Chapter Text
Hannibal hatte nie vorgehabt, irgendjemandem seine wahre Identität zu offenbaren. Die Menschen, die das Gesicht des Chesapeake-Rippers zu sehen bekamen, wurden kurz darauf für immer zum Schweigen gebracht. Seine Opfer wussten nicht einmal, dass er der Chesapeake-Ripper war. Sie sahen in ihm nur die Bedrohung, dann folgte die Angst und letztendlich die Erkenntnis, dass sie sterben würden. Aber Hannibal war sich ziemlich sicher, dass keiner von ihnen irgendwelche Rückschlüsse auf die Chesapeake-Ripper-Fälle zog. Für sie war er einfach nur ein Mörder.
Schade eigentlich.
Hätten Sie sich nicht ehrfürchtig vor ihrem Henker auf die Knie werfen müssen?
Ein Rascheln neben ihm riss ihn aus seinen Gedanken.
Die schmale Gestalt des Jungen bewegte sich ein wenig im Schlaf, aber er wachte nicht auf.
Gut so, dachte Hannibal. Schlaf nur, Will Graham. Du wirst deine Kräfte noch brauchen.
Wie würde es sein, wenn er sich ihm offenbaren würde?
Wurde Will damit automatisch zu seinem Opfer?
War der Blick in das Gesicht des Chesapeake-Rippers eine Art Todesomen?
Eine interessante Vorstellung mit einem beinahe mystischen Potenzial.
Aber Hannibal wollte nicht so mit dem Jungen verfahren, wie mit den anderen.
Er wollte kein blutiges Gemälde auf seiner Haut malen.
Er wollte seine Knochen nicht brechen.
Er wollte sehen, wie Will das Gemälde malte.
Wie Will die Knochen brach.
Wie Will die Kunst des Tötens erlernte.
Die Vorstellung beflügelte ihn und ließ Wärme durch seinen Körper fließen.
Aber er beherrschte sich. Er durfte nichts überstürzen. Will war noch so jung.
So kostbar.
So gefügig.
Und so zerbrechlich.
Hannibal zog seine Hand unter der warmen Bettdecke hervor und streichelte vorsichtig über die wilden Haare des Jungen. Er konnte den Blick nur schwer von dem Schlafenden abwenden, obwohl sein eigener Körper ebenfalls nach Ruhe verlangte. Widerwillig lehnte Hannibal sich zurück, horchte Wills Herzschlag und seinen ruhigen Atemzügen und schloss ebenfalls die Augen. Er schritt durch seinen Gedankenpalast, zum ersten Mal seit langer Zeit. Und dieses Mal mit einem konkreten Ziel. Nach und nach passierte er seine Erinnerungen. Die schönen, die schmerzlichen, die wichtigen und die, die weniger von Bedeutung waren. Endlich erreichte er sein Ziel und spürte, wie sein Körper allmählich zur Ruhe kam.
Im Geiste kehrte Hannibal Lecter zu dem Tag zurück, an dem Will Graham in sein Leben getreten war.
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„Bitte setzen Sie sich doch.“, sagte Hannibal und deutete mit einer einladenden Geste auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Mrs. Graham zuckte zusammen und nahm nach kurzem Zögern Platz. Ihre Finger flatterten ständig zu ihren Haaren oder dem Kragen ihrer Bluse. Ihre Nervosität war Hannibal bereits aufgefallen, als sie sein Sprechzimmer betreten hatte. Beinahe schien es so, als fließe ihre Unruhe über den Tisch. Aber der Psychiater ließ sich nichts anmerken. Viele seiner Patienten waren nervös, besonders wenn sie ihm das erste Mal gegenübertraten. Dabei war Mrs. Graham gar nicht seine Patientin. Sie hatte ihn angerufen und ihn um einen Termin gebeten, um über ihren Sohn zu sprechen.
