Work Text:
Irgendwann konnte Adam nicht mehr länger verheimlichen, dass er in Saarbrücken keine Zukunft für sich sah.
Er konnte sich hier einfach nicht über Wasser halten, egal wie eifrig er mit den Füßen Wasser trat. Da war kein Ufer, nichts, wohin er sich retten konnte.
Kleine Dinge häuften sich, rotteten sich zusammen und verdichteten sich zu etwas, das ihn in die Tiefe zu ziehen drohte, wie Algen in einem See. Anfängliche scheue Blicke von Fremden wurden zu neugierigen Fragen. Nachbarn meldeten sich plötzlich bei ihm, fragten ihn, wie es ihm ging, wie es Heide ging. Sie wollten wissen, was mit Roland war; nicht, weil sie sich für die Schürks interessierten, sondern weil sie Material brauchten. Tratsch für Kaffeekränzchen, für die Gespräche an der Kasse, für die Busfahrt. Niemand interessierte sich wirklich für Adam.
Er war hier am Ertrinken. Sah das denn niemand? Dass er nur am Strampeln war? Dass ihm allmählich die Luft ausging?
Die Menschen, denen er täglich begegnete, gaben ihm keine Hoffnung, dass sie in ihm jemals jemand anderen sehen würden, als den Sohn von Roland Schürk. Alle fragten scheinheilig nach, aber keiner hörte zu.
Er drohte, hier unterzugehen. Und niemand half ihm.
Nur einer sah ihn.
„Danke, ich habe keinen Hunger“, murmelte er und wartete, bis Leo die Plastikdose wieder wegnahm. Leo stieß ihn an, wartete, bis Adam wieder aufsah, und wackelte noch einmal mit der Dose, mit bohrender, hoffnungsvoller Mimik.
Für Apfel musste man nicht hungrig sein. Adam schnappte sich ein Stück und biss mutwillig hinein. Stechend saure Flüssigkeit machte sich mit dem Biss plötzlich in seinem Mund breit und er öffnete ihn weit, als würde das irgendwie helfen, diese durchdringende Schärfe, die sich in seine Mundhöhle fraß, loszuwerden. Entsetzt verzog er das Gesicht.
Leo lachte keuchend, köstlich amüsiert über seine Qual.
„Ah, deshalb schiebst du mir das zu! Warte, du.“
Leo fragte nie nach, wie es Adam ging; aber Leo redete sowieso selten. Er schaffte es immer wieder, Adam mit so dummen Kleinigkeiten über Wasser zu halten, wie ein Rettungsschwimmer. Wenn Adam drohte, unterzugehen, half Leo ihm hoch. Wenn Adam nach Luft schnappen musste, war Leo für ihn da. Immer und immer wieder. Das konnte nicht ewig gut gehen. Adam würde irgendwann ertrinken und entweder, Leo ließ los, oder Adam würde ihn mit sich in die Tiefe reißen.
„Darf ich heute bei dir übernachten?“, fragte er, weil er schlussendlich doch nicht anders konnte, als sich an seinen Freund zu klammern. Weil Leo es zuließ, dass Adam an ihm zog. Und ein Teil von ihm wollte, dass es Leo zu viel wurde, dass er aufgab. Wenn Leo ihn wegschickte, war es nicht Adam, der Leo verließ.
Leo nickte, bot ihm die Plastikdose noch einmal an. Adam lehnte ab, weil sein Mund immer noch brannte. Neben ihm aß sein Freund noch ein Stück, als wäre nichts dabei.
Leos Eltern mussten nicht gefragt werden, ob Adam bei ihm übernachten konnte. Für sie war Adam genauso Luft, wie ihr Sohn selbst. Er war Leos bester oder einziger Freund und vielleicht schätzten sie sogar, dass Adam ihn zum Reden und zum Lachen brachte. Mehr wussten sie nicht und mehr schien sie auch nicht zu interessieren. Vielleicht wussten sie nicht einmal das. Manchmal hatte Adam Angst, dass Leo unsichtbar war oder dass er nur ein Hirngespinst seines Kopfes war. Er befürchtete, irgendwann würde Leos Vater ihn fragen, was er hier machte, in diesem Raum in ihrer Wohnung, weil sie vergessen hatten, dass Leo existierte.
Leo hatte einmal geflüstert, dass er ein Unfall gewesen war; dass seine Eltern ein Kind eingeplant hatten, aber das zweite nicht mehr in ihre Kalkulation gepasst hatte. Er gehörte nicht in ihr Leben.
Adam bemühte sich, unauffällig zu sein, wenn er Leo besuchte und fragte sich gleichzeitig, ob dieses Zuhause der Grund war, warum sein Freund so wenig sprach. Irgendeine Ursache musste es haben und welche, wenn nicht diese bedrückende, allumfassende Stille, die bei den Hölzers immer herrschte, wenn Caro nicht da war. Adam konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass er die Hölzers je mit Leo hatte reden hören.
Leo steckte die Plastikdose weg, ohne sie Adam noch einmal anzubieten. Dann trennten sie sich, wie jeden Tag, nach der Schule und machten eine Uhrzeit aus, zu der Adam unten vor Leos Wohnhaus warten würde. Leo wollte nicht, dass er klingelte, auch wenn niemand außer ihm in der Wohnung war. Adam ging über Schleichwege und Umwege nach Hause und versuchte dabei, niemandem zu begegnen. Der Wunsch, wegzulaufen wurde in der letzten Zeit wieder stärker.
Die Straßen waren immer die gleichen, der Nachhauseweg immer noch schwer. Manchmal träumte er, er würde nach Hause kommen und sein Vater würde dastehen, aus dem Koma erwacht. Der Traum riss ihn jedes Mal mit der gleichen Intensität aus dem Schlaf. Er wollte das nicht irgendwann erleben – um die Ecke biegen und ihn dort stehen sehen, schreiend, beschuldigend, so hasserfüllt wie eh und je. Er wollte nicht noch hunderte oder tausende Male dieselbe Strecke entlanglaufen. Er hatte die Haltestellen satt, die Geschäfte, die Gebäude. Wohin er auch ging, alles war beengend. Er bekam hier keine Luft.
Auf dem Heimweg stellte er sich manchmal zur Autobahnbrücke, sah den Autos zu, wie sie vorbeirasten und überlegte anhand der Kennzeichen, wo diese Menschen wohl hinfuhren. In den Urlaub? In die Arbeit? Nach Hause? Einfach nur weg? Er wollte eines dieser Autos anhalten und mitfahren. Wollte sich in einen Zug setzen und nicht mehr zurückblicken. Sah den Flugzeugen am Himmel nach und sehnte sich nach fernen Ländern. Er wollte einfach nur weg.
