Work Text:
doch ich sage nichts, schweigen ist zu laut
brauchen beide unsere zeit und deine zeit hebt meine auf
ziehen wolken auf, haben wir einen grund uns zu verstecken
doch ich hab keine strahlen um durchzubrechen
denn ich bin der mond
ich kann nur scheinen wenn du strahlst
ich leuchte nur im dunkeln, nie am tag
und ich warte auf die nacht
ich warte auf die nacht
wenn sterne explodieren brauchen sie platz
1.
Esther verdreht die Augen, noch bevor Hölzer und der Neue durch die Glastür des Büros verschwunden sind. Neben ihr entfährt Pia ein monotones “Wow.”
Ja, wow. Der Neue weiß auf jeden Fall, wie man auf einen ersten Eindruck scheißt.
Kein Wort hat er zu ihr oder sonst irgendwem gesagt, seit er sich im Besprechungszimmer auf dem Tisch niedergelassen hat, um auf Weniger zu warten. Zumindest den wird er wohl nicht so stoisch angeschwiegen haben.
So einer hatte Esther gerade noch gefehlt.
Als es hieß, dass ihr Team nach dem Jaschke-Vorfall eine Umstrukturierung erfahren würde, hatte sie ja insgeheim gehofft, dass Hölzerchen seine leitende Position los wird. Fehlanzeige — aber dass ihm die Disziplinardienststelle nun im Nacken sitzt, geschieht ihm nur recht. Vielleicht nimmt er den Klaps auf die Finger zum Anlass, sich endlich ein dickeres Fell zuzulegen.
Wie der Neue – Schürk , hatte Leo gesagt – sich im aktiven Dienst schlägt, wird sich zeigen, aber dass der Typ ihm von Tag eins blindlings folgt, ist kein gutes Zeichen. Im schlimmsten Fall ist er ein Speichellecker, im besten Fall genau so rückgratlos wie sein Kollege.
Pia dreht sich mit einem verschwörerischen Grinsen zu Esther. “Da ist auf jeden Fall irgendwas im Busch.” Esther schnauft ein Lachen aus. No shit, Sherlock.
“Heute morgen haben die sich einfach nur angestarrt, als ich reingekommen bin. Glaubst du, es gab schon Stress? So schnell?”
“Mhm.” Unwahrscheinlich, so wie sie im Gleichmarsch hinausspaziert sind. Wie ein Herrchen mit seinem Schoßhund.
Egal, was da zwischen den beiden läuft: Esther hofft, dieser Schürk macht ihnen keine Probleme. Aber so viel Glück hat sie auch sonst nie, dass sie bekommt, was sie will.
2.
Der Abschluss des Falls Hofer war nicht wirklich sein Ende, im Gegenteil.
Nachdem publik wurde, wie Erik Hofer sein eigenes Ende fand und welche Vergangenheit das Unternehmen verbarg, drehte sich der Medienrummel einige Tage um kaum etwas anderes. Und während Konrad Hofer sein Bestes tat, das Image der Firma unter neuer Geschäftsführung in eine andere Richtung zu lenken, verkrochen sich die Beamten der Saarbrücker Mordkommission in den Hintergrund und taten, was Beamte eben so tun – Berichte schreiben.
Adam versteht sich nicht als Beamter.
Die Hofer-Akten zu wälzen hatte zumindest einen Zweck gehabt, ein Ziel, dem er nachgejagt ist, und so ist es auf seine Art befriedigend gewesen, wie im Autopilot stundenlang die Papiere nach Informationen zu durchkämmen. Protokolle hingegen waren eine mentale Sackgasse, die es ihm wie Ameisen in den Fingern jucken lässt.
Irgendwann hat Adam genug davon, seinen Bildschirm mit Verachtung niederzustarren, und verschwindet durch die Feuertür auf den Parkplatz.
Kaum jemand nutzt den Hintereingang für Raucherpausen. Die graue Kulisse des Asphalts und der Mülltonnen lädt wohl nicht zum Verweilen ein, aber ihm ist das herzlich egal, solange er seinem Schreibtisch entfliehen kann.