Normalerweise vermied Hannibal solche Gespräche. Er befasste sich lieber direkt mit den betroffenen Personen, anstatt verfälschte Informationen aus zweiter Hand zu erhalten. Aber Will war erst sechzehn und Hannibal konnte verstehen, dass seine Mutter sich ein Bild von seinem Psychiater machen wollte, bevor sie ihn zu ihm schickte. Obwohl Hannibal in diesem Moment das Gefühl hatte, dass es bei dem ganzen weniger um Will ging. Mrs. Graham wirkte höchst ungehalten und der Psychiater fragte sich, was mit ihrem Sohn ihrer Ansicht nach nicht stimmte. Sie hatte seine berufliche Neugier bereits mit ihren Andeutungen während des Telefonates geweckt.
Unauffällig machte er sich ein Bild von Mrs. Graham.
Sie war noch recht jung, Ende dreißig schätzte Hannibal.
Aber ihr Leben schien nicht ohne Komplikationen verlaufen zu sein, denn sie wirkte wesentlich älter. Ihr dunkelbraunes, glanzloses und stumpf wirkendes Haar war in einem festen Knoten in ihrem Nacken zusammengefasst. Unter ihren grauen Augen lagen Schatten und Hannibal erkannte eine kleine, feine Narbe, die den Verlauf des rechten Wangenknochens nachzeichnete. Ihre Nase war spitz und ihre schmalen Lippen, die sie entweder zusammenpresste oder zerkaute, gaben ihr einen strengen Ausdruck. Sie trug ein hellgraues, hochgeschlossenes Kostüm, für das sie ein wenig zu jung war. Hannibal erkannte, dass sie bemüht war dominant und erwachsen zu erscheinen, besonders und stilvoll. Sie wollte eine Frau sein, nach der man sich umblickte, zu der man aufschaute und die man bewunderte. Aber das gelang ihr nicht. Sie wirkte lediglich verhärmt und streng und der Psychiater erkannte mit einem Blick, dass es ihr an Stil mangelte.
Mrs. Graham bemühte sich, ihre Unsicherheit abzustreifen und setzte eine überlegene, leicht gelangweilte Miene auf.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Hannibal höflich.
„Nun“, begann sie und verschränkte ihre Finger ineinander. „Es geht um meinen Sohn, wie ich bereits am Telefon sagte.“
Als sie nicht weitersprach, hob Hannibal abwartend eine Augenbraue. Er fragte sich, wieso sie nicht zum Punkt kam. Schließlich wollte sie etwas von ihm und nicht umgekehrt. Sein Schweigen und sein auffordernder Blick verfehlten ihre Wirkung nicht, Mrs. Graham fühlte sich sichtlich unwohl und fuhr endlich fort.
„Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Drei Psychiater in zwei Jahren und nicht einmal der Hauch einer Verbesserung. Manchmal glaube ich, der verdammte Bastard will mich absichtlich in den Wahnsinn treiben.“
Sie zuckte zusammen und hob den Blick. Offenbar hoffte sie, dass Hannibal ihre Bemerkung überhört hatte. Hatte er nicht. Aber die Entschuldigung oder Rechtfertigung mit der er gerechnet hatte, blieb aus. Mrs. Graham räusperte sich lediglich und zupfte wieder an ihrem Kragen herum. Unwillkürlich dachte Hannibal, dass auch sie gut in den Händen eines Psychiaters aufgehoben gewesen wäre.
„Jedenfalls habe ich gehört, Sie seien einer der besten und in der näheren Umgebung gibt es keine anderen Psychiater mehr, also dachte ich, dass Sie mir möglicherweise helfen könnten.“
Dir?, dachte Hannibal. Oder deinem Sohn?
„Mrs. Graham, es wäre sehr hilfreich wenn Sie mir sagen könnten, was William Ihrer Meinung nach fehlt.“
Sie ließ ein hässliches, verächtliches Lachen ertönen.
„Bei dem Jungen ist eine Schraube locker“, sagte sie und schüttelte verständnislos den Kopf. Hannibal atmete unauffällig durch und schloss kurz die Augen.
„Präzisieren Sie das bitte“, bat der dann.
„Er ist eben nicht normal.“
Auch das war keine Antwort. Hannibal wusste bis jetzt so gut wie nichts über den Jungen. Lediglich dass er William hieß, sechzehn war und zuvor bei seinem Kollegen Dr. Frederick Chilton in Behandlung gewesen war. Aber mit diesen Informationen konnte er nichts anfangen.