„Wo gehst du hin?“, fragte Heide, als Adam seine Jacke anzog.
„Zu einem Freund.“
Er wollte sie nicht ansehen, wie sie dastand, ihre dünnen Arme um ihre Körpermitte geschlungen, gleichzeitig hilflos und fordernd. Er wollte ihrem Blick nicht ausweichen müssen. Ausgerechnet sie, die ihn jahrelang alleingelassen hatte, fühlte sich jetzt einsam. Ausgerechnet sie wollte sich kümmern.
„Was willst du?“, fragte er patzig, schob sein Kinn vor. Was erwartete sie von ihm? Dass er gerne hier war, in diesem Haus, in dem nichts als schlechte Erinnerungen und Schmerzen wohnten? Er hasste es hier. Hasste die kalten Mauern und die teuren Bilder. Er hasste die Glaswand, die in den Garten sah, in der sich die am Tisch sitzenden im Dunkeln immer spiegelten. Hasste sein Zimmer. Den Schrank. Die Trophäen. Das Bett. Hasste die Angst, die ihn hier lähmte.
Statt zu antworten, machte sie nur traurige Augen. Als er seine Schuhe anhatte, fragte sie: „Gehst du zu Leo?“
Er stand auf und öffnete die Haustür, ohne zurückzublicken. Antwort schuldete er ihr keine.
Froh sollte sie sein, dass er ging. Froh sollte sie sein, dass er gehen wollte.
Aus einem Abend in der Woche bei seinem Freund wurden mehr.
Er verkroch sich bei Leo, schlief mehr Nächte in Leos Bett als in seinem eigenen. Es fiel niemandem auf. Dass die Luftmatratze auf dem Boden von Leos Zimmer immer weniger Luft hatte und nie aufgepumpt wurde. Es schien völlig egal zu sein, dass die quietschenden Geräusche, die sie machte, wenn sich jemand darauf umdrehte, nie zu hören waren.
Leo schickte ihn nicht weg. Ganz im Gegenteil.
Nichts von alledem, was Adam dazu verwendete, um die Welt von sich zu stoßen, konnte er bei Leo tun; keine gehässigen Worte, keine Wutausbrüche, keine abfälligen Bemerkungen. Wenn ihm alles zu viel wurde, holte Leo ihn zu sich, küsste ihn atemlos und liebte ihn, so hasserfüllt und um sich schlagend, wie er war. Und Adam ließ sich atemlos küssen und liebte Leo zurück.
Es war nur nicht genug.
„Ich muss hier weg“, traute er sich schließlich zu sagen. Er streichelte über Leos nackten Körper unter der Bettdecke, küsste Leos Schulter. Er musste hier weg. So sehr er Leo auch liebte, so sehr er sich kein Leben ohne ihn vorstellen wollte, er konnte einfach nicht mehr in dieser Stadt bleiben.
Leo legte eine Hand um Adams Hals und zog ihn zu sich für einen Kuss, bevor er sich auf den Bauch rollte und seine Hand um Adams Handgelenk legte.
„Hey… Was machst du?“, fragte Adam, als Leo sich plötzlich so weit aus dem Bett lehnte, dass er beinahe rausrutschte. Adam hielt ihn am Handgelenk fest, legte einen Arm um Leos schmale Hüften, damit er nicht von der Matratze rutschte. Er war es gewöhnt, keine Antwort von Leo zu bekommen, aber dass er unter das Bett flüchten wollte, war neu. Leo kramte nach irgendetwas da unten, streckte sich nach etwas. Ein Ächzen entfuhr ihm.
Einen Augenblick später hievte er sich wieder ins Bett, seine Hand um eine verstaubte Kartonschachtel. Er streifte über den Deckel mit der bloßen Hand und wischte den Staub in das Bettlaken. Adam musste niesen. Dann hielt Leo ihm die Schachtel hin, ein hoffnungsvolles Lächeln auf seinen Lippen. Es war vielleicht dumm von Adam, eine Erklärung zu erwarten. Mittlerweile verstand er Leos wortlose Art der Kommunikation besser als seine Worte.
Er öffnete die Schachtel, fand einen Haufen Geldscheine darin, alles Mögliche, bunt gemischt: Hunderter, zehner, fünfziger, Münzen. Sogar ganz kleine Münzen. Restgeld.
„Was ist das?“
Leo zeigte hinter ihn, wo er wusste, dass eine Weltkarte hing. Er drehte sich um. Leo rutschte von hinten an ihn ran, bis sie Brust an Rücken saßen, und umarmte ihn einhändig. Seine schmalen Finger waren kalt auf Adams Haut, also legte er seine Hand über sie, um sie zu wärmen.
„Du willst reisen?“
Leo legte sein hartes Kinn auf Adams Schulter und atmete einfach nur, etwas aufgeregt. Schließlich streckte er eine Hand zur Karte aus und legte seine Hand mit gespreizten Fingern auf Europa, fuhr über Asien, bis er nicht mehr weiter reichen konnte, dann wischte er seine Hand in einer Achterfigur über den ganzen Eurasischen Kontinent und in die andere Richtung. Sein Zeigefinger landete schließlich da, wo Saarbrücken sein musste. Adam sah aus dem Augenwinkel, wie Leo ihn ansah.
„Okay.“ Er nahm Leos Arm und… brach ab, verschränkte ihre Finger in seinem Schoß. Leo war nicht er. Leo war, bis auf die Fächer, in denen die Lehrer nicht einsahen, dass er nicht gerne sprach, gut in der Schule. Er konnte das Abi machen, er hatte Chancen. Leo konnte sich hier ein Leben aufbauen. Oder?
Er klappte den Deckel wieder auf die Schachtel, bestimmt. „Ich kann dich nicht mitnehmen.“
Plötzlich spürte er einen stechenden Schmerz in seiner Schulter. Zähne. Statt zu antworten, hatte Leo in Adams Schulter gebissen.
„Au. Du kleines Monster.“
Leo lachte kehlig und küsste die Stelle, in die er soeben gebissen hatte, als Entschuldigung, aber er sagte nichts. Wie immer. Wann sagte er jemals etwas? Er war nicht stumm, er hatte die Wörter alle in seinem Kopf, aber sie aus ihm herauszuholen, war oft ein Ding der Unmöglichkeit; auch für Adam, der ihn immer bekräftigte und ihm zuhörte.