Adam lehnt mit seiner Zigarette zwischen den Fingern an der Wand und beobachtet die Sonne, wie sie hinter den Baumspitzen verschwindet, als sich die schwere Metalltür neben ihm öffnet.
"Oh. Hey."
Leo tritt mit dem Autoschlüssel und einigen Akten in der Hand auf den Parkplatz. Seine Augen huschen kurz zur Zigarette zwischen Adams Fingern. "Wusste gar nicht, dass du rauchst."
Adam kann förmlich sehen, wie Leo bei seinen eigenen Worten innerlich zusammenzuckt. Nach fünfzehn Jahren war das eins der kleineren Dinge, die sie nicht voneinander wussten.
Er lässt den Rauch aus seiner Lunge gleiten und nickt zu den Unterlagen. "Außeneinsatz?"
"Ich muss nur was aus der Pathologie abholen."
"Mhm." Die Kippe ist schon beinahe auf den Filter heruntergebrannt.
Adam zieht an seiner Zigarette. Leos Augen folgen der Handbewegung, gehen aber sofort wieder zu den Schlüsseln in seiner eigenen Hand. Er sagt nichts.
Früher – damals – hatte Leo mal zwei Zigaretten aus der versteckten Schachtel seiner Schwester geklaut, um sie mit Adam zu teilen. Adam hatte abgewunken, hatte sich nicht ausmalen wollen, wie sein Vater auf den Geruch von Rauch an ihm reagieren würde. Wollte es nicht riskieren, auch wenn Leos enttäuschtes Gesicht fast ausgereicht hatte, dass er es sich noch einmal anders überlegt.
Stattdessen hatte Leo nach einer beklommenen Sekunde ein breites Grinsen aufgesetzt und gemeint, dann bliebe halt mehr für ihn. Beim zweiten Zug hatte er schon so einen Hustenanfall bekommen, dass Adam nur lachen konnte. Er lachte, bis ihm die Tränen in die Augen stiegen.
Bei der ersten Zigarette, die Adam in Thailand von Backpackern angeboten bekommen hat, war ihm fast die Luft weggeblieben, so sehr fehlte ihm Leo in jenem Moment.
Adam mustert diesen Leo, wie er heute vor ihm steht, erwachsen und breitschultrig, solide, wie er es als Junge nie gewesen ist. Er weiß, welche Disziplin dahinter steckt, welche Behutsamkeit so ein Körper erfordert. Hatte es am eigenen Leib erfahren. Für Laster wie seine ist da kein Platz.
Es hatte Adam Überwindung gekostet, sich Dinge zu erlauben, einfach weil er sie wollte, nachdem er aus Saarbrücken verschwunden war. Seine Flucht war der Anfang gewesen.
Jeder Genuss, jede Bettgeschichte, jeder Drink, der danach kam, war ein Zugeständnis an sich selbst gewesen – zuerst euphorisch, irgendwann beinahe manisch, bis er sich nach ein paar Jahren in Berlin niedergelassen hat, erschöpft. Das Rauchen war ein Souvenir aus dieser Zeit, das er noch immer mit sich trägt, mehr aus Gewohnheit als aus einem Bedürfnis heraus.
Sehr lange hat sich jeder Atemzug voll Nikotin wie ein Triumph angefühlt. Er hatte lang genug überlebt, dass etwas anderes die Chance hatte ihn umzubringen als Roland Schürk.
Jetzt, wo er wieder in Saarbrücken ist, wieder bei seinem Vater, aber auch wieder bei Leo, ist er sich nicht mehr sicher, wer dabei wirklich gewinnt.
Sie schweigen sich immer noch an, Leo und er, auch wenn Adam den Eindruck bekommt, dass Leo jeden Moment dazu ansetzt, etwas zu sagen. Als Formalität, und weil er nichts besseres anzufangen weiß, kramt er seine Zigarettenschachtel hervor und hält sie ihm hin.
Leo schaut überrascht auf, formt den Mund zu einem “Oh.” Schüttelt kurz und kaum merklich den Kopf, wie es Adam schon erwartet hat. Natürlich nicht.
Adam atmet ein letztes Mal den Rauch aus, drückt die Zigarette am Mülleimer aus. Er nickt Leo kurz zu.