„Wie äußert sich das?“, fragte er geduldiger, als er sich fühlte. Hannibal hatte sich wie immer vollkommen im Griff. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er von der Art seines Gegenübers angewidert war.
„Er ist arrogant, hält sich für etwas Besseres und glaubt, er hätte den vollen Durchblick.“
Wieder speiste sie ihn mit einer Worthülse ab, aber immerhin steckte darin zumindest ein Körnchen an Information. Hannibal ignorierte ihren abwertenden Tonfall und schlug die Beine übereinander.
„Das ist für einen Teenager nicht ungewöhnlich.“
„Glauben Sie mir, er ist ein hoffnungsloser Fall.“
Die ganze Zeit über war ihr Blick ruhelos durch den Raum geflattert, aber jetzt sah sie Hannibal wieder in die Augen und klimperte mit den Wimpern. „Sie sind meine letzte Hoffnung, Dr. Lecter“, sagte sie dann. Hannibal gestand sich ein, dass er bei dieser Frau so nicht weiterkam. Er hatte besseres zu tun und wollte sich ihrer Gegenwart so schnell wie möglich entledigen.
„Schicken Sie den Jungen zu mir“, bot er an. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“
„Oh, ich danke Ihnen“, sagte sie mit etwas zu viel Pathos in der Stimme. Sie klang ein wenig wie eine Laiendarstellerin in einem schlechten Theaterstück.
„Ich habe am Freitagabend noch einen freien Termin“, sagte Hannibal nach einem Blick in seinen Kalender. „Um neunzehn Uhr, passt Ihnen das?“
„Und schneller geht es wirklich nicht?“
„Ich fürchte nicht.“
„Ich habe ja schon gehört, dass Sie sehr gefragt sind.“
Darauf erwiderte Hannibal nichts. Stattdessen erhob er sich und Mrs. Graham tat es ihm gleich.
Er begleitete die Frau zur Tür und reichte ihr zum Abschied die Hand. Ihrer Finger waren klamm und ihre langen Fingernägel kratzten für ein paar Sekunden scharf über Hannibals Hand.
„Ich danke Ihnen“, sagte sie und musterte ihn noch einmal von oben bis unten. Hannibal konnte spüren, dass er ihr gefiel. Er blieb wie immer höflich, wenn auch ein wenig reserviert und war froh, als die Frau endlich verschwunden war.
Als er sich wieder an den Schreibtisch setzte und den neuen Termin sorgfältig in seinen Kalender eintrug, fragte er sich was für ein Junge William sein mochte und in wie fern er seiner Mutter ähnelte. Hannibal konnte sich nach dem Gespräch mit Mrs. Graham gut vorstellen, dass der Junge vollkommen gesund war. Diese Frau schien so sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass sie nicht in der Lage war, die Zeichen in ihrer Umgebung richtig zu deuten. Er hoffte im Stillen, dass William das nicht von ihr geerbt hatte.
Hannibal und Dr. Chilton waren alte Bekannte, er hätte seinen Kollegen nur anrufen müssen und dieser hätte ihm Wills Akte wohl direkt zukommen lassen. Aber das wollte der Psychiater nicht. Zum einen hielt er nicht sonderlich viel von Chiltons Methoden und zum anderen wollte er sich ein eigenes Bild von dem Jungen machen. Er lächelte bei der Vorstellung, wie Chilton reagieren würde, wenn er erfuhr dass sein Patient nun zu Hannibal übergelaufen war. Zweifellos hatte er den Jungen nicht von sich aus abgegeben. Eine solche Niederlage würde er sich nicht eingestehen. Chilton hatte es sich schon immer zum Ziel gemacht, seine Patienten zu heilen. Mit allen Mitteln und Wegen. Sein Ehrgeiz fraß ihn auf und ließ ihn nicht selten das Ziel aus den Augen verlieren.