Sein Schweigen bereitete allen um ihn herum Sorgen, mal mehr, mal weniger. Wenn er gute Wochen hatte, sprach er gerne, aber seitdem man ihn gezwungen hatte, an einem Vorlesewettbewerb teilzunehmen, sparte er noch mehr mit Worten als davor schon. In letzter Zeit war es wieder besser gegangen, aber heute schien er die richtigen Worte nicht zu finden. Aber Adam verstand ihn auch so.
„Ich liebe dich. Aber gerade deshalb kann ich dich noch nicht von hier… wegreißen.“
„Lass mich nicht allein hier zurück.“ Leos Stimme war leise und heiser kratzig an seinem Ohr. „Nicht hier.“ Seine Stimme brach.
Adam schluckte, wusste er doch sehr wohl, dass Leos Bus jeden Tag am Krankenhaus vorbeifuhr, dass er bei Polizeisirenen nervös wurde, dass es ihm nicht gut ging hier. In der Schule war alles gleich schlimm, wie bereits vor Jahren. Gebessert hatte sich die Situation erst, seit Adam für ihn einstand. Wenn Adam ging, war Leo wieder allein.
„Willst du wirklich mitkommen?“, fragte er.
Leo tappte überzeugt auf die Schachtel.
„Wie viel ist da drin?“
Leo kratzte mit dem Nagel über die Schachtel, zuckte mit den Schultern.
Genug. Es musste genug sein. Genug, um von hier wegzukommen, genug für einen Anfang.
Zum ersten Mal sah Adam ein Ufer in der Ferne und begann, darauf zu zuschwimmen.
* * *
Es war genug Geld in der Schachtel gewesen, um wegzukommen, aber nicht genug für einen Anfang.
War es nie gewesen. Hätte es nie sein können. Wie auch.
Naiv, schimpfte sich Adam ein paar Wochen später.
Dumm, ein paar Monate danach.
Sie fanden ein Zimmer in einer Zweck-WG mit älteren Leuten, die sich kein Leben allein leisten konnten. Das Wohnhaus war alt, würde bald geräumt werden, um einem Bauprojekt Platz zu machen, aber bis dahin konnten sie bleiben.
Es war ein kleiner Raum, der immer noch zu groß war, weil sie nichts mitbrachten außer sich selbst und zwei Rucksäcke. Die Miete zahlten sie halbbar ein, kratzten mühevoll Monat für Monat das Geld zusammen. Es ging eine Weile gut, bis die WG im Frühjahr aufgelöst wurde. Danach hatten sie nicht das Geld für eine Wohnung, nicht die Adresse für einen Job und keine Bankkonten.
Im Sommer war es kein Problem, draußen zu schlafen. Sie hatten zwei Schlafsäcke gekauft, die sie zu einem zusammenkoppeln konnten, und ein Zelt. Unter der Brücke, die sie gefunden hatten, war es so laut, dass sie einander kaum verstanden und so zugig, dass Adam dauernd verkühlt war. Sein Husten begann nach einer Woche und blieb in seinen Lungen haften, auch als sie in die bröckeligen Mauern eines leerstehenden Hauses zogen. Es war dort nicht weniger zugig, aber wenigstens ruhiger. Sie waren zusammen. Leo klaute ihm Hustensaft, weil Adam mit seinen Augenringen und dem Husten so verdächtig aussah, wie ein Junkie.
Leo holte immer noch Kataloge von Ausbildungen, nahm jeden Tag die Zeitung mit um die Kleinanzeigen durchzulesen. Er half Heckenschneiden. Er sah nett aus, war höflich, sah niemandem gerne direkt in die Augen; ging als Schüler durch. Er kam mit Geldscheinen zurück, machte Umwege, am Sperrmüll und der Sonderentsorgung vorbei.
Währenddessen besorgte sich Adam einen ‚Job‘ als Kurier für einen Typen, der von einem kleinen Hinterzimmer in einem Wettbüro aus Drogen an Clubs verkaufte. Adam hatte wenig zu verlieren, konnte schnell laufen und hatte keine Angst, weil ihm sein Vater jahrelang beigebracht hatte, wie man sich verteidigte. Es war eine dumme Idee und Leo gefiel es gar nicht, dass Adam das tat, versuchte ihn umzustimmen, gab sein Bestes, ihm andere Jobs zuzustecken.
„Ich mache das, oder was Anderes.“
Das ließ Leo die Zähne zusammenklacken und zeigte sie Adam. Strafendes Schweigen folgte auf die Ankündigung.
Adam bemühte sich um Versöhnung. „Wir brauchen Geld von irgendwoher, wenn wir etwas anderes machen wollen.“
„Weggehen“, murmelte Leo dann doch.
„Genau, wir wollen hier doch weggehen, irgendwohin reisen“, bestätigte Adam.
Leo schwieg wieder, unzufrieden, aber wohl doch verständnisvoll. Er griff nach Adams Hand und verschränkte ihre Finger. Sie hielten zueinander, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren.
Leo vermittelte Adam das Gefühl, dass es für ihn okay war, so zu leben, solange sie es zusammen tun konnten. Und Adam hatte anfangs das mutige Gefühl, dass er es schaffen könnte, hier zu atmen und nicht unterzugehen. Anfangs, zumindest. Denn obwohl Leo freiwillig mit Adam gegangen war, war er doch jetzt Adams Verantwortung. Adam hatte ihn mitgenommen. Adam war es, der es einfach nicht geschafft hatte, in Saarbrücken zu bleiben. Es lag an ihm, dieses Leben für Leo erträglich zu machen.
Und mit den Wochen, die vergingen, war er wieder am Strampeln im Wasser, langsam aber sicher am Ermüden. Nur diesmal konnte Leo ihn nicht hochziehen, weil Leo hier selbst nicht gut schwimmen konnte.
Sie waren nicht zimperlich, aber aus Sommer wurde Herbst.
Geld anschaffen wurde schwieriger nach den Sommerferien. Leos Klamotten war nicht mehr schön, sein Lächeln nicht mehr so unberührt. Er war schmal, müde, stumpf, traurig. Seine Worte fehlten immer öfter.
Eines Tages ging Adam mit einem der Typen mit, die ihn bis jetzt immer erfolglos gefragt hatten. Sie hatten Hunger. In die Ecke gedrängt sagte Adam einfach ja. Wieso nicht? Schwul war er, geübt war er auch. So schlimm konnte es nicht sein. Es war nur ein Fremder, statt Leo. Es bedeutete nichts. Geld war Geld und seine mittel, es zu beschaffen, begrenzt.