“Dann bis später.”
Zurück im Büro schiebt er die Schachtel in seine Schreibtischschublade, in die hinterste Ecke.
3.
Ganz in der Nähe des Kommissariats gibt es eine kleine Kneipe, die passables Essen serviert, wenn man es gerade heiß und fettig braucht.
Irgendwann waren sie dazu übergegangen, manchmal als Team ihre Ermittlungsarbeit aus dem Büro dorthin zu verlegen. Aus einem schnellen Happen zum Abendessen wurde oft genug ein langer Abend über dem Kicker, von dem sich niemand so recht losreißen wollte, um in die kalten Räume des Kommissariats zurückzukehren. Bei den hitzigen Gefechten um den Plastikball flogen auch die Gedanken zu ihren Fällen leichter hin und her. Verbindungen entstanden, wo vorher keine waren. Hin und wieder flogen auch die Fetzen, was die Spannung im Büro aber eher entschärfte als verschlimmerte.
Dann kam der Jaschke-Vorfall. Monate des Misstrauens. Dann waren sie nur noch zu dritt.
Das Disziplinarverfahren hatte sowieso schon an Leo genagt. Dass er außerhalb seines Teams kein Sozialleben hatte, war eine Erkenntnis, die er sich gerne für einen anderen Zeitpunkt aufgespart hätte.
Und nun ist Adam zurück. Dieser Fremde, der ihm so seltsam vertraut ist.
Leos Kopf schwirrt, seit er ihm im Büro gegenübergetreten ist, als würde er doppelt sehen. Da ist Adam, den er kennt wie sich selbst, umhüllt von einer Leerstelle, ein halbes Leben groß. Die Distanz zwischen ihnen ist verschwindend und überwältigend zugleich. Er weiß nicht, wie er sie überbrücken soll.
Während sie die ersten Tage damit verbracht haben, sich aufeinander einzupendeln, hat es Pia geschafft, ihre Abende in der Kneipe wieder einzuführen. Sie hat es mit einem verschmitzten Lächeln in Adams zweiter Woche vorgeschlagen.
"Jetzt sind wir schließlich wieder zwei gegen zwei. Der Neue soll mal zeigen, was in ihm steckt."
Und so hatten sie sich an ihre neue Dynamik herangetastet, nicht nur als Team, sondern auch Leo und Adam unter sich. Früher waren sie immer nur zu zweit gewesen, beide freundlos abgesehen vom anderen; Leo hat sich kein Bild von einem Adam machen können, der mit seinen Kolleginnen und ihm einen entspannten Abend verbringt. Es hat sich aber schnell als Chance entpuppt.
Zwischen ihnen ist noch so viel ungesagt, aber durch Esther und Pia kann ihre Vergangenheit für einen Moment in den Hintergrund rücken. Stattdessen bemerkt Leo die kleinen Dinge an Adam, die er wiedererkennt: seine leise Art, sich zu amüsieren, die Aufmerksamkeit, mit der er zuhört. Je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto klarer wird ihm, wie sehr er ihn vermisst hat. Wie eine alte Wunde, die beim Wetterwechsel schmerzt.
Heute ist Adam nicht da, um der offenen Einladung in ihr Stammlokal zu folgen. Er hat sich nachmittags nach einem Anruf aus dem Staub gemacht. Was privates, hat er gesagt, als Esther nachhakte. Sein Vater , hat Leo gewusst. Er konnte es ablesen in der Art, wie sich Adams Kiefer versteifte – das hatte sich nicht geändert seit ihrer Jugend.
Pia und Esther sammeln gerade ihre Jacken ein, als Pia fragt: "Und, kommt der Schürk mit?"
"Adam ist nicht da."
"Da gibt's sowas, das nennt sich Telefon. Schon damit versucht?", wirft Esther von der Seite ein.
Leo zögert, findet aber keinen Grund, Adam nicht anzurufen – nicht ohne preiszugeben, dass er eine Ahnung hat, wo Adam gerade steckt. Mit einem Seufzen zückt er sein Handy, wählt seine Nummer aus seinem Anrufverlauf. Vielleicht geht er nicht ran. Leo hat gerade genug Zeit, den Gedanken zu formulieren, bevor Adams Stimme durch die Leitung erklingt.
