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Eine leichte Brise lag in der Luft, während die Sonne sich immer wieder hinter Wolken verbarg. Am Morgen war es diesig gewesen, aber es klarte immer weiter auf und aus dem Dunst zeichnete sich, ein Strich zwischen Blau und Blau, der Horizont ab.
Eigentlich konnte sie sich gar nicht genau erinnern, wann sie angefangen hatte, auf Mädchen zu achten.
Irgendwie war das schon immer so gewesen, aber ihr war das nie groß seltsam vorgekommen.
"Wenn ich ein Junge wäre, würde ich mich jetzt in sie verlieben", hatte sie als Kind manchmal über die älteren Mädchen in der Schule gedacht. Aber sie war ja kein Junge, und daher hatte sie mit den Gedanken nichts weiter angefangen. Sowieso war so vieles interessanter als Liebe, hatte sie zu sich selbst gesagt, und war ziemlich zufrieden damit gewesen. Der Himmel über ihr, Sonne, Wind und Hühnerfedern, wilde Ritte, Abenteuergeschichten, Spionage. Und Geheimnisse.
Doch dann irgendwann hatten die anderen Wilden Hühner angefangen, ernsthafter über Jungs nachzudenken. Gut, bei Melanie war das ja sowieso normal, hatte sie sich gedacht, auch bei Trude hatte sie es nicht verwundert. Irritiert hatte es Wilma trotzdem.
Und obwohl Frieda und Torte sie damals ratlos gemacht hatten und Wilma erleichtert gewesen war, als das schnell aufgehört hatte, war das mit Frieda und Maik dann irgendwie eine andere Sache. Auch wenn Wilma es immer noch nicht nachvollziehen konnte, hatte sie bemerkt, dass irgendetwas daran nicht ganz so unverständlich war, weniger fremd. Dass Frieda sich einfach darauf einlassen konnte, trotz der Umstände, die es für sie bedeuten würde! Trotz der Anstrengung und des Ungewohnten! Wilma hatte irgendwie nicht mehr ganz so viel Genervtheit aufbringen können wie sonst. Sie hatte ihre Gedanken trotzdem für sich behalten.
Aber dann hatte selbst Sprotte damit angefangen, mit den Jungs! Sprotte! Gut, es war nur ein Junge. Und gut, Sprotte und Fred schienen immer noch ziemlich entspannt zu sein und weiterhin ihr normales Leben zu führen, und Wilma kam sich langsam auch nicht mehr richtig damit vor, so etwas als Verrat oder Anbiedern mit dem Feind zu sehen. Die Pygmäen hatten sich mit der Zeit eigentlich als ganz in Ordnung herausgestellt.
Das verwunderte sie auch. Jungs, zumindest diese vier, waren vielleicht gerade ganz in Ordnung, aber was hatten denn die anderen die ganze Zeit mit denen? Wilma verstand es nicht.
Sie war niemand, der viel über Gefühle sprach. Zumindest nicht solche. Ärger, Frust, Begeisterung, ja, aber doch nicht so etwas. Manche Dinge waren innerlich und eigen, die gehörten behütet oder verschanzt, je nachdem, auf jeden Fall durfte niemand, wirklich absolut kein Mensch, davon wissen, dass sie da waren, dass Wilma sie hatte.
Also versuchte sie tunlichst zu ignorieren, was für ein Gefühlsrinnsal in ihr immer stärker wurde, und sich bloß nichts von dem Plätschern des immer weniger zu verdrängenden Baches anmerken zu lassen.
Ein leichter Wind war aufgezogen und begleitete das Wasser flussabwärts. Er strich über seine Oberfläche, als es sich sammelte, irgendwo hinter Wilmas Brust, irgendwo in der Nähe ihres Herzens.
Und irgendwann konnte Wilma das Wasser nicht mehr ignorieren, denn es begann, in ihr zu sprudeln, oder gegen die Wände der Flasche zu schwappen, in die Wilma es gegossen – und die Flasche mit einem Korken verschlossen – hatte. Weil zwar die Flasche dicht hielt, aber irgendwie ins Wanken geraten war. Wilma hielt sie dann ganz fest, bis der Sturm in ihrem Inneren sich irgendwann gelegt hatte, aber das tat er immer seltener.
Jeden Tag wehte eine Brise. Erst bildeten sich Schaumköpfe auf den Wellen in ihrer Flasche, dann begannen die Wellen zu brechen, und als irgendwann alles voller Gischt war, beschloss Wilma schwer atmend, ihre Flasche auszugießen.
Es wurde besser, ein bisschen. Sie hatte jetzt wieder ein Gewässer in sich, dessen Oberfläche sich kräuselte, wenn sie es im Zaum hielt, und manchmal sogar spiegelglatt war, denn da war gerade kein Wind oder Sturm in ihr, jetzt wo die Flasche weg war und das Wasser als Meer ausgebreitet lag.
Eigentlich hatte sie bisher gar nicht so viel Interesse an Schiffen gehabt. Da war nun aber eins, in ihr, auch wenn es gerade gut vertäut im Hafen lag. Wohin segeln? fragte sie sich manchmal, und warum segeln? Sie wollte doch nie zur See fahren, und die lag außerdem gerade unbewegt vor ihr und keine merkliche Bewegung war in der Luft.
Aber sie könnte ja jetzt, erkannte sie mit Staunen. Wenn sie wollte, konnte sie ja jetzt, oder bald. Hinausfahren. Entdecken. Sie hatte ein Schiff.
Ihr kam es irgendwie nicht so vor, als hätten die anderen auch Ozeane in sich, und Schiffe. Die schienen einfach über Land zu gehen und das gar nicht weiter in Frage zu stellen.
Eigentlich hatte sie auch nicht damit gerechnet, mal segeln zu wollen, aber der Horizont lag vor ihr und das Blau war tief und weit. Nur regte sich noch nichts in der Luft.
Dann traf sie Leonie. Eigentlich war das Meer schon wieder und noch immer spiegelglatt gewesen, während Wilma am Hafen stand und sich lächelnd die Sonne ins Gesicht scheinen ließ. Aber plötzlich, ohne Vorankündigung, kam die Brise zurück, aus einer anderen Richtung diesmal, und wieder kräuselte sich das Wasser, spritzte die Gischt, türmten sich Wellenberge auf, und der Wind riss an ihren Haaren und trieb ihr Tränen in die Augen und ihr war klar, dass der Wind das war, was sie, seit sie am Wasser stand, gebraucht hatte.
Wilma hatte jetzt ein Schiff und ein Ziel, und die besten Seefahrtgeschichten, fand sie, kamen aus dem Sturm.