Leo wusste sofort, was los war, als er an dem Abend zu ihrem Schlafplatz kam. Er wiegte Adam in den Schlaf, bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, aber Adam spürte, dass er weinte; um Adams Unschuld. Vielleicht um seine eigene gleich mit.
Leo fand den Weg in fremde Autos selbst.
Es geschah, als Adam krank wurde. Leo mietete ein billiges Zimmer gegen Bargeld und Adam ließ sich auf wackeligen Beinen über den Hintereingang hineinschleusen. Dann wusste er ein paar Tage lang nichts mehr, nur dass Leo ihm mit dem Wasserkocher des Hotels Tee und Tassensuppe machte und ihn mit zig Medikamenten wieder aufpäppelte.
Er hatte Fieber und Husten und schlief hauptsächlich. Wenn er wach war, saß Leo meistens mit ihm im Bett und streichelte ihn mit besorgten Augen. Manchmal war er wach und Leo war nicht da; dann sah er fern und schlief wieder ein, bis er Leo zurückkommen hörte. Leo sagte nichts. Er streichelte Adam stumm, half ihm im Bad, half ihm beim Essen, ließ ihn schlafen.
Adam dachte nicht darüber nach, dass sie gar nicht so viel Geld hatten, um das Zimmer so lange mieten zu können. Sein Kopf war wattig, seine Augen schwer. Tagelang schwitzte und fror er gleichzeitig. Aber irgendwann kam Leo mit einem blauen Auge zurück, etwas verdattert. Und als Adam fragte und Leo ihn nur hilflos ansah, ohne Worte herauszubringen, wusste er plötzlich warum. Er schloss sich im Bad ein, kotzte sich zwei Tage Tassensuppe aus dem Leib und ließ sich dann eine Badewanne Wasser ein.
„Ich wollte das nicht“, murmelte Adam, als er wieder aus dem Bad kam und sich zu Leo auf das Bett legte.
„Ich weiß.“
„Hättest du etwas gesagt, dann wären wir früher hier raus.“
Leo schüttelte nur den Kopf und ließ sich von Adam in den Arm nehmen; sprachlos und stumm.
„Du hättest das nicht tun müssen.“ Adam wollte ein anderes Leben für Leo.
„Ist okay“, krächzte Leo nach einer langen Pause.
War es das? Für ihn war es eine Entscheidung gewesen, die er selbst getroffen hatte. Er ließ sich von Fremden ficken. Aber für Leo schien es weniger freiwillig, weil er es doch tat, damit sie in diesem Zimmer bleiben konnten, solange Adam krank war. Für Adam. Wegen Adam.
Leo tätschelte ihn nur und murmelte: „Ich liebe dich.“
Der nächste Tag war ihr letzter in dem Hotel und sie mussten wieder raus auf die Straße.
Aus Herbst wurde Winter.
In einer Notschlafstelle für Jugendliche bemühte sich eine der Sozialarbeiterinnen um Leo, weil er so still war. Wollte ihn retten – vor der Straße, vor seiner Zukunft, vor Adam. Sie sah in ihm jemanden, der sich nicht sprechen traute, weil er Angst vor seinem Freund hatte. Adam bestätigte ihre Ansicht wohl unabsichtlich mit seinen misstrauischen Blicken. Sie versuchte, sie unauffällig zu trennen, bot ihnen unterschiedliche Workshops an, bis Leo plötzlich verstand, worum es ihr ging. Adam hatte ihn noch nie so laut gehört, war stolz, dass Leo sich und Adam so vehement verteidigte; dabei hätte er der Frau fast Erfolg gewünscht.
„Das ist kein Leben für ihn“, versuchte sie, Adam zu überzeugen.
„Ich weiß.“
„Dann lass ihn los.“
Adam nickte, als würde er es sich überlegen. Aber am Ende des Tages lag Leo zitternd in seinen Armen und krallte sich an ihm fest wie ein Affe. Vor lauter Panik brachte er kein Wort raus, obwohl er es keuchend versuchte.
Adam wusste, dass das kein Leben für Leo war. Für ihn ja auch nicht.
„Ich hab dich“, murmelte er und spürte, wie Leo ihn als Antwort fester drückte. „Ich hab dich.“
Selbstsüchtig war er. Er konnte sich dieses Leben ohne Leo nicht vorstellen. Adam hatte ihn hierhergeschleppt, in diese fremde Stadt, in dieses aussichtslose Leben. Aber jetzt waren sie nun mal hier, zu zweit.
Die Schuld, dass die Frau Leo nicht retten konnte, nahm Adam auf sich. Hätte er Leo ernsthafter weggestoßen, wäre er vielleicht nicht mit ihm mitgegangen. Hätte er Leo nicht so geliebt, könnte der jetzt studieren und in einer schönen Wohnung wohnen. Könnte Sex aus Liebe haben, freiwillig und gerne, weil es ihm Spaß machte, und ohne dafür bezahlt zu werden.
Müsste nicht auf der Straße in einem Schlafsack schlafen, der einmal zu oft nass geworden war und Rostflecken von einem Zaun hatte. Müsste sich nicht in Autos in den Mund ficken lassen, oder mit Fremden in Hotelzimmer gehen und sich denen auf gut Glück überlassen.
Adam wusste, was diese Männer geil fanden. Wusste, dass Leo ihnen ganz unabsichtlich mehr gab, als er wollte, weil man in seinem Gesicht alles ablesen konnte. Seine Augenbrauen verzogen sich so rasch wie das Wetter im April. Seine Augen waren so offen und zeigten filterlos jedes Gefühl, jede Sensibilität, jeden Schmerz, jede Lust; einfach alles.
„Du darfst nicht so gucken“, murmelte Adam. Er streichelte über Leos Oberkörper. Eine sensible Stelle ließ Leo aufseufzen und seinen Atem stocken.
Deshalb flogen diese Typen auf ihn. Die dunklen Haare, die grünblauen Augen. Schmal war er auch, ging als jünger durch, als er war. Adam war etwas breiter. Nicht so hübsch. Nicht so offensichtlich mit seinen Emotionen. Schwäche zeigen hatte sein Vater aus ihm herausgeprügelt. Er ertrug. Er erduldete. Er bot den Männern eine Show, wenn sie dafür mehr zahlten. Er schrie innerlich.
Leo sah ihn fragend an.
„Naja, du…“ Aber das war es ja, was Adam so an ihm liebte, nicht? Leo war einfach Leo. Es gab nichts, das Adam dagegen tun konnte.
„Die stehen drauf“, sagte Leo, als würde er Adam ein Geheimnis verraten. Schlimmer: als wäre ihm das egal. Er wusste sehr wohl, was er tat.