Er träumte von einer großen Karriere, Schlagzeilen, überfüllten Vorlesungsräumen, ausverkauften Büchern und Terminkalendern, die mit Interviews und Signierstunden vollgestopft waren. Anders als Hannibal. Dieser war bereits sehr erfolgreich, sein Name wurde nicht selten ehrfürchtig von seinen Kollegen geflüstert. Auch um ihn hatte man sich einst gerissen, besonders in seiner Anfangszeit. Aber Hannibal hatte das alles nicht interessiert. Er war Psychiater, damit er sich seinen hedonistischen Lebensstil finanzieren konnte und weil ihn das Innenleben der Menschen interessierte. Prestige holte er sich auf andere Art und Weise. Er war nur als Chesapeake-Ripper an Schlagzeilen interessiert, besonders wenn sie auf tattlecrime.com erschienen.
Freddie Lounds berichtete nun schon seit Jahren immer wieder über seine Morde und zwar schonungslos und voyeuristisch. Sensationsjournalismus war etwas Widerliches, aber er erfüllte seinen Zweck. Durch ihr fehlendes Taktgefühl und ihre Sturheit hatte Freddie Lounds es geschafft, Hannibals Werk ungeschönt und in all seiner Grausamkeit in die Öffentlichkeit zu tragen. Hannibal verabscheute Freddie Lounds und ihre Methoden, aber sie war ihm nicht selten von Nutzen. Besonders, weil sie ihn auf ihrer Website über die Ermittlungen des FBI auf dem Laufenden hielt.
Das war es, was ihr im Grunde in all den Jahren das Leben gerettet hatte, ohne dass sie davon wusste.
Bei dem Gedanken an Freddie Lounds und tattlecrime.com verspürte Hannibal den Wunsch, bald wieder eine seiner hochgelobten Dinner-Partys zu geben. Er musste nur noch das Fleisch besorgen.
Zufrieden goss er sich ein Glas Wein ein und hatte Mrs. Graham und ihren geheimnisvollen Sohn vorerst aus seinem Gedächtnis verbannt.
Am Freitagabend um Punkt neunzehn Uhr klopfte es an Hannibals Tür. Der Psychiater war gerade dabei, die Unterlagen des vorherigen Patienten wegzuräumen. Als er jedoch das Klopfen vernahm, unterbrach er sein Vorhaben und ging zur Tür, um sie zu öffnen.
„Sie müssen William Graham sein, bitte treten Sie ein.“, sagte er ruhig.
Der Junge schreckte ein wenig vor ihm zurück und war auffallend bemüht, den Augenkontakt zu Hannibal zu vermeiden. Will hatte rein optisch keinerlei Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Sein Haar war nicht glatt, sondern lockig und wesentlich dunkler, als das seiner Mutter. Auch seine Augenfarbe war eine andere, aber Hannibal konnte sie nicht genau bestimmen, da Will ihm nach wie vor auswich. Der Junge war ein ganzes Stück kleiner und schmaler als der Psychiater und für einen Sechzehnjährigen wirkten seine Schultern sehr grazil. Er trug ein schlichtes, dunkelblaues Hemd, Jeans und Turnschuhe. Auf den ersten Blick schien er, wenn man von der Sache mit dem Augenkontakt absah, wie ein normaler Teenager. Aber als er sich bei Hannibal bedankte und das Sprechzimmer betrat, fiel dem Psychiater sofort seine Haltung auf. Will bewegte sich wie ein scheues Tier und in jeder seiner Bewegungen schwang eine Angst mit, die nichts mehr mit Schüchternheit oder einer introvertierten Persönlichkeit zu tun hatte. Hannibals Gegenwart schien dem Jungen beinahe körperliche Schmerzen zu bereiten.
„Bitte, nennen Sie mich Will“, bat er schüchtern. „Und siezen Sie mich nicht, das erscheint mir…falsch.“
„Wie du wünschst“, sagte Hannibal schlicht und schloss die Tür. Ihm entging nicht, dass Will den Raum unwillkürlich nach möglichen Fluchtmöglichkeiten absuchte. Er streifte vorsichtig umher, unsicher, so als hätte er eben erst Laufen gelernt. Und er schien mit sich zu kämpfen. Einerseits behagte es ihm offenbar nicht, Hannibal in die Augen zu sehen, andererseits wollte er ihm anscheinend nur ungern den Rücken zuwenden.
