutes ahnen – eine Art herablassende Freundlichkeit, die Cotta zuwider war. Als wäre er etwas Besseres. Ausgerechnet er.

„Norris nimmt gerne Ex-Cops, falls du was Neues suchst“, erklärte Forrester ohne lange um den heißen Brei herum zu reden.

Nur mühsam hielt Cotta sich davon ab, abfällig zu schnauben. Warum sein Kollege es für eine gute Idee hielt, ihm ausgerechnet einen Job bei der Mafia anzubieten, war ihm ein Rätsel.

„Norris nimmt auch gerne noch aktive Cops“, konnte er sich nicht verkneifen.

Schließlich machte Forrester keinen Hehl aus seinem Nebenverdienst. Offiziell arbeitete er nur als Sicherheitsmann für Norris‘ Clubs, aber jedem Kollegen war klar, dass das nur die Spitze des Eisbergs war. Doch man konnte ihm nicht beweisen, dass er an der Geldwäsche und dem Drogenhandel beteiligt war, dass er Geld dafür kassierte, wegzusehen wo er eigentlich ermitteln sollte, und ehrlich gesagt versuchte es auch niemand allzu intensiv.

Verrat an den eigenen Kollegen kam gar nicht gut.

Außer, offenbar, in Cottas eigenem Fall. Aber das war auch etwas anderes.

Forrester lachte, und Cotta bekämpfte das dringende Bedürfnis, ihm einfach mitten ins Gesicht zu schlagen.

„Du kannst natürlich auch einfach in Zukunft als Zivilist durchs Leben gehen, wenn dir das lieber ist“, erklärte Forrester schulterzuckend, und da war es, das Wort, vor dem Cotta schon den ganzen Tag Angst hatte.

Zivilist.

Er trug schon lange keine Unform mehr, aber hier ging es nicht um die Kleidung. Er gehörte trotzdem zur Truppe, gehörte trotzdem zu denen, die Waffe und Marke trugen.

Hatte zu ihnen gehört.

Auch wenn er als Security arbeitete – arbeiten sollte – würde das die Marke nicht zurückbringen, aber zumindest müsste er nicht auf seine Waffe verzichten. Und auch wenn Cotta sie zumeist nicht einmal trug, sie normalerweise hübsch sicher in ihrem Schließfach lag, die Waffe war ein Symbol für einen Polizisten.

Es gab wenig, das so demütigend war, wie die Dienstwaffe abgenommen zu bekommen, und nach zwanzig Jahren im Polizeidienst musste Cotta zugeben, dass diese Mentalität auch ihn durchdrungen hatte. Ihm graute jetzt schon davor, sich von seiner Waffe trennen zu müssen.

„Solange du nicht damit hausieren gehst, warum genau du nen neuen Job brauchst, kann ich dich bestimmt bei Norris unterbringen“, fuhr Forrester gönnerhaft fort, und wieder juckte es Cotta in der Hand.

Nur eine Sekunde lang dachte Cotta daran, zuzustimmen.

Dann schüttelte er entschieden den Kopf. „Ich arbeite nicht für die gottverdammte Mafia.“

„War ja nur n Angebot“, erklärte Forrester schulterzuckend. „Wenn du es dir anders überlegst, hast du ja meine Nummer.“

Cotta lagen eine Menge sehr unfreundliche Dinge auf der Zunge, die er hätte sagen können. Aber er entschloss sich, nicht doch noch eine richtige Auseinandersetzung zu provozieren, stieg stattdessen ohne ein weiteres Wort in den Wagen und fuhr vom Parkplatz.


Er hielt drei Monate durch.

Drei Monate, in denen er sich um einen neuen Job bemühte und glasklar vor Augen geführt bekam, dass er nichts anderes konnte, als Cop zu sein, und das niemand mit einem ansatzweise respektablen Gewerbe sich darum riss, einen ehemaligen Cop zu engagieren, und erst recht keinen in seinem Alter.

Er hatte nichts gelernt, keine Ausbildung, und das bisschen, was er studiert hatte, war inzwischen garantiert veraltet, sofern er sich überhaupt noch daran erinnerte.

Was er konnte, war, mit einer Waffe umzugehen und Berichte zu schreiben. Dinge, die man in keinem vernünftigen Beruf gebrauchen konnte.

Also nahm er schließlich widerwillig doch sein Handy zur Hand und suchte Forresters Nummer aus dem Speicher.

„Na, Cotta, hast es dir doch anders überlegt?“, meldete sich sein ehemaliger Kollege mit einer widerlichen Fröhlichkeit.

„Ich arbeite nicht in den Clubs und ich will nichts mit Norris‘ Geschäften zu tun haben“, erwiderte Cotta statt eines Grußes.

Forrester lachte. „Das lässt sich einrichten.“

And no, you're not alone
No, my cousins, you're not alone
You're in our talons now and we're never letting go
[Bowerbird – In Our Talons]