Scheiße, klar standen die da drauf. „Du gibst denen alles von dir.“
„Adam.“ Eine Hand schob sich unter Adams T-Shirt und legte sich über sein Herz. „Ich liebe dich.“
„Ich dich auch“, versicherte Adam schnell. Das war es nicht, worauf er hinauswollte.
Leo sagte leise: „Was die machen… hat nichts-“ Dann brach er ab.
Hatte nichts mit ihnen zu tun, beendete Adam in Gedanken den Satz. Adam verstand Leos Logik, aber sie gefiel ihm nicht. Er wollte nicht, dass diese schmierigen Arschlöcher das von Leo bekamen, was er von ihm bekam. Sie verdienten das nicht. Er wollte nicht, dass Fremde Leo zum Seufzen brachten. Er wollte nicht, dass sie an seinen Augen erkennen konnten, wenn sie ihn befriedigten, wenn sie ihm weh taten, wenn sie ihn wie einen Liebhaber streichelten. Er wollte das für sich behalten. Nur er wollte Leo so sehen dürfen. Aber so funktionierte ihr Leben eben nicht.
„Nein“, sagte Leo plötzlich, als hätte er alle von Adams Gedanken gelesen, und legte eine Hand auf Adams Wange. Seine Augen waren schläfrig und liebevoll. Er löste seine Hand, zeigte auf seine Brust, tappte auf sein Herz, dann legte er sie wieder zurück auf Adams Wange. „Dich“, sagte er betonend. „Nur dich.“
„Ich lasse auch nur dich in mein Herz.“ Scheiße, war das kitschig. Adam hasste sich dafür. Für jedes ‚Ich liebe dich‘ hatte er doppelt so viele Schuldgefühle, weil es Leo nur noch fester an ihn band.
Er kämpfte mit sich selbst. Er war derjenige gewesen, der von Saarbrücken weggehen wollte. Er hatte die Tickets gekauft, hatte Leo atemlos geküsst, hatte ihm versprochen, dass sie anderswo neu anfangen konnten, wo sie niemand kannte. Aber er war es auch gewesen, der einen Streit in einer Notschlafstätte angefangen hatte, die sie rausgeworfen hatte. Er war zuerst mit einem Typen für Geld mitgegangen. Er hatte Leo nicht erfolgreich ausgeredet, das nicht zu tun. Es war immer er er er, der alles schlimmer machte. Er, der ertrank und Leo mit sich zog, tiefer und tiefer. Er, der es nicht mehr aushielt. Er, der schwach wurde.
Leo fand einen Job. Einen schlecht bezahlten, der ihn jeden Abend müde und mit schmerzenden Armen und Füßen und Rückenweh ins Bett fallen ließ, aber immerhin eine legitime Arbeit. Adam war stolz auf ihn, weil er weggekommen war, von den Männern in ihren Autos, von den Stundenhotels, von den Typen, die ihn Schimpfwörter nannten, die Adam ihnen wie Zähne aus ihren Mündern schlagen wollte. Adam machte weiter, in Autos, in Hotelzimmern, in Ecken, in Clubtoiletten.
Er wusste nicht, was Leo mit dem Geld machte. Wusste nur, dass er es nicht in seinem Rucksack aufbewahrte. Er befürchtete und hoffte zu gleichen Teilen, dass Leo es irgendwie sparte, um hier rauszukommen. Ohne Adam, vielleicht, auch wenn Leo sich nichts anmerken ließ.
Der Teil von ihm, der sich selbst hasste, dachte, dass Leo ihn sogar zurücklassen sollte, hatte er Leo doch in diese Situation gezwungen. Er, Adam Schürk, hatte unbedingt aus Saarbrücken flüchten wollen. Und Leo war mitgekommen. Und jetzt ertranken sie beide – woanders, auf eine andere Art und Weise, aber doch wurden ihre strampelnden Gliedmaßen gleichermaßen müde und die Luft knapp.
„Ich spare für uns“, murmelte Leo eines Abends, als er müde, schon im Halbschlaf, Worte fand, um mit Adam zu flüstern. „Für uns.“
„Ich habe nicht gefragt“, gab Adam zurück, schlechtes Gewissen auf seine Brust drückend. War er in letzter Zeit abweisend? Hatte er sich und seine Gedanken verraten?
Leo schnaubte und küsste ihn auf die Wange. „Wohnung.“
„Du willst uns eine Wohnung besorgen?“
„Kaution.“ Leo leuchtete beinahe mit seiner Idee, selbstzufrieden und sicher.
„Scheiße, Leo. Wie sollen wir jemals eine Wohnung finden?“ Er brauchte nicht anhängen, was er sich noch dachte, tat es aber trotzdem: „Sieh uns doch an!“ Für eine Wohnung brauchte man Lohnzettel und ein Konto und man musste sich bewerben. Niemand würde ihnen beiden eine Wohnung vermieten.
Das Licht in Leos Augen wurde wieder trüber. „Lass mich“, sagte er fest.
„Ich sag ja nicht, dass du es nicht machen sollst, aber wäre es denn nicht besser, wenn du…“ ‚Du alleine‘, wollte Adam sagen, aber brachte es dann doch nicht übers Herz. So sehr er sich auch manchmal dachte, es wäre besser, Leo wegzustoßen, er konnte nicht. Er wollte nicht allein sein. Er war ein selbstsüchtiger Arsch.
Leo rollte sich mehr ein, zog die Beine hoch, schlag einen Arm um Adams Brust. „Wir zwei.“
Leo sparte weiter. Adam wusste immer noch nicht, wo das Geld hinwanderte. Sie lebten von dem was er zurückbrachte, von den losen, zerknüllten Geldscheinen, die er schnell in die Hose steckte. Sie hatten immer weniger Energie, sich um einander zu kümmern. Leo war immer müde. Adam verging die Lust an Körperkontakt. Er hasste sich selbst, sein Leben, seine Selbstsucht. Er kam morgens kaum aus dem Bett, hatte keinen Hunger. Wollte sich nicht mehr von Fremden auf die Knie zwingen lassen. Wollte keine fremden Hände mehr auf ihm. Leo hielt ihn einfach nur fest, wenn ihm alles zu viel wurde.
