Chapter Text
Emma
Emmas Hände zitterten so sehr, dass ihr fast ihr Tablet runtergefallen wäre.
„Hey ganz ruhig, Schatz. Die Jungs sind super in Ordnung, glaub mir.“
Ihre Antwort war nur ein nervöses Nicken aber nachdem Emma tief Luft geholt hatte, riss sie sich zusammen und folgte ihrem Vater weiter durch das Gewirr von Gängen, die sich durch die hinteren Bereiche der Arena schlängelten. Auf einmal blieb Emmas Vater stehen und wandte sich zu einer Tür im Gang, die, wie Emma jetzt sehen konnte, die Aufschrift ‚GARDEROBE BAND‘ hatte. Mit einem letzten Lächeln zu Emma, öffnete ihr Vater die Tür und Emma hielt vor Aufregung die Luft an.
Der Raum hinter der Tür war hell erleuchtet und ziemlich unordentlich. Überall waren Klamotten und Essen, aber was Emmas Blick anzog, waren die vier Männer, verteilt auf einer Couch und ein paar Stühlen.
„Hey Jungs, das ist meine Emma.“
Emma spürte wie sie rot anlief und lächelte unbehaglich zu der Band herüber, die sie inzwischen anstarrte.
„Hi, kommt setzt euch.“
Emma hatte die Namen der Bandmitglieder kurz auf dem Weg nach Berlin gegooglet aber konnte sich nicht dran erinnern wie der Mann hieß, der sie grade angesprochen hatte, was nicht grade zu ihrer Beruhigung beitrug. Ihr Vater setzte sich auf den letzten Stuhl im Kreis und Emma sah sich hilflos nach einem anderen um.
„Oh warte. Mach mal Platz Wayne.“
Diesmal wusste sie, wer der Mann war, der nun auf der Couch zur Seite rückte. Das war Dan, der Lead Sänger, sie kannte ihn weil er mal mit Taylor Swift aufgetreten war und eine Freundin von ihr ein riesen Taylor Swift Fan war. Er machte ihr zwischen ihm und Wayne, wie er anscheinen hieß, Platz. Emma meinte sich zu erinnern, dass er Gitarre oder so spielte. Es blieb ihr nichts anderes übrig als sich zwischen die beiden weltberühmten und völlig fremden Männer auf die Couch zu quetschen. Natürlich wurde sie noch roter als bisher, soweit das irgendwie möglich war.
„Hallo, Emma. Ich bin Dan und das sind“, er zeigte in die Runde, „Wayne, Platz und Ben.“
Die andern lächelten sie an und Ben winke sogar. Bisher so gut. In der darauf folgenden Stille wurde Emma klar, dass nun wahrscheinlich von ihr erwartet wurde, dass sie etwas sagt.
„Oh ähm hi, ich bin Emma.“
Stille.
Mit einem Räuspern meldete sich Dan wieder zu Wort.
„Also dein Vater hat gesagt du hättest ein bisschen Erfahrung und könntest vielleicht für unseren Fotographen einspringen“, Emma nickte zustimmend, „dann zeig mal was du so drauf hast.“
Sein Blick wanderte zum Tablet in Emmas Schoß und sie nahm es hastig. Ihre Hände zitterten immer noch und sie schaffte kaum, es zu entsperren und die Fotos aufzurufen.
Alle beugen sich zu Emma und ihr wurde fast übel vor Angst.
„Ähm also das hier sind ein paar Landschaften bei uns in der Gegend. Und hier hab ich Portraits auf meinem Abschlussball gemacht...“
Sie hatte die Fotos irgendwann mal als Portfolio zusammengestellt aber sie waren schon älter. Emma konnte den Anderen ansehen, dass ihnen die Aufnahmen genauso wenig gefielen wie ihr selbst. Sie ging schnell aus dem Ordner raus um nach etwas Neuerem zu suchen.
„Was ist das da?“, fragte Platz, oder wie auch immer er hieß. Emma wurde rot, aber klickte auf den Ordner mit seltsam verzerrten und bunten Bildern.
„Oh ähm ja das war mal auf einer Party. Wir sind da spontan hin und ich hatte meine Kamera dabei und hab ein bisschen mit dem Licht gespielt...“
Um ehrlich zu sein, war Emma damals nicht ganz nüchtern gewesen, aber sie liebte die Aufnahmen trotzdem. Sie hatte damals endlich mal gute, bereitwillige und betrunkene Models gehabt und das UV Licht war einfach genial gewesen.
„Die sind richtig gut. Hast du noch mehr sowas??“
Emmas hatte eine Idee.