Hannibal gab dem Jungen Zeit, sich an den Raum zu gewöhnen und räumte inzwischen die restlichen Unterlagen in seine Schreibtischschublade. Will beobachtete ihn aus sicherer Entfernung und sein Blick fiel auf eine von Lecters Zeichnungen. Auf dem Papier war Lady Murasaki abgebildet, ihr Name stand in japanischer Silbenschrift am Rand des Blattes.
„Sie sprechen Japanisch?“, fragte Will vorsichtig.
„Ein wenig. Die Frau meines Onkels war Japanerin.“, erklärte Hannibal ruhig und deutete auf einen der beiden Ledersessel, die sich in der Mitte des Raumes gegenüberstanden.
„Setz dich ruhig, wenn du möchtest.“
Will trat näher an einen der Sessel heran, nahm allerdings noch nicht Platz. Seine Fingerspitzen strichen vorsichtig über das Leder und Hannibal sah deutlich, dass seine Hände zitterten.
„Du wurdest also zuvor von Dr. Chilton therapiert.“
Hannibal blieb ebenfalls stehen und lehnte sich entspannt gegen seinen Schreibtisch.
Will nickte lediglich.
„Was hat dich dazu bewogen, den Psychiater zu wechseln?“
„Ich hatte das Gefühl, Dr. Chilton ging es mehr um seinen Erfolg, als um…naja, um mich. Er war mir zu hektisch und zu drängend…das klingt sehr egozentrisch, nicht wahr?“
„Eine Therapie macht nur dann Sinn, wenn der Patient seinem Psychiater vertraut und sich in seiner Gegenwart wohlfühlt“, erwiderte Hannibal diplomatisch. Will hatte, was Chilton betraf, nicht ganz Unrecht, aber es wäre unprofessionell gewesen, ihm zuzustimmen.
„Ich vertraue niemandem“, murmelte Will.
Und du fühlst dich in niemandes Gegenwart je wirklich wohl, dachte Hannibal.
Er konnte Wills leise Furcht beinahe riechen. Unter dem billigen Parfüm seiner Mutter, das leider an der Haut des Jungen klebte. Offenbar hatte sie ihn gefahren. Hannibal erinnerte sich wieder an die Nervosität von Mrs. Graham zurück. Wills Unsicherheit war eine vollkommen andere. Er war nicht darauf bedacht, eine bestimmte Wirkung zu erzielen oder seinem Gegenüber ein spezielles Bild von sich selbst zu übermitteln. Will reagierte lediglich auf seine Umgebung. Und er reagierte mit Unsicherheit und Angst.
„Ihr Akzent ist schwer einzuordnen“, sagte der Junge, bevor Hannibal etwas erwidern konnte.
„Ich stamme ursprünglich aus Litauen.“
„Was hat Sie nach Baltimore geführt?“
Der Psychiater schenkte Will ein Lächeln.
„Sprechen wir über mich oder über dich?“
„E-entschuldigung.“ Will errötete ein wenig. „Ich war nur neugierig.“
„Kein Grund sich zu entschuldigen, Will. Neugier ist keine Schande.“
Selbst wenn er mit Hannibal sprach waren seine Augen ständig in Bewegung oder auf den Boden gerichtet.
„Du bist kein Freund von Augenkontakt, oder?“, fragte der Psychiater. Will schüttelte den Kopf und nahm seine langsame Wanderung durch das Sprechzimmer wieder auf. Seine Augen streiften die vielen Bücher in den Regalen, die Vorhänge, den kleinen Bonsai auf der Fensterbank, die Bilder an den Wänden und die kleine schwarze Hirschstatue, die neben der Tür auf einem Sockel stand.
„Es lenkt mich ab und ich…sehe manchmal zu viel.“, sagte er vorsichtig.
„Oder sieht dein Gegenüber zu viel?“, fragte Hannibal und legte den Kopf schief. Der Junge faszinierte ihn. Seine Bewegungen, seine leicht heiser klingende Stimme. Hannibal hatte noch nie einen Patienten behandelt, der derart scheu gewesen war. Und das in diesem Alter.