Eines Tages nahm Leo Adam mit in einen Second Hand Laden und anschließend zu einer Besichtigung. Ein kleines Zimmer im Tiefparterre eines alten Gebäudes. Von innen sah es genauso wenig einladend aus, wie von außen. Aber es passte ihnen. Das alte Kastenfenster war klein und nicht ganz dicht. Der Boden war nicht mehr der schönste. Die Armaturen im Bad waren locker. Die Badewanne war alt. Es war heruntergekommen, renovierungsbedürftig. Deshalb war es aber auch billig und der Vermieter war jemand, den Leo kannte. Er bot ihnen das Zimmer für Geld an, versprach Leo; keine Dienstleistungen. Er würde die Miete mit pauschalen Nebenkosten für ein bisschen Extra für sie einheben, weil sie kein Konto hatten. So musste er keine Steuern zahlen und sie hatten eine Chance.
Sie zogen zwei Tage später ein; besorgten sich eine Matraze vom Sperrmüll, die sie mit einem Einkaufswagen heimkarrten. Alles andere konnte später nachkommen, vom Sperrmüll, vom Recyclinghof, sie würden sich schon irgendwie einrichten.
Adam heulte sich in der Dusche die Augen aus, weil sie plötzlich ein Zuhause hatten. Er hatte das gewollt für sie beide. Leo hatte es möglich gemacht. Das schlechte Gewissen wuchs an – in den letzten Wochen war er zu nichts zu gebrauchen gewesen und jetzt das. Abscheu war alles, was er für sich empfinden konnte.
Leo war für sie beide bis zum Ufer geschwommen.
„Alles okay?“, fragte Leo von draußen, laut, damit Adam ihn über das Rauschen der Dusche hören konnte. Das Wasser wurde nur lauwarm, aber es war perfekt. Sie würden abschließen können, mussten nicht teilen. Konnten ihre Dinge stehen lassen, mussten nicht Geld einwerfen, um duschen zu können.
„Ja!“ Ja. Alles okay. Komm bloß nicht rein, dachte Adam. Er brauchte einen Moment.
Es ging bergauf danach. Leo sah ihn Tag für Tag mit weniger besorgten Augen an. Sie besorgten Paletten, damit die Matratze nicht am Boden lag. Adam schloss jeden Tag andächtig die Wohnungstür zu. Sie hatten nur einen Schlüssel, den sie draußen verstecken mussten, weil sie selten gleichzeitig nach Hause kamen; der Zweitschlüssel war irgendwann verloren gegangen. Das war alles egal.
Leo besorgte wieder eine Schachtel für das Geld, das sie nach Hause brachten.
„Willst du das Geld trennen?“, fragte Adam. „Falls du mal etwas damit machen willst?“
„Nein.“ Leos Stimme war hart und deutlich. „Wir zwei. Zusammen.“
Es ging eine Zeit lang gut. Leo hatte seinen Job, war jeden Abend müde. Adam kam meistens nach Leo nach Hause, weil er das Durchhaltevermögen für einen stetigen Job nicht hatte. Er redete sich selbst ein, dass er nicht jeden Tag acht Stunden lang für einen Hungerlohn arbeiten konnte. Er hatte andere Möglichkeiten. Die Wahrheit war, dass er es nicht vertrug, wenn ihm jemand anschaffte, was er zu tun hatte.
Das schaffte er bei Freiern, bei Blowjobs in Autos und Ecken, weil er da immer noch selbst entscheiden konnte, in wie weit er den Anweisungen folge leistete. Da hatte er die Oberhand, so lächerlich der Gedanke auch war. Er war gut als Kurier, auch wenn ihn mittlerweile die Polizei kannte.
Aber er würde keinen Job mit einem täglichen Rhythmus schaffen, mit einem Chef, auf den er angewiesen war. Nicht, wenn er sich jeden Tag anhören musste, was er falsch machte, was er wohin räumen sollte, wie er seine Handgriffe ausführen musste. Er hatte es einmal versucht, war aber in der ersten Woche rausgeflogen.
Leo schaffte das. Leo war einfach eine Maus bei der Arbeit, tat, was man ihm sagte. Leo, mit den traurigen Augen, der einfach ‚ja‘ sagte, wenn er überhaupt sprach,.
Wochen wurden zu Monaten.
Leo hatte wieder eine stille Phase, die länger als sonst dauerte. Adam wusste, dass es ihm im Moment nicht gut ging, aber es gab recht wenig, das er dagegen tun konnte. Er versuchte, ihn aufzumuntern. Leos Lächeln und seinen verliebten Küssen nach zufolge gelang es ihm ganz gut.
Eines Abends war Leo nicht zuhause, als Adam nach Hause kam. Ungewöhnlich, sicher, aber manchmal brauchte Leo einfach Frischluft nach der Arbeit. Dann kam er spät nach Hause, ließ sich leise rein, brachte seltsame Dinge nach Hause, die er gestohlen hatte, von Obst oder Gemüse bis zu Vasen, für die sie keinen Verwendungszweck hatten, die aber hübsch waren. Mal eine halbe Schachtel Zigaretten für Adam, obwohl er nicht unbedingt wollte, dass Adam rauchte, weil sein Husten dadurch nicht besser wurde.
Einmal brachte er eine lädierte Topfpflanze nach Hause, die irgendjemand weggeschmissen hatte. Leos romantische Idee schien zu sein, dass er sie vielleicht aufpäppeln konnte, wenn er sich nur genug darum bemühte. Sie warfen sie eine Woche später selbst weg, weil keiner von ihnen wusste, wie man Pflanzen rettete. Weil sie keine Vorbilder in ihren Leben gehabt hatten, die ihnen das gezeigt hätten.
Adam erwartete ihn auch an dem Abend einfach nur später. Leo hatte schon länger den Plan gehabt, mal wo ein Fahrrad zu finden. Vielleicht war er unterwegs. Die Vorstadtgärten hatten bereits die ersten Tomaten auf den Sträuchern. Die lauen Nächte verleiteten ihn in den letzten Wochen vermehrt zu seinen Streifzügen.
Er kam irgendwann im Morgengrauen, völlig zugekokst und zugedröhnt, auf wackeligen Beinen nach Hause und kotzte im Bad, bevor er sich zitternd und heiß zu Adam legte.
„Leo?“
Er schwitzte, aber als Adam ihn angreifen wollte, zuckte er weg und klammerte eine Hand um Adams Handgelenk.