"Ja, Leo?"
"Hey. Wir sind auf dem Weg ins Nautilus, willst du dazukommen?" Er pausiert kurz. "Also nur wenn du..."
"Und ob ich da hinkomme." Oh.
“Okay. Dann bis gleich." Adam hat schon wieder aufgelegt.
Esther schmunzelt ihn an. Leo lächelt gezwungen zurück.
Die Stimmung ist an dem Abend seltsam angespannt. Adam ist mit großen Schritten durch das Lokal zu ihrer Ecke spaziert, wohl in dem Versuch, sich nicht anmerken zu lassen, mit welchem Gemütszustand er seine Eltern verlassen hat. Es gelingt ihm nicht wirklich.
Die Zankereien mit Esther gehen über das hinaus, was Leo von Adam gewohnt ist. Normalerweise ist Adam reservierter, reagiert erst, wenn er dazu herausgefordert wird. Ausnahmsweise hat Esther den Gegenwind nicht verdient, den sie abbekommt.
Irgendwas muss passiert sein.
Leo kann nur mit ansehen, wie Adam zu weit geht, zurückrudert, etwas in sich zusammenfällt bei seiner Entschuldigung. Esther nimmt sie an und die Wogen sind vorerst geglättet, aber Leo bricht es das Herz, Adam so zu sehen. Er bereut es ein wenig, ihn herbestellt zu haben, wo er sich so zusammenreißen muss.
Der Abend zieht sich danach nicht mehr lang. Leo legt Adam beim Gehen die Hand auf den Rücken, wo es Esther und Pia nicht sehen. Mehr kann er ihm in diesem Moment nicht geben, aber er hofft, es ist genug.
Unter seinen Fingern atmet Adam langsam aus.
4.
Adams liebste Zeit im Jahr war immer der September gewesen, wenn die Schule wieder losging – nicht, dass er das jemandem jemals hätte weismachen können. Das Ende der Sommerferien war für seine Mitschüler eher ein Traueranlass.
Für Adam bedeutete er den Unterschied zwischen Nacht und Tag.
Seine Sommerferien bestanden in erster Linie aus rigorosem Training, ohne einen Schulalltag weg von seinem Zuhause, das ihm ein paar Stunden Abstand und Ruhe am Tag verschaffte. Hin und wieder verschwand sein Vater, um seinen eigenen Geschäften nachzugehen, aber das so unregelmäßig und unvorhersehbar, dass Adam selbst in seiner Abwesenheit besser daheim blieb. Oder zumindest in der Nähe, wo sein Vater ihn finden konnte, wenn er es wollte.
Dazu kam die drückende Hitze, die immer mehr an seiner Verfassung zehrte, seinen Vater aber vor allem noch gereizter machte. Nach sechs Wochen zuhause war der September immer ein Lichtblick gewesen, aber nicht nur wegen dem Schulbeginn.
Im September begann die Jagdsaison.
Das bedeutete, wenn Adam nachmittags aus der Schule kam, war sein Vater meist nicht da – manchmal kam er abends wieder, manchmal war er tagelang verreist. Er musste zwar sichergehen, dass er zum Einbruch der Nacht rechtzeitig wieder heimkehrte, nur für alle Fälle; die Nachmittage gehörten für ein paar glorreiche Wochen aber nur ihm. Ihm und Leo.
Nachdem sie sich in den Ferien kaum hatten sehen können, nutzen sie Adams Freiheit dazu, den Radius ihrer Welt über ihre Nachbarschaft hinaus auszuweiten. Ziellos streiften sie umher, zuerst zu Fuß, irgendwann auf ihren Fahrrädern. Es fühlte sich ein bisschen an, als stünde ihnen die ganze Welt offen. Spielte dann noch das Wetter mit und trug ihnen den Sommer hinterher, waren Adams persönliche Ferien fast perfekt.
Der Frühherbst, bevor Adams Vater ins Koma gefallen war, war so gewesen. Zusammen hatten sie die Wälder um Saarbrücken erkundet, hatten jeden Tag eine neue Richtung eingeschlagen und waren ihr so weit gefolgt, wie sie es sich zugetraut hatten, während um sie herum die Blätter drohten, ihre Farbe zu wechseln.