„Dr. Lecter…was hat meine Mutter Ihnen über mich erzählt?“, fragte Will schließlich und ließ Hannibals Frage damit unbeantwortet im Raum stehen.
„Sie hat mir anvertraut, dass sie sich sorgt“, antwortete der Psychiater wahrheitsgemäß. Auf Wills Zügen erschien ein schmales, bitteres Lächeln, für das er viel zu jung war.
„Ja, sie sorgt sich immer“, sagte er und seine Stimme klang dünn, als käme sie von weit her. Hannibal hörte Resignation aus seinen Worten heraus. Aber auch Trauer und Anklage. Wut. Enttäuschung.
„Wie würdest du das Verhältnis zu deiner Mutter beschreiben?“
„Ich glaube wir sind das, was die Popkultur als ´´dysfunctional family´´ bezeichnet.“
„Und dein Vater?“
„Ich habe ihn nie kennengelernt.“
Will blieb einen Moment lang unschlüssig stehen, als erinnere er sich an etwas, dann kehrte er vorsichtig zu den beiden Ledersesseln in der Mitte des Raumes zurück.
„Dr. Chilton meinte, darin läge der Ursprung meiner Probleme.“, fügte er dann hinzu.
„Glaubst du, dass er damit richtig lag?“
„Sagen Sie es mir“, schlug Will vor. Allmählich weichten seine verkrampften Muskeln auf, allerdings nur minimal. Hannibal registrierte es dennoch zufrieden.
„Ich kann dir diese Frage nicht beantworten, da ich nicht weiß, welche Probleme du hast.“
„Ich dachte, Sie hätten mit meiner Mutter gesprochen?“
Für einen winzigen Moment, nicht länger als die Dauer eines Herzschlags, ließ der Junge seine Augen höher wandern und kreuzte kurz Hannibals Blick. Will hatte schöne Augen. In ihnen lag etwas Geheimnisvolles. Vielleicht nicht die Lösung für das Rätsel namens Will Graham, aber zumindest ein Ansatz.
„Das habe ich. Aber Sie konnte mir nicht genau sagen, wieso du dich in Therapie begeben hast.“
„Sie hält mich für verrückt“, sagte Will leise.
„Und du?“
„Ich…ich denke sie liegt damit gar nicht mal so falsch…aber selbst wenn ich…normal wäre…sie würde immer etwas finden…“
Das Gespräch und die Gegenwart des Psychiaters schienen Will zu erschöpfen, denn er nahm letztendlich doch Platz und wirkte auf einmal sehr klein und verloren.
„Was bringt dich auf den Gedanken, du seist nicht normal?“, fragte Hannibal ruhig.
„Gedanken wie der, der mir im Moment durch den Kopf geht“, gab Will zu und blickte auf seine Hände, die mit geöffneten Handflächen in seinem Schoß lagen.
„Was ist es für ein Gedanke?“
„Es ist mehr ein Wunsch.“ Will suchte nach Worten und brauchte einen Moment, bevor er weitersprechen konnte. „Ich wünschte ich könnte all das hier aussperren. Mich verkriechen und zurückziehen. Meinen Kopf und meinen Körper einfach zurücklassen, die Augen schließen und langsam durch den kalten, ruhigen Strom waten.“
Hannibal stieß sich vom Schreibtisch ab und näherte sich dem Jungen vorsichtig. Tatsächlich hatte Will entfernte Ähnlichkeit mit einem scheuen Reh. Eine falsche Bewegung und er würde den Jungen verlieren.
„Hast du solche Gedanken öfter?“, fragte Hannibal weiter und spürte, wie der ruhige und sichere Klang seiner Stimme allmählich Wirkung zeigte. Will ließ sich nicht davon einlullen, aber sie schien sein Misstrauen etwas abzuschwächen. Er nickte und schluckte.
„Dr. Chilton hielt sie für Selbstmordgedanken…“
„Aber du nicht.“ Eine Feststellung, keine Frage.