„Nein.“
„Leo, Baby.“
„Nicht anfassen, ich will nicht, dass du mich anfasst, kannst du mich einfach nur halten“, brabbelte er krächzend und heiser wie ein Wasserfall und rollte sich so, dass er in Adams Armen lag. Adam schlang seine Arme um ihn – bemühte sich, seine Hände nicht greifen zu lassen, sondern ihn einfach nur zu umarmen; so, wie er das schon seit Jahren machte. Früher in ihrem Schlafsack, in den Betten, die sie hin und wieder fanden, und jetzt auf ihrer Matratze auf der Palette in ihrem kleinen Zimmer. Mehr sagte Leo nicht. Länger war er auch nicht wach. Er schlief ein, ließ sich im Halbschlaf eine Stunde später ein trockenes T-Shirt anziehen, schwitzte in den folgenden Stunden durch das genauso durch.
Er ging am nächsten Tag nicht zur Arbeit, wachte kaum genug auf, um zu essen. Tausend Euro für eine Nacht mit zwei Typen und er konnte sich nur vage und fetzenweise daran erinnern, was passiert war. Adam fühlte sich hilflos.
Es geschah bald darauf wieder. Triumphal zog er ein Bündel Scheine aus seiner engen Jeans, während er in ihrem Zimmer zu einem Rhythmus die Hüften schwang, den nur er hören konnte. Hysterisch lachend, durstig von was auch immer er genommen hatte, verschwitzt und nach Sex stinkend. Er ließ den Job eine Woche später sausen.
Seine Begründung war abfällig sich selbst gegenüber. „Arbeiten kann ich in fünf Jahren immer noch, wenn mich keiner mehr ficken will.“
„Das ist es, was du sagst, wenn du mal Lust hast zu reden?“, fragte Adam entgeistert. Leo gönnte ihm kaum zehn Wörter am Tag, aber das war es dann, was er zu sagen hatte, wenn er mal den Mund aufmachte?
„Ich, Leo. Ich will dich für den Rest deines Lebens ficken.“ Und lieben. Und ihm zuhören. Und ihm seine dümmeren Ideen ausreden. Und ihn ermutigen, das zu tun, was ihn von diesem Leben wegholte und ihm Spaß machte. Aber dazu musste Leo das hier überleben.
Leo war offensichtlich nicht wach genug, um darüber nachzudenken, aber er ließ sich im Halbschlaf duschen und die Kratzer und wunden Stellen eincremen.
„Ich liebe dich“, murmelte Adam, als er Leo festhielt, weil er nicht wusste, was er sonst sagen konnte.
Ohne die Worte laut zu erwidern, blieb Leo liegen und streichelte bedeutungsvoll und zärtlich über Adams Brust, bis er schließlich einschlief. Dann konnte Adam die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Monatelang hatte Leo einen Schwimmzug nach dem anderen in Richtung Ufer gemacht. Hatte für sie beide gepaddelt und Adam mitgezogen. Aber jetzt war ihm wohl die Puste ausgegangen.
Leo ertrank hier, genau wie Adam früher in Saarbrücken. Er strampelte und schnappte nach Luft und Adam konnte ihn nicht hochziehen.
Schuldgefühle schwappten über ihm zusammen.
Zum ersten Mal sah er kein Ufer mehr.
* * *
Das Leben pendelte sich wieder ein.
Leo beruhigte sich in den kommenden Wochen. Schlief wieder mehr, fand seine Worte wieder. Kam zu normaleren Zeiten nach Hause. Seine Exzesse waren ein Hilfeschrei gewesen und Adam hatte ihn gehört. Er bemühte sich, beim Schwimmen zu helfen. Sie arrangierten sich und sprachen mehr miteinander.
Monate vergingen in einem Rhythmus, auf und ab. Sie schwammen gemächlich, Zug um Zug.
Die Ruhe war trügerisch.
Adam saß auf dem wackeligen Sperrmüll-Barhocker an ihrem kleinen Kastenfenster und rauchte hinaus. Die Hand mit der Zigarette hielt er durch die beiden Fensterflügel bis ganz nach draußen; der alte, abspringende Lack bohrte sich in seinen Unterarm. Es kümmerte ihn recht wenig. Manchmal legte er eine Zeitung über die Kanten, wenn er länger bleiben wollte, aber heute hatte er keine bei der Hand. Er zog wieder an der Zigarette, atmete tief ein und wieder durch den Spalt im Fenster hinaus. Etwas Rauch drang trotzdem in ihr Zimmer. Er aschte in die kaputte Tasse, die zwischen den beiden Fensterrahmen stand und drückte die Zigarette schließlich aus, als sie bis zum Filter abgebrannt war.
Er war noch müde, aber schlafen konnte er auch nicht mehr. Die Sonne kam bereits bis zu ihrem Tiefparterre-Zimmer, also schätzte Adam die Zeit auf kurz vor neun.
Leo war irgendwann am Morgen, noch im Dunkeln, von einem Fick zurückgekommen. Adam war aufgewacht und hatte ihm dabei zugehört, wie er durch das Zimmer getapst war. Hatte ihm im Mondlicht beim Ausziehen der Jeans zugesehen und gewartet, bis er ins Bett kam. Sie bemühten sich immer beide, den anderen nicht aufzuwecken, aber die Wohnungstür quietschte, egal wie langsam und vorsichtig man sie öffnete.
Leo war zu Adam auf die Matratze geklettert und näher gerutscht, bis Adam die Decke um ihn schlingen und ihn in der dunklen Wärme ihres Bettes willkommen heißen konnte. Er hatte die kleinen Details notiert, während er wortlos einen Arm um Leo gelegt hatte: wie kalt seine Haut war, dass das Duschgel teuer roch, wie trocken seine Haare waren. Sein Herzschlag war normal. Alles war gut.
Jetzt war es fast neun und Leo schlief noch. Ein blasser Arm ragte unter der Bettdecke hervor, aber mehr war nicht zu sehen. Adam hatte ihn gut eingepackt, als er vorhin aufgestanden war, damit ihn das offene Fenster nicht störte. Schön langsam wurde es ihm aber zu frisch und seinem Husten tat weder die kalte Luft, noch das Rauchen gut. Der Straßenlärm wurde auch immer lauter.
Er zog das äußere Fenster zu und schob den Riegel vor. Aber statt zurück ins Bett zu gehen, blieb er noch sitzen und lehnte sich an die Wand. Wartend, nachdenkend. Beobachtend. Alltägliche Sorgen waren immer schwerer zu ertragen, wenn Leo schlief.
Adam hustete trocken, bemühte sich, leise zu bleiben. Es half nicht.
Plötzlich raschelte die Decke, wanderte tiefer, bis Leos verwuschelter Kopf herausragte.