An einem dieser endlosen Nachmittage stießen sie auf eine Lichtung mit einem kleinen See.
Er lag still und menschenleer vor ihnen. Es gab einen Holzsteg, der fast bis in die Mitte des Wassers reichte. Am Ufer war der Zugang zum Wasser durch Steine und Gestrüpp versperrt – es sah nicht so aus, als wäre der See besonders gut besucht. Auch das Wasser lud mit seiner etwas zu grünen Farbe nicht unbedingt zum Schwimmen ein.
Jedenfalls sah Adam das so. Leo neben ihm strahlte nur, während sie das Glitzern auf der Oberfläche betrachteten, und war gleich dabei, sich aus seinen Klamotten zu schälen.
Adam hob eine Augenbraue. “Und was genau hast du vor?”
“Wonach sieht’s denn aus? Wann haben wir schon so eine Gelegenheit? Ein ganzer See nur für uns!”
“Wir haben doch gar nichts zum Abtrocknen dabei.”
Leo winkte ab. “Das trocknet doch alles auf dem Heimweg.”
Adam konnte sich angenehmeres vorstellen, als mit nassen Boxershorts nach Hause zu radeln. Er verzog das Gesicht.
Noch bevor er etwas erwidern konnte, sprintete Leo den Steg hinunter, jeder Auftritt ein dumpfer Schlag auf dem Holz, bis er sich am Ende mit voller Kraft abstieß. Für einen Moment schwebte er am höchsten Punkt seiner Flugbahn. Die Nachmittagssonne stand tief hinter ihm und badete ihn in goldenem Licht.
Adam stockte der Atem. Die Schwerkraft packte Leo und zog ihn unter Wasser.
Ohne Eile joggte Adam den Steg hinunter und lugte ins Wasser. Leo schob sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Seine Zähne klapperten.
“Scheiße, ist das kalt,” stieß er hervor. Er grinste immer noch. “Komm auch rein!”
“Ganz sicher nicht.” Adam steckte demonstrativ die Hände in die Taschen seiner Shorts. Er wich aus, als Leo mit dem Arm ausholte und Wasser auf den Steg schwappte.
“Hey!”
“Jetzt stell dich nicht so an. Das ist bestimmt gut für den Kreislauf oder so.”
Adam beobachtete ihn eine Weile, wie Leo mit geschlossenen Augen auf dem Wasser trieb, die Arme ausgebreitet.
Er seufzte. Dieser kleine Pisser konnte ihn wirklich zum größten Blödsinn verleiten und musste sich dafür nicht einmal anstrengen.
Adam zog sein Shirt über seinen Kopf, stieg aus seinen Turnschuhen und kickte sie beiseite. Leo beobachtete ihn, legte die verschränkten Arme auf den Rand des Stegs, wo das Holz von der Sonne noch warm war.
Zur Probe dippte Adam seinen Fuß ins Wasser... und blitzartig zog er ihn wieder zurück. “Auf gar keinen Fall, du spinnst doch.”
Leo lachte auf, laut und hell. “Spring einfach rein, dann ist’s halb so schlimm, versprochen.”
Adam trat einen Schritt zurück, blickte auf Leo herunter. Leos dunkle Augen blickten zurück.
Er ging einige Meter den Steg hinauf.
“Adam!”, rief Leo ihm zu.
“Was?”
“Spring so hoch du kannst! Arschbombe!”
Verflucht seist du, Hölzer. Er sprang.
5.
Adams Blut rauschte in seinen Ohren. Dumpf drang die Stimme seines Vaters zu ihm durch. Seine Fäuste waren wie an den Boden des Baumhauses festgewachsen, seine Knie in seiner geduckten Stellung verwurzelt.
“Adam, bist du das etwa da oben?”
Irgendwas stimmte nicht. Neben ihm war Leo erstarrt. Er konnte es auch hören, im Tonfall seines Vaters.
Seine Gedanken rasten, aber er fand keinen anderen Ausweg. Den hatte es nie gegeben.