„Nein, ich…ich denke, ich will nicht sterben…ich sehne mich nur nach Ruhe.“
„Und diese Ruhe findest du im Alltag nicht?“
„Nein…“
„Woran liegt das?“
„Ich…weiß es nicht.“
Das war eine Lüge. Den Jungen beschäftigte offenbar etwas, aber er war nicht bereit, sich Hannibal anzuvertrauen. Das war keine Überraschung. In Hinblick auf Wills extreme körperliche Abwehrreaktionen war es erstaunlich, dass er überhaupt mit dem Psychiater sprach.
„Hast du deiner Mutter von diesen Wunschvorstellungen erzählt?“
Will lachte kurz und tonlos. Wieder eines dieser Geräusche, für das er mit seinen sechzehn Jahren noch zu jung schien.
„Ich würde nie den Fehler machen, mich ihr anzuvertrauen. Sie macht sich zu viele Gedanken um sich selbst und um das, was die Leute denken. Sie glaubt ohnehin schon ich sei…ein Fall für die Psychiatrie.“
Hannibal spürte deutlich, dass Will sich bemühte, jede Bindung zu seiner Mutter zu kappen. Der Junge war sich durchaus bewusst, dass er von ihr offenbar keine Liebe und Unterstützung zu erwarten hatte und dass es einfacher war, sie aufzugeben und somit Enttäuschungen zu vermeiden. Das war eine durchaus reife Lösung, aber leider funktionierte das in der Praxis nicht ganz so einfach. Wills Mutter konnte ihm nicht das geben, was er brauchte und obwohl er das wusste und zu akzeptieren versuchte, war in seinem Inneren noch ein kleiner, kindlicher Funken Hoffnung. Etwas, was sich an die Mutter klammerte, wie alle Kinder es zu tun pflegen. Instinktiv.
Will ließ den Schmerz und die Enttäuschung nicht an sich heran, aber sie zu verdrängen war keine dauerhafte Lösung.
Der Junge musterte den Psychiater erneut, allerdings auch dieses Mal ohne Augenkontakt aufzubauen oder gar zu halten. Hannibal spürte, wie Will ihn gedanklich scannte und versuchte, ihn einzuschätzen.
„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Natürlich, nur zu.“
„Wieso machen Sie sich keine Notizen? Dr. Chilton schrieb immer alles mit, was ich sagte. Es war…fast ein wenig lästig.“
„Ich pflege meine Notizen nach den Sitzungen anzufertigen. So kann ich mich während der Gespräche voll und ganz auf meine Patienten konzentrieren und laufe nicht Gefahr, ihnen Desinteresse oder Ablenkung zu vermitteln.“, antwortete Hannibal wahrheitsgemäß.
„Sie müssen ein sehr gutes Gedächtnis haben…“
„Es ist ausreichend.“
Jeder Mensch beobachtet seinen Gesprächspartner, schätzt ab wie weit er gehen kann und versucht zu ergründen, wer da vor ihm steht und ob er etwas zu verbergen hat. Aber die Art wie Will es tat, unterschied sich von der anderer Menschen. Hannibal hatte den Eindruck, dass der Junge dazu in der Lage war, mehr zu sehen als andere Menschen.
Will zuckte zusammen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Eine kleine, steile Falte erschien auf seiner Stirn und er wirkte, als hätte er Kopfschmerzen.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Psychiater.
„Ja…Entschuldigung, es ist nur…soziale Interaktion ist…schwierig für mich.“
„Wieso?“
„Sie würden mich für vollkommen wahnsinnig halten…“
„Mir liegen jegliche Wertungen fern, Will. Ich höre lediglich zu.“
Der Junge zögerte, hob aber letztendlich den Kopf, sodass er Hannibal theoretisch hätte in die Augen sehen können. Aber das wagte er nicht, stattdessen orientierte er sich an einem anderen Punkt im Gesicht des Psychiaters.