„Na, du?“, fragte Adam von seinem Beobachtungsposten aus. Mehr brachte er nicht raus, bei dem Anblick, den Leo bot. Blass und übermüdet, und rote, trockene Haut um seine Augen. Er brauchte noch ein paar Stunden Schlaf. Leos suchender Blick aus kleinen, müde blinzelnden Augen landete auf dem Hoodie auf Adams Seite des Bettes. Er stemmte sich hoch und zog ihn zu sich und über seinen Kopf. Adam konnte die Spuren der letzten Nacht nur ansatzweise erkennen, bis der Hoodie Leos Körper wieder versteckte. Ein zögerliches Lächeln machte sich auf Leos Lippen breit.
„Soll ich kommen?“
Leo fasste sich an den Hals und die Brust und nickte mit dem Kinn zu Adam.
„Ah, geht schon“, antwortete Adam. Sein Husten hielt schon länger an, aber das war jeden Winter so. Irgendwann bekam er eine Erkältung und der Husten blieb ein, zwei Monate lang trocken in seinen Lungen stecken. „Ich mache mir einen Tee, wenn du gerade wach bist. Du auch?“
Leo schüttelte den Kopf, griff aber nach dem Wasserglas auf dem Stuhl neben ihm. Er trank zwei große Schlucke und ließ sich dann wieder auf die Matratze fallen. Seine Augen blieben winzig klein. Es war ihm zu hell. Er gähnte, zeigte Adam dabei seine Zähne, und zog sich anschließend aus Protest gegen das Tageslicht die Decke über den Kopf.
„Ja, ja. Ich mach ja schon.“ Adam nahm die herunterhängende Seite des alten Handtuchs, das sie zu einem Vorhang umfunktioniert hatten, zog es über den Fensterrahmen und hängte den löchrigen Stoff auf den Nagel, der dort im Holz steckte. Sofort wurde es dunkler im Raum und Leo zog sich die Decke zufrieden wieder vom Kopf.
„Alles klar?“, fragte Adam.
Leo nickte.
„Ist dir kalt?“
„Kurz.“
„Die Nacht war kurz?“, interpretierte Adam und blieb am Weg zu ihrer Kochnische am Fußende des Palettenbetts stehen.
Leo nickte.
Adam atmete tief durch, weil er wusste, dass hier Geduld gefragt war und er befürchtete, dass er gerade nicht genug hatte. Aber er konnte die Worte, die Leo die letzten Tage gesprochen hatte, an seinen Fingern abzählen. Es wurde wieder schlimmer.
Also ging er zu seiner Seite des Bettes und kniete sich vor Leo auf die Matratze, damit er mit einer Hand durch Leos Haare streicheln konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sein Daumen wischte über Leos Stirn, seine Schläfe, seine Wange. Schließlich presste er einen Kuss auf Leos Stirn. „Versuch wieder mal ganze Sätze, ja?“
„Okay.“ Leos Stimme klang heiser vom Nichtgebrauch.
Adam stützte sich besser ab und drückte seine Lippen auf Leos. „Ich hör dir zu, ja?“
„Ich liebe dich“, flüsterte Leo und streckte sich hoch, um Adam noch einen kurzen Kuss auf die Lippen zu pressen. Dann ließ er sich wieder auf die Matratze fallen. Ein Zittern schien durch ihn durchzugehen, weshalb Adam eine Jogginghose vom Stuhl zog und die Bettdecke zurückschlug, um sie Leo im Liegen anzuziehen.
Leo krümmte sich, weil Adams Finger kalt vom Rauchen waren.
„Bist du nicht gewohnt, hm, dass dich wer anzieht, statt aus.“
Leo sah ihn mit einem Auge an, das andere war zusammengekniffen. Er grinste Adam verschmitzt an.
Es war nicht einmal lustig.
Scheiße, dachte Adam. Das war nicht mal lustig.
Als Leo die Hose schließlich anhatte und Adam ihn wieder eingepackt hatte, machte er sich Tee, nahm zwei der alten Säckchen, die er zum Trocknen aufgehängt hatte, und stellte die Tasse auf den Stuhl, der ihr Nachttisch war.
Dann legte er sich zu Leo. „Na, komm her.“
Leo schob sich zu Adam, bis er dicht an ihm lag, Kopf an Kopf. Er setzte zum Sprechen an, ließ es dann aber bleiben.
„Ja?“ Ganze Sätze, komm schon. Adam suchte nach Leos Hand unter der Decke und drückte sie.
„Hab gestern Schumann gesehen“, kam es dann leise und krächzend.
„Ja?“
„Will uns wieder. Morgen Abend.“
Schumann war ein netter Typ, der alle paar Monate beruflich in der Stadt war. Adam hatte mal ein Konferenzprogramm auf seinem Tisch gesehen, irgendein Ärztekongress. Er fuhr immer mit seinem Leihwagen durch die Straße, an der sie standen, und wenn er einen von ihnen sah, bestellte er sie beide. Er fand es geil, zuzusehen, wollte immer ein bestimmtes Szenario durchspielen. Es war leichtes Geld, weil sie dabei miteinander Spaß haben konnten.
Andere wollten sie auch beide, aber selten war es so ohne ‚Auflagen‘, die ihnen nicht gefielen. Es gab Grenzen, die sie nicht bereit waren, zu überschreiten. Das hatten sie einmal getan, weil sie das Geld dringend gebraucht hatten, aber sie hatten danach ein paar Tage Probleme damit gehabt, wie sie einander berühren sollten. Leo hatte für den Rest der Woche geschwiegen und nicht einmal Adam hatte gewusst, wie er die Nacht in Worte fassen konnte.
Adam nickte. „Okay.“
Er legte einen Arm um Leo, wollte ihn einfach nur halten. Draußen, vor ihrem Fenster, piepste ein Lastwagen beim Rückwärtsfahren, laut und eindringlich. Leo atmete ruhig und müde an seinem Ohr. Wie früher in seinem kleinen Bett, in dem sie als Jugendliche so oft geschlafen hatten. Wie lange war das jetzt her? Noch gar nicht so lange; ein paar Jahre.
Adam starrte auf die Risse in der Decke und fühlte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Was machten sie hier? Sie hatten keine Ausbildung, keine Chance auf eine Zukunft. Sie konnten nicht ewig so weitermachen. Irgendwann war es aus mit dem jugendlichen Aussehen, das ihnen jetzt ihre Freier garantierte. Irgendwann würden sie die Miete nicht mehr bezahlen können – und was dann? Sie konnten nicht noch einmal zurück auf die Straße. Nicht Adam mit seinem Scheißhusten oder Leo mit seiner Nervosität, die immer schlimmer wurde, je länger sie draußen waren.
Sie ertranken hier beide und wohin sie auch sahen, da war kein Ufer in Sicht.