Langsam drehte er sich zur Leiter.
Leo packte ihn am Handgelenk, so fest, dass es beinahe schmerzte. Er schüttelte den Kopf. Sein Blick bohrte sich in Adams. Geh nicht.
Unten rief sein Vater weiter nach ihm, immer lauter. Wütender.
Es gab keinen anderen Ausweg. Wenn er nicht ginge, würde sein Vater hochkommen.
Adam nahm all seine Kraft zusammen und löste Leos weiße Finger von seinem Handgelenk, drückte Leos Hand auf den Boden. Mit Nachdruck presse er sie auf das Holz, hoffte, dass Leo verstand. Bleib hier. Rühr dich nicht von der Stelle.
Sprosse für Sprosse stieg er die Leiter hinab, die Beine taub.
Die Polizeilandesinspektion Saarland sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine/n
Hauptkommissar/in zum Einsatz in der PI Saarbrücken-Stadt (LPP 213) .
Folgende Qualifikationen werden vorausgesetzt…
Adam folgte den Zeilen auf seinem Bildschirm immer und immer wieder, blieb immer an der selben Stelle hängen. Teamleitung: Leo Hölzer.
Bei dem Namen schossen Adam Bilder durch den Kopf, die er auch nach all den Jahren nicht abschütteln konnte. Weiche, braune Haare, die in ein schmales Gesicht hingen. Ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang, warm und einladend.
Aufgerissene Augen, flehend. Voller Angst. Geh nicht.
Ein Weg tat sich vor Adam auf, eine Gelegenheit. Ein Ruf, der klarer nicht sein konnte.
Es war Zeit.
6.
Auf dem Weg von der JVA in die Innenstadt herrscht Stille in Leos Auto, ab und zu unterbrochen vom sanften Ticken des Blinkers, während er sich duch den Verkehr schlängelt. Neben ihm hat Adam die Augen geschlossen und döst, den Kopf nach hinten gelehnt.
Im Sonnenlicht wirkt er so blass, die Augenringe blau schimmernd unter seiner Haut. Leo würde ihn am liebsten in Ruhe lassen, diesen friedlichen Moment so lange anhalten lassen wie möglich. Aber diese Fahrt kann nicht ewig andauern.
“Adam.”
Adam gibt ein Geräusch von sich, irgendwo zwischen murrend und fragend.
“Deine Sachen sind bei mir. In der Wohnung.” Leo hält den Blick auf die Autos vor ihnen gerichtet. “Sie wurden aus deinem Hotelzimmer konfisziert, als…”
Er beendet den Satz nicht. Stattdessen holt er neu aus.
“Als sie freigegeben wurden, habe ich sie mitgenommen. Ich dachte, vielleicht… Vielleicht möchtest du eine Weile bei mir bleiben, bis. Naja, bis es dir besser geht.” Was auch immer das bedeutet. Adams Finger sind nicht das einzige, das Zeit zum Heilen braucht, da ist sich Leo sicher.
Adam richtet sich im Sitz auf.
“Was ist mit Mama?”
“Ich kann dich auch zu ihr fahren, dann holen wir deine Sachen nur schnell bei mir ab.”
Er hat mit Heide gesprochen, und natürlich hatte sie angeboten, sich um Adam zu kümmern. Schließlich ist sie seine Mutter. Leo weiß aber, dass Adam niemals für sich selbst zurück in dieses Haus zurückgehen würde. Aber wenn sie ihn darum bittet…
“Sie scheint… gefasst. Ich denke, sie ist okay”, fügt er hinzu.
Adam beäugt Leo nachdenklich.
“Sicher, dass es dir nichts ausmacht?”
Leo muss fast lachen. Als hätte er sich nicht genau das immer gewünscht, seit sie sich kannten. Adam, in Sicherheit. Adam, bei ihm.
“Es macht mir nichts aus.”
Inzwischen sind sie in Leos Straße angekommen. Leo parkt das Auto säuberlich gegenüber seiner Wohnung und stellt den Motor ab.
Als er Adam anschaut, ist er hellwach.
“Es ist deine Entscheidung, Adam. Was willst du tun?”
Bitte sag ja.
Adam lächelt.