„Es ist wie mit dem Augenkontakt…ich habe manchmal den Eindruck, dass ich zu viel sehe…dass ich ins Innere der Menschen blicken kann…ich fühle was sie fühlen…ich kann ihre Motivationen nachvollziehen…all diese Emotionen und Wünsche strömen auf mich ein, aber es sind nicht meine…“
Eine außergewöhnlich ausgeprägte Empathie-Fähigkeit, notierte Hannibal im Geiste.
Will schüttelte den Kopf und brach ab.
„Es ist…vollkommen verrückt.“
„Eine starke Empathie-Fähigkeit ist nicht ungewöhnlich. Du wirfst die Emotionen anderer nicht zurück, sondern absorbierst sie.“
„Das klingt, als wäre ich…unmenschlich…“
„Ganz im Gegenteil. Ein starkes Einfühlungsvermögen muss kein Nachteil sein.“
Erneut schüttelte der Junge den Kopf und erhob sich. Offenbar war der Fluchtreflex in ihm wieder erwacht oder das Thema war zu pikant für ihn. Unruhig wanderte er in Hannibals Sprechzimmer auf und ab und fuhr sich über die Stirn.
„Ich sehe…all diese Menschen und kann plötzlich… spüren, wozu sie fähig sind…“, flüsterte er.
Will wollte weg von ihm, das war deutlich erkennbar. Aber gleichzeitig hatte der Junge sein Geheimnis viel zu lange mit sich herumgetragen. Niemand hatte ihn verstanden, vermutlich hatte ihn auch niemand je danach gefragt. Jetzt sprudelten die Worte förmlich aus ihm heraus und das gegen seinen Willen. Hannibal begrüßte diese Entwicklung. Es konnte nur förderlich für Wills Seele sein, wenn man das Gewicht, das auf ihr lag, verringerte. Auch wenn Hannibal wusste, dass er dem Jungen in diesem frühen Stadium ihrer Beziehung noch keine große Hilfe sein konnte.
„Diese Fähigkeit kann sowohl ein Fluch als auch ein Segen sein“, bestätigte der Psychiater.
Will blieb stehen, nur etwa zwei Meter von ihm entfernt und blickte ihn erschöpft an.
„Ich kann dir diese Fähigkeit nicht wegtherapieren, Will. Sie ist ein Teil von dir und du musst sie akzeptieren. Aber ich kann dir beibringen, damit zu leben.“
„Dann…dann glauben Sie nicht, dass ich mir das alles nur einbilde?“
„Nein, das glaube ich nicht.“
Das schien Will ein wenig zu irritieren. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass man ihn ernst nahm.
„Nun, unsere Zeit ist fast um“, sagte Lecter schließlich. Tatsächlich waren bereits zwei Stunden vergangen. Hannibal hielt seine Zeiten immer strikt ein, zwei Stunden pro Patient und keine Minute länger. Aber an diesem Abend wünschte er sich, er könnte das Gespräch noch weiterführen. Will war sein wohl faszinierendster Patient seit den letzten zehn Jahren, wenn nicht sogar überhaupt. Trotzdem war es gut, dass die Sitzung sich dem Ende zuneigte. Es war genug. Will würde nicht mehr ertragen. Hannibal durfte ihm nicht zu viel zumuten. Schließlich wollte er dem Jungen helfen.
„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Will und seine Stimme hatte wieder diesen leicht heiseren Unterton.
„Das hängt von dir ab. Ich kann dir nur helfen, wenn du mich lässt. Dich zu etwas zu zwingen liegt weder in meiner Macht, noch in meinem Interesse. Du musst selbst entscheiden, ob du mit der Therapier fortfahren möchtest.“
Erneut ließ Will seinen Blick über Hannibal streifen. Aber anders als seine Mutter tat er es nicht, um abzuschätzen welche Chancen er bei ihm hatte, sondern um abzuschätzen, welche mögliche Gefahr von ihm ausging.
„Dann bis nächsten Freitag, Dr. Lecter“, sagte er schließlich leise. Hannibal schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln.
„Bis nächsten Freitag, William.“
Vielen Dank für´s Lesen :)
Das war also das erste Kapitel.
Im nächsten werden wir Hannibal als Chesapeake-Ripper in Aktion erleben und herausfinden, was Wills eigentliches Problem ist.