„Das hier war beim Theaterstück einer Freundin.“
Sie konnte sehen dass sie damit den richtigen Nerv getroffen hatte. Die Fotos von diesem Abend waren zwar größtenteils in schwarz-weiß gehalten, aber sie hatte an dem Tag oft Langzeitbelichtingen genutzt. Es war damals so dunkel im Theater und nach der Pause hatte sie dann festgestellt, wie interessant es aussah wenn die Figuren von einer Art Schleier umgeben waren. Also hatte sie sich das im zweiten Akt zu Nutze gemacht und so sind ein paar ziemlich gute Schnappschüsse entstanden.
Dan war anscheinend sowas wie der Anführer, denn er tauschte ein paar vielsagende Blicke mit den anderen aus und sage dann: „Das ist genau was wir brauchen. Dein Vater hatte recht.“
Emma wurde rot, und wischte weiter durch die Fotos, bis sie auf einmal auf ein Selfie mit ihrer Freundin stieß. Mit Duckface und allem. Sie wünschte sich, jeden Moment im Boden zu versinken und überlegte schon, wo sie am besten anfangen sollte ein Loch zu graben um darin zu verschwinden. Es half auch nicht, dass sie schnell weiter wischte, nur um eine ganze Reihe von Selfies durchzugehen. Sie hatte so langsam die Farbe einer überreifen Tomate erreicht und jeder im Raum schien den Atem, aufgrund ihrer Peinlichkeit, anzuhalten.
„Ich muss schon sagen, das ist große Kunst.“
Emma schaute auf und sah den Blonden, Ben, ihr zuzwinkern. Die anderen konnten sich nicht mehr zurückhalten und auf einmal lachten alle schallend los. Peinlich war es sowieso schon, also lachte Emma einfach mit. Der Witz ging diesmal eben auf ihre Kosten. Wenigstens schienen die Typen nicht versnobt zu sein.
"Dann wär das abgemacht??", meldete sich Emmas Vater.
Die vier Männer vor Emma sahen sich nochmal gegenseitig an und nickten einstimmig. Der mit den langen Haaren streckte die Hand aus und sagte: "Willkommen bei der Radioactive Welt Tour."
Emma konnte es nicht fassen. Passierte das gerade wirklich?? Hatte grade echt einen Job als Fotografin bekommen?? Von Imagine Dragons!! Die Wörter schienen nur so aus ihr herauszuplatzen.
"Oh mein Gott. Was echt?? Oh mein… danke!!"
Sie ignorierte die Hand, die ihr Wayne noch immer entgegenstreckte und umarmte ihn einfach.
"Uff ähm gern geschehen", sagte er etwas verdutzt aber lachend und drückte sie zurück.
"Kannst du heute schon anfangen??"
Nachdem sich Emma wieder auf ihren Platz gesetzt hatte, sah sie Dan ratlos an.
"Ich hab meine Kamera nicht dabei…"
"Oh ja, wie sieht das eigentlich mit deinem Equipment aus?? Die Shows sind drinnen und es wird teilweise ziemlich dunkel auf der Bühne", schaltete sich Ben mit ein.
Darüber hatte sich Emma noch gar keine Gedanken gemacht. Ihr Vater hatte sie heute Morgen kurzfristig angerufen und gefragt ob sie Lust hätte für den Fotografen bei seiner derzeitigen Tour einzuspringen. Van da an ging alles so schnell. Wär er nicht der Tour Manager, hätte sie diese Chance überhaupt gar nicht erst bekommen.
"Ähm keine Ahnung ich…"
Sie sah ihren Vater an, der sie seltsam angrinste.
"Sieht so aus als müssten wir einkaufen gehen. Und deine Kamera ist übrigens im Kofferraum."
"Was echt oh mein Gott!! Du bist der Beste!"
Neues Equipment. Welt Tournee. Fotografieren. Jeden. Abend.
Emma war außer sich vor Freude.
Ben lachte kurz über ihre Reaktion und sagte: "Ganz ruhig, du hast ja nicht im Lotto gewonnen."
"Ich denk mal wir regeln die Formalien später mit Jimmy", fügte Wayne noch hinzu.
Emmas Vater setzte eine gespielt ernsthafte Miene auf.
"Ich schlag einen guten Preis für dich raus, Schatz."
"Du ziehst uns jetzt schon das Geld aus der Tasche", lachte Platz.
"Komm Emma, du musst Sachen packen."
Emma sprang völlig aufgelöst auf stand wie ein Idiot im Raum vor den vier Männern, die ihr gerade ihren Lebenstraum erfüllt hatten.
"Danke!!"
Es gab keine Worte, die auch nur annähernd beschrieben hätten, wie sie sich gerade fühlte.
"Du hast uns zwar überzeugt, aber enttäusch uns jetzt nicht."
Dans Worte trafen Emma hart, aber als er sein Gesicht zu einem Lächeln verzog, wurde ihr klar, dass es als Scherz gemeint war.
"Na komm, Schatz."
Sie folgte ihrem Vater aus dem Raum und hörte Ben noch, wie er ihr "Bis dann!!" zurief.
Sie musste träumen.